Gießener ZamilieiMtter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________
Jahrgang M» Srettag, den U>. April NummcrR
Ortungen Wiirrungen
Roman Son Theodor Montane
13. Fortsetzung.
Vor dem lebten Hause standen umherziehende Spielleute, Horn und Harfe, dem Anscheine nach Mann und Frau. Die Frau sang auch, aber der Wind, der hier ziemlich scharf ging, trieb alles hügelan, und erst als Botho zehn Schritt und mehr an dem armen Musikantenpaare vorüber war, war er in der Lage, Text und Melodie zu hören. Es war dasselbe Lied, das sie damals auf dem Milmersdorfer Spaziergange so heiter und so glücklich gesungen hatten, und er erhob sich und blickte, wie wenn es ihm nachgerufen würde, nach dem Musikantenpaare zurück. Die standen abgekehrt und sahen nichts; ein hübsches Dienstmädchen aber, das an der Giebelfeite des Hauies mit Fensterplltzen beschäftigt war und den um- und rückschauhaltenden Blick des iungen Offiziers sich zuschreiben mochte, schwenkte luftig von ihrem Fensterbrett her den Lederlappen und fiel übermütig mit ein: „Ich denke dran, ich danke dir mein Leben, doch du -Soldat, Soldat, denkst du daran?"
Botho, die Stirn in die Hand drückend, warf sich in die Droschke zuruck und ein Gefühl, unendlich süß und unendlich schmerzlich, ergriff ihn. Aber freilich das Schmerzliche wog vor und fiel erst ab von ihm, als die Stadt hinter ihm lag und fern am Horizont im blauen Mittagsdämmer die Müggel- berge sichtbar wurden.
Endlich hielten sie vor dem neuen Jakobikirchhof.
„Soll ich warten?" .
„Ja. Aber nicht hier. Unten beim Rollkrug. Und wenn Sie die Mufi- kantenleute noch treffen... hier, das ist für die arme Frau."
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Botho hatte sich der Führung eines gleich am KirchhofseiiMnge beschäftigten Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden: Efeuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtops stand dazwischen und an einem Eisenständerchen hing bereits ein Jmmortellen- kranz. „Ah, Lene", sagte Botho vor sich hin. „Immer dieselbe... Ich komme zu spät." Und dann wandt er sich zu dem neben ihm stehenden Alten und sagte: „War wohl bloß ne kleine Leiche?"
„Ja, klein war sie man."
„Drei oder vier?"
„Justement vier. Und versteht sich unser alter Suppcrndent. Er sprach bloß's Gebet, und die große mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so vierzig oder drumrum, die blieb in einem Weinen. Und auch ne Jungsche war mit dabei. Die kommt jetzt alle Woche mal und den letzten Sonntag hat sie den Geranium gebracht. Und will auch noch'n Stein haben, wie sie jetzt Mode sind: grünpvliert mit Namen und Datum drauf."
Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen Geschästspolitesse wieder zurück, während Botho seinen Jmmortellenkranz an den schon vorher von Lene gebrachten anhing, den aus Immergrün und weißen Rosen aber um den Geraniumtops herumlegte. Dann ging er, nachdem er noch eine Weile das schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte, wieder auf den Kirchhofsausgang zu. Der Alte, der hier inzwischen seine Spalierarbeit wieder ausgenommen, sah ihm, die Mütze ziehend, nach und beschäftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, über dessen Vornehmheit ihm, seinem letzten Händedruck nach, kein Zweifel war, wohl an das Grab der alten Frau geführt haben könne. „Da muß so was sein. Und hat die Droschke mcht warten lassen." Aber er kam zu keinem Abschluß, und um sich wenigstens auch seinerseits so dankbar wie möglich zu zeigen, nahm er eine der in serner Nähe stehenden Gießkannen und ging erst auf den kleinen eisernen Brunnen und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand etwas trocken gewordenen Efeu zu bewässern.
Botho war mittlerweile bis an die dicht am Rollkrug haltende Droschke zurückgegangen, stieg hier ein und hielt eine Stunde später wieder rn der Landgrafenstraße. Der Kutscher sprang dienstfertig ab und öffnete den Schlag.
„Da", sagte Botho ... „Und dies extra. War ja ne halbe Landpartie...
„Na, man kann's aiich woll vor ne ganze nehmen."
„Ich verstehe", lachte Rienäcker. „Da muß ich wohl noch zulegen? „Schaden wird's nich ... Danke schön, Herr Baron." .
m »Aber nun futtert mir auch beit Schimmel besser raus. Js ja ern Jam-
Und er grüßte und stieg die Treppe hinauf.
Oben in seiner Wohnung war alles still, selbst die Dienstboten fort, üveil sie wußten, daß er um diese Zeit immer im Klub war. Wenigstens leit feinen Strohwitwertagen. „Unzuverlässiges Volk", brummte er vor
sich hin und schien ärgerlich. Trotzdem war es ihm lieb, allem zu sein. Er wollte niemand sehn und setzte sich draußen auf den Balkon, um so vor sich hin zu träumen. Aber es war stickig unter der herabgelassenen Marqmse, dran zum Ueberfluß auch noch lange blauiveiße Fransen hingen, und so stand er wieder auf, um die große Leinwand in die Höh zu ziehn. Das half. Die fich nun einstellende frische Luftströmung tat ihm wohl, und aufatmend und bis an die Brüstung vortretend, sah er über Feld und Wald hin bis auf die Charlottenburger Schloßkuppel, deren malachitfarbne Kupferbekleidung im Glanz der Nachmittagsfonne schimmerte.
„Dahinter liegt Spandau", sprach er vor sich hin. „Und hinter Spandau zieht sich ein Bahndamm und ein Schienengeleise, das bis an den Rhein läuft. Und auf dem Geleise seh ich einen Zug, viele Wagen, und in einem der Wagen sitzt Käthe. Wie sie wohl aussehen mag? O gut; gewiß. Und wovon sie wohl sprechen mag? Nun, ich denke mir von allerlei: pikante Badegeichichten und vielleicht auch von Frau Salingers Toiletten, und daß es in Berlin doch eigentlich am besten sei. Und muß ich mich nicht freuen, daß sie wiederkommt? Eine so hübsche Frau, so jung, so glücklich, so heiter. Und ich freue mich auch. Aber heute darf sie nicht kommen. Um Gottes willen nicht. Und doch ist es ihr zuzutrauen. Sie hat seit drei Tagen mcht geschrieben und steht noch ganz aus dem Standpunkt der Ueberraschnngen.'
Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder und längst Zurückliegendes trat statt Käthes wieder vor seine Seele? Der Dörrsche Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die Partie nach Hankels Ablage. Das war der letzte schöne Tag gewesen, die letzte glückliche Stunde ... „Sie sagte damals, daß ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt es nicht. Und ich? warum bestand ich darauf? Ja, es gibt solche rätselhaften- Kräfte, solche Sympathien aus Himmel oder Hülle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los. Ach, sie war so lieh und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und an Storung nicht dachten, und ich vergesse das Bild nicht, wie sie da zwischen den Gräsern stand und nach rechts und links hin die Blumen pflückte. Die Blumen, — ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bißchen Glück und meinen Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fällt."
Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung hin, in sein nach dem Hose hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten lag. Die Kühle tat ihm wohl, und er trat an einen eleganten, noch aus seiner Iunggesellenzeit herstammenden Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden ausgelegt waren. In der Mitte dieses Kästchens aber baute sich ein mit einem Giebelseld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes Säulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine Feder geschlossen wurde. Botho drückte jetzt auf die Feder und nahm, als das Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel heraus, das mit einem roten Faden umwunden war, obenauf aber, und, wie nachträglich eingeschoben, lagen die Blumen, von denen er eben gesprochen. Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während er den Faden ablöste: „Viel Freud', viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied."
Er war allein und an Ueberraschung nicht zu denken. In seiner Vor« stellunq aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Tür Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem Milmersdorfer Spaziergang geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet hatte. „Stiehl .. . Alleh ... Wie diese liebenswürdigen ,h's' mich auch heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüts. Arme Bildung, wie weit bleibst du dahinter zurück."
Er nahm nun auch den zweiten Brief und wollte sich überhaupt vom Schluß her bis an den Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es tat ihm zu weh. „Wozu? Wozu beleben und auffrischen, was tot ist und tot bleiben muß? Ich muß aufräumen damit und dabei hoffen, daß mit diesen Trägern der Erinnerung auch die Erinnerungen selbst hinschwinden werden."
Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseite und trat an den kleinen Herd, um die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das Gefühl eines süßen Schmerzes verlängern wollte, ließ er jetzt Blatt auf Blatt auf die Herdftelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Händen hielt, war das Sträußchen, und während er sann und grübelte, kam ihm eine Anwandlung, als ob er jede Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem Zwecke das Haarfädchen lösen


