Ausgabe 
13.11.1939
 
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Dann warf Doktor!"

Er hob sie wollte sich auf hielt sie an.

.Sassen Sie

Sie sah ihn

auf und umarmte sie mit einem fünften Lächeln. Sie das Bett stürzen und die Decken wegreihen, aber er

die Natur und das ÜRittel wirken", mahnte er.

an wie einen Engel, der sich chr in einem verzückten

Es schmilzt!" rief sie.Das Eis fchmilzt!" .

' sie sich auf die Knie:Oh, verzeihen Sie mir, Herr

Daesin, geben Sie mir den Schr-mkfchlüffel." I '

Ich werde sie selbst holen", sagte Roosje.sie sind gleich nebenan .

ln Roosft°^rwahrte die Wasche und die Kleidungsstücke in einem Schranke, dessen Schlüssel sie Siska nicht anvertrauen wollte; sie brachte einen Packen alter und neuer Decken, S-Hn 'm ganzen.

Jetzt passen Sie gut auf", sagte Paul. ..Z'ehen S>e Ihre Tochter ganz aus. Dann tränten Sie zwei Decken mit der Flüssigkeit aus dem I Krug und legen Sie sie unter ihren Körper. I

Wird das die Decken nicht verderben?" fragte Roosje.

"Aus einigen Stücken des Unterrockes machen Sie Bäusche, bie Sie gleichfalls in die Flüssigkeit tauchen, und dann reiben Sie damit Sne je vom Kopf bis zu den Füßen tüchtig ab. Du, Siska, barjst deine Kräfte nicht sparen, und wenn ihr beide nicht mehr könnt, dann tauchst bu eine 1 anbere Decke in ben Krug, beckst sie über Grietje unb legst alle anderen darüber, daß nur der Kopf frei bleibt." .......

, Wenn man sie nur zu reiben unb zu schütteln braucht, bah sie auf« wacht", sagte Siska, streifte ihre Aermel bis über bie Ellenbogen hin­auf unb nahm die Stücke ihres Unterrockes in die Hand.Los, Mutter! Und Sie, Herr Doktor, gehen Sie fort, hier können Sie nicht bleiben. Sobald wir fertig find, rufen wir Sie." t

Wenn Sie mich brauchen", sagte Paul, als er bas Zimmer verlieh, ich bleibe auf bem Flur." r , ... s

Von brausten hörte er bie beiben Frauen fortwahrenb husten unb niesen. Roosje sagte:Wie kalt bas arme Lämmchen ist." Unb Siska:So, junge Herrin, bie Würmer haben Sie noch nicht, wir werden Sie schon aufwecken. Ich tue Ihnen weh, nicht wahr, Grietje? Aber ich will ja nur Ihr Bestes. Das nimmt Ihre zarte Haut mit, armes Mädchen, aber sie wird schon ganz von allein wieder gut werden."

Du reibst zu stark", meinte Roosje,bu reifet sie ja in Stucks!

Nein, Baesin, ich weife schon, was ber Doktor will: bas Blut soll roieber in bie Haut kommen. Merken Sie, wie stark unb heife bie I Lauge ist?"

Welch ein Segen, bafe er hierher gekommen ist", sagte Roosje.

Ja, ein Segen, bas glaub ich auch. Sinb Sie mübe, Baesin?"

,',Jch habe mehr Kraft als bu!" entgegnete Roosje.

Diese kleinen mageren Frauen sinb wie aus Eisen. Also fest reiben!

Verschonen Sie bas Gesicht", sagte ber Doktor von braufeen.

, Jawohl', antwortete Siska.Kommen Sie noch nicht herein! Mut, Baesin!"

Sie ist recht schwer, sagte Roosje.

