Ausgabe 
15.9.1939
 
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Dann sagt sie:Du stinkst sa nach Schweiß!" Aber sie fagt es un- gemein zärtlich und setzt hinzu:Wasch dich!"

Sie gibt ihm warmes Wasser, einen Zuber, er grinst und sagt:Du könntest mir den Rücken abseifen!"

Sie glänzt ihn an, ihre Augen kullern. Aber, denkt sie mit Er­fahrung, eines nach dem andern.

Nun erst einmal", ermuntert sie ihn und tischt auf, was im Hause ist. Dann holt sie Wein, wiederum aus des Kellers bester Ecke.

Bist du froh, mich wiederzusehen, Germaine?" fragt er selbstgefällig.

Es ist ja nur ein Zufall, du Schuft", knurrt sie liebevoll und stößt ihn in die Rippen.

,Liber ich habe den Zufall ergriffen!" schmettert er und tut das, wo­mit er Germaine seinerzeit gewonnen hat, er schlägt sie mit derber Zärtlichkeit auf den Hintern.

Aber dann reibt er sich die Augen, stützt den Kopf auf und gähnt.

Beauvisages Bett ist viel weicher und breiter als meines", sagt Ger­maine versonnen ...

*

Es war ein Morgen, lauernd, voller Cxplosionsstoff für den kom­menden Tag. Er blinzelte grau und hämisch durch die Gardinen des Hauses ßabatut, der Maire blinzelte mißvergnügt zurück, und dann rumorten seine Gedanken.

Die Preußen! Nun, Gott sei Dank, sie waren nicht gekommen! Doch der Preußen wegen hatte er einen Gast in seinem Hause, und dieser Gast beunruhigte fein Gemüt.

Herr ßabatut blinkt in den gestrigen Tag wie in einen Spiegel und sand zu seinem Schrecken einen Verliebten. Er war verzaubert.

Auch die Zauberin machte sich an diesem Morgen Gedanken. Eigent­lich war es nur ein einziger Gedanke: sie wollte nach Calais oder wenigstens an einen Hafenplatz der Nordküste und dabei blieb es.

Auf dem Place b'armes döste das Pferd ßouifon. Es harrte aus, weil es fein Herr besohlen hatte. Ein Mensch hätte nicht so lauge aus- gehalten. Es war aber ein Pferd, ja es war sogar guter ßaune, denn als Ann am Fenster erschien, wieherte es. Es war ein freundlicher, lustiger Gaul, ein sonniges Tier sozusagen.

Inzwischen löste sich Mereville langsam aus den Armen des Schlum­mers. Man hatte sich mit der Furcht vor den Preußen zu Bett gelegt und war froh, daß man wieder mit der Furcht und nicht schon mit den Preußen aufstand.

Die Möreviller schienen eine große Familie. Sie lebten, wie Ann zu ihrer Verwunderung sah, ohne englische Zurückhaltung.

Während ihr Vater nicht einmal seinen eigenen Garten in der Haus­joppe betreten hätte, es fei denn im Zustand einer großen Verwirrung, boten die Damen von Mereville in Nachtjacke und Haube einander den guten Morgen und fegten, das Haar noch wirr und für eine kunstvolle Frisur nur vorbereitet, den Platz vor den Häusern.

Bald sammelten sich um den Fouragewagen die Neugierigen. Da die Schrift am Wagen verriet, daß ßouifon ein französisches und sogar ein militärisches Pferd war, genoß die vergnügte Stute die Freundschaft aller.

Der Bäcker Croubillon brachte ein langes Weißbrot als Morgen­gabe, und der Wirt Bicheroux schrieb mit Kreide an den Wagen:Es lebe Frankreich!"

Alle hätten mit ßouifon gern ein Gespräch angefangen, denn man war neugierig, was der Gaul erlebt haben mochte, aber selbst fran­zösische Gäule sprechen nicht Französisch.

Der Vorsteher Bregnon stand vor seinem Stationsgebäude. Er konnte immer noch nicht begreifen, daß er nun zu unfreiwilligem Feiern ver­dammt war.

ßangfam schloß er die Tür feines Dicnstraumes auf. Aber keine Arbeit verlangte nach ihm, das Büro war nichts als eine Häufung auf einmal nutzloser Gegenstände.

Er tippte auf die Tasten des Telegraphenapparates; es war eine mechanische Geste ohne Wirkung. Seufzend trat er auf den Bahnkörper hinaus. Die Schienen waren zerschlagen, die Signalstangen umgestürzt. Er rührte an einer Weiche, aber sie bewegte sich nicht.

