Ausgabe 
15.5.1939
 
Einzelbild herunterladen

Wesen ein gerechter Monn und versuchte, seine Pfaffheit einzutun. Kein leichtes Werk. . . ,

Aus dem Stuhle des Primas und Erzbischofs von Conterbury, wel­chem der Eroberer weiland aus Staatsgründen die anderen englischen Bistümer völlig untergegeben hotte, soh damals ein trotziger Normanne, dem seine Tonsur gerade recht war, um gegen seinen Lehensherrn und König Panier ouszuwerfen. Und auch der damalige Heilige Vater in Rom sie sagen, man habe ihn aus einem Kloster hervorgezogen, um Um aus den Thron zu setzen, und er hatte zeit seines Lebens nicht viel von der Welt und ihren Geschäften gehalten und begriffen nahm Partei für den normannischen Bischof, weil er überhaupt kein geistliches Recht wollte umkommen lassen. An diesen wendete sich nun der Kanzler von Engelland in zahlreichen Staotsschriften, das taube Ohr Seiner Heiligkeit bestürmend, sie möge dieser in Mutwillen ausgearteten geist­lichen Gerichtsbarkeit Regeln und Schranken setzen.

Und ich sage Euch, Herr denn ich weiß, auf welcher Seite die Chor­herren von St. Felix uttd Regul stehen, Gerechteres wie Schlaueres wurde nichts gegen die weltliche Gewalt der Pfaffen geschrieben und wird in Ewigkeit nicht geschrieben werden, als was dem Kanzler aus seiner geschmeidigen Feder sloh. Mit keiner beleidigenden Rede oder langweiligen Beahardenpredigt verdarb er seine Sache, das ist nicht gebräuchlich im Staatsverkehr; sondern er berannt« den schlichten Geist des Heiligen Vaters mit schlagenden Tatsachen. Er stieß, figürlich gere­det, einen Fensterladen nach dem andern auf, so daß eine große Helle ent­stand und selbst ein Kind begreifen mußte: Geiz, Habsucht, Raub, Hinter­list, Unzucht und Gewalttat, wie sie die Pfaffen König Heinrichs an sich hatten, seien etwas anderes als der reine und unschuldige Wandel des Heilands und seiner zwölf Boten.

War es auch nur, um feinen Schmerz zu verwinden, der Kanzler zog mannhaft ins Feld. Schrift, Kirchenväter, Rechtslehrer lieh er für sich streiten, und sein schärfstes Schwert war der schöne evangelische Spruch: .Mein Mich ist nicht von dieser Welt/

Ich sehe die Frage auf Euren Lippen, wie mir folches zur Kenntnis kam. Hört an. Wann eine Botschaft oder ein Staatsbrief des Kanzlers ins Lager gelangte, welche mein König zu unterzeichnen hatte denn in Person und Krast des Königs stritt der Kanzler mit dem Papste, ließ sich Herr Heinrich, wenn ihm gerade keiner feiner Kleriker zur Hand war, das Schriftstück von feinem unwürdigen Knechte Vorlesern Es war ihm bewußt, daß ich in meiner Jugend auf pfäffischen Wegen gewandelt und des Lesens kundig sei; seine eigenen Augen ober, ob sie wohl noch scharf und sicher in die Ferne blickten, waren untauglich geworden, Hand­schriftliches zu entziffern.

Er lachte herzlich über die getroffenen Bildnisse, welche der Kanzler von seiner Pfaffheit entwarf. .Merke, Hans, es macht chm Kurzweil', sagte er wohl zu mir, .meine Pfaffen an den Haaren zu ziehen, denn er ist ein ungläubiger Philosoph und verkappter Sarazen.'

Auch mich hat dabei oft ein Lachen an gewandelt, aber fein fröhliches. Nicht, daß ich es dem Heiligen Vater mißgönnt hätte, wie er zuzeiten beschaffen ist, sondern mir schien, was meinem Herrn und Könige bei seiner treuherzigen Art gänzlich entging, unter diesem spielenden Witz brenne ein Abgrund von strafendem Ernst und dunkler Trauer.

Herr, ich konnte das Antlitz aus der Burgkapelle nicht vergessen!

Ost, wann ich etwa einen Pfeil schnitzte und dabei meinen Gedanken freien Lauf gab, fragte ich mich, ob Herr Thomas sich je wieder an den königlichen Tisch setzen und Scherzreden mit Herrn Heinrich werde wechseln können, den Hauch seines Mundes mit dem des Königs mischend. Dieser schien nicht daran zu zweifeln und mit feiner natürlichen Tapferkeit ver­gangene Dinge hinter sich zu werfen.

Aber ich wettete in meinem Geiste gegen ihn; denn nach dem Urteile meines Herzens ging es wider menfchliche Möglichkeit.

Mein Herr und König faß nach beendigter Fehde auf einer feiner Burgen in der Normandie; da geschah es eines Tages, daß ich, was selten vorkam, ein müßiger Mann war und auf dem Turme mit dem Wärter, einem guten Gesellen, plauderte. Er übergab mir eine Weile fein Amt, da ihm das Liebchen aus dem Küchengarten winkte.

