den Geruch der Dormente, den Geruch des Prosesforengarkens, und den der Klosterküche und den Ton der Morgenglocke!
Vom ersten Rausch etwas genesen, ging ich später weiter, dahin und dorthin, ohne Eile, kleine vertraute Gänge im friedlichen Bereich des Klosters und seiner paar Nachbargebäude, wo jeder Tritt, jede Stufe, jeder vorstehende Nagel im alten Treppengeländer mir ehemals bekannt gewesen war, und wo tausend kleine Dinge dieser Art mir, wie ich mit Erstaunen sah, noch heute ganz genau bekannt und vertraut waren. Ueberall lebendige Erinnerung, und hinter ihr, wie Reste alter Bilder Hinterm späteren Verputz, fanden hier und dort sich Spuren noch tieferer Erinnerung aufleuchtend, geheimnisvolle Bruchstücke unbewußten Seelenlebens von damals, überwuchertes und vergessenes, kaum mehr verständliches Fortklingen tiefster und einsamer Erlebnisse aus der mythischen Knabenzeit, da noch Ungeheures zu erleben und Unerhörtes zu erproben war. Wohin ist das alles entschwunden? Was ist daraus geworden? Was lst aus mir geworden, aus meinen Gaben und Träumen, meinen Plänen >on damals?
Eines aber inmitten dieser Klosterwelt hatte ich vergessen, an eines hatte ich nicht mehr gedacht, und dachte auch jetzt beim Umherschlendern .unb Wiedersehen nicht daran, es kam erst zu seiner Stunde wieder hervor.
Da drehte ich, zu einer Zeit, wo niemand sonst die verschlossenen Teile l»es Klosters betreten darf, leife den dicken Schlüssel in der schweren Tür, »nd öffnete behutsam die Pforte zum Kreuzgang. Auch hier fand ich nichts, was nicht in meinem Gedächtnis tteulich vorgezeichnet lag: gotisches Gewölbe und reiches Fensterwerk, rötliche und graue Steinsliesen, mit zemeißelten Grabsteinen dazwischen, Wappen und Abtstäbe, geheimnisvoll verwitterte Farbenflecke im alten Verputz, zwischen steinernen Fensterlreuzen in beruhigtem Licht das satte Grün der Gebüsche, zwei, drei -tosen dazwischen zärttich und traurig leuchtend.
Nun aber, da ich gegen die Ecke schritt, von keinem andern Laut erreicht als vom Hall meiner eigenen Schritte im Gestein, begann mir unendlich (art und hauchdünn eine selig seltsame Musik entgegenzuklingen, leichte lraumhafte Geistertöne mehrstimmig in versunkener Monotonie, nicht jcrn noch nah, wundersam und doch selbstverständlich, als klänge die Harmonie des Bauwerks ernst und innig in sich selbst wider.
Ich tat noch einen Schritt, und zwei, ehe der holde Klang mein Bewußtsein erreichte. Da aber stand ich still, und mein Herz begann plötzlich zu zittern, und wieder tat die Erinnerung feierliche Tore auf, höhere, heiligere als zuvor, und wieder kam ein entschwundener Zauber lurllck, und ich wußte wieder: Du Lied meiner Jügendzeitl Kein Ton der Welt, kein heimatliches Kirchengeläut und keine Menschenstimme von denen, welche noch leben, spricht so zu mir wie du, Lied meiner Jugend — und dich habe ich vergessen können!
Verwirrt und beschämt trat ich dem Wunder näher, stand am Eingang der Brunnenkapelle und sah im klaren Schatten des gewölbten Raumes l-ie drei Brunnenschalen übereinander schweben, und das singende Wasser kel in acht feinen Strahlen von der ersten in die zweite, von der zweiten in die riesige dritte, und das Gewölbe spielte in ewigem Dornröschentraum »«rzaubert mit den lebendigen Tönen, heute wie gestern, heute wie damals, die Jahre und Jahrzehnte hindurch, und stand herrlich in sich begnügt und vollkommen als ein Bild von der Zeitlosigkeit alles Schönen.
