Nummer 37
Montag, den 15. Mai
ihrgang 1939
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Hände zu legen", sagte er.
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Dergestalt fuhr der König über Meer, ich mit meinem Briefe nach Üindon, und der war keine leichte Bürde, das dürft Ihr mir glauben. Oi ich auch im Gehorsam meines Herrn gehandelt, war mein Gewissen jdjroer bedrückt, und hatte ich eine heilige Furcht, vor den Kanzler zu Men; denn dieser muhte jetzt die wahre Ursache von Gnades Untergang
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Mir wurde ein Anblick, der mir das Wort auf der Lippe bannte und den Atem in die Brust zurückdrängte. Ich schaute in das Halbdunkel der Burgkapelle. Aber da war kein Kruzifix und kein ewiges Licht, und statt eines heiligen Leichnams unter dem Altar lag in einem Schreine vor demselben, ebenso reich geschmückt, die tote Gnade. Ein Lichtstrom, der durch das einzige, hach gelegene Fenster sich ergoß, beleuchtete ihre überirdische Schönheit. Ihr Haupt ruhte auf einem Purpurkissen und trug ein Krönchen von blitzendem Edelgestein. Der zarte Körper verschwand in den von Goldstickerei und Perlen starrenden Falten ihrer über die Wände des Schreins ausgebreiteten Gewandes. Die kleinen, durchsichtigen Hände lagen auf der Brust gekreuzt • und hielten keusch den schwarzen Schleier ihres Haares zusammen, der vom Scheitel fließend die zarten Wangen einrahmte und, die zwei Wunden des Halses bedeckend, sich unter dem blassen Marmorkreuz ihrer Arme wieder vereinigte.
Neben dem lieblichen Todesantlitz aber lag ein anderes hingefunken, von demselben Sonnenstrahle gebadet, lebloser und gestorbener als das der Leiche, ein Antlitz, über das die Sterbenot der Verzweiflung gegangen, und von dem sie, nach getanem Werk, wieder gewichen. Es war der Kanzler, der mit zerrauftem Haar und aufgerissenem Gewände . neben Dem Sarge lag, die Arme auf den Rand desselben stützend.
Lautlose Stille heischte. Nur ein Laubgeflüster regte sich im offenen Fenster, und leichte Blätterschatten tanzten über das Purpurkissen und die beiden Angesichter. " .
Ich . weiß nicht, wie es geschah, daß mir in btejer bangen Stunde das maurische Wesen in Granada durch den Sinn fuhr. Ich erzähle Euch eben die Sache, wie sie war. Was immer es fein mochte, die Einflüsterung eines lichten oder eines schwarzen Geistes, ich wurde getrieben, in arabischer Zunge einen Vers des Korans auszusprechen — Gott der Heilige rechne es mir nicht zu —, der Anblick Der erblaßten Gnade mag mich an das Paradies der Ungläubigen und feine Engel erinnert haben. — Der heidnische Spruch aber lautete so: ,Schön sind sie und lieblich, ja, sie sind schön wie Lilien und Hyazinthen. Sie senken die Lider, und ihr reines Antlitz hat Die Blässe des Straußeneis, das im Sande wohlgeborgen ist." .
Kaum war der Spruch meinen Lippen entfahren, fo ging mit dem Gesichte des Kanzlers eine Veränderung vor. Es glitt eine Bewegung Der Freude und Liebe darüber hin. Er wandte sich langsam zu dem, der ihn mit diesem Koranvers getröstet hatte.
Ich nahm Den Augenblick wahr, nahte mich ihm, -bog das Knie und überreichte mit banger Furcht den königlichen Bries. e
Eine Welle brauchte der Entrückte, sich in diese Welt zurückzufinden. Nun wurde er Der Drei Leoparden Des königlichen Siegels ansichtig — die Hand, in welche ich Das Schreiben gelegt hatte, zuckte, wie von einem Skorpion gestochen, und schleuderte es in heftigem Schmerze voll sich Gleich einem Manne, Der auf der Folter liegt und unsagbare Qual erduldet, verzog er seine ebeln Brauen. Die vorwurfsvollen Augen richteten sich auf mich, und in ihrer Tiefe entglomm eine Flamme, grausam und gramvoll wie die Hölle. Dieser Blick traf mich mit Der Gewalt eines Wurfgeschosses, ich entsetzte mich in Der Seele und floh ohne Urlaub von bannen.
Siebentes Kapitel.
Nun erschreckt Ihr, Herr, unb vermutet, zu dieser Stunde sei die Feindschaft ausgebrochen zwischen dem König und Thomas Decket — Ihr würbet irren. Eine Weile zwar mieben sie einer bes anberen Atem und Angesicht; doch 'in begründeter und ungezwungener Weise, weil Herr Heinrich jenseits des Meeres mit dem Kapetinger in Fehde stand unb ber Kanzler inzwischen in Engelland die Staatsgeschäfte besorgte.
Denn ber Glaube meines Herrn an bie Weisheit unb Treue bes Kanzlers blieb unerschüttert; ja biefer Felsenglaube war Überhaupt nicht ins Wanken zu bringen. Und seinerseits nahm Herr Thomas nie williger jede Bürde der Arbeit und Feindschaft auf sich, die ihm aus feinem Eifer für die Größe des Königs entsprang. .
Er hatte Damals keinen leichten Stand, Da er zum Vorteil Der königlichen Rechte mit ber vornehmen normönnischen Pfaffheit angebunben unb sich verbissen hatte. Ihr kennt diese Händel, Herr, benn sie wuchern überall In Engelland waren sie aus den unmäßigen, von dem Eroberer an die'bischöflichen Stühle geknüpften Vorrechten erwachsen. Nicht nur, wie auch anderwärts, Händel von Pfaffe mit Pfaffe wurden den königlichen Gerichten entzogen, sondern auch der von einem Pfafsen geschädigte Laie mußte den Geschorenen vor dem geistlichen Richter suchen. Da nun — in aller Einfalt geredet — keine Krähe der anderen die Augen aushackt, blieben, schwächere Dinge ungerechnet, psäffischer Totschlag und Weiberraub ohne Ahndung, oder, schlimmer noch, wurden so sanft bestraft, daß es einem bösen Scherz glich und die ungedämpfte Brunst Der Geschorenen immer weiter um sich griff.
Darüber ergrimmte mein Herr und König, denn er war im gemeinen
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In London, wo ich ihn zuerst suchte, war er nicht. Auf welchem seiner vielen Schlösser er sich befinde, konnte oder wollte mir sein siidtisches Gesind" nicht sagen: ich hatte es auch nicht notig, Denn ich tw&te es. _ .
Auf einem frischen Pferde jagte ich am hellen Tage — was war noch |u verbergen? — denselben Weg, den ich oft genug in Dammer und Avndlicht gemacht hatte. Der klarste Himmel schimmerte über den gelben & umtronen unb zwischen den hier und Dort schon entlaubten Zweigen.
Das Herz pochte mir wie ein Hammer, als ich das schimmernde Ä)läßchen erblickte und, vom Pferde springend, die sonst so wohl vergossene Pforte offen stehen sah. Kein Türhüter fragte nach meinem 8 zehr. 3m Burghof war es still, nur der Wind flüsterte in den immer= Jt inen Zweigen des fremden Holzes, und der Springbrunnen spielte stilschernd mit seinen goldenen Kugeln. , .
Ich hielt den Fuß an, mich nach einem lebendigen Wesen umschauend. D- ward ich eines Weibes gewahr, das an der Gartenmauer vor einem ta cingefügteii Heiligenschreine kniete. Sie hielt das Haupt in beioe h> ade versenkt und bemerkte mein Kommen nicht. Ich aber berührte Donna Lisa hart an der Schuller. Sie wandte sich erschrocken und starrte sdch mit von Tränen geröteten Augen an. Dann bedeutete sie Mich nm di-den Händen, schleunig zu entweichen. Da wies ich ihr den -Brief Jiitii verlangte, als Bote des Königs, unverzüglich vor den Kanzler ge- ®»rt zu werden. _L , .
Zitternd, aber ohne Widerrede, stieg sie die Stufen zu den gelblichen eitlen des Kuppelbaues mir voran und öffnete Die Tur: ,Sie liegt m
Kapelle — ich habe sie noch geputzt wie eine Königin, sagte sie Achtsam unb verschwand. , ,, ,
Ich trat in Den heitern Raum einer von oben erleuchteten kleinen WbaUe. Rings Der Mauer entlang lief ein kostbares Polster, und m tyr Mitte stand ein vergoldetes Gitterhaus voll Geflatter und Ge- st iischer. Bunte, fremdländische Vogel spielten da unter Zwergpalmen, »ter nirgends war ein menschliches Wesen, das sich Daran gefreut batte.
3d) schritt über die farbigen Figuren des Mosaikbodens "ach «me dtmalen Marmortreppe, die zu einer Bogenpforte führte, öffnete und allug scheu Die innen darüber hangende Damastdecke zurück.
SietzeimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
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DER HEILIGE
Novelle von Conrad Ferdinand Metzer
5. Fortsetzung.
Sechstes Kapitel.
Ich wandte mich nach Dover, um Herrn Heinrich über das Meer in sß, Normandie zu folgen; doch widrige Winde hatten ihn aufgehalten. H fand chn noch bo-rt, und Die Stunde, ihm das Unheil zu berichten, ttif mich früher, als ich geglaubt, unb noch auf englischem Boden
Der Herr brach in schwere Jammertränen aus und verschloß sich in jener Kammer, Ich aber legte mich auf die Schwelle meines Königs, ne ich von jeher in gefahrvollen StunDen zu tun gewohnt war. Immen floh ihn der Schlaf, und ich horte ihn nächtlicherweile mit Porten Tritten auf und nieder schreiten. Dazwischen wehklagte er er- dormlich und redete zu sich selber laut unb ungestüm, so daß ich seine
, gtk jen Seufzern unterbrochene Rebe wohl vernehmen konnte.
Kirn ,War sie nicht meine Wonne! klagte er. «Ich hätte mein zartes M Limmchen auf eine sichere Weide gebracht! ... Aber was kann ich iwi giien die böse Art meiner Königin und die Dummheit meiner Knechte!
Eis kann ich gegen Die Tücke bes Schicksals? ... Mir unb Dem Kanzler - uns beiden — ist auf der Walbwiefe groß Herzeleid gewachsen ....
„(6!« liier ich will ihm mein Gemüt schreiben ... er soll es wissen, daß ich
i« jC hi mit Gunst unb Gnaden überschütten will, mehr als je zuvor, und
M kg er meinem Herzen und meinem Throne für immer der nächste
L. h jlibt."
L Gegen Morgen wurde er ruhiger, und im ersten Frühlichte ruckte L !, sich Tisch und Sitz zurecht und schien einen Brief zu beginnen, ,e
ilK ild je einen Satz vor sich her murmelnd, bevor er ihn nieberfcfjrieb. —
’ 3 letzt hörte ich seines Siegels schweren Druck.
(fli* Er rief mich und übergab mir ein Schreiben. ...
% .Dieses hast bu in des Kanzlers eigene Händ _ . _
. siche ihn, bis bu ihn findest." ?
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