aus Dorf Boiry-Notre-Dame, geht in Feuerstellung, ungedeckt, aus freiem Feld. Borne im Park von Monchy, der sich groß und düster, wenn auch durch Trommelfeuer schon stark gelichtet, im Norden der Ortschaft dehnt, liegen noch schwache deutsche Schützenlinien und Artilleriebeobachtungen. An den Dorfrändern von Monchy, in der Tiefe schlammerfüllter Trichter, kauern letzte feldgraue Postierungen. Sie haben den Auftrag, bei einem weiteren Vorstoß britischer Streitkräfte auf Monchy-les-Preux und darüber hinaus den Rückzug auf die deutschen Hauptlinien anzutreten. Vorläufig scheint es aber nördlich der Nalionalstrahe noch ruhig bleiben zu wollen.
Links, jenseits der Chaussee, haben die Bayern schon ihren Kampf mit den Stahlkolossen ausgenommen. Aber hier, bei Monchy und nördlich davon, liegen die britischen Angriffskolonnen noch untätig im verqualmten Trichterfeld. Die deutschen Maschinengewehre haben ihren ersten Ansturm abgefangen. Auf was warten die britischen Sturm- kolonnen?
Auf was?? Auf ihre Kavallerie!! Jetzt ist die Zeit abgelaufen, jetzt wird die Erde zittern und beben, jetzt nähern sich die unermüdlichen Uhrzeiger schon der achten Stunde und dreißig Minuten westeuropäischer Sommerzeit.
Die britischen Kavalleriemassen sind zusammengezogen. Jedes Regiment hat eine Schwadron als Schrittmacher vorausgeschickt. Dahinter, auf Sichtentfernung, so gut es das diesige Wetter erlaubt, stehen die andern Schwadronen, dicht zusammengezogen, in breiter Truppenkolonne, dreifach gestaffelt.
Noch einmal überblicken die Offiziere die prachtvolle Ordnung ihrer Schwadronen. Herrlich diese Menschen und diese Pferde! Jungenhafte Frische leuchtet auf den glattrasierten Gesichtern der Dragoner, Husaren und Leibgardisten. Nur die flachen Stahlhelme, die schief über den Stirnen sitzen, geben den gutgenährten, kampfesmutigen Menschen den soldatischen Umriß. Unruhig scharren die Pferde. Auch ihnen dauert dies alles nun schon viel zu lange.
Die Regimentskommandeure spähen aufmerksam nach vorne. Gleich muß das Signal zur Attacke durch die Luft funkeln und leuchten, eine grüne Rakete zum Ankündigen des Jnfanterievorstoßes gegen die deutsche Hauptlinie. Vereinzelt heulen deutsche Artilleriesalven über die Köpfe der aufgesessenen Kavallerie-Regimenter hinweg ins nahe Hinterland. Zufallsfeuer,das noch der Angriffstruppe gilt. Noch steht sie unsichtbar für die deutschen Schützen und Artilleriebeobachter, gedeckt hinter Anhöhen. Und nun steigt vorne die grüne Rakete, das Zeichen, daß die Masse der britischen Infanterie jetzt vorbricht. Der große Augenblick ist da. Es ist genau 8 Uhr 30 Minuten, die im Armeebefehl vorgesehene Zeit zur Kavallerie- Attacke.
„Line will attack !„
befehlen die Regimentskommandeure, zur Truppe gewendet.
„Angriff in Schlachtordnung!"
blasen die Stabstrompeter ihr helles aufreizendes Signal.
Noch dichter rücken die Schwadronen zusammen, bilden eine einzige, lückenlose kompakte Masse von Menschen und Pferdeleibern. Halblautes Raunen, Befehlen und Kommandogeben. Nervöse Unruhe hat die Pferde erfaßt. Sie scharren, sie wiehern, sie geben sich ungeduldig.
Das britische Trommelfeuer hat wieder mit voller Wucht brutal eingesetzt und überschüttet die deutschen Linien mit einem Orkan von Eisen, Stahl und Feuer, lieber den Pferdeköpfen und den flachen Stahlhelmen der Reiter ist die Luft erfüllt von Zischen und Gurgeln und Heulen der vorbeirauscheuden Salven.
„Säbel blank!"
schreien die Regimentskommandeure und heben die Klinge weithin sichtbar über die Köpfe der Reiter und Pferde.
„Säbel blank!"
blasen die Stabstrompeter herausfordernd in das Brüllen der Schlacht.
Tausende Säbel blitzen durch den fahlen Morgen, ein letztes Bild männlicher Kraft, ein letzter Funke ritterlicher Kampfromantik auf dem Felde der Materiakschlacht. Tausende Säbelklingen leuchten sekundenlang Über den Schwadronen.
„Trab! Terrr—a—a—b!“
Offiziere auf herrlichen Pferden voraus oder an ihrem vorgeschriebenen Platz, reiten die Regimenter zum Angriff. Ganz vorne der General mit seinem engeren Stab. Am rechten Flügel der ersten Schwadron vom 10. Husaren-Regiment „Prinee os Wales Own" reitet ein junger Leutnant aus einer Vollblutstute edelster Rasse. Der Reiter ist der Sohn des Earl of Portalington, Träger eines berühmten Namens. Nicht weit von ihm reitet Oberleutnant Earl of Airlie, Sohn eines uralten englischen Adelsgeschlechtes.
Wie eine einzige feste Masse von Willen und Stahl reiten die Regimenter dahin, zuerst noch gedeckt. Ihre vordersten, etwa 200 Meter vorausreitenden Schwadronen haben nach wenigen Minuten schon die Höhe der schützenden Bodenwelle erreicht. Und nun dehnt sich weithin gegen Osten und gegen Süden ein schier flaches Gelände, ans dessen Dunst, wie eine finstere Bedrohung, der Termitenhügel wächst, ein lockendes, weithin sichtbares Ziel. Von dort bis zur Wotanstellung, die es zu erreichen gilt, sind's noch etwa 10 Kilometer Ritt über tief verschneites Gelände, das man, zusammen mit den südlich operierenden Tanks, vom Feind rein fegen wird.
Ilm diese Minute sind die meisten Panzerwagen entweder schon außer Gefecht gesetzt oder befinden sich wieder auf dem Rückzug. Noch weiß die Kavallerie nicht, daß sie allein sein wird, ganz allein im weit und breiten Feld mit ihrem Mut und ihrer verzweifelten Tapferkeit.
„Charge! Cha—a—a—rge!"
befehlen die Regimentskommandeure und geben den Galopp an. Die Stabstrompeter nehmen den Befehl auf und blasen kurz und aufreizend das mitreißende Angrissssignal der britischen Kavallerie.
Tausende Reiter beugen sich vor über die Pferdehälse.
Tausende Sporenpaare ätzen die Flanken der aufgeregten Tiere, und wie gepeitscht schnellen die Pferde vor. Eng die Ordnung, Zügel an Zügel, galoppieren die Schwadronen.
Tie vordersten deutschen Schützenlinien fiib noch knapp 500 Meter
entfernt. Von dort bis zur deutschen Hauptlinie sind abermals 600 Meter zu durchreiten. Aber dort weiß man noch nichts vom nahenden Ungewitter. Nur überfeine kleine Entfernung reicht die Sicht. Richt etumal die Trom- peteusignäle der attackierenden Kavallerie hat man vernommen. So unerhört, so laut und mißtönend brüllt das Trommelfeuer.
Unter dem Stampfen der Hufe bebt die Erde. Aber das Einwuchten der Minen und schweren Granaten schüttert noch rücksichtsloser. Jetzt haben die vordersten Schwadronen die Sichtweite der deutschen Schützenschleier erreicht.
„Geradeaus--anreitende Kavallerie--anreitende Kavallerie
--Kavallerie — rie---alle--rie!"
Einer ruft's, brüllt's, schreit's den andern zu. Vorbei die ohnmächtige Müdigkeit, vorbei Hunger, Durst und jedes Empfinden überhaupt.
„Ka— balle — rie!“
Der klassische, auf dem Kasernenhof tausendmal geübte und bisher nie eingetroffene Angriff ist da.
„Geradeaus — anreitende Kavallerie!“
Blitzschnell gleiten die suchenden Finger der Musketiere ans Gewehrvisier. Ganz mechanisch stellen sie die für Kavallerie vorgesehene Entfernung von 700 Metern ein, legen an, schießen, Signalraketen zischen hoch, rot und grün, und bann ---?
Dann sinb bie britischen Schwabronen Über ben schwachen beutschen Schützenlinien, reiten batüber hinweg.
Niedergestampft, niedergetrampelt, zerrieben, in das Trichterfeld getreten, die paar deutschen Musketiere, ehe sie ein zweites Mal den Fünfer- rahmeu Spitzgeschosse in die Gewehrkammer schieben können. Tausende Hufe galoppieren in einen Nebel von Atemfahnen, Geschoßqualm, emporgewirbelten Schneeslatschen und wegspritzendem Morast.
„Geradeaus anreitende Ka — val — le — rie!“
Es schreien jetzt die deutschen Artilleriebeobachter und brüllen es durch die Fernsprecher nach hinten.
Beiderseits Monchy-les-Preux liegen sie auf der Lauer und sind wegen des undurchdringlichen Wetters so weit vorgeschoben.
„Anreitende Ka--val--le — rie!" heißt es bei den Geschütz
stellungen westlich von Boiry-Notre-Dame.
Sekunden später heulen die Schrapnells hinaus, riegeln das Gelände ab. lieber dem weiten Feld tanzen die grünlichen Wölkchen. Die 10. Husaren und das Leibregiment Essex vollsühren eine kleine Frontverschiebung, drängen hart zusammen, reiten nun pfeilgerade auf Monchy zu, bringen ein, genau wie es ber Befehl bes Brigabegenerals Bulkeley-Johuson vorgesehen hat.
Der Brigabeführer reitet immer noch an ber Spitze ber beiben Regimenter, umgeben von seinem Stabe. Er spürt eine unbänbige Lust, jetzt burch bieses gefährliche Monchy zu reiten mit seinen Husaren unb (einen Leibgardisten, und über Trümmer und Mauerreste hinwegzusetzen, um als erster in den Feind zu preschen. Da fährt ihm ein harter Gegenstand an die Brust. Kurzer, stechender Schmerz. Gleichzeitig strauchelt das Pferd — —
„Nicht unter das Tier zu liegen kommen!" denkt der General. Wird wohl ein Stein oder sonst was gewesen sein, durch Hufe emporgewirbelt, — dieser Stoß vor die Brust. Das Pferd des Generals macht noch einige Galoppsätze, überschlägt sich bann, wirft ben Reiter ab, ber sich geschickt in einen Trichter fallen läßt, sich bort budt unb tarnt. Und bann ist ber stechenbe Schmerz wieber ba — — —
Unb nun reiten bie zwei Regimenter bonnernb vorüber unb ber sterbende General sieht das Blitzen der Hufe über sich wie ein Ungewitter und hört ihr Donnern und ihr wirbelndes Niederwuchten im schlammerfüllten Trichterfeld — die letzte Begleitmusik seines Heldentodes--Niemand,
keiner der Reiter hat den General liegen sehen, sterbend, mit wohlgezieltem Brustschuß. Eng zusammengedrängt donnert die Kavallerieattacke weiter ihrem Ziel entgegen.
Die deutschen Batterieführer bei Boiry schießen Schnellfeuer. Ihre vorgeschobenen Beobachter im Dorf von Monchy melden sich nicht mehr. Und auch die andern an der Südseite schweigen. Sie alle werden nie wieder eine Meldung durchgeben, denn sie liegen zerstampft, überritten unb vernichtet im Trichterfelb. Unb bie Kavallerie prescht weiter als dichtgeschlossene, wuchtige Masse, als eherner Keil, der sich nun anschickt, die deutsche Ber- teidigungssront zu durchstoßen.
Geradeaus anreitende Kavallerie! Kavallerie —! Sa — val — Ic — riiiie 1 Kavallerie----! gellt der Alarm. Aus ben halberbrückten Unter»
stäuben strömen bie Feldgrauen. Aus den Trichtern erheben sich die Schützen. Verwundete, schon fertig zum Gang nach hinten ins Feldlazarett, entwaffnet und ohne Koppel, packen das nächstliegende Gewehr.
„Kavalleriiiiiie----!“
Das ist ja---unmöglich--nein, das ist eine vollkommene
Frechheit.
Jetzt noch knapp 200 Meier die vordersten Schwadronen. Und ba rattern bie Maschinengewehre. Die Spitzgeschosse peitschen und zischen ihre todbringende Bahn. Und jetzt greifen die Gewehre ins Gefecht ein. Das fileinfeuer mahlt unb knistert auf breiter Frontlinie. Ein Hagel von Spihgeschossen splittert ben tapferen Schwabronen ins Gesicht. Mißlungen jetzt schon der Angriff, die letzte große Reiterattacke auf dem Kriegsschauplatz der Materialschlachten. Und dennoch: keine Sekunde stutzen bie Schwadronen. Sie haben die Unmöglichkeit eines Durchbruches erkannt, unb beshald vollführen ihre gelichteten Reihen eine Rechtsschwenkung, reiten ab gegen Süden auf die Nationalstraße zu. Dort müssen doch die Tanks operieren, dort muß es doch noch gelingen, durchzukommen. Es muß — —!
Die Pferde keuchen. Dieser Galopp über das unebene Trichterfeld ist furchtbar. Mit hartem Flupp wühlen sich die deutschen Spitzgeschosse in Reiter und Pferde. Krachend stürzen ganze Reihen, werden von nachreitenden Abteilungen übersprungen. Hier und da wälzen sich Menschen und Pferde in Knäueln. Viele Tiere, nur leicht verwundet, galoppieren irrsinnig vor Angst immer geradeaus über die deutschen Linien hinweg, werden später hinten bei der Artillerie abgefangen. Andere rasen siunlo- bin und her, schleifen ihre getroffenen Reiter nach, kopfunter im Steigbügel hängend.
(Fortsetzung folgt.)


