1
Verantwortlich: Or. Fr. W. Lange.—
Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Giehem
Pferden hätten sie nur trächtige Stuten und Jährlinge zurückgelassen.
Das Gestüt war mit dem Ueberfluß ausgestattet, den reiche Leute für chre Pferde aufwenden. Jedes Pferd hatte in den langen Stallgebäuden seinen eigenen Raum gehabt, und es war nicht gespart an ausgeklügelten Einrichtungen für alle Art Bequemlichkeit. Wenn das Pferd mit dem Maul auf eine Platte drückte, füllte sich eine Schlürfstelle mit Wasser, das Pferd bediente sich selbst. Die Krippen waren aus Stein, der Boden mit Platten belegt, es fehlte an nichts, nur an der Hauptsache, den Pferden. Statt dessen standen Stallburschen herum, die nichts $u tun hatten. Auch die Trainer des Gestüts waren dageblieben, ein Franzose mit aufgezwirbeltem Bart und ein ältlicher breitgesichtiger Amerikaner. Der Franzose erwies sich von eiskalter Höflichkeit, dagegen schien der Amerikaner etwas zugänglicher, der Darmstädter Datterich hätte von ihm gesagt: „Den kennt mer vielleicht melke, er hot so en guthmhidige Zug um die Noos herum."
Der Vizewachtmeister faßte sein Schulenglisch zusammen und in der Bedrängnis fehlte es ihm nicht an Worten. Wie es um ihn stand, das war rasch gesagt. Das wollte er gern glauben, daß die Russen alles mitgenommen hätten, was sie hätten greifen können. Aber da müßte ihnen doch der Teufel geholfen haben, wenn sie bei dem hastigen Aufbruch in der Nacht alles gefaßt hätten. In den weiträumigen Anlagen werde man wohl das eine oder andere Pferd vor ihnen sichergestellt haben. Und um so ein Pferd bitte er jetzt. Denn auf die Dauer werde es sich nicht verstecken lassen. Born am Tor stehe schon der Abgesandte eines hohen Stabes, der sich hier auf lange ZeU einrichten werde. Und vor dem werde nichts verborgen bleiben, das sei klar. Und wenn man daher die versteckten Pferde doch hergeben müsse, wäre es dann nicht richtig, wenn so ein Pferd zu guten Reitersleuten käme, m die Schwadron eines Reiterregiments?
So redete der Freiwillige auf den alten Amerikaner ein, und was dieser auch denken mochte, er hörte ihm zu, nickt« zuweilen und sog an seiner zerknautschten Zigarre. Sie waren beide hinter einen Stall gegangen und es schien, als ob niemand acht hatte auf ihr Gespräch.
Die Zigarre war ausgegangen und der Amerikaner zündete sie von neuem an. Vielleicht tat er es, um Zeit zu gewinnen, wie er sich entscheide. „WeU", sagte er, er habe ein Pferd vor den Ruffen versteckt, eins, das er immer selbst geritten habe. Und dann fügte er hinzu: »Vollblut, sieben Jahre."
Dem Vizewachtmeister schlug das Herz bis in den Hals. Das Pferd werde es gut bei ihm haben, das versprach er. Aber man dürst es ihm nicht hier geben, sondern an einem entlegenen Ort, wo er durch ein Nebentor aus dem Gestüt heraus könne, denn an dem Haupttor werde man es ihm doch abnehmen.
Das leuchtete dem Trainer ein, vielleicht machte es ihm Spaß, dem Herrn vom Korpsstab ein Schnippchen zu schlagen. Er winkte einem Stallburschen, gab chm einen Auftrag und ging mit dem Vizewachtmeister über leere Höfe und Reitbahnen weiter abseits. Dort lieh er ein Pferd vorführen, das sich vor seinen Artgenossen, wie sie im Festzug der Athener auf dem Fries der Akropolis abgebildet sind, nicht hätte zu schämen brauchen. Es war ein Fuchs, wohlgenährt und wohlgepflegt, der aufgeregt den zierlichen Kopf reckte und mit feurigen, rotschimmernden Augen um sich blickte, während ihn der Pferdebursche am Trensenzügel hielt. Ungeduldig schlug das Pferd den Huf auf den Boden, es schien zu merken, daß die Entscheidung ihn selbst an- gmge. Der Trainer trat auf das Pferd zu, klopfte ihm auf den Hals und sprach zu ihm, da spielte es mit den kleinen Ohren, legte sie zuruck und spitzte sie wieder. Der blanke Rücken des Pferdes leuchtet« wie Gold, den Schweif trug es hoch und stolz. Unter der dünnen Haut zeichneten sich prall die Adern ab, die Sehnen konnte man mit den Augen abtasten, so fest und klar traten sie hervor, und die Fesseln waren trocken wie gut abgelagertes Eichenholz. Solch ein Pferd würde der Bizewachtmeister bet der Schwadron nicht lange reiten, das wußte er wohl. Aber der Schwadronsführer würde ihm für den Zuwachs feines Stalles zu einem anständigen Ersatz verhelfen.
