chemischer Forschung. Genau wie dem Schüler drängten sich mir die Worte auf die Sippen:Mir wird von alledem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum." Gläser, Flaschen, Retorten, Röhren, Tiegel, Kolben, Kessel, Kühler und andere Apparate aus Glas, Por­zellan und Eisen, fn jedem ein anderes Pulver, eine andere Flüssigkeit in allen nur denkbaren Farben! Ueberall kocht, brodelt etwas anderes, rauschen die Helzflammen, drehen sich die Rührwerke. Daneben geheim­nisvolle, mit allerlei Meßinstrumenten versehene Apparate, von deren Inhalt nichts zu erkennen ist. Auf meine wißbegierige Frage über das Arbeitsgebiet dieses Instituts wurde mir in liebenswürdiger Weise Aus­kunft erteilt.

Zunächst wurde ich auf den Unterschied zwischen rein wissen­schaftlicher Forschung und technisch-chemischer Arbeit aufmerksam gemacht. Während die wissenschaftliche Forschung lediglich die Aufgabe hat, neue Erkenntnisse Über Zusammenhänge und neue Gesetzmäßigkeit sowie neue Stoffe zu gewinnen, hat die technische Forschung das Ziel, für die Gewinnung solcher Stoffe ein wirt­schaftliches Verfahren auszuarbeiten, da sie im Gegensatz zur Wissenschaft mit dem Herstellungspreis des Erzeugnisses zu rechnen hat. Beide Arbeitsrichtungen werden in einem solchen Forschungslaboratö- rium gepflegt. Dabei arbeitet der Wissenschaftlicher meist auf längere Sicht, d. h. man verlangt von ihm nicht, daß schon morgen das fertige Produkt auf dem Saboratoriumstisch liegt, das übermorgen bereits die Tausendmarkscheine einbringt, die die Forschungsarbeit selbst in großer Zahl verschlingt. Er muß tiefer einbringen in die Materie. Er muß den Vorgängen und Erscheinungen bei seinen Reaktionen nach spüren und ihnen auf den Grund gehen. Dabei bedient gerade er sich sehr viel­seitiger Methoden. Mit Hilfe der Röntgenstrahlen und anderen Strahlen kann er die feinen Unterschiede im Aufbau der Stoffe bestimmen, kann mit Hilfe des Ultramikroskops und der modernsten physikalischen Meß­einrichtungen erkennen, ob die Verbindungen, die er dargestellt hat, rein sind.

In einer hohen geräumigen Halle, der gegenüber die Alchimisten­küche des Dr. Faust ein Kinderspiel ist, stehen Behälter aller Art, strecken sich stählerne Rohre vom Boden bis an die Decke, die oftmals so dick rote Kanonenrohre sind; ein für den Laien unentwirrbar scheinendes Geäder von Leitungen drängt sich hier zusammen und ich höre, daß aus diesen und anderen ßab Oratorien in Ludwigshafen die Benzin- Synthese aus Kohle hervorgegangen ist und daß hier der Ammoniak aus dem Stickstoff der Luft- und aus Wasserstoff zum erstenmal technisch gewonnen wurde. Auch heute nach werden unübersehbare Früchte für unsere Volkswirtschaft aus diesen Synthesen geerntet: für die Landwirt­schaft, die diesen Verfahren die Düngemittel verdankt, für die Auto­mobilindustrie, die nun mit dem so notwendigen Brennstoff versorgt werden kann. Hier in Ludwigshafen wurden auch die grundlegenden Verfahren ermittelt, die zum Aufbau des künstlichen Kautschuks;Buna" heißt das Zauberwort, geführt haben. Fast unglaublich klingt es für den staunenden Besucher, wenn ihm erklärt wird, wie in einem Stahlrohr unter ungeheuren Drucken und hohen Temperaturen aus zwei Gasen, Wasserstoff und Kohlenoxyd, eine Flüssigkeit, der Methylalkohol hier zum erstenmal aus den Grundstoffen entstanden ist, wobei geheimnis­volle Stoffe, die die Chemiker Katalysatoren nennen, eine bedeutende Rolle spielten. Gerade diese katalytischen Verfahren, bei denen aus ein­fachen Stoffen höchst interessante wichtige Rohstoffe erzeugt werden, sind heute erst recht ein hier besonders gepflegtes Gebiets Alle diese Ver­fahren, die unser rohstoffarmes Vaterland unabhängig vom Ausland machen, waren das Ergebnis langjähriger, mühfeliger, wissenschaftlicher Arbeit; der Vierjahresplan stellt den Chemiker hier vor immer neue und größere Aufgaben, die mit Eifer und Hingabe gelöst werden.

Wir sehen an einer Stelle, wie ein Chemiker sich bemüht, aus einer dicken Lösung Fäden zu verspinnen. .Es sollen daraus neue und bessere Faserstoffe für unsere Bekleidung werden; und wieder an einer anderen Steile zeigt man mir; roie man das Paraffin, aus dem man bislang nur Kerzen hergestellt hatte, heute zu einer ausgezeichneten Seife ver­arbeitet. Ein riesiges Arbeitsfeld hat sich für den Chemiker aufgetan, in den sogenannten Kunststoffen. Die eigentümlichsten Behälter fintiert wir in einem Raum ausgestellt; sie sind in dauernder auf- und niedergehender Bewegung und man erzählt mir, daß darin Flüssigkeiten sich zu festen Massen verdichten,die Moleküle reihen sich aneinander zu Ketten". Cs trittPolymerisation" ein. Vielfach läuft ans diesen Be­hältern eine Emulsion heraus, die wie Milch aussieht. Der Chemiker vermischt sie mit einer Säure und was wir in der Hand hasten, ist ein elastischer, gummiähnlicher Stoff. So wird der Buna hergestellt und viele andere neuartige Stoffe, die man zu Filmen, Griffen, Knöpfen, Radioapparaten, Wandbekleidungen, Bodenbelag verformen kann. Unge­ahnt ist auch die Weiterentwicklung, die einmal die Lackindustrie nehmen wird, wenn alle die Rohstoffe, Harze und Oele, die in Ludwigshafen an Stelle von Leinöl oder Kolophonium erfunden und geprüft werden, Eingang in die Technik gesunden haben werden. Dabei vernachlässigt man auch alte Gebiete keineswegs. Die Farbstoffe, denen ja die JG- Farbenintiustrie ihren Namen verdankt, werden immer mehr verbessert. Ludwigshafen ist ja die Geburtsftätte des weltbekannten Indanthrens. Die Indanthrenfarbstosfe gehen in alle Länder der Welt. Auch die Sor­timente dieser echtesten aller Farbstosse werden immer noch mehr er­gänzt und den Wünschen der wechselnden Mode angepaßt.

Lehrreich für mich war das liebenswürdige Privatissimum, das mir ein Abteilungsleiter in feinem durch hohe Glaswände abgeschlossenen Atbeitsraurn gab. Man versuchte mit bewunderungswürdiger Haltung nicht zu zeigen, roie man gestört wird in dieser kostbaren Vormittags- ftuntie. Auf meine Frage, was find denn das:Azofarbstoffe"?, wird mir ein Benzol ring mit allen möglichen Anhängseln geschickt und schnell auf ein Papier hingeworfen. Dem naiven Einwurf, des Faust- Sck;ülers:kann euch nicht eben ganz verstehen", wird mit einem nach­sichtigen Lächeln begegnet, und wenn ich nun die Deutung inmein

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In gleicher Weise roie für die Gerberei wird ein (aboratorium für Textilhilfsmittel, für Wasch-

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herabgesetzt wird, ohne daß die einzelnen Fasern dabei verkleben i die Regentropfen perlen von dem Stoff ab, während feine Lust! (äffigteit unverändert bleibt. Hier werden auch neue Stosse fii.i Schlichten und Glätten der Fäden zum Polieren und ßüftiereir Fäden und Kordeln geprüft; neue Mittel zur Enthärtung von Ä| die Trilone, werden untersucht.

Doch kehren wir zurück zum Forschungslaboratoll Der Chemiker hat also ein neues Produkt soweit gefördert, daß er « Laboratorium Herstellen kann, daß er seine Eigenschaften und feine » tische Bedeutung kennt. Damit steht er aber erst am Anfang einer und noch mühseligen Arbeit. Es gilt nun, den Soff im Großen Sai stellen. Dabei erlebt er nun häufig die tollsten Ueberraschungm

ist wohl durch alle erdenklichen Vorsichtsmaßregeln und Älarmvis tungen dafür gesorgt, daß man die Gefahr erkennt und gewarnt »- Entscheidend ist aber immer die Entschlußkraft des Meisters und beiter; von ihrer Geistesgegenwart hängt es oft ab, ob die Gejährt' ab gewendet werden kann.

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Besonders gilt dies für das Arbeiten mit Hochdruckgefäßen * vielseitigen katalytischen Prozessen, die hier bearbeitet werden. Gaia Wasserstoff, stehen unter Drucken von 200 und 300 Atmosphären. ® - der Wasserstoff an einer Stelle des Apparates austritt, bildet er. 1 wir das noch von der Schulbank her wissen, Knallgas. Da heW vorsichtig und geistesgegenwärtig sein. Man entschließt sich zum ® versuch erst bann, wenn die Vorversuche gründlichst vorbereitet Ms [ungen_ finb; dabei ist bas genaueste Kalkül wirtschaftlicher RentallR eine Selbstverständlichkeit, da es um hohe Summen verschliß i Werte geht.

