Ausgabe 
14.8.1939
 
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SietzenerZainilienblätter

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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Mgang 1959

Montag, den August

Nummer 62

Lim Armee meutert

SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917

Ein Bericht von P.C.Lttighoffee Copyright b y Bertelsmann Gütersloh

17. Fortsetzung.

und bittend ihre Poilus beschwören und sie zum Gehorsam ermahnen. Vergebens. Nirgendwo gelingt es, selbst den angesehensten Regiments­kommandeuren nicht, die Truppe wieder in Ordnung zu bringen. Durch- einandergewürselt treffen sich zahlreiche Soldaten am frühen Morgen des 2. Juni in Soissons. Diese Stadt, ein beliebter Etappenort, hat für die Truppe eine gewisse Anziehungskraft. Hier ist man wieder unter Zivilisten, hier stehen die Urtauberzüge. Hier gibt's Verpflegung und Wein. Besonders der Wein ist billig. Und wer kein Geld hat, nun, der braucht auch kems. Drüben stehen ja die langen Weinzüge mit den Riesenfässern.

ist.

Meres, draufgängerisches, nervenloses Etwas, das nur zwei Dinge

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Der 1. Juni ist der schlimmste Tag für die sianzösischeArmee.eln »arzer Tag für ganz Frankreich. Man steht alte Offiziere weinend

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Aber da ist ein anderer Verlust, der nicht mehr wettzumachen . iit Aderlaß, der tief in Frankreichs Leben greift. Einhundertsechzig- leend Soldaten sind zwischen dem 16. April und dem 15. Mai aus dem Imenweg in der deutschen Abwehr niedergestreckt worden. Und bis m Monatsende erhöht sich diese Zahl noch auf rund zweihundert- leend Mann. Diese Leiber werden nicht mehr für Frankreich mar- ti ren. Diese Menschen fallen aus, sind erledigt, sind weg, ausgewifcht h der Volkskraft und aus der Berteidigungsmüglichkeit. Wer wird sie

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yijie: Die Boches und die Läufe (Kreaturen, die man in einem Atem nemte) das nur zwei Dinge liebte, den Kampf und die Krivgspatin * die Braut. Und in Wirklichkeit ist der Poilu etwas völlig Nuch- tmes, etwas Heroisches, etwas, das still leidet und sich ausgibt bis zum Urischenmöglichen, genau wie drüben der Feldgraue das leidgewohntefte 'tttjöpf ist, eine lebendige Kraft, die auch dann noch einspringt, wenn cerial und Tier schon versagt haben.

Der Feldgraue hat noch etwas mehr als der Poilu. In letnent ,en lebt das wilde Dennoch, der unausgestoßene Schrei zum Durch- sn, etwas, das mit landläufigem Heldentum dichtender Hetmkrteger ,ts zu tun haben will, weil es zu hart und selbst zu tranenlos ist, Utt von jedermann erfaßt und verstanden zu werden.

Am 1. Mai meutert das 97. Infanterieregiment. Hundertzehn Mann en ihre Sachen und setzen sich in Marsch nach hinten. Sie treffen dort : kriegsstarke Kompanie des gleichfalls meuternden 159. Jnfantene- Dnents. Gleichzeitig, aber in einem ganz anderen Abfchntt., meutert 5 gesamte 57. Jäger-Bataillon,, eine bisher als eisenhart und todernst iinnte Elitetruppe, die eine Höchstzahl an Orden, Ehrenzeichen und ..rtennungen in den Armee-Tagesbefehlen vorweisen kann. Hundert- ^undvierzig Mann dieses Jägerbalaillons bewaffnen stch, um auf =- zu marschieren, 98 Jäger desertieren und fahren in ihre Heimat, in sie später durch die Gendarmerie und Ortspolizei ermittein laßt.

Wen? Wer?

Das farbige Element wird sich weiter ausdehnen können und Frank- rch wird mit den Jahren rettungslos »ernegern, weil die Verluste dieses [Rtiiges einfach nicht mehr eingeholt werden können. Das Land wird ttire Kräfte mehr haben, die gute Erde zu bebauen. Und der Weinberg at> veröden. Frankreich wird noch lange an den Verlusten, an d'efen Imlofen Verlusten der Schlacht am Dornenweg leiden müssen. Dieser Mrlaß war doch zu brutal, zu.furchtbar. . a

lind wie haben die Zeitungen diesen Poilu bisher gezeigt? Ja, wie W! er, dieser Poilu, in Wort und Bild, so wie man ihn täglich dem sn!josischen Volk vorsetzte? Das war ein lustiges, drolliges, gutmütiges,

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- mcm sie später durch die Gendarmerie und Ortspolizei ermittem mßi. stoch schlimmer steht's mit dem 60. Jägerbataillon, das ebenso als ^gezeichnete Elitetruppe gilt. Hier desertieren 75 Mann, wahrend $0 Jäger den bewaffneten Marsch ins Hinterland an.relen und ihren gieren den Gehorsam verweigern.

lach beim 61. Jägerbataillon sieht es traurig aus. Hier desertieren $»or nur 25 Mann, aber 250 Jäger erklären sich nut den andern Meu- bc«-n solidarisch, bewaffnen sich und setzen sich in Marsch b" den Sann Üt'Dunfien. Ein solcher Punkt befindet sich m der Bannmeile vo Pisons. Regellos, ohne eigentliche Führung, begeben sich dui Meutere dftihin, marschieren durch die Dörfer, Weiler und Truppenunterkunft -

tragen rote Fahnen voraus, schwenken das Tuch aufreizend ube .Miede? mindern K?eg, es lebe der Friede um jeden Pre'^Nteder tot bem Blutsäufer Nivelle! Nieder mit dem Bluthund und «chlachter

stuf die Truppe wirkt besonders niederschmetternd und "uftelzend Lekanntmachung, daß die Regierung dem verabschiedeten General ^tigin das Großkreuz der Ehrenlegion verliehen hat.

