Ausgabe 
15.9.1939
 
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Dcm Führer.

Von E. ®. Kolbenheyer.

Im Schicksalssturm der Völker wachst der Mann, Der seinem Volk die Bresche bricht zum Licht. Er trägt Verlangen nach der starken Stunde, Die blanke Waffe führt und keinem Munde Das überflüssige Wort vergeben kann.

Er sucht die Tat. Die Tat nur hat Gewicht.

Und Grenzlandsehnsucht schärft ihm das Gesicht. Er weih, hoch über allem Ränkespiel Wird sich sein Volk als Führervolk erweisen: Das weite Volk, geeint durch Blut und EisenI Träume versinken. Einzig nur die Pflicht Des eignen Opferganges scheint ihm Ziel.

So dankt er Gott in strömendem Gesühl, Daß ihm die Gnade wird, Soldat zu sein In einer Stunde, da der Erdkreis zittert Und deutscher Boden, schicksalüberwittert, Den Führer zeugt: ein Herz, in Flammen kühl, Ein Wille, planvoll, hart, kristallenrein.

Das Volk wacht auf.

Don W a l t e r v o n M o l o*.

.chast du bemerkt? Unser Leutnant ist blutrot geworden, als er sein scecht einsah?" sagt der eine Rekrut zum andern.

,Es wäre Schande, mein Sohn", spricht ernst der Hauptmann aus ft Fenster der Regimcntskanzlei heraus,freutest du dich über anderes, ü daß.jetzt jeder Preuße erkennt, daß die Sittlichkeit das Um und li unseres Bestandes ist." Stramm steht der junge Soldat vor seinem ^gesetzten. Beisällig nickt des alten Hauptmanns Kopf im Fenster- Mchnitt.Wer vor sich erröten kann, der kann dem Donner der Machten fürs Vaterland ruhig entgegenleben. Ein Bataillon guter Huschen ist stärker, als ein Regiment knechtischer Seelen. Haltet, euch ten, und seid bereitI"Sehr wohl, Herr Hauptmann!"

Anmitten eines Grabmonumentenlagers stehen zwei Greise und jnten miteinander.

,Du bist leichtsinnig! Wie kannst du immer Wohltätigkeit spenden?" tx der eine.Was schänden?" fragt grob der Schwerhörige und sieht fr den Bruder an.Ich sagte schenken!" schreit der.Du sollst nicht so W herschenken, wir können nichts mehr entbehren!"Ja, ehren, das Ist uns."Ich sagte entbehren! Wir können nichts mehr entbehren!" -Wir brauchen jetzt nur Wasser und Brot und ein Gewand, das * kleidet. Mehr nicht. Wir sind Junggesellen!"Du wirst noch ver- N«rn! Gib der Frau den Grabstein. Es müssen überall Grabtafeln bestellt werden, zur Ehre unserer Toten und zur Nacheiferung für «Lebenden. Beruhig' dich: du wirst bald gute Geschäfte machen!"

jornig, aber nachgebend, stelzt der Bruder zur Werkstatt, in der ptatme Frau wartet, die ihrem toten Mann ein Denkmal setzen will W kein Geld dazu hat.

Ich geb dir keinen Kuß. Ich könnte dich umbringen!" sagt das Men.

Küss« mich tot!" antwortet der Mann.

itezwungen legt das Mädchen ihm die Arme um den Hals, es bietet Mund zum Kusse dar.Geh gegen den Feind!"

Es ist alles eines, Brigitte."

6i< stehen Hand in Hand. Sie blicken durchs Fenster, zu den Grä- » der gefallenen Franzosen, zum Erbbegräbnis, in dem ihre Eltern hn.

-Herr Domäneninspektor! Die Demoiselle Tochter ist da!"

-Was? ..." ruft der Hausherr.

»n der alten Magd vorbei, vor die zusammenschreckenden Eltern und ^Geschwister, stürzt die Verstoßene ins Zimmer und auf die Knie, '«n Anatole ist gefallen! Verzeiht mir!" Tief beugt sich der Vater 91 Kopfe feines schluchzenden Kindes nieder; die Mutter hebt die Zer- 'cene auf und zieht sie liebend an ihre Brust.Es war nur die Zeit, ihr! Nur die Zeit; er war ein guter Mensch, Mutter, wie ihr. Glaubt pl.iich wollte ihn stützen; er ist jetzt tot. Laßt mich nicht verkommen!"

umarmen ihr heimgekehrtes Kind.