Viele edle Gewölbe haben mich beschattet, viele schöne Gesänge haben nich erregt und mich getröstet, viele Brunnen in vielen Ländern haben »iir, dem Wanderer gerauscht. Aber dieser Brunnen ist mehr, unendlich mehr, er singt das Lied meiner Jugend, er hat meine Liebe gehabt und meine Träume beherrscht in einer Zeit, da jede Liebe noch tief und -liihend, da jeder Traum noch ein Sternhimmel voll Zukunft war. Was ich vom Leben erhoffte, was ich selbst dem Leben anbot und versprach, aas ich zu sein und zu schaffen und zu dulden dachte, was von Heldenmut mb Ruhm unb ehrwürdiger Künstlerschaft meine ersten Lebensträume erfüllte und bis zum Schmerz mit Fülle überquoll, das alles hat dieser Brunnen in der Kapelle mir gesungen, das hat er belauscht und beschützt.
Und ich hatte ihn vergessen! Nicht freilich die Kapelle mit dem Stern- sewölb und den überschlanken Fenstersäulen und auch nicht die Brunnen- Schalen und die lichte grüne Garteninsel inmitten der schweigenden Mauern; lies alles hatte ich nicht vergessen. Aber das Brunnenlied, den süßen, «leichschwebenden Zaubergesang der sanft herabfallenden Gewässer, den hott und Schatz meiner frühesten und reinsten Jünglingssehnsucht — ihn sötte ich vergessen können! Unb stand nun still und traurig im vertrauten Heiligtum und fühlte jede Sünde und jeden Verderb in mir tief und I Unauslöschlich, und hatte nicht Heldenmut noch Künstlertum erworben, »eiche an jenen Träumen gemessen nicht wertlos wären, und wagte nicht, mich über den Rand zu beugen und mein eignes Bild im dunklen Blaßer iu suchen. Ich tauchte nur meine Hand in die kalte, strenge Flut, bis sie iror, und hörte stehend das Lied des Brunnens in die Gartenstille und in !ie langen, toten Steinhallen strömen, zauberisch wie einstmals, für mich «ber voll tiefer Anklage. .. ,
„Es muß für dich ein wunderliches Gefühl fern , sagte spater mein frreunb, „hier herumzugehen und an damals zu denken. Damals warst iu ja voll Sehnsucht nach der Welt und nach der Kunst, und voll Zweifel, tu wußtest ja nicht, ob irgend etwas von deinen Träumen sich mürbe er= Ullen können. Und jetzt kamst du zurück aus der Welt und hast wirklich iein Ziel erreicht und deine Träume erfüllt, bist wirklich ein Künstler «eworden und kehrst hierher zurück aus einer eroberten schönen Bleit, fius einem Künstlerleben mit Erfolgen, mit Reisen und Festen
„Ja, es ist wunderlich", konnte ich nur sagen. . , ,
Dann setzte ich mich noch einmal unter den hohen ßinben des Hofes fieber, stieg noch einmal zum alten Spielplatz bei den Eichen hinauf, hwamm noch einmal im tiefen See und reifte weiter, unb wenn ich sicher an Maulbronn bente, bann sehe ich wohl ben Faustturm und das jParadies", den Cichenplatz und den spitzen Kirchturm wieder, aber es iid nur Bilder, und sie kommen nicht recht zu Glanz und Leben vor dem soften -Brunnengeläut in der Kreuzgangkapelle und vor jenen Lonne» 'ungen, die hinter den anderen Erinnerungen stehen wie die Reste alter Eiliger Malereien hinter der Tünche einer Kirchenwand.
Hausspruch.
Von Joses Weinheber.
Dies Haus ist mein und doch nicht mein, wird nach mir eines andern fein, war vor mir eines andern schon, und bleibet stehn, geh ich davon. Da ich's bekam in Heim und Hüt, fein Herd bleibt warm, fein' Mauern gut, der Brunnen dran mir nie versieg, und frei zu Dach die Taube fliegI Geschafft sei, was darin getan, daß es der Nachbar wissen kann, doch guck er mir nicht jedensalls mit feinem Fernrohr in den Hals!
Dies Haus fei all zu meiner Zeit dem Fleiße und der Kunst geweiht, und Siebe gehe für unb für von Herz zu Herz burch jede Tür! Es schliefe ein, es halte fern, unb frohe Gäste heg es gern, ein Krümel Brot, ein Schlüpfet Wein, da wird es wohl zum Guten sein.
Viel mehr steht nicht in unsrer Macht, jo nutzet auch kein Vorbedacht: In Gottes Hand stell ich dies Haus unb bie da gehen ein unb aus.
Liebhaberei der Dichter.
Von Hanns Arens.
Wie ebn Dichter sich außerhalb feiner literarischen Tätigkeit bewegt, ist nicht nur interessant für den Freund feiner Dichtungen, sondern wesentlich für die Beurteilung, Stellung unb Haltung des Dichters zur Welt, zum Leben. Der Leser und Freund möchte gern hinter die Erscheinung des Dichters greifen. Vieles bleibt ihm rätselhaft, verschleiert, was sich aber bei Beleuchtung von einer anderen, der nicht- literarischen Seite ost als ganz eindeutig und unkompliziert erweist.
Wir haben kein Interesse am privaten Leben des Dichters aus Gründen der Neugierde, sondern aus einem viel tieferen Gefühl heraus: wir möchten dem Dichter nahe fein; wir haben den Wunsch, ihn in feiner privaten Lebensweise zu beobachten, wobei uns selbstverständlich fein familiäres Leben nichts angeht. Nein, den Dichter in feinen vier Wänden zu belauschen ist nicht unsere Absicht, noch soll es je unser Wunsch fein, ihn über Dinge des Lebens zu befragen, die sein aller- persönlichstes Geheimnis sind. Was wir möchten, ist, ihm bei der Nebenarbeit, bei einer ernsten „Liebhaberei", die. abseits seiner dichterischen Arbeit geht, zuzufehen, um aus ihr den Menschen besser zu verstehen, zu beurteilen — den Willensweg des einzelnen Dichters zu erkennen.
Nun wollen wir einen flüchtigen Blick in den Alltag zweier Dichter werfen, die sich aus Neigung und Liebe einer ihrer Dichtung konträr liegenden ober anders gelagerten Beschäftigung hingeben; wir wollen sehen, warum sie neben der Dichtung ganz bewußt eine „Liebhaberei", eine „Nebenarbeit" wählten. Wir werden bald sehen, daß diese Beschäftigung mit anderen Dingen beim Dichter aus ganz organischen Gesetzen entspringt. Wir wollen dabei nicht von uns aus langwierige Analysen stellen, sondern die Dichter selbst erzählen lassen:
Karl Heinrich Waggerl:
„Mein allererstes darstellerisches Erlebnis hatte ich als Zeichner, ich erinnere mich dieses Vorganges mit ungemeiner Deutlichkeit, obwohl ich damals erst zwei Jahre alt mar. Ich machte also im Kalender einen Strich, wie ich vorher schon so viele gemacht hatte. Dann aber fügte ich am einen Ende eine Menge kleinerer Striche hinzu und plötzlich wurde ich gewahr, daß ich ein Ding getroffen hatte, einen Pinsel, ich erkannte ihn auf dem Papier. Ich lief mit dieser Schöpfungsurkunde im ganzen Haufe umher, freilich ohne das geringste Verständnis für meine Leistung zu finden — eine Enttäuschung, die sich heilsamerweise noch oft in meinem Leben wiederholen sollte. Ich kann gar nicht deutlich machen, wie tief mich dieser Vorgang damals berührte, es war mir zum ersten Male klar geworden, daß man ein Ding von feiner Erscheinungsform lösen, es darstellen könne. «Später kam ich dahinter, daß es viele verschiedene Möglichkeiten der Darstellung gebe, und das hat mich sehr verwirtt und gehemmt. Es gibt wohl kein Ausdrucksmittel, kein Handwerk, an dem ich mich nicht zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Form versucht hätte. Ich glich gewissermaßen einer schadhasten «Brunnen» (äulc die ihr Wasser aus vielen Ritzen verschwendet, statt in einem kräftigen Strahl aus dem Rohr. Erst im Kriege, in der Gefangenschaft besann ich mich unb wurde der Mensch, der ich bin, nicht besser, aber mit der Gnade eines Zieles begabt. Auch jetzt noch sind mir bie Dinge auf rätselhafte unb verlockende Weise gefügig. Ich muß mich schämen, bei soviel guten Gaben eigentlich wenig wirklich gelernt zu haben. Ich kann ebensowohl einen Schlüssel machen wie eine Dreschmaschine reparieren, ich beschaffe mir einen Treibhammer und schlage eine Schale aus Kupfer, ohne Umstände, ich weiß einfach, wie man sie macht. Mitunter scheitert ja wohl ein Versuch an der Unzulänglichkeit des Werkzeuges, wie etwa beim Buchbinden, beim Schnitzen, bei den Scherenschnittten ober beim Photographieren. Aber nur selten mißlingt etwas grundsätzlich, außer in der einen Kunst, die ich fliehe und der ich doch widerstandslos verfallen bin, bie mich meiner Leichtigkeit