Nun noch umsatteln. Dazu mußte die Rosa geholt werden, die ein Stallbursche dem Vizewachtmeister abgenommen hatte, als die Unterhaltung mit dem Trainer anstng. Bis die Rosa kam, verging kostbare Zeit, es waren verhängnisvolle Minuten. Denn als sie zur Stelle war und man den ungefügen Armeesattsl auf den Rücken des Vollblutes legen wollte, tauchte der Stabsherr auf und war entrüstet Er hatte Wind bekommen von dem Pferd und nun befchlanahmtt er es auf der Stelle. Wenn er auch eingeräumt habe, daß der Dragoner sich nach einem Pferd umsehe, so doch nicht nach einem solchen, fcas behalte er für Seiner Exzellenz persönlichen Gebrauch vor. Ünd wie wenn tws Pferd mit einem Geruch von Ambra weithin all« feinen Wa en angelockt hatte, erschien jetzt Rittmeister v. M. von den Kasseler Husaren auf dem Plan, ein großer Pferdemann, der auch hier herum- ftoberte. Er sprach zu dem Bizewachtmeister die einleuchtenden Worte: .Junger Mann, wenn einer von uns beiden das Pterd dem Stabsherrn ausspannen sollte, dann bin ich es, und nicht du, hau ab!"
Und der Vizewachtmeister haut« ab mit der lahmen Rosa
Pflug durchs Herz.
Von Herbert Kurzbach.
dstrde den Rain erreicht haben, wenden sie von stlbst, chre Leiber drangen und ruhten sich aus für die nächste Furche Der Knecht wirft den Pflug herum, der blanke Stahl blitz? und dann setzt ftrnnno e,n Jn?'e Stoppeln, die Pferde stapfen dahin, die Zug- 'Ä s'S 8,16
Hesß liegt der Himmel über Feld und Gefpann. Die alten Furcken vor einer Stunde wohl gepflügt, liegen grau und ausgetrocknet,- ein
Dies Bild schmerzt wohl den Knecht sehr, feine Lippen liegen gar j hart aufeinander, und er kehrt sich ab. Die Pferde stehen unruhig, s schütteln die Köpfe und werfen sie hoch, daß die Mähnen flattern, i Fell zuckt jäh, die Schwänze schlagen über die Schenkel hin, unablässi und manchmal stößt der Hinterhuf gegen den Leib.
Der Knecht nimmt die Leine auf, und der Pflug zischt durch dis Erde. So fft das wohl, denkt er weiter, der Mensch wird gequält, uii das Tier auch. Der Mensch muß verlieren, daß es weh tut, und Obi das Tier fallen di« Fliegen her. Aber die Fliegen stechen nur in di Haut, beim Menschen sitzt alles tiefer, viel tiefer.
Die Kirche schickt ihre Stundenschläge herauf, und der Mensch zW gut nach. Noch einen Schlag mehr aus derselben Glocke, denkt er, uni . bann hält ein Zug auf der Haltestelle, und sie wird einsteigen, und iw ‘ Bauer wird dabei sein und die Bäuerin, und beide werden tüchtis ’ winken, wenn der Zug abfährt, dem Walde zu.