Wie ich Umschau halte, erblicke ich an einem nahen Hügel eine kleine, auf den Krümmungen des Weges sich herabwindende Heerfahrt. Voran in der Abendsonne ein blitzender Gewappneter, der in das Hifthorn stößt! Das war das Löwenherz. Hinter ihm ritten feine drei Brüder und ein reisiges Gefolge. Jetzt erblick' ich etwas leuchtend Weißes den Schimmel des Kanzlers. Ein höhnisches Lachen der Sicherheit überkommt mich ich ergreife das große Wächterhorn, erhnbere Herrn Richards Ruf und begrüße den Kanzler, freilich nur mit meinem natürlichen, auf diese Ent­fernung nicht vernehmbaren Mundwerke, mit den frechen Worten: .Herr Thomas, Ihr habt keines Mannes Mark in den Knochen und keines Ritters Blut in den Adern! A la bonne heure! Mich fall s nicht anfechten, wenn meinem Herrn einfällt. Euch lebendig auf dem Roste zu braten und Euch zu einem heiligen Lorenz zu machen!' Und mir schien, da ich das weiße Roß erblickte, der Herr und der Knecht habe von dem Kanzler nichts weiter zu befahren, und auch der Himmel werde die Rache des feigen Mannes finken kaffen.

Ich eilte hinunter und beobachtete den Einzug, mich möglichst beiseite- haltend.

Herr Thomas war nicht verändert, feine Gebärde so ruhig und sein Gewand so kostbar wie vordem. Der König in feiner heftigen Art stürzte den Söhnen und feinem Kanzler entgegen, nach dem er sich wohl noch mehr als nach seinen Kindern gesehnt hatte. Dieser ersparte ihm jede Scham und äußerliche Reue, er verneigte sich ehrfürchtig vor ihm und redete bann von ben Knaben mit Sorgfalt und Wohlwollen, fügte aber mit milder Ruhe hinzu, feine Zeit, die wachsenden Staatssorgen, seine Reisen und Gesandtschaften, auch eine früher ihm unbekannte Müdigkeit erlaube ihm nicht länger, ihre Erziehung perfönlich zu leiten, er werde ihnen berühmte Männer zu Lehrern geben, die ihn leicht entbehrlich machen würden.

Der König stand betroffen von dieser Rede, und feine Kinder umringten ben Kanzler unb umarmten ihn mit Tränen, bittend unb flehend, er möge sich ihnen nicht entziehen. Nur der kleine Hans schnitt eine vergnügte Grimasse. Da bat Herr Heinrich mit. ben Knaben, baß er sie nicht von . sich weise. , . .

Die berebten Lippen des Kanzlers wiederholten feine Weigerung mH neuen anmutigen Wendungen, aber feine dunkeln Augen richteten sitz auf den König und schienen zu sagen: Grausamer Mann, du hast rnidg meines Kindes beraubt unb verlangst, bah ich mich um ble beintge« bekümmere! ,

Ich weiß nicht, ob Herr Heinrich in diesem Blicke die Wahrheit la«; aber er drang nicht weiter in den Kanzler.

Bon jener Stunde an brach Hader aus zwischen ben vier König,, tinbern, unb bie Liebe bes Kanzlers versöhnte sie nicht; denn sie roaren ihm gleichgültig geworben, unb er überließ sie ihren Trieben.

Ich habe Euch schon erzählt/ daß ich im Bogen und in der Armbrust der Lehrmeister der vier Jungherren war. Ich hatte strenges Verbot, non ihnen jemals zu weichen oder ihnen eine Armbrust in den Händen zu 1 lasten; denn da sie von verschiedener und unbrüderlicher Natur roarem, mußte gewehrt werden, daß sie nicht mit der Schießwaffe aufeinantw*

Ifce.

den Vater nicht!'

M

ttt

Im«

>ita

Ä Ml 5 tob O

m toi

ich sehen unb hören mußte, als ii seine Schlafkammer geleitete. Er , geschäften ^erarbeitet und den Leib mit einer ...

er denn fein schweres Haupt über dem Schlaftrünke geneigt und schnar­chend in seine auf den Tisch gelegten Arme versinken kaffen.

ult (tits I! |üi

"n LA

Mi

Aber nicht nur i .

wehe sie begannen auch der Majestät ihres Vaters erbietung zu verjagen. Ich weiß noch, wie es mir ins Herz

ii* V« '**

üii

M

I &5 |,Al Mr( 1*1

Sl Ttt W LrNt rrS IM \w

losgingen.