Bregnons Tag verlief also von nun an ohne das Gleichmaß des Dienstes. Er fühlte sich zerstört wie Station und Strecke. Es war nichts ßebenbiges übriggeblieben als eine Reifende. Als er an sie dachte, spaltete ein blitzender Einfall die Wolken seines Mißmuts, und er sah im grellen ßichte der Pflicht eine Aufgabe. Wohlan! sagte er laut und eilte zu ßabatut. Ann Moreland sagte unterdes dem Maire, daß sie als Engländerin sich in keiner Weise beengt fühle und das Recht auf Bewegungsfreiheit voll in Anspruch nehme.

Aber der Bürgermeister verstand kaum, was sie sagte. Er war zu sehr Auge, um noch Ohr sein zu können.

ßabatut glaubte, er sei wieder jung. Dajnit erreichte er den Boden der Phantasie. Dort bekam er Flügel. Die Wünsche der Menschen sind dre Eltern der Einbildung, ßabatut fühlte ßiebe und war sicher, auch ßiebe erweckt zu haben. Es war ein angenehmer Zustand, denn ßabatut vergaß die Preußen.

Er warb um Anns Verbleiben:Glauben Sie mir, die Unfern wer­den nicht lange auf sich warten lasten! Bald sind die Preußen zurück- geschlagen! Und Sie können reifen, wohin sie wollen!"

Nun", erwiderte die ungläubige Ann,ich fürchte, bis dahin ver- Qept niefyr Heil, als Ahnen unb mir lieb ift. Sie würben ficfyer bereuen, mich fo lange beherbergt zu haben."

Da schwur er mit solcher Begeisterung:Nein", daß Ann merkte, wie wild sein Herz brannte. Diesem Feuer war sie aber nicht unbe­schwert gewachsen, denn den Maire von Mereville kannte sie nicht so gut wie Gilbert Jllington. Darum verstummte sie abwartend.

Inzwischen erschien der Stationsvorsteher Bregnon in der Mairie sind bot erregt seine Dienste amMademoiselle! Die Eisenbahn hätte Sie nach Calais bringen müssen! Das war nicht möglich! Aber die Eisenbahn" er verneigte sichIst für Ihre Reise verantwortlich! Wir Werden Ihnen heljen!"

ßabatut lachte auf:Lächerlich, lächerlich, ganz unmöglich!" Er wünschte Bregnon zum Teufel. Er störte den Zauberkreis, noch ehe er gezogen war.

Gestern, am späten Abend", sagte Bregnon,war es unmöglich, einen Wagen zu beschossen, gewiß! Sehen Sie so sind die Menschen: die Dunkelheit verwirrt sie und macht sie zu Kindern! Sie haben Angstl Aber der Tag, des bin ich gewiß, macht sie froh und bereitwillig! Man muß Ihnen helfen, einen von den Deutschen nicht besetzten Platz zu erreichen!"

Wenn ich Sie recht verstehe, so glauben Sie, daß ich von einem solchen Platz wieder Anschluß nach Calais oder Boulogne bekomme!"

Ja, ja!" sagte Bregnon eifrig.

ßabatut widersprach, aber was er sagte, klang ungeschickt. Denn er widersprach nicht reinen, sondern entzündeten Herzens.

Ann fragte heiter:Aber meine Herren, was kann mir geschehen? Angenommen, ich begegne wirklich den Deutschen, werden sie mich erschießen?"

Der Stationsvorsteher glaubte es nicht. Aber ßabatut schrie ihn erbost an:Was wissen Sie von den Preußen?"

Und was haben Sie davon, einer jungen schutzlosen Dame Angst zu machen", gab Bregnon zurück.

Und wenn es so wäre, wie Sie sagen: kein Mensch gibt in Mereville Pferd und Wagen heraus, um eine Expedition ins Ungewisse zu unter­nehmen!"

Bregnon meinte, dies sei in der Tat die schwierigste Seite der An­gelegenheit. Doch schien er nicht entmutigt.

Dabei gibt es sogar herrenlose Pferde in Mereville", sagte Ann und zeigte durch das Fenster auf den Wagen und das Pferd am Brunnen.

Ein militärisches Fuhrwerk!" betonte der Maire. Es war natürlich unantastbar.

Wo ist aber der Soldat, der dazugehört", fragte Akin und erzählte den nächtlichen Vorfall.

Da verbreitete sich Bregnon sogleich in einer spitzfindigen Art, die jedem Advokaten Ehre gemacht hätte, über bas Recht, dieses Fuhrwerk zu benutzen.

Hatten nicht", so führte er aus,militärische Operationen die Eisen­bahn verhindert, die Pflicht der Personenbeförderung zu erfüllen? Wes­halb soll die Militärbehörde nicht einen samt Pferd vergessenen Wagen leihweise hergeben?"

Sie reden wie ein Zivilist", bemerkte ßabatut verächtlich.

Nachdem gestern das Pionierkommando abgefahren ist, gibt es in Mereville überhaupt nur noch Zivilisten!" erwiderte Bregnon trocken unb suchte durch einen Blick Rückhalt bei Ann.

ßabatut fürchtete, daß die englische Zähigkeit seines Gastes dem ver­wegenen Gedanken des Stationsvorstehers zu Hilfe kommen würde.

Er verkürzte daher das Gespräch durch einen Befehl an den herbei­gerufenen Ortsdiener Duatrebras, er möge mit der großen Schelle in Mereville umhergehen, den Wagen ausläuten und nach dem Soldaten forschen.

*

Theophile Poiporence ruhte im Arm der Liebe und im Bett des Herrn Beauvisage. Er hatte nach so vielen Kriegs- und Rückzugstagen einen tiefen und gefunden Schlaf.

Germaine aber befaß nicht das Herz, ihn dieser Erquickung zu ent­reißen. Sie freute, sich seiner natürlichen Entrücktheit und lauschte gerührt seinem festen männlichen Atem.

Da die Fenster des Schlafgemachs auf den Hof gingen, hörten die beiden Bewohner des Hauses Beauvisage weder das amtliche Klingeln noch die krächzende Stimme des Ortsdieners Duatrebras.

So besiegte der Schlaf die Pslicht. ßouifon blieb verlassen. Verlassen um eines anderen weiblichen Wesens willen. Und der Tag ging weiter, ohne daß sich für Herrn ßabatut die ßage klärte.

Bregnon aber gab, durch den Widerstand des Maire gereizt, seinem Eifer die Grundmauern des Eigensinns. Er blieb abwartend auf der Bank vor dem Hause ßabatut sitzen.

Als der Amtsdiener unverrichteter Dinge zurückkehrte, grinste Breg­non Triumph.

ßabatut sah es, kochte und schalt ihn einen Narren.Ach", schrie Bregnon in die Neugierigen hinein, die auf dem Platz vor der Mairie standen,ist es närrisch, diesen verlassenen Wagen in Sicherheit zu bringen? Retten wir nicht vielmehr Pserd und Wagen vor den Deutschen?"

Wahrhaftig! Bregnon wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlage», und alle begriffen es!

ßabatut aber verlor den verächtlichen Ausdruck nicht, den er aus­gestellt hatte, seit Bregnon ihn bedrängte.

Mit der Ruhe eines ßöroenbänbigers folgte Ann Moreland dem Streit. Sic war entschlossen, den Kampf, bei dem sie mehr ßeibträger Qts Preisträger schien, zu beenden. Sie wußte aber noch nicht, auf welche Weise dies geschehen konnte.

Nun gut", sagte ßabatut und machte eine einladende Geste an die Runde der Neugierigen:Wer will Miß Moreland mit diesem Wagen von hier fortbringen?"

Die Blicke der Neugierigen von Mereville liefen vom Wagen auf den Maire, vom Maire zu Ann.

ßouifon wieherte einladend. Der Maire lächelte. Das Lächeln sagte zu Bregnon:Nun? Siehst du?"

Wenn sich Furcht und Vorsicht zusammentun, verkrüppelt der Mut. Niemand wollte den Deutschen in den Weg laufen. Dabei war es sehr ungewiß, daß man ihnen begegnete.

ßabatut freute sich über das Schweigen, ßiebenbe wollen immer triumphieren. Auch Maurice ßabatut hatte einen Triumph nötig. Frauen bewundern gern. Und wo sie bewundern, lieben sie bald. Allein es ist ein gefährliches Spiel für den Mann: ein mißratener Triumph endet im Gelächter.

ßabatut fühlte sich stark genug, die Frage zu wiederholen:Ist nie­mand da, der Miß Moreland fahren will?" (Fortsetzung folgt.)