Das finbe ich nicht, ober bodj aber nein Gott! Wie jammervoll, wenn bas wahr wäre, Sie schöne, gute, arme, kleine Herrin! Gott im Himmel! Jesus God en Maria! Gute Mutter, gib sie uns roieber, sie hat niemals etwas Böses getan, sie war so brav. Niemals haben bie jungen Männer schlecht von ihr gesprochen. Gebt sie uns roieber! Jesus, Maria! Ich will jeden Samstag eine ganz große Kerze für euch opfern. Gebt sie uns wieder!" ...

Roosje brach wieder in Schluchzen aus. Paul horte zwischen Schluchzen unb Sprechen, wie bie beiden rieben unb ben Körper heftig schüttelten. Plötzlich rief er:Genug! Deeken Sie sie jetzt zu!" Das geschah im Nu.

Dars ich eintreten?"

Ja, Herr Doktor", sagten beibe zugleich.

8.

Nach soviel Unruhe herrschte jetzt tiefe Stille. Roosje unb Siska standen, von der Anstrengung noch keuchend, mit gefalteten Händen ba unb betrachteten bas junge Mädchen, von dem nichts zu sehen war als das lange braune Haar, bas überall bas Kopfkissen bebetfte unb sein bleiches Gesicht umrahmte.

Die beiben Kerzen auf bem Tische brachten ben reinen Schnitt unb ben zugleich sanften, festen unb kinblichen Ausbruck von Grietjes Gesicht zur Geltung. , ,.

Zehn Minuten, zehn Jahrhunderte währte bas Schweigen, bis Roosje es brach:Das ist also ihr Heilmittel, Ihr berühmtes Heilmittel. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Heilmittel ... Sie sehen ja, wie es wirkt!"

Sie schien Lust zu haben, ihn zu beleibigen, wagte es aber noch nicht.

Paul blieb kaltblütig unb gutmütig; er wurde nicht einmal streng, sondern antwortete:Geduld, arme Frau!"

Hat sich was mit Geduld und arme Frau!" schrie Roosje.Geheilt

Traume zeigte. .

Siska, die bis dahin fest und fttll geblieben war, lachte und meinte zu gleicher Zeit.

Sie sah auf Grietje, warf sich auf die Kni«, dankte Gott und 0«r Jungfrau, küßte Paul, sprang ihm an den Hals, zwang ihn, nut iyr zu tanzen, stürzte wieder ans Bett, beugte sich über Grießes Gesich unb zeigte in ihren kleinen Augen eine lange zuruckgehaltene und es grenzenlos entbrannte Siebe. Roosje war immer noch außer sich uno warf bie Arme hin und her, ohne zu wissen warum. Ihr Lächeln er schreckte mehr als ihre Tränen; ihr so lange bedrücktes Herz, das siw nun ausdehnte, schien ihr in der Brust zu zerspringen, und roie e.ne Wahnsinnige schrie sie, aufrecht stehend, begeistert und stegestrunre . Das Eis schmilzt! Es dreht sich auf ber Stirn meines Kindes, mei Grietje. Es dreht sich! Es wird auf das Kopfkissen fallen, ja, ja, < wird fallen! Doktor, Herr Doktor, Verzeihung!"

Der Doktor versuchte sie wie ein lieber Sohn zu beruhigen.

(Fortsetzung folgt.)

soll sie werden!

,Zch glaube, es Ihnen versprechen zu können

Ich -.. glaube ... zu ... können, brach Roosje wieder los, wobei sie näselnd jede Silbe betonte.Ich glau ... be... Ein schönes Lied, das Sie mir da fingen!" ......

Siebe Frau", sagte Paul, immer noch sanft,ich bitte Sie nur noch um' einige Minuten Geduld, und Sie werden nicht mehr so betrübt lein wie jetzt. Soll ich es Ihnen beweisen?"

3a", sagte Roosje unruhig und drohend.

Gut, hören Sie: es friert braufeen Stein und Bein. Sie haben also sicher Eis zur Hand?"

Gewiß", antwortete Siska,eine ganze Wanne voll. Ich wollte meine Wäsche darin spülen; sie liegt schