SietzenerZamilieiibliitter
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Jahrgang 1939
Zreitag, den H- Juli
Nummer 55
Sine Armee meutert
SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917
Lin Bericht von p. S.Lttighoffee
Copyright b y Bertelsmann Gütersloh
8. Fortsetzung
Die Mannschaften des britischen Kavallerie-Korps wissen am Abend des 10. April noch nichts vom beabsichtigten Vorstoß. Sie Hausen in den halbzerstörten Dörfern, außerhalb der Reichweite leichter und mittlerer deutscher Geschütze. Sie ahnen nur, daß etwas Großes bevorsteht Es liegt etwas in der Luft, und das Gerücht non einem baldigen Vorstoß mit bedeutenden Kavalleriekräften hält sich hartnäckig. Die Reiter sind in bester Stimmung. Ausbeutung des Jnfanteriedurchbruchs, Verfolgung des geschlagenen Gegners, welch eine Aufgabe! Hier muß doch jedes Reiterherz höher schlagen!
Nach dec Wucht des brüllenden Trommelfeuers wird man drüben beim Feind kaum noch auf ernsten Widerstand treffen. Man wird in die Ebene Artois hinausretten, die flüchtenden Deutschen vor sich her treibend, und rückwärtige Truppenunterkünfte überrennen, man wird Sieg und Tod auf der Säbelspitze weit ins Hinterland tragen.
Um 22 Uhr schläft man schon in den Alarmquartieren. Draußen it^ den Scheunen stehen die Pferde. Die Angriffsmasse ruht. An der nahen Front aber tobt die vorbereitende Artillerieschlacht ungebrochen. Um 2 Uhr, in der Frühe des 11. April, werden die Kavallerie-Regimenter alarmiert. Zwei Stunden später sind sie angetreten, die Mannschaften verpflegt, die Pferde gefüttert und getränkt, die Patronentaschen gefüllt mit Munition. Jetzt erscheinen die Regimentskommandeure, geben die taktische Lage und das Ziel des Tages bekannt. Kurze, knappe Sätze nur sind's. Am Schluß der klassische Hinweis, der ehedem Nelsons Streitkräfte zu letzter Kraftentfaltung beflügelt und seither durch seine männliche und eherne Schlichtheit hohe Gültigkeit behalten hat.
Messerscharf schneidet die Stimme der Kommandeurs durch die eiskalte Nacht:
„England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut!"
Drei Hurrarufe auf Seine Britische Majestät, und dann setzen sich die Regimenter in Bewegung. Die Schwadronen werden auseinandergezogen und einzeln nach vorne geführt. Gedeckt im Dunkel der frühesten Morgenstunden dieses 11. April rücken die Regimenter in ihre Ausgangsstellungen. Die hügelreiche, verschneite Gegend bietet den Schwadronen gedeckten Anritt. Sorgsam hat man früher schon Schluchten, Talsenken und Hohlwege erkundet und Geländestreifen in Feuert ee der deutschen Abwehrbatterien ausgesucht. Hier sollen die britischen Regimenter warten. Von hier aus sollen sie zur Attacke gegen die deutschen Linien vorbrechen.
Etwa zwei- bis dreitausend Meter hinter der eigenen Sturminfanterie stehen angriffsbereit die britischen Kavallerie-Regimenter. Die Stunden rinnen langsam. Eine strahlende Sonne hebt sich aus dem Osten, leuchtet minutenlang vdas Schneefeld ab, wird aber bald überwischt von dunklem Gewölk. Langsam fallen wieder die weihen Flocken. Mit jeder Viertelstunde wird der Schneetanz dichter und heftiger. Ein geradezu ausgezeichnetes Angriffswetter für größere Kavalleriemassen. Die Schneewehen peitschen schräg daher in dem auffrischenden Nord- westwmd. Auf weniger als 10 Meter ist die Sicht abgeschnitten durch eine Wand von bewegten weihen Strichen.
Im Schutze dieses Schneeschleiers wird man gleich vorbrechen und überraschend, ohne entdeckt zu werden, die deutschen Linien erreichen. Mit einer festen und im Boden verankerten deutschen Infanterie rechnet eigentlich niemand mehr, nur noch mit starken Nachhuten, die es zu überreifen gilt. Man wird dahinter, nach diesem Trommelfeuer, das die Seele im Leibe erschüttert, drüben nur noch Tote oder nur noch Menschen auf der Flucht finden.
Mit satanischer Wucht schlägt das Vernichtungsfeuer in die deutschen Pinien oder in die Geländestreifen, die »och etwa von deutschen Truppen besetzt sein könnten. Die Reiter sind abgesessen, stehen in kleinen Grup- Pen umher und finden, daß die Zeit nicht vergehen will. Sie stampfen unb zertrampeln den matschigen Schnee, um ihren Füßen Bewegung 3u verschaffen. Zäh letzt sich das Geriesel in die Falten der Mäntel und Uniformen, bedeckt die Flanken der Pferde und die glattgewetzten Sättel.
Unruhig scharren die Reittiere. Das Heulen and Zischen der Granaten stört sie. Manchmal rauscht eine Salve deutscher Granaten ganz oicht und ganz niedrig über die Schwadronen hinweg und wühlt sich in
den jenseitigen Abhang. Die Reiter bücken sich. Einige Pferde scheuen und müssen durch Klopfen und Worte beruhigt werden.