Der Rain ist da, wieder kehrt das Gespann um. Dort bei den gingen 1 hüten steht der Krug mit Kaffe«. Nein, ich werde nicht trinken, entschlief!| sich der Knecht, es ist doch nichts gegen solchen Durst, wie er ii mir sitzt. 11
Gewiß, die Kehle ist trocken wie von altem Brot, und unter dei Zunge liegt bitterer Schleim, ober von dort kommt nicht der Schmitz
Der Pflug fährt und rauscht, der Boden bricht und liegt geroetM und die Gedanken des Knechts stürzen, wie von einer zweiten PjlU schar geschnitten, im Acker seines Herzens übereinander, und Finck legt sich an Furche. Ja, beginnt in ihm eine neue, ich fahre au|i einen weiten Weg fahre ich, furchenauf und furchenab, zwei Pstck ziehen mich, der Pflugstahl baut die Bahn, und mein Schweiß gilt all Fahrkarte. Ich drücke und wende, wende und drücke, und auf der ein# Seite fahren die Stoppeln vorbei, starr oder geknickt, und auf btt anderen stürzt« Erde, feucht und verwundet. Und wenn ich bitten bürt bei Gott, so wollte ich wünschen, die ganze Erde wäre ein einzig# Stoppelfeld, und ich käme nie ans Ende meiner Fahrt und hätte ult eine letzt« Furche zu ziehen. Denn das weiß der Knecht: Wird bi.’l« Feld gepflügt fein, bann muß er heim, und er wird effen müssen ni, dem Bauer und der Bäuerin und wird doch nichts essen können, öl3 Elisabeth bann nicht mehr am Tisch mit sitzt. Das wird das SchweE
Da fleht Elisabeth am Weg, als er wenden will. [L
„Ich wollte von den Tieren Abschied nehmen", sagte sie mit unsicher, Stimme, und sie tätschelt di« Köpfe der Pferde und klatscht an ijl naffen Halse. Die Tiere scheuern mit zuckenden Mäulern an den Schi fern des Mädchens; es ist ein stummes Bild herzlichen Liebens. 9 denkt der Knecht, es sind Pferde, aber ich bin ein Mensch, und ti Mensch muß still bleiben, wenn das Herz auch schreit. Er schaut sie » sie trägt ein neues Kleid, und das Haar ist sauber gefaßt und no feucht vom Herrichten. Da will im Knecht eine Leidenschaft aufbrech#, hmsturzen möchte er und das Mädchen festhalten, daß er es nicht vi liere, jetzt nicht und nie.
Sie geht ein paar Schritte auf ihn zu. Ihre neuen niedrigen Schu kratzen über die Stoppeln, und da weiß der Knecht, daß er seine Am irgendwie binden und lähmen muß, sofort, sonst könnte er sich nii batten und müßte bas Mädchen umfassen. Und er kauert nieder t Pflug und stößt seine Hände in die frischen Schollen, tief, recht tui als suche er dort drin nach dem, das Halt gibt.
„Was hast du, Bruno?“ fragt sie.
• r,ny^r f"gen, um fein Herz nicht zu verraten. „Gestochen hat tri em Vieh , sagt er und nimmt die Hände aus der Erde, „und das küh so gut." Er läßt die Erdbrocken an seiner Haut; so wird er der S« suchung widerstehen.
„In einer halben Stunde fährt der Zug“, spricht sie weiter, „un da dachte ich — da wollte ich —“
tJC s°gt er, „das Herz ist wie ein Feld, und das Leben <i scharfer Pflug.“
Sie erkennt den Schmerz hinter feinen Worten. Aber auch sirt Verheißung ruht in ihnen, für die der Knecht noch blind ist zu bicW Stunde. Elisabeth will ihm die Augen dafür öffnen: „Es ist alles I« ertragen, Bruno, alles, und hinterher kommen auch wieder Freude u«1 Frohsinn, wie aus gepflügten Feldern immer wieder Ernte steigt." , ... Sie faßt seine Rechte mit ihren beiden Händen, drückt sie fest u’’ lauft tns Dorf zurück. Da bröckelt die Erde, vom Gruß der Mädchenh-i> zerdrückt und zermürbt, von seinen Fingern wie leiser Regen.
„, Er setzt den Pflug, die Pferde ziehen an, und eine neue Furche ft® sich ws Feld. Hier stand die Tochter des Bauern, nein die jun# Paftorsfrau stand hier auf diesem Fleck, denkt der Knecht und brii» auf den Pflug, und die geheiligte Stelle stürzt, feucht und braun, t*31 die Schritte des Knechts.
weißer Schmetterling schaukelt verloren über die Oede. Noch gliinzI die jungen Schollen, die an der Pflugschar stürzen, aber die Sonne jgl über sie her und saugt sie aus. In einer halben Stunde sind sie alt.
Es ist wohl alles ohne Dauer, denkt der Knecht. Das Feuchte trochD das Trockne wird feucht. Nichts dauert. Roggen wogte hier vor lagell Halm an Halm, ein Meer von Aehren. Jetzt stehen nur Stoppeln. UiM ich bin der Knecht und drücke meinen Pflug und wende das Unter! nach oben. Nichts dauert.
Und der Mensch und das Leben? fragt er.
Da find die Pferde am Weg angekommen, ihre Hufe Harfen l» auf den Steinen. Der Knecht richtet den Pflug, aber er läßt noch nit anziehen. Ins Dorf hinunter schaut er und wischt sich mit dem Heni ärmel über Stirn und Mund.
lieber den Dächern zittert die Lust. Im Teich stehen nackte Kini» Es muß schon sein, im Wasser zu tollen und sich zu kühlen, denkt d Knecht, aber es kann nichts nützen, der Schweiß kommt doch miet* Nickis hat Dauer. Eine einzeln« Lokomotive rollt west unten die Schien- entlang, pfeift, fährt am Häuschen der Haltestelle vorbei und verfchwiiÄ hinterm Wald.