,lin Offizier steht vor den Staatsgefangenen in der Spandauer . M-elle.Ihr seid im Unrecht", fagt er ernst.Wenn ihr auch im Zu- I^iuenbruch alles fürs Vaterland aufgeopfert habt, Herr von der Marwitz, Wveht es um mehr! Ich weiß", beschwichtigt der Offizier,Sie sind Waus persönlichen Gründen gegen die Regierung; ich weiß: «is sind c achljcher Gegner; aber die Mehrzahl unserer Standesgenossen ist L?f. Jo. In diesem Augenblick gegen die Regierung aufzutreten, war, kichen Sie das harte Wort, Hochverrat! Es war Staatsnotwendig- fc richtig, daß Sie verhaftet wurden ..."

»',D0 spricht der Sohn des großen Seydlitz zu mir? Cs ist weit ge- W>en! Ihr schafft die Revolution! Das ganze Volk bewaffnen, heißt »Den den König aufstehen lassen!" Zustimmend nickten die anderen gmierten. Mitleidig sehen sie den Major von Beneckendorf an, der

r müden Schwere seines Alters wie gelähmt auf einem Schemel Ijt vor sich hinstiert. Der kassierte Offizier hält seinen Kopf mit iPei6en Harrbüscheln in den Händen vergraben.

iw.,;5 jst hart, Treue mit Arrest bestraft zu sehen!" spricht verbittert W Warm streckt ihm Seydlitz die Hand hin.Herr von Benecken- | !^us der Crstschrift des RomansDas Volk", veröffentlicht in dem IP' --Der endlose Zug", Verlag Holle L- Co., Berlin.

Vorst', bitte! er sodann,kommen auch Sie!" Bestürzt hebt der GrekS den Kopf; Seydlitz tritt ans Fenster, er weist über die Courtine zum Ravelin nieder.

Beneckendorf weicht zurück: Hier drangen im Jahre des Zusammen-, bruchs durch feine Schuld die Franzosen ein!

Seydlitz faßt des Alten Hand.Sehen Sie da unten die Leute schanzen?" fragt er.Es sind ehemalige Soldaten von Ihnen. Sie werfen bombensichere Defensionen auf!"

Als erwache er unter Seydlitzens Blick, starrt der Greis.

3m ganzen Land wird geschanzt! Graf", sagt Seydlitz.Sie sind ein Nachkomme von Friedrichs Minister! Ihr Vater, Beneckendorf, ver­lor sein Bein neben dem großen König bei Kolin, wollen Sie jetzt, da die Entscheidungsstunde da ist, nicht vergessen, wie wir alles Trennende vergessen und nur noch Ordres parieren?"

Marwitz nickt. Beistimmend nickend, wankt der alte Beneckendorf zu seinem Schemel zurück. Der schneeige Kopf beugt sich, der alte Mann weint, wie ein Kind. Aus den Schloten der Gewehrfabrik quillt Rauch. Es schneit!" spricht leise und ehrerbietig vor der Hilfe des Alls Seyd­litz.Freunde", ruft er und breitet die Arme aus.Freunde, werft alles Trennende von euch. Alles Rechthabenwollen, alle Vorrechte, werdet ein Volk! Es gilt die Freiheit."

Emsig rinnt ber Schnee vom Himmel.

Legendenkranz um die Danziger Marienkirche.

Von O. G. F o e r ft e r.

In der Marienkirche zu Danzig befindet sich über der Hedwigs- kapelle ein in Holz geschnitztes Bild des Gekreuzigten, dessen Schönheit und Naturwahrheit jeden Beschauer in seinen Bann zieht. Man glaubte lange, es sei eine Schöpfung Michelangelos. Die Legende aber erklärt die erschütternd treue Darstellung des schmerzensvollen Hinscheidens am Kreuze anders.

Ein Künstler erhielt vor Jahrhunderten den Auftrag, dies Bild zit malen. Es war ein Maler, dessen Leidenschaft zur Kunst keine Grenzen kannte und sein ganzes Leben erfüllte. Lange fuchte er nach einem Modell für sein Bild. In einer Nacht träumte er: ein Jüngling von edler Schönheit erschien ihm und winkte ihm. Er führte den Maler in ein Haus in der Nähe der Tormauer.