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Gerbstoffen gegerbt sind. Die sauren Farbstoffe, die meist aus in weiten Gebiet der Azofarbstoffe kommen, finden ebenfalls immer io Verwendung für alle Portefeuille-Leder, wie auch für viele djrong« schau- und Bekleidungsleder. Wir sehen hier Hunderte von Ziegen in Schaffellen, die alle Monat hier zu Mustern verarbeitet werden 5 Lederindustrie tritt mit tausenderlei Wünschen und Anregungen mi Die einzeln hergestellten Muster müssen dann in ihren EigensÄch und im Farbton mit den Nuancen der eingesandten Farbenfkallu

stellt sich etwa heraus, daß er seinen sorgfältig bis ins Kleinste gearbeiteten Laboratoriumsversuch in kleinen Mengen zwar lack! t[ ausführen kann, so daß er selbst im Kilomaßstab klappt, aber ba * Herstellung von vielen Zentnern versagt mit einem Male der Propn »1 Man versetze sich in die Verantwortung eines leitenden Chemil«

der die Ausarbeitung zu überwachen hat. Allein könnte er diese N niemals bewältigen. Er muß sich vor allem auf die Ingenieure, du Apparate bauen und auf seine Mitarbeiter, auf seine Arbeiter, .5* ranten und den Meister verlassen können. Deren Erfahrung, Tülsts und Pflichtauffassung finti_bann in noch weit höherem Sinne al- nach der wirtschaftlichen Seite hin entscheidend. Manchmal geht solchen Prozessen selbst um das Geben aller in Betrieb Schassenden

geliebtes Deutsch" zu übertragen versuche, so entstehen die MjofatliJL aus organischen Radikalen (Benzol- oder Naphtalinabkönimtingey, 6k untereinander durch eine Brücke von zwei aneinander geschionW Stickstoffatomen verbunden sind. Für chemische Ohren soll diese ML lierung gerade eben noch erträglich klingen. Dem genau so mc orientierten Leser kann ich zurufen: Schmecksl, er wirds ja JE weiteres kapieren". Man kennt diese Azofarbstoffe feit langem. M auch für sie gilt es,~ neue Verwendungsgebiete zu erschließen. Ai Probleme gibt die Färberei der neuen Fasern aus Wolle uni , Zellwolle, wie sie meist im Gemisch gesponnen und verwebt werden, t! Neu", ist überhaupt das Kennwort für den Chemiker, und seien t Frage lautet immer,was gibt's Neues".

Man führt mich noch in ein Speziallaboratorium. Solche ergiiy vielfach die Arbeit des forschenden Chemikers, sie müssen für W i Anwendungsgebiete für die neuen Produkte erschließen. Das ßaburoi rium, in dem wir stehen, dient zur Bearbeitung von Leder « zur Gerbung, Zurichtung und Färberei des Leders. Hier werden ii neuen synthetischen Gerbstoffe, die uns von der Einfuhr der Quedrch Rinde frei machen, geprüft. Ihre Bedeutung nimmt immer mch j Jede Gerbart erfordert besondere Sortiments von Farbstoffen, Mi nicht gesagt fein soll, daß es nicht auch Farbstoffe gibt, die für m:,fn Gerbarten ebensogut verwendbar sind. Die alten basischen Facht« haben immer noch ihre Bedeutung für alle Leder, die mit pflar.,it

rungsmittet unterhalten. Bekannte Netzmittel sind die Nekale, um) I I i (ich Ramasit ist heute der bekannte Regenabstoßer geworden. Die Milli dieser Stoffe beruht darauf, daß die Saugfähigkeit der Gewebe: Ü

Vom Tisch des forschenden Gelehrten, durch Laboratoriumssäl" ihren unzähligen Kleinversuchen, bis zur Großversuchsanlage, wr. ein langer Weg. Ein beständiges Brausen, Zischen und Motoren« rnern war um mich. Als ich nach zwei Stunden wieder auf ein|! vielen Straßen der Fabrikstadt stand, wo hier und dort neue gebäube sich zum Himmel reckten, mußte ich sehr bescheiden W Ipw daß dieser Großversuch eines chemisch praktischen Seminars auf h,J, Gehirn verheerend gewirkt hatte. Man wird keinen Chemiker nw_ mir machen, aber eines war meinem Führer ganz geglückt: 34,*?.!; eine helle Begeisterung hineingeraten, über dieses unglaublich viest^ Wissen und Können, was sich mir in dieser chemischen Weltküche Jf barte. Da stand ich nun im Sonnenbrand und wischte mir die Sch, perlen von der , Stirn, und dann bot mir der freundliche Fühl^ . die liebenswürdigen Gastfreunde im behaglichen Kasino einen , Pfälzer Tropfen. Da wich der Bann von mir und ich meinte, Tropfen sogar verdient zu haben, nach all den geistigen ^imW- . . R dieses Morgens. ,1»,