Reifenpanne vorm Eskorial.

Oder: Der Trunk als Siegel der Freundschaft.

Don Peter Damm.

(Nachdruck verboten.) .

Man macht einen Plan und führt ihn aus sehr gut! Man macht einen Plan und wirft ihn um noch besser! Das Salz des Reisens sind die glücklichen Zufälle.

Die gewöhnlichste Art von glücklichem Zufall ist die Reifenpanne. Herb und köstlich ist Kastiliens Lust. Aber in den Reifen sind immer noch zwei Atmosphären aus Berlin. Ein Hufnagel, der sich, wie ein Argument der Philosophie, sanft und unerbittlich in den Pneu bohrt, gibt der gedrückten Berliner Luft Gelegenheit, ins Gebirge zu ent­weichen. Während sie sich in Berlin damit begnügen muhte, nach Benzin zu riechen, darf sie hier von einem ganz kleinen Esel ein sich atmen lassen und wieder aus, um bann in der Krone einer Steineiche zu weiten» Umblick sich niederzulassen. Dieser Hufnagel kostete uns den Eskorial. Es war ausgeschlossen, daß wir mit der Verspätung, die die Reifenpanne verursachte, den Eskorial noch mitnehmen konnten, wenn wir abends Madrid erreichen wollten. Darüber hätten wir uns ärgern können. Aber die Panne ist sozusagen die moralische Kehrseite der Geschwindigkeitsmedaille. Wir beschlossen, unsere Souveränität über die Technik wieder herzustellen durch die Annahme, daß wir in der übernächsten Kurve gegen einen Baum gefahren und in den Abgrund gestürzt wären, wo man uns nach Wochen erst gesunden hätte als bleiche Skelette des Hochmuts. Vor einem so jähen Ende durch einen ganz ge­wöhnlichen Hufnagel gerettet zu sein, war Anlaß genug, dem Hufnagel gegenüber statt Aerger geradezu Zärtlichkeit zu empfinden.

Während nun Erich im Schweiße seiner Bescheidenheit das Reserve­rad montierte, hatte ich endlich Gelegenheit, ihn über den heiligen Lau­rentius ins Bild zu setzen. Zu Ehren dieses Heiligen nämlich ist der Eskorial gebaut, dessen voller TitelReal Monasterio de San Lorenzo del Escorial" lautet. Philipp II. hatte während der Belagerung von St. Quentin dem Heiligen ein Kloster gelobt, weil seine Artillerie eine seiner Kirchen hatte zerstören müssen. Dieser Heilige ist bekanntlich geröstet worden, und so ist nach der Meinung des Volkes der Grundriß des Eskorial ein Rost.

..... Wendet mich", spricht St. Laurenz mit Lächeln.

..Auf der linken Seite bin ich gar ..."

Dieser fromme Vers aus der alten Legende hatte leider nicht die wünschenswerte Folge, Erich zur Bewunderung der glänzenden Haltung des frommen Mannes zu veranlassen. Vielmehr stieß er mich aus der Meditation an den Wagenheber, bis die Räder gewechselt waren.

und meines Leichtsinns beraubt, zu Tranen erschöpft und immer wieder an den Anfang zurllckwirft ..

Felix Timmermans:

Wer kennt seinen herrlichenPallieter" nicht? Es werden nicht viele fein! Timmermans entstammt einer alten flämischen Handelsfamitle und ist als dreizehntes von vierzehn Kindern in Lier geboren. Seit Urväterzeiten treibt die Familie Timmermans den Spitzenhandel; und auch unser Dichter war Handelsmann, landauf, landab. Daneben fpiette er Theater und vertrieb sich die Zeit mit dem Erzählen von Geister­geschichten. _ . . o. ,

Meine größte Liebhaberei ist Malen, wenn >nan das eine Lieb­haberei nennen will, denn ich bin eigentlich ursprünglich Maler ge­wesen. Bevor ich schreiben konnte, bevor ich einen Buchstaben gelernt hatte, malte und zeichnete ich schon. Ich habe stets gedacht, einmal Maler zu werden. Aber nachdem ich lesen und schreiben konnte, konnte ich es doch nicht unterlassen, Erzählungen und Gedichte niederzuschreiben. Das Malen blieb meine große Freude; aber man weiß nicht, warum und wieso: miteiner Schriftstellerei hatte ich mehr Erfolg, obwohl ich das Malen nie gelassen habe. Aber auch heute noch, zwischen zwei Seiten Erzählung greife ich nach dem Pinsel. Erst, wenn meine Zeich­nungen und Gemälde fertig sind, sehe ich ihre Unzulänglichkeit ein. So­lange ich daran arbeite und die Farben wachsen lasse und wachsen sehe, finde ich sie ausgezeichnet. Auf alle Fälle machen sie mich glücklich; ich freue mich, wenn ich malen kann. Und dieses Glück kann ich weder durch schriftstellerische noch durch irgend eine ander« Arbeit erreichen. Ich habe früher auch Glasmalerei gelernt. Ich bosstere auch; da ich aber schwer Lehm bekomme und frisch halten kann, wird nie viel dar­aus Meine Gemälde stellen gewöhnlich Bauern und kleine Leute dar, keine Salonmenschen. Mein Malen ist Erzählen. Ich schwärme für Pieter Brueghel und Fra Angelico, bewundere die Bilderbogen, Holzschnitte, Kirchenfenster, Hinterglasmalereien, Teller-, Bier- und Milch krugmale- reien, alte Aushängeschilder und Zeichnungen von Kindern unter zehn

sahen, die Liebhabereien unserer Dichter sind durchaus keine Spielereien. Jeder gibt sich mit Ernst und voller Liebe seiner Neben­arbeit hin. Sie. brauchen dieses für die Wett unsichtbare Werk aus innerer Nötigung und Neigung. Sie finden darin Ruhe und Entspan­nung von ernster dichterischer Arbeit. Freude an der .^Liebhaberei" ist es wohl zutiefst, die sie treibt, sich einem anderen Element willig hin­zuneigen. Es sind ihre Feierstunden, Ruhepunkte nach getaner Arbeit am Wort. Ihnen zusehen zu dürfen, ist für den Freund ihrer Dichtung ein stilles Glück. Denn nirgends woanders als beim Dichter spürt man so sehr die Freude über ein Gelingen in einer solchen Nebenbeschäf­tigung. Und was ist es denn im letzten Grunde, was uns immer wieder zu denschönen Künsten" hinzieht? Die Freude am Miterlsbendürfen. Wir, die wir teilhaben, können weiter nichts tun, als ihnen zu danken für Stunden aus ihrem Alltag, Stunden allerdings, die für uns fest­lich waren.

Seit der Erfindung der Automobils ist das fünfte Rad am Wager das wichtigste von allen. Es ist nämlich dasjenige, das Beruhigung gibt Wir aber hatten einen Hufnagel im fünften Rad, und so rollten mit nur äußerst langsam und bescheiden weiter, gewissermaßen mit einem; moralischen Nagel im philosophischen Hinterteil.

In einem kleinen, wirklich unbeschreiblich kleinen Ort trafen wir aus eine Anzahl Camions, deren Vorhandensein in uns reparative Hoff- nungen erweckte. Die Camions sind eine Art von Benzinarchen, di! den Verkehr zwischen den weit auseinanderliegenden kleinen Orten ver­mitteln. Aber wenn auch ein modernes Auto nach dem Prinzip bet Wahrscheinlichkeit funktioniert, während die Benzinarchen auf dem Prin­zip der Unwahrscheinlichkeit dahinrollen, so sind doch beide als Mechv novehikel der gleichen schöpferischen Idee entsprungen. Wir hielten am

Das erste freilich, was wir feststellten, war, daß sämtliche Arche« vollbeladen und im Begriffe waren, abzufahren. Schon wollten wir de«; Hufnagel aus dem Hinterteil ziehen und mit einem Fluche in de«! Graben werfen, als er aufs neue feine magische Kraft bewies. Wells entfernt, uns im Stich zu bleiben, wurde er vielmehr die Veranlassung zu einer Kette von Ereignissen, aus der wir mehr über Spanien er­fuhren, als das genaueste Studium des Eskorial uns je hätte vermittel« können.

Einige Leute umstanden uns, die zunächst völlig gleichgültig warem So galt es, eine Schlacht zu gewinnen. Wir wandten uns an eine« alten Mann mit würdigem Barte und hellen Augen, wie Menschen st« haben, die viel beobachten und wenig sagen. Diese mehr spontane als bewußte Aktion stellte sich als diplomatisch richtig heraus. Die Achtung vor dem grauen Haupte ist eine alte Ueberlieferung der Kultur. Wir hatten gezeigt, daß wir, wenn auch Fremdlinge, so doch keine Barbaren wären. Die erste Bresche war geschlagen.

Der Alte natürlich verstand uns so wenig wie wir ihn. Aber da rott ihm Ehre erwiesen hatten, konnte er nicht umhin, sich zum Anwalt unserer Sache zu machen, so unbekannt auch immer sie ihm sein mochte. Er rief einen jungen Mann herbei, der auf der Tasche seines blauen Monteuranzugs ein eindrucksvolles Wappen trug, das einen geradezu amtlichen Eindruck machte. Mit diesem Manne nun verbanden uns schon legitime Beziehungen, die nämlich, die der Alte durch seine Aufforderung an ihn hergestellt hatte.

Auch wir führten zunächst ein langes Gespräch voller herzlicher Aus­ruf« und reich geschmückt mit Versicherungen gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Hochachtung, ohne daß einer auch nur ein Wort des anderen verstanden hätte. Die Entwicklung freundschaftlichen Wohl­wollens, ja gercchezu menschlicher Anteilnahme wurde nicht wenig be­fördert durch die Tatsache, daß langsam die Fahrer der Camions sich hinzugesellten, langsam freilich, um keine unvornehme Neugier sich merken zu lassen, aber doch eben neugierig. Auch -die Camions selber entleerten sich allmählich, und Kinder, Weiber und Esel schlossen bas Amphitheater.

Schließlich ergriff Erich einen Schraubenschlüssel, die Kappe ooitt Reserverad abzuschrauben, um durch Vorweisung des moralischen Nagels die Klärung der Sachlage zu fördern. Dies sollte sich als für ihn nachteilig Herausstellen. Denn durch Verrichtung einer gewöhnliche körperlichen Arbeit verlor er viel von seinem bisherigen Glanze, I® daß der Alte mit dem grauen Barte, der Patriarch der Menge, weiter­hin mich durch Ansprache häufiger auszeichnete als ihn.

Das Auftreten des Nagels rief allgemeines Entzücken hervor. Dw Weiber faßten kichernd daran. Der Mann mit dem Wappen ging M tröstenden Gebärden über. Kurz, es war klar, wir find als Mensche" alle gleich, und vor der Rache der Götter ist niemand sicher.

Der Mann mit dem Wappen montierte nun unter dem beifälligen: Gemurmel der Menge den Reifen ab und begann, mitten auf dem staubigen Dorfanger, ihn zu flicken. Er machte das schnell und geschickt: Daß sie alle schon eingestiegen gewesen waren, um sogleich a-bzusahrem. das hatten sie, einer wie der andere, vollständig vergessen.

Zum Schluß sollte der Reifen aufgepumpt werden. Dabei erwies sich, daß der Ansatz der Pumpe auf das Ventil des Rades nicht paßte- Ein nördlicher Techniker hätte nun wahrscheinlich, schnell und geschickt einen neuen Pumpenansatz gesräßt. Der südliche Techniker nahm ein Stück Zeitung von der Straße, spuckte drauf und pappte es um Ansatz und Ventil, mit vollem Erfolge.

Wir waren lange im Zweifel, ob wir nun bezahlen sollten und wie viel. Schließlich kamen wir überein, r» lieber mit zu viel als pt wenig zu blamieren. Wir nahmen also einen etwas größeren ScheM und boten ihn dem Manne mit denr Wappen.

Der Mann mit dem Wappen lehnte rundweg ab. Er tat es nicht unhöflich. Schließlich, woher sollten die Fremdlinge wissen, daß sie ihtm damit zu nahe träten? Aber doch tat er es gemessen. Wir mußten dem Rückzug antreten, aber natürlich wollten wir dabei unser Gesicht nid)« verlieren.

So griffen wir zu jener Methode der Diplomatie, die in allen Lag«" versöhnlich zu wirken geeignet ist. Wir luden zu einem Umtrunk et tu Dies wiederum konnte man uns nicht abschlagen, ohne uns zu kränke-ti-

So wurde die Humanitas besiegelt im Zeichen eines Trankopfers full Bacchus, den Gott brüderlicher Herzlichkeit. In den Jurten der Steppe., zwischen Freund und Feind, ist der Trunk aus dem gleichen Bechell das Siegel der Freundschaft. ,,

Wir ließen die Vaterländer leben, den Frieden und die Güte de» fröhlichen Gottes. Erich hatte den bezaubernden Einfall, den Hufnagel in den Becher zu werfen. Das Gelächter war allgemein.

Als Fremde waren wir gekommen. Als Freunde schieden wtn Hinter uns wurde der Fahrplan der Benzinarchen wieder in Beftu« genommen. Kleine Staubschlangen entfernten sich nach allen von der Stätte dieser Komödie der Herzlichkeit, dem,Anger eines gan® kleinen spanischen Gebirgsdorfes, der zur Bühne des Theairuc» I humanum wurde durch einen Hufnagel am rechten Platz.

verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag,- Brühlschs UniversitStsdruckerei R. Lange, Gießen.