Tags darauf wanderte der Maler zur Tormauer und erblickte dort das Haus, das er im Traum gesehen. Er fand darin auch den Jüngling, der sich bereit erklärte, Modell für das Bild zu stehen. Aber als die beiden nun im Haufe des Malers weilten, ergriff ein wahnwitziger Gedanke den von feiner leidenschaftlichen Wahrheitsfucht befeffenen Künstler: Er vermeinte, den Schmerz eines furchtbaren Todes nur dann echt wieder geb en zu können, wenn er diesen Tod selbst miterlebte. So verübte er die grausige Tat. Er fesselte den Jüngling, zimmerte ein großes Kreuz und schlug den Unglücklichen lebendig ans Kreuz. Dann ging er an die Arbeit. Als der Gekreuzigte die Augen schloß, war das Bild vollendet. Der Maler aber erkannte in jäher Ernüchterung seine Schuld und erhängte sich neben dem Toten ...

Grausig ist auch die Geschichte von der kunstreichen Uhr, die in der Marienkirche aufbewahrt wird und früher einmal am End« jeder Stunde ein frommes Lied gespielt haben soll. Heute schweigt das Werk. Es war ein Meisterwerk des Nürnberger Hans Düringer. Die Sage erzählt:

Hans Düringer lebte in Danzig, als der Rat ihm befehl, eine Kunst­utz r zu bauen, wie sie keine andere Kirche in der Welt besitze. Er sollt« viel Geld dafür bekommen, bis zu seinem Tod« würde er sorgenfrei leben können. Aber die Herren vom Rat stellten eine Bedingung: Nach diesem Werk dürst« Düringer feine ander« Uhr mehr bauen. Danzigs Uhr sollte unübertroffen und des Meisters letztes und größtes Werk bleiben. Falls aber Düringer sein Versprechen nicht hielt, sollte er dem Henker übergeben werden.

Hans Düringer baute die Uhr, und sie erklang fortan lieblich in der Marienkirche und galt als ein Wunderwerk in ganz Deutschland. Der Meister lebte hochgeachtet und sorglos in der Stadt. Aber auch er war ein Künstler, und bald wuchs die Sehnsucht in seinem Herzen, Neues zu schaffen, den kühnen Ideen, di« in ihm lebendig wurden, Gestalt zu geben. Sein Versprechen reute ihn längst, und in aller Heimlichkeit begann der alt« Meister, eine neue Uhr zu bauen, ein Kunstwerk, das jenes der Kirche noch weit übertreffen und mit feiner Musik das Lob des Ewigen künden sollte.

Noch war das neue Werk längst nicht vollendet, da erfuhr der Rat von der Arbeit Hans Düringers. Man hielt Gericht über ihn, und obgleich er nach dem Vertrage des Todes schuldig war, mildert« der Rat di« Strafe, indem er befahl, den Meister zu blenden, damit er fortan feine weiteren Uhren mehr bauen könnte. So geschah es, und Hans Düringer lebte fortan blind, einsam und unglücklich in seinem Haus. Bald fühlte er, daß er sterben müsse. Da ging er zum Rat und bat, noch einmal feine Uhr in der Marienkirche schlagen und spielen zu hören. Man gewährte dem Greise gern den Wunsch. Aber als Hans Düringer nun vor seiner tickenden und spielenden Uhr stand, griff er wie liebkosend ins Räderwerk und sogleich stand sie still. Der Meister sank zu Boden, niemand aber vermochte seine Uhr wieder in Gang zu setzen, sie blieb stumm bis heute.

Auch ein aus Ton geformtes Marienbild von rührender Schönheit, das in der Marienkirche steht, erzählt eine dunkle Geschichte. Ein junger Bursche war wegen eines Raubes, den er in der Not begangen, zum Tode verurteilt worden. In der Nacht vor seiner Hinrichtung fand er plötzlich in feiner dunklen Gefängniszelle einen Klumpen und knetete ihn, bis es Morgen wurde. Der Henker und feine Knechte kamen her­ein der Jüngling lag friedlich schlafend auf dem Boden. In seinen Händen aber hielt er ein wunderbares Bild der Maria, kunstreich aus Ton geformt und fo überwältigend schön, daß selbst die Henker davon gerührt wurden und den Rat holten. Der Jüngling erzählte, daß er in tiefer Finsternis und ohne eine Absicht den Ton geknetet habe. Die Danziger aber erblickten erschauernd das Wunder und mochten wohl