Nach vorne hin, zur angriffsbereiten Infanterie, haben die einzelnen Regimenter Verbindungsposten geschickt. Dicht hinter der Infanterie wird die Reitermasse losbrechen und den Stoß der Fußtruppen ausbeuten.
Die Kavallerieoffiziere schreiten langsam in kleinen Gruppen auf und ab. Sie vermeiden es, jetzt noch ihre Mannschaften an die kommenden Dinge zu erinnern, ihnen vielleicht gor Ermahnungen zu geben. Kein Reiter braucht jetzt noch irgendwelche aufmunternde Worte. Ein fairer, sauberer und männlicher Kampf steht bevor, der höchste Einsatz, den ein Mensch je geben kann, für die beste Sache der Welt — der Einsatz des Lebens für das Vaterland —!
Diese Offiziere der feudalen britischen Kavallerie-Regimenter haben chre gute Lebensschule hinter sich. Sie wissen es, man spricht nicht von Pflicht, wenn man im Begriff steht, sie zu erfüllen. Man erwähnt unter keinen Umständen den Tod, wenn man gleich in die Hölle der Materialschlacht reiten wird. Man raucht Zigaretten, man erzählt von Urlaub, von neuesten Ereignissen und Begebenheiten in der Londoner Gesellschaft, vom Leben im Klubhaus, das man so lange nicht betreten konnte, von Jugendeseleien und herrlichen Dummheiten, die man als Etönschüter ausgeheckt und ausgeführt hat. Davon erzählt man und lacht schallend dazu. Man benimmt sich als Gentleman, auch hier im Trichterfeld um Arras, auch jetzt, wenige Minuten vor der Reiterattacke, von der vielleicht nur der zehnte Mann wiederkehren fall.
Achtung, jetzt erscheint der Brigadekommandeur General Bulkeley- Johnson mit seinem Stab. Er wird mit gegen den Feind reiten, an der Spitze der Regimenter.
Und nun ist die Zeit abgelaufen — — —
Das Trommelfeuer hat seine fürchterlichste Wucht erreicht. Unmöglich, diese Hölle noch zu steigern. Das zischt und mahlt und johlt. Das schiittert in der Brust, das bebt unter den Fußsohlen, wenn die schwersten Einschläge Luft und Erde weithin .erzittern lassen. Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Auf Befehl des Generals Bulkeley-Johnfon blasen jetzt die Stabstrompeter zum Sammeln. Cs ist nicht viel zu sammeln. Die Reiter sind blitzschnell bei ihren Tieren. Endlich geht es los, endlich!
„Gurte anziehen!" befehlen die Offiziere. Und dann:
„Alles festgezurrt!"
Jeder Reiter faßt an den breiten Gurt, der um des Pferdes Leib reicht und den Sattel festhält, wartet dann, bis das Tier ausatmet und sich nicht mehr bläht, um alles anzuziehen, festzuschnallen mit zwei, drei geübten Handgriffen. Packtaschen werden nachgeprüft, zurechtge- rllckt. Alles ist in Ordnung. Alles ist erzbereit.
„Aufgesessen!"
blasen die Stabstrompeter, auf einen Wink der Regimentskommandeure.
„Aufgesessen!"
befehlen die Offiziere.
Das Schneegestöber hat nachgelassen. Diesig, fast still steht die qualmerfüllte Lust. Vorne, wo die britische Infanterie in diesem Augenblick tiefgestaffelt gegen die deutschen Linien zwischen Waneourt und Roeur, in mehr als 10 Kilometer Frontbreite, vorstößt, zischen rote und grüne Signalraketen empor, rufen ihren Alarm weit ins Hinterland, zeigen der Artillerie den jeweiligen Fortschritt der Stoßtruppen an.
Auf der Nationalstraße Arras—Cambrai rattern britische Tanks in die Schlacht, bereit, die mürbe geschossenen Linien der bayerischen Bataillone zu Überstampfen. Aber die Bayern sind gleichfalls bereit und nehmen sich mit Wut der Stohlkolosse an. Hier können Maschinengewehre ‘nur wenig ausrichten, das steht fest. Aber gegen das sture Äa- terial wird der Mensch kämpfen. Monn gegen Tank!
Und so springen die Bayern überraschend vor den daherratternden Kampfwagen aus verschlammten Trichtern, werfen bereitgehaltene geballte Ladungen unter die Schuppenräder, erklettern die stählernen Ungetüme, liegen dort und stopfen Handgranate um Handgranate durch schmale Schlitze ins Innere. Bayerisches Draufgängertum hat hier ein dankbares Ziel gefunden.
Und währenddessen rast auch deutsche Artillerie in die Schlacht. Einwandfrei hat man die britischen Angriffsabsichten auf Monchy-les- Preux erkannt. Im Laufe der verflossenen Nacht haben schwere feindliche Granaten den Marktflecken zusammengehämmert, seine Häuser in Schutt gelegt, seine Mauern zermalmt, seine Straße aufgewühlt. Die Aufgabe des Dorfes lag schon seit dem Vortage im Plan der deutschen Gefechtsleitung. Und so haben sich nun am Morgen des 11. April die Feldgrauen etwa 600 Meter östlich auf die Lauer gelegt, mit dem weithin sichtbaren Termitenhügel als Angel- und Stützpunkt.
Weitere 2 bis 3 Kilometer zurück prescht nun Feldartillerie daher,


