MchenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <959 Freitag, -en 15. September Nummer
Herz, wo liegst du im Quartier?
Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
6. Fortsetzung.
Ann ist allein, unter einem fremden Fimmel, unter fremden Menschen und auf einer Erde, über die der Krieg gewaltig dahingeht.
Da ist sie müde, nur einen Augenblick lang, dann strafft sie sich und sucht einen Entschluß.
„Mademoiselle", sagt Labatut leise, „der Bürgermeister von Mere- ville bietet Ihnen Gastfreundschaft in seinem Hause."
Ann zögert einen Augenblick.
Labatut bemerkt es: „Ich habe als Maire die Pflicht zu solcher Einladung, Mademoiselle. Das Fremdenzimmer in meinem Hause ist teer und besser als ein Gasthauszimmer. Denn unser Gasthaus ist klein und beherbergt nie verwöhnte Gäste."
Ann geht an Labatuts Seite durch das Städtchen. Es lebt Nicht. Es ist stumm rote eine Märchenstadt. Nicht ein Licht schaut aus einem Fenster. Es scheint, als verberge man die Stimmen und die Lichter. Geheimnisvoll.
Das rote Leuchten am Horizont war der Mond. Er ist ausgegangen und hat den Nebel vertrieben, nun legt er Silber auf die schlafenden Dächer
Bregnon trägt Anns kleine Reisetasche. Er hat es sich nicht nehmen lassen, die Reisen zu begleiten, auch bedrückt ihn die nahe Einsamkeit. Denn das Bewußtsein, Herr eines toten Bahnhofs zu sein, legt sich über ihn. Vor dem Hause des Maire verschwindet er mit Kurzem Gruß.
Labatut schließt die Haustür auf und ruft: „Celestine!"
„Es ist meine Haushälterin, sie hört schwer, man muß sehr laut zu ihr sein", erklärt Labatut und fügt hinzu: „Ich bin Witwer.
Celestine muß gewaltsam geweckt werden, Labatut trommelt mit den Fäusten an die Tür der wahrhaft jungfräulichen Kammer, denn er hat sie nie betreten. . .. ... , , „
Mit vorn Schlaf und Schreck geröteten Augen, in weißem Häubchen und in der Nachtjacke steht Celestine im Flur, verwirrt wie em Nachtfalter vom Licht. .„ , ,.
„Die Dame", schreit ihr der Maire ins Ohr, „ift geroiffermaf$en schnöder vielmehr eisenbahnbrüchig, wir haben die Ehre, ihr Gastsreuno-
Celestine hat vor dreißig Jahren in ihrer Vaterstadt Wniens einen Tugendpreis bekommen. Es ist eine silberne Brosche in Gestalt eine Lilie. Dabei ist es geblieben, niemand hat die Lilie gebrochen.
Manches Maul sagt gern manchem manches nach, auch dem Mmre. Aber Celestine ist eine sichtbare Bürgschaft für das Wohlverhalten Labatuts. Auch eine welkende Lilie ist eine Lilie „ «
Dabei ist Celestine von Natur mißtrauisch, «der Hemdes Unglück macht ihr Herz weich. Eine fromme Erziehung tragt hfiüe noch die Frucht des Mitleids. Ihre großen Augen, die unerwartet mild auf- strahlen können und das Eckige ihres Gesichts vergessen lassen, grüßen "Dann schreit sie in der ihr eigenen Weise zurückh daß das Abendessen bereitstehe, obwohl sie den Herrn Maire nicht erwartet habe. Man werde es aufwärmen und die Mahlzeit teilen. hnf,„n
So geschieht es. Aber weder Ann noch der Bürgermeister haben Freude an dem Mahl. Der Maire denkt an die Preußen und Ann denkt daran, wie sie nach England kommen kann. . . ..
Darnach erhält Ann ihr Zimmer. Es ist klein, überladen und riecht muffig.
„Gute Nacht", sagt Labatut. Die
n. Ein seltsamer Abend für den Bürgermeister rü0" ^Yrht ^Sie ift ßiebe wohnt unter feinem Dach. Sie weiß es nur noA n <$■ f durch Mauern getrennt. Buchstäblich und überhaupt. Wehglucklnh nennt
Ann hat Lufthunger und öffnet das Fenster. Vor ^r liegt der Place d'armes. Ein stiller verschlafener Platz. Eine fnedsame «tu märe es, wenn nicht unfriedliche Gedanken tanzten.
Der Himmel ist jetzt ganz klar, und der Mond gießt fern Licht uver Hmafter, Mauern und Dächer. Möreville schlaft.
Plötzlich tropft in die Stille ein Laut. Ein fernes Poltern geht gegen das Sdjro eigen an. Es ist friedlich, verföhnlich, es gibt der Stille die rechte Weihe, denn der ferne Widerspruch betont das Schweigen. Ein französischer Fourägewagen fährt auf den Place d'armes.
Der Kutscher, ein Soldat, springt vom Bock, verliert fein Käppi, bückt sich darnach, fetzt es wieder auf, steht still und schaut sich um. Dann seufzt er laut, Ann hört es deutlich.