Eines Tages nun, da ich mit den vier Armbrusten zu den vier Jung- herren in ben Hintern Burghof ging, hörte ich schon von weitem zwischen dem Gebelle der Bracken Getümmel und Schlachtruf. Ich fand die Herren dort so. hart ineinander verwickelt, daß ich Mühe hatte, sie zu sondern Das Löwenherz hatte Herrn Gottfried mit der Rechten an der Kehle, mitt der Linken aber Herrn Heinrich an den geträufelten Haaren gefaßt unb schüttelte beide wacker. Ihm selbst hinwiederum hatte sich der kleine Ham, der es mit den beiden Aeliesten hielt, an den Rücken gekrallt und biß Ihn in den Hals. Ich griff zuerst nach dem Kleinen, der Wildkatze, und löste dann die Herren Heinz und Gottsried aus ben streitbaren Fäusten des Löwenherzens.

untereinander verfolgten sich die viere; sondern «faß

>n auch der Majestät ihres Vaters die fchukdige Ehr-

... -- -- :r_- H:rz schnitt, was ....

ch einst meinen Herrn und König im i yatte sich den Kopf an den Staats- 11.^.

Hirschjagd ermüdet; so batte i lr-

Wir begegneten auf dem Gange den schlimmem seiner Söhne, beim ältesten und dem jüngsten. Erfrechte sich da nicht der kleine Hans, ber; wäre der Herr bei unverhüllten Sinnen gewesen, sich vor chm verkra­chen hätte, schwankend, als spotte er eines Trunkenen, hinter den könig­lichen Tritten herzuziehen, und der andere, der Kleidemarr, wandte suh von seinem Erzeuger mit einem hochmütigen Pfui. Nachdem ich meinem Herrn wohl versorgt hatte, traf ich Junker Heinrich noch auf dem Gang« Da ließ ich ihn hart an, nannte ihn einen schwarzen Ham und drohte,: ihn bei dem Kanzler zu verklagen. .Herr Thomas verachtet den Batet,, versetzte der Knabe. ,Wie hielte der feine Berberhengst mit dem borstigem Eber Freundschaft?' Entsetzt hielt ich ihm die Hand aus den Mund; etr aber warf die langen, weichen Locken aus dem Gesicht und entsprang mit einem scharfen Gelächter.

Ich mußte mich über die seine Witterung wundern, weiche oft kind­liche Unerfahrenheit von den verborgenen Dingen des Gemütes hat- Denn, wahrlich, es war nicht Herr Thomas, der sich etwas merken ließ von feinem Widerwillen gegen den König, ober der es in irgendeinem Falle an williger Ehrfurcht hätte fehlen lasten.

Allabendlich faß dieser Unentbehrliche am königlichen Tische und er­heiterte den Herrn mit den seinen Spielen seiner Rede. !

Noch seh' ich, wie er lächelnd in feinem Stuhle zurüittehnte und b frohe König lauschend an seinen kaum bewegten Lippe hing. Ich f*nD hinter dem Stuhle meines Herrn und betrachtete zuweilen mit ft«J Furcht dieses unkörperliche Antlitz, das im Ampelfchein wie im Tageslich» gleich blaß war, und auf welchem für mich jener Todeszug, der nuG daraus angeftarrt hatte, als es damals neben Graces Haupt auf beim Sargkissen lag, auch in der belebten Laune bes Bankettes nie nW völlig verschwinden wollte.

Habt Ihr das aus Byzanz gekommene Bild gesehen, das die MönM in Allerheiligen zu Schaffhausen als ihren besten Schatz hüten? ein toter Salvator mit eingesunkenen Augen und geschlossenen Libett aber betrachtet man ihn länger, so ändert er durch eine List der Zenh nung und Verteilung der Schatten die Miene und sieht Euch mit offener1 Schmerzensaugen traurig an. Eine unehrliche Kunst, Herr! Denn de» Maler soll nicht zweideutig, sondern klar seine Striche ziehen.

Mit dem Kanzler aber ging es mir umgekehrt. Wenn ich fein AnE länger betrachtete und er gerade schwieg, so war es, als schlössen I«? (eine Lider und es sitze ein Gestorbener mit dem Könige zu Tische.

(Fortsetzung folgt.)

Da warf sich Herr Richard mit flammendem Zorne nach mir herum I- und schrie mich an: ,Jn Teufels Namen, Armbruster, willst du uns unfa . E - Hauserbe rauben?' .Welches Erbe, Beausire?' fragte ich verblüfft. ii;, ,11ns zu hasten!' rief er. ,Darauf leistet keiner von uns Verzicht.' - ,,, Mich erfaßte ein tiefes Verbärmnis über diesen Worten eines Unmündl- |, gen. Ich zog ihn beiseite und redete ihm christlich zu, wie süß es sei, wem Brüder einträchtig beisammen wohnen. Herr Richard aber brach in stür­mische Tränen aus und schluchzte: ,Er hat mich heute nur nicht mrge- schaut!' Und ich erriet, daß er von Herrn Thomas sprach. ,Wenn bei Kanzler sich weniger mit Euch abgibt', tröstete ich, ,so ist es dringend«! Staatsgejchäfte halb Eurem Herrn Vater zu Nutz und Lieb.' Da fdyitt» teile Jung Richard trotzig den Kops, leuchtete mich mit seinen großen, blauen Augen an und rief: ,Das lügst du, Armbruster! Der Kanzler litt:!