Ausgabe 
14.8.1939
 
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Ihr seid -umzingelt. Verhallet euch ruhig bis zum Morgengrauen Wer versucht zu fliehen, wird niedergeschossen. Maschinengewehre halten den Waldrand besetzt."

Drüben sind die Meuterer etwas ernüchtert, aber sie ergeben sich nicht. Noch trotzen sie, schreien den Kavallerieabteilungen Warnungen zu und erklären:

Wer sich unseren Zelten nähert, wird niedergeschossen." ,

Sie hoffen aus die Mitwirkung ihrer Freunde und Brüder, denn sie wissen ja, daß alles, daß die ganze französische Armee von dieser Meuterei ergriffen ist. In einem, in zwei Tagen wird es keine Front mehr geben, da oben am Damenweg, und die Armee wird sich einmal dieses verfluchte Paris und fein schlappes Parlament aufs Korn nehmen.

Der Tag bricht an. Die 700 Meuterer im Wald halten noch immer.

Ihre Lebensmittel find aufgezehrt. Inzwischen haben die Schwadronen Schützengräben und Löcher ausgeworfen und den Wald in Belagerungs- zuftand versetzt. Einige Jnsanteristen, die versuchen, die Sperrzone bewaffnet zu verlassen, werden durch wohlgezielte Schüsse niedergestreckt.

Noch vier Tage und vier Nächte soll die Belagerung dauern, und dann werden die ausgehungerten Meuterer zurückkehren. Man wird sie, zwischen zwei Reihen Kavallerie, waffenlos zurückführen nach Soissons. Und sie müssen dort auf einem Kasernenhof stehen, und ihre Offiziere werden dort durch die Reihen gehen, ihre Männer einzeln ansehen und werden sagen:

Sie und Sic und Sie, vortretenl Auch Sie und Sie, treten Sie vor-----!"

Und die Manner werden vor den Reihen stehen und dann abgesührt werden, und niemals wird einer ihrer Kameraden sie wieder erblicken. Die Kriegsgerichte arbeiten rasch und hart.

Inzwischen aber ist der 2. Juni angebrochen. Und an diesem Tag muß Kriegsminister Painleve den zur geheimen Ratssitzung versammelten Parlamentariern mit furchtbarer Offenheit erklären:

Meine Herren! In diesem Augenblick erleben wir Stunden, die genau so ernst sind wie jene, die wir am 4. August 1914 gekannt haben. Damals haben wir die schweren Stunden überwunden, weil die Moral der Nation unangetastet war. Werden wir diesmal die Krise überwinden? Keine' Schönfärberei kann uns über die Furchtbarkeit des Augenblicks Hinwegtäuschen, denn jetzt, in der Stunde, da ich vor ihnen stehe, gibt es auf der Front zwischen Reims und Soissons keine zwei Divisionen mehr, auf die sich Frankreich verlassen könnte, sollte es den Deutschen einfallen, jetzt anzugreifen. Wenn Hindenburg von dieser Meuterei erfährt und jetzt, in diesem Augenblick, marschieren läßt, dann, meine Herren, dann ist Frankreich verloren, dann ist der Krieg beendet---"

Durch die Versammlung geht ein Raunen des Entsetzens. Es wird aber sofort wieder eisig still, als der Kriegsminister fortfährt:

Tag um Tag, Stunde um Stunde, Nacht für Nacht haben wir bei der Regierung gemeinsam mit den Armeeführern nur für die Armee gelebt, nur für di« Armee geatmet. Und deshalb empfinden wir sie doppelt grausam, diese furchtbare Meuterei. Gestern noch haben wir mit Bangen in der Seele die frischen Divisionen gezählt, die zwischen Reims und Soissons gestaffelt liegen und unter Umständen den Marsch der Meuterer aus unsere Hauptstadt, auf das Herz Frankreichs aufhalten könnten. Wir haben die Moral der hier liegenden Truppenteile unter­sucht und haben dies bitte ich aber mit der größten Verschwiegenheit behandeln zu wollen nur eine, nur eine einzige Division gefunden, die bereit wäre, den Zusammenbruch nicht mitzumachen und zu stehen. Vorne an der Front, eine, höchstens zwei Divisionen, und hier, in der Etappe, als Deckung für Paris, noch eine. Division, das sind, meine Herren, zwei bis drei Divisionen, auf die Frankrech sich heute noch ver­lassen kann. Ich betone mit Absicht: heute; wer weih, was morgen sein wird, wer weiß, was in einer Stunde ist! Wer weiß, was in diesem Augenblick geschieht---! ?"

Der Kriegsminister hat recht, so zu sprechen, denn just in diesem Augenblick ereignet sich ein neuer großer Fall von Meuterei. Das Infan­terie-Regiment 310 soll antreten, fein Ruhequartier in Coeuvres ver­lassen und einige Kilometer weiter nördlich in die Nähe der Front marschieren, um als Eingreiftruppe in Bucy-le-Long das Ruhequartier zu beziehen. Bis jetzt scheint das Regiment noch sicher und anständig. Die Befehle der Offiziere hatte man bisher ausgeführt. Am 30. Mai und am 1. Juni hatten größere Abteilungen Meuterer die Ortschaft Coeuvres durchquert auf dem Marsch gen Paris. Diese rückmarschierenden Truppen hatten rote Fahnen getragen und die ^Internationale gegrölt. Sogar Offiziere hatte man zwischen den Meuterern gesehen.

Dieses schlechte Beispiel trägt nun seine verhängnisvollen Früchte. Das Regiment 310 weigert sich, Coeuvres zu verlassen. Die Kompanien setzen die Gewehre zusammen, schnallem ab, legen die Tornister nieder und organisieren Massenversammlungen unter freiem Himmel. Ver­gebens mahnen die Offiziere. Man hört nicht auf sie. Der Regiments­kommandeur, der besonders volkstümliche Oberst Dussange, mischt sich unter seine Poilus, spricht ruhig mit ihnen. Er mahnt sie zur Vernunft. Nein, sie wollen keine Vernunft annehmen. Sie haben den Weg des Ungehorsams beschritten und wollen weiter auf dem Abstieg bleiben.

Um 15 Uhr marschiert das Regiment ab gegen Süden, Richtung Paris. Den Meuterern ist inzwischen zu Ohren gekommen, daß mehrere aufrührerische Regimenter im Wald von Compiegne auf sie warten. Also los, auf der Nationalstraß«, die über VillersCotterets führt. Oberst Dussange versucht ein letztes Mal, feine Männer zu halten. Er stellt sich an den Südausgang des Dorfes. Er breitet die Arme aus, um symbolisch den Weg zu versperren. Mit weithinschallendcr Stimme ruft er:

Männer, Franzosen, Soldaten, werdet vernünftig, kehrt um, haltet ein! Ihr schreitet auf der Straße des Verderbens und der Vernichtung 'ür Frankreich, ihr habt den Weg der Auflösung eingeschlagen. Soldaten, haltet und macht kehrt! Hört auf eueren allen Oberst!"

Sie aber gehen weiter fnit verbissenen Gesichtern. Jetzt sind sie stj ihrem Regimentskommandeur. Werden sie ihn wegstohen, werden sie tijnj überrennen? Nein, die Gruppenkolonne öffnet sich, und je zwei Roller marschieren links und rechts am hohen Vorgesetzten vorbei, der, nie' zur Bildsäule erstarrt, mit ausgebreiteten Armen dasteht, Tränen in kn Augen. Er spricht nicht mehr. Jedes Wort ist überflüssig und sinno, angesichts dieses Zerstörungswillens. Aber man achtet diesen großen md echten Schmerz eines alten Soldaten, vor dessen Augen alle Jdeile ganz plötzlich und ganz brutal zusammenbrechen. Einige Soldaten sühn« grüßend die Hand an den Stahlhelm. Ihrem Regimentskommandem leisten sie noch die Ehrenbezeigung. Und dennoch marschieren sie nxiltr, den Weg der Meuterei.

Der alte Oberst sieht sie vorbeiziehen, alle Kompanien. Er hört itrt Schritts in der Ferne verklingen. Eine dichte Staubwolke schwebt üter der Straße nach Süden. Und erst jetzt, da sie außer Sichtweit« fhb, beginnen di« Meuterer ihr Lied des Aufruhrs, fingen die Internationale. Solange der Oberst ihnen nahe war, hielten sie Disziplin. Die Gegen­wart des gerechten und vertrauten Vorgesetzten hatte bisher genügt, dies letzte trotzige Bekenntnis zur Disziplinlosigkeit zu unterdrücken.