Auch das Pferd sieht sich um. Dann entdeckt es den Brunnen In der Mitte des Platzes. Das Wasser klickert träumerisch aus der dünnen Röhre. Das kluge Tier wiehert freudig, zieht mit dem Wagen hinüber und trinkt. —-
Dann hängt der Soldat dem Gaul einen mit Hafer gefüllten Futter- sack um, doch sorgsam so, daß der Futterfack das Tier nicht behindert, wenn er teer gefressen ist.
„Gute Nacht, Louisonl Warte bis morgen früh und gehe nicht von der Stelle. Sonst könnten dich die Preußen erwischen und gefa-ngen- nehmen! Und das wollen wir doch beide nicht!"
Dann geht der Mann suchend um den Platz und verschwindet schließlich in einer Seitenstraße.
Nicht einmal im Schlaf, in den Ann bald sinkt, kommt ihr der Gedanke, daß dieser fremde Soldat zur Hand des Schicksals gehört, die über ihr schwebt. Theophil Poiporence ist vielleicht nur ein Fingernagel an dieser Hand, aber die Hand hält die Fäden, die das Gespinst der nahen Zukunft weben.
Rue Royale heißt prunkvoll die Straße, die Poiporence jetzt aufsucht. Das ansehnlichste Haus dort gehört dem Rentner Beauvisage. Sonst ist die Rue Royale eine ganz gewöhnliche Straße, mehr dörflich als städtisch.
Am Tag vor dieser Nacht hat Herr Beauvisage, der Junggeselle ist, Mereville mit hochgetürmten Gepäck verlassen.
Er ist konservativ. Er zieht Pferd und Wagen der Eisenbahn vor und behauptet von sich, daß er eine unabhängige Natur fei, darum läßt er sich von keinem Schienenstrang bevormunden.
„Ich habe Wagen und gute Pferde, damit bin ich ein Bogel und kann fliegen, wohin ich will."
Und so ist er geflogen, weil die Deutschen kommen, mit Pferd und Wagen ist er davon! Er hat das Haus feiner Wirtschafterin anvertraut und" ihr die Sorge dafür und die Schlüssel in die Hand gelegt.
Ja, Germaine Griselle hat das Vertrauen des Herrn Beauvisage. Geld und Wertsachen schlummern beim Bankier in Paris, und das Haus kann Germaine nicht roegtragen.
Griselle ist eine starke Person, blond, mit festem Fleisch und den Genüssen der Welt zugeneigt. Darum leistet sie sich nach der unfestlichen Abreise ein einsames Mahl und erhebt es durch eine Flasche besten Weines, den sie des Rentners toftbarfter Kellerecke entnimmt, zur Feier.
Segen Abend ist sie bereits entschlossen, die Selbständigkeit auszu- dehnen und das Bett des Herrn Beauvisage während seiner Adwesen- heit als ihr eigenes zu betrachten, denn es hat eine behagliche Breite und ist weicher als die enge Lagerstatt ihrer Mädchenkammer.
Der Entschluß pendelt zwischen Verlangen und Hemmung, als die Hausglocke läutet.
Germaine erschrickt, vielleicht sind es die Deutschen? Sie steckt den Kopf auf dem Fenster des ersten Stockwerks.
Vor dem Haufe steht der Drainsoldat Poiporence und ruft halblaut ihren Namen. Die Stimme kommt ihr bekannt vor. Sie holt die Petroleumlampe und hält sie zum Fenster hinaus, um den Mann anzu- leuchten.
„Aber Germain«, ich bin es doch, ich — Theophil, der hier im Quartier wär, Theophil vom letzten Manöver!"
Da hat sie ihn aber schon herzklopfend erkannt!
Und in diesem Augenblick weiß sie, weshalb ihr einsames Mahl bei des Hausherrn bestem Wein nicht so heiter verlaufen ist, wie sie es erträumt hat. Es fehlt das Element, das zur Abrundung ihres Glückes notwendig war: die Liebe.
Nun steht die Liebe, o wundersame Fügung! vor der Tur!
Ein kurzes, aber kräftiges Erlebnis hat ihre Herzen oder mehr ihre Sinne beim letzten Manöver verbunden. Doch hat die Zeit die Leiden- scha i einer Mondnacht nicht so im Herzen vergraben, daß sie Wurzeln geschlagen hat. Weder Germaine noch Poiporence sind sehr gefühlvoll. Aber die Erinnerung läutet ein freundliches Glöcklein.
Germaine nimmt die Lampe zurück. Sie geht mit einem auf einmal leichten und schwebenden Schritt di« Stiegen hinab und schließt auf.
Er sagt: „Meine Kolonne ist abgeschnitten. Ich weiß nicht mehr, wo ich durchkommen soll. Morgen früh versuche ich es noch einmal. Nimmst du mich auf bis dahin? Deine Herrschaft braucht es ja nicht zu rotifenl
Sie zieht ihn ins Haus. Sie fährt ihm durchs Haar. Sie druckt ihn an sich und küßt chn.