Eine Krawatte aus dem Blut seiner Soldaten hat man ihmi « ftn, diesem Menschenschlächter", schreien die Pollus « "

Wt das breite blutrote Band zum hohen Orden der Ehrenlegion. Diese ^-nsverleihung ist neue Nahrung für die Meuterei.

Faßdauben einschlagen! Das dunkelrote Naß strömt duftend in dickem Strahl über die Geleise, sammelt sich in Pfützen zwischen öligem Bahn­schotter. Und die Soldaten trinken, trinken---

Infanteristen, Kavalleristen, Kanoniere, Pioniere und Angehörige der Hilfswaffen treffen sich in dieser Etappenstadt Soissons. Es wird viel geredet, viel gegrölt und besonders viel getrunken. Die Poilus sind ge­reizt. Wer es wagt, sich ihnen entgegenzustellen, wird niedergeschlagen, niedergetrampelt. Ein Stabsarzt wird durch Messerstiche verletzt. Es bilden sich lange Züge, nach dem Muster der regellosen russischen Massen- demonstration, ohne Ordnung, die ganze Straße ausfüllend.

Von einer Häuserfront zur andern setzt sich die Welle der Demon­stranten in Bewegung. Rote Fahnen flattern über den Stahlhelmen und den spitzen Ouartiermützen. Einzelne Gewehrschüsse durchpeitschen die Luft. Die Masse stutzt einen Augenblick und horcht hin. Aber das klingt anders, das ist kein Abwehrfeuer, das sind weiter nichts als Freuden­schüsse. Gut, so wird man wieder schießen.

Hundert, taufend Gewehre heben sich und schießen in die. Luft. Und da heißt es plötzlich:

Achtung! Da vorne ist eine Barrikade! Ächtung, Maschinen­gewehre an die Front!" Wenige Sekunden später sind leichte Maschinen­gewehre da, gehen in Stellung, mitten auf der Straße vor dem haltenden Haufen der Meuterer. Und dann knattern die Geschoßgarben hinüber, peitschen die Straße entlang, fahren in bas Hindernis drüben, in die vermeintliche Barrikade. Aber es ist keine Barrikade, sondern ein zu­fälliges Hindernis, gebildet aus den Fahrzeugen einer ausgeplünderten Proviantkolonne. Man hat die teeren Wagen einfach umgeworfen, um ihren Inhalt auf die Straße kippen und ihn somit den hungrigen Poilus besser barbieten zu können. Kein Mensch wird bei diesem Schießen verletzt Aber das Peitschen der Schüsse bringt bis ins Herz Frankreichs. Unb in Paris bittet der Kriegsminister Painleve die einflußreichsten Parlamentarier aller Parteien zu einer Aussprache über die furchtbaren Dinge, die sich an der Front und dicht hinter der Front abspielen. Ja, vorläufig noch ist das alles da oben unweit, von der Feuerlinie, fast sagenhaft fern, aber bald, vielleicht schon morgen, wer weiß, werden die Maschinengewehre der Meuterer in Paris bellen, und dann---?

Die republikanische Garde, eine unbedingt sichere und zuverlässige Truppe fest in der Hand der Regierung, wird alarmiert und nach varne geschickt. In Eile beordert man noch starke Kavallerieabteilungen herbei. Es sind in der Hauptsache altgediente Leute und Unteroffiziere, die man bewaffnet und gegen die Meuterer einsetzt. In erster Linie soll in der Etappenstadt Soissons für Ordnung gesorgt werden.

Im Lause des Nachmittags werden die eiligst herbeigeführten Kaval­lerieabteilungen in der Nähe von Soissons ausgeladen und sofort zur Säuberung der Stadt eingesetzt. Sie finden aber kein Betätigungsfeld mehr denn die Meuterer haben inzwischen die Stadt verlassen und sich kreuz und quer über die ganze Gegend verstreut. Ihnen hat die starke Führerhand gefehlt. Niemand war da, der sie zusammenhalten konnte. Und zudem hatte es zu viel Wein gegeben.

Nachdem sie sich heiser geschrien und müde gegrölt hatten, waren sie qeqen Süden abmarschiert. Nur 700 Mann vom Infanterie-Regiment 298 sind zusammengeblieben und haben geschlossen den Marsch auf Paris anqetreten. Aber vor ihnen türmt sich bald ein unüberwindbares Hinder­nis. Die Regierung wirft ihre zuverlässige Republik-Garde in die Waag­schale.

Es will Abend werden, und di« 700 Poilus sind müde. Ihre Quartier­macher werden vorausgeschickt, einen Lagerplatz zu ermitteln. Ein dichter Wald in der Nähe von Missy-au-Bois wird zum Biwakieren gewählt. Das Gros rückt nach. Die Zelte werden aufgeschlagen. Diese Meuterer haben Soldatenräte nach russischem Muster gewählt. Aus Angst vor Uebcrrafcbuugen befehlen die Anführer das Aufstellen von Feldwachen und Posten. Dann legt sich die Truppe todmüde zur Ruhe hin.

Dauert aber nicht lange, diese Ruhe, denn die regierungstreue Kaval­lerie hat das Lager der Meuterer inzwischen ausfindig gemacht und um­zingelt. Nun erklingen Claironsignale, und eine kräftige Stimme ruft weithinschallend in den Wald: