müsse. Plötzlich aber, wie von abergläubischer Furcht erfaßt, warf er die Blumen den Briesen nach.
Ein Aufflackern noch und nun war alles vorbei, verglommen.
„Ob ich nun frei bin? ... Will ich's denn? Ich will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden."
Dreiundzwanzig st es Kapitel.
Botho sah in die Asche. „Wie wenig und wie viel." Und dann schob er den eleganten Kaminschirm wieder vor, in dessen Mitte sich die Nachbildung einer pompejanischen Wandsigur befand. Hundertmal war sein Auge darüber hinweg geglitten, ohne zu beachten, was es eigentlich sei, heute sah er es und sagte: „Minerva mit Schild und Speer. Aber Speer bei Fuß. Vielleicht bedeutet es Ruhe ... Wär' es so." Und dann stand er auf, schloß das um seinen besten Schatz ärmer gewordene Geheimfach und ging wieder nach vorn.
Unterwegs, auf dem ebenso schmalen wie langen Korridore, traf er Köchin und Hausmädchen, die diesen Augenblick erst von einem Tiergartenspaziergange zurückkamen. Als er beide verlegen und ängstlich dastehen sah, überkam ihn ein menschlich Rühren, aber er bezwang sich und rief sich zu, wenn auch freilich mit einem Anfluge von Ironie, „daß endlich einmal ein Exempel statuiert werden müsse". So begann er denn, so gut er konnte, die Rolle des donnernden Zeus zu spielen. Wo sie nur gesteckt hätten? Ob das Ordnung und gute Sitte sei? Er habe nicht Lust, der gnädigen Frau, wenn sie zurückkomme (vielleicht heute schon), einen aus Rand und Band gegangenen Hausstand zu überliefern. Und der Bursche? „Nun, ich will nichts wissen, nichts hören, am wenigsten Entschuldigungen." Und als dies heraus war, ging er weiter und lächelte, zumeist über sich selbst. „Wie leicht ist doch predigen und wie schwer ist danach handeln und tun. Armer Kanzelheld ich! Bin ich nicht selbst aus Rand und Band? Bin ich nicht selber aus Ordnung und guter Sitte? Daß es war, das möchte gehn, aber daß es noch ist, das ist das Schlimme."
Dabei nahm er wieder seinen Platz auf dem Balkon und klingelte. Jetzt kam auch der Bursche, fast noch ängstlicher und verlegener als die Mädchen, aber es hatte keine Not mehr, das Wetter war vorüber. „Sage der Köchin, daß ich etwas essen will. Nun, warum stehst du noch? Ah, ich sehe schon (und er lachte), nichts im Hause. Trifft sich alles vorzüglich ... Also Tee; bringe mir Tee, der wird doch wohl da sein. Und laß ein paar Schnitten machen; alle Wetter, ich habe Hunger ... Und sind die Abendzeitungen schon da?"
„Zu Beseh!, Herr Rittmeister."
Nicht lange, so wgt der Teetisch draußen auf dem Balkon serviert, und selbst ein Imbiß hatte sich gefunden. Botho saß, zurückgelehnt in dem Schaukelstuhl, und starrte nachdenklich in die kleine blaue Flamme. Dann nahm er zunächst den Moniteur seiner kleinen Frau, das „Fremdenblatt", und erst in weiterer Folge die „Kreuzzeitung" zur Hand und sah auf die letzte Seite. „Gott, wie wird Käthe sich freuen, diese letzte Seite jeden Tag wieder frisch an der Quelle studieren zu können, will sagen zwölf Stunden früher als in Schlangenbad. Und hat sie nicht recht? .Unsre heut vollzogene eheliche Verbindung beehren sich anzuzeigen Adalbert von Lichterloh, Regierungsreferendar und Leutnant der Reserve, Hildegard von Lichterloh, geb. Holtze'. Wundervoll. Und wahrhaftig, so zu sehn, wie sich's weiterlebt und liebt in der Welt, ist eigentlich das Beste. Hochzeit und Kindtausen! Und ein paar Todesfälle dazwischen. Nun, die braucht man ja nicht zu lesen, Käthe tut es nicht, und ich tu es auch nicht, und bloß wenn die Vandalen mal einen ihrer .alten Herren' verloren haben und ich das Korpszeichen inmitten der Trauer-Annonce sehe, das les' ich, das erheitert mich, und ist mir immer, als ob der alte Korpskämpe zu Hofbräu nach Walhalla geladen wäre. Spatenbräu paßt eigentlich noch besser."
Er legte das Blatt wieder beiseite, weil es klingelte ... „Sollte sie wirklich ..Nein, es war nichts, bloß eine vom Wirt herausgeschickte Suppenliste, darauf erst fünfzig Pfennig gezeichnet standen. Aber der ganzen Abend über blieb er trotzdem in Aufregung, weil ihm beständig die Möglichkeit einer Ueberraschung vorschwebte, und sooft er eine Droschke mit einem Koffer vorn und einem Damenreisehut dahinter in die Land- grasenstraße einbiegen sah, ries er sich zu: „Das ist sie; sie liebt dergleichen, und ich höre sie schon sagen: ich dacht es mir so komisch, Botho."
Küthe war nicht gekommen. Statt ihrer kam am anderen Morgen ein Brief, worin sie ihre Rückkehr für den dritten Tag anmeldete. „Sie werde wieder mit Frau Salinger reifen, die doch, alles in allem, eine sehr nette Frau sei, mit viel guter Laune, viel Chic und Reisekomfort."
Botho legte den Brief aus der Hand und freute sich momentan ganz ausrichtig, seine schöne junge Frau binnen drei Tagen wiederzusehen. „Unser Herz hat Platz für allerlei Widersprüche ... Sie dalbert, nun ja, aber eine dalbrige junge Frau ist immer noch besser als.keine."
Danach rief er die Leute zusammen und ließ sie wissen, daß die gnädige Frau in drei Tagen wieder da sein werde; sie sollten alles instandsetzen und die Schlösser putzen. Und kein Fliegenfleck auf dem großen Spiegel.
Als er so Vorkehrungen getroffen, ging er zum Dienst in die Kaserne. „Wenn wer fragt, ich bin von fünf an wieder zu Haus."
Sein Programm für die zwischenliegende Zeit ging dahin, daß er bis Mittag auf dem Eskadronhofe bleiben, dann ein paar Stunden reiten und nach dem Ritt im Klub essen wollte. Wenn er niemand anders dort traf, fo traf er doch Balafrü, was gleichbedeutend war mit Whist en deux und einer Fülle von Hofgeschichten, wahren und unwahren. Denn Balafrö, so zuverlässig er war, legte doch grundsätzlich eine Stunde des Tages für Humbug und Aufschneidereien an. Ja, diese Beschäftigung stand ihm, nach Art eines geistigen Sports, unter feinen Vergnügungen obenan.
(Fortsetzung folgt.)
Glück der Landschaft.
Von Rudolf Lift.
Träumst du, fo träume vom Glück, Sieh in die Landschaft zurück: Tal, das im Märzwind noch schweigt Antlitz, dem Winter geneigt.
Gehst du im Mai vor das Haus, Schaust nach den Bergen du aus;
Ueber dem glasklaren See Blühn deine Gipfel im Schnde.
Blühn deine Blumen im Kar, Wanderst du tiefer ins Jahr.
Wanderst du höher ins Licht: Welt, du mein Angesicht.
Schlummerst du herbftfonnenwann Lockerem Heidkraut im Arm, Decken die Wolken dich zu: Himmelsnah felige Ruh.
Himmelsnah seliges Sein, Lächelt der Winter dich ein, Rieselt der Sturm durchs Gebälk, Wird dir das Herz nicht welk.
Träumst du, so träume vom Glück, Sieh in die Landschaft zurück: Tal, das im Märzwind noch schweigt, Antlitz dem Winter geneigt
Heimweg.
Erzählung von Hans Watzlik.
Der deutschböhmische Dichter Hans Watzlik wurde vol kurzem mit dem Eichendorfs-Preise ausgezeichnet.
Aus dem Runddorf, wo er die fremde Sprache lernen sollte, sehnte er sich in die freie Hochöde feines Bergdorfes zurück, sehnt« er sich mit aller Kraft, die feine kleine Seele zu entfalten vermochte, über den Schöninger hinüber, dessen wuchtiger Bergrücken ihm die Heimat verdeckte. Und als er sah, wie der Vorwinter blanken Schneeglanz auf den Kamm des Schöningers legte, da haßte er den Kot und den grauen Regen, darin das Dorf der Ebene stak, da fchwoll in ihm das leiden; fchaftliche Verlangen nach dem tiefverfchneiten Wald, nach der herben Reinheit des Gebirgswinters, nach den verlorenen Bauernhütten, um die der Schnee wirbelnd die weißen Wälle baute.
Da stürzte eines Abends das unverhüllte Heimweh wie ein Habicht auf ihn los, mit betäubendem Schwingenschlag, mit offenen Fängen. Der BiMjhote hatte dem Knaben eine Karte überbracht; darauf stand gefchrie^,: „Sieber Freund! Morgen gehen wir den Wolf ablaffen. Es schneit bei uns schon seit dem Mittwoch. Einen Gruß von mir. Dein treuer Freund Johann."
Das war zum erstenmal in feinem Leben, daß er es mit der Poft au tun hatte. Die Karte fiel ihm aus den zitternden Fingern in den Kot des Dorfplatzes. Hastig hob er sie auf und las das beschmutzte Blatt wieder und wieder. , v
Ach, über den Schöninger herüber kam es wie der süße Rus eines Märchenhornes, lockte die Heimat geheimnisvoll und unwiderstehlich. Und feine braunen Augenbrünnlein füllten sich bis zum Ueberrinnen, als er an den alten Brauch, an das „Wulfenablassen" dachte. Das stammte noch aus Zeiten, wo man den hungernden Wolf verscheuchen mußte, den der Winter in die Dörfer des Waldes getrieben hatte. Und wenn abends die Dorfbuben in luftiger Vermummung lärmend und blasend von Gehöft zu Gehöft ziehen, da wird einer in der Fremde sich traurig abfeits schleichen ...
Heimlich ging er über den Hof zum Scheunentor hinaus und rannt« quer über die leeren Aecker davon. Die nassen, klebrigen Schollen hafteten sich an feine Schuhe und machten sie gleich schwer, aber sie konnten den Fuß nicht halten. Nur fort von hier, wo die Worte und die Glocken anders klangen, wo der Himmel keinen Schnee hatte für das traurige Land!
Mit gehobener Brust ließ er, als das erste deutsche Dorf erreicht war, die deutsche Lust in feine Lungen fliehen, und die deutfchen Worte, die sich die Leute auf den Straßen zuriefen, schienen ihm kostbare Geschenke zu fein nach langer Entbehrung.
Das Landschastsbild hatte' sich geändert: Der Schöninger war etwas zur Seite gewichen und im Westen stiegen neue, fchneeleuchtende Höhen auf: die Heimat. Da streckte der Flüchtling die beiden Arme aus; da rief er die Namen der vertrauten Berge. Die aber standen teilnahmslos und groß, und über ihrem Kamm hing, einer Drohung gleich, der Rand einer grauen Wolke.
In gedankenloser Glückseligkeit trabte der Knabe weiter. Bald war die Stadt erreicht. Sie schien ihm furchtbar groß und verwirrte ihn; scheu wie ein Wild ging er durch die Gäßlein und über die Brücken, wo die Heiligen standen. Ein krummes Weiblein, das er zu fragen wagte, wies ihm die Straße.
Später Nachmittag war es, der Boden gefror, dem Buben aber war in feinem groben Röcklein nicht kalt. Je näher die Berge rückten, desto höher glühten ihm die Wangen. Aber die Wolke im Westen wurde immer grauer und gewaltiger; wie die feierliche Küste eines Wunderlandes rückte sie langsam dem Wanderer entgegen.
Der durcheilte den letzten Marktflecken. Beim Hirfchenwirt hauen sie schon Licht, und der wachsende Mond stand über der uralten Magdo- lenenkirche. Ein Landauer rollte vorüber, und der Müde hängte stch hinten an, um sich ziehen zu lassen. Da pfiff des Fuhrmanns Geißel