Währeno das Infanterie-Regiment 310 von Coeuvres nach ©übm marschiert, trifft die eiligst herbeigerufene Feldgendarmerie ihre Gegen- Maßnahmen, um die Meuterer irgendwo abzufangen, die Kompanie einzeln zu zerstreuen, irrezuleiten und sie später in kleineren Abteilung«» zu entwaffnen. Durch geschicktes Arbeiten hat der militärische Gehei in- dienst rechtzeitig von dem Marschplan des Regiments Kenntnis beton- men. Schon sind zuverlässige Offiziere und Unteroffiziere in der Unifon einfacher Poilus unterwegs, um an wichtigen Punkten der Morschsten^ einzelne Kompanien abzufangen und abzuzweigen. Dieser Plan soll gelingen, denn diese angeblichen Vertrauensleute wissen da von gutut Unterkünften und von Lebensmitteldepots, die man plündern fantn Plündern ist das magische Wort für die Rebellen.

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lFortfetzung folgt.)

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Dorf am Abend.

Von Hermann Hesse.

Im späten schrägen Goldlicht steht Das Volk der Häuser still durchglüht, In kostbar tiefen Farben blüht Sein Feierabend wie Gebet.

Eins lehnt dem andern innig an, Verschwistert wachsen sie am Hann Einfach und alt wie ein Gesang, Den keiner lernt und jeder kann.

Gemäuer, Tünche, Dächer schief, Armut und Stolz, Verfall und Glück, Sie strahlen zärtlich, sanft und tief Dem Abend [eine Glut zurück.

Angesichts der Ereignisse dieses Tages setzt General Franchet d'Esperq die Feldgerichte mit kürzester Wirkungsfrist ein. Nach seiner neuen Armee- Verordnung sollen zwischen Festnahme der Meuterer und Urteilsvol- streckung nicht mehr als 24 Stunden vergehen. Man will rasch und gründ­lich der Unruhe Herr werden.

Oer Brunnen.

Von Hermann Hesse.

Zum erstenmal wieder nach Jahrzehnten fuhr ich mit der kleinen BW durch die Waldhügel der Maulbronner Gegend, stieg an der verschlafen«" Haltestelle aus und wanderte durch den feuchten, moorigen Wald Maulbronn hinüber, froh zugleich und beklommen in der Erwartung b-o Wiedersehens, denn hier hatte ich in den sagenhaften Jahren der erftan Jugend Wichtiges erlebt.

Ich roch den bitteren Laubgeruch, ich sah zwischen Buchenzwelgen ba" Elfinger Berg und den runden Eichenhügel über den Weinbergen, ur» alle die andern Spielplätze meiner Schülerzeit liegen, ich sah im roarmai Dampf des Tales hinter Lindenwipfel die spitze Turmnadel erscheinst unb ein Stück des langen Kirchendaches, und es strömte mir aus hunbe« plötzlich brechenden Dämmen unsagbares Gefühl des Wiedersehens enii- gegen: Erinnerung, Trauer, Mahnung, Lächeln, Reue, Bangigkeit beß Ältgewordenen, tiefe, neuerweckte Liebe, aufgefchreckte Sehnfucht, ow flatternden Flügeln taumelnd. Oh, wie fehr liebte ich dies alles, da- meine Augen hier wiedererkannten und zu eigen nahmen, wie sehr fjaö ich mich nach alledem gesehnt, und es vermißt, und wie wenig hatte uh von meiner Liebe und Sehnsucht gewußt, wie tief hatte sie fo viele Jahne geschlafen! O Tal, o Wald und Teich, o Spielplatz unter den rauh dl1 wordenen Besten der alten Eichen! ' ,J

Und in der ersten, feuchten Wärme niedersteigend, nahm ich n,8lf* Herz zusammen, und schritt in festem Takt an der alten Post vorüber v'r" am Hirschen durchs Tor hinein, auf den Klosterplatz und über ihn fjinnaS den Linden, dem Brunnen und demParadies" entgegen, der wunderbar gewölbten Vorhalle der Sommerkirche mit ihren überfchlanken ^feilen- Ich sah Platz, Bäume und Gebäude in seliger Halbwirklichkeit stehe » genau nach dem Bild meiner (Erinnerung gestaltet, hörte warm und dumi i in den blühenden Linden Bienenvölker summen, trat unterm Holsts runden Bogen hindurch in dasParadies", stand überrascht, von los verzauberter Steinkühle umwittert, trank tief den ernsten WolM,? der Fcnfterbogen und schlanken, lebendig wachsenden Pfeiler, fog I(' . Klosterlust in tiefem Atemzug und wüßte plötzlich alles wieder, au-!- jede Treppe und Tür, jedes Fenster, jede Stube, jedes Bett im Schwl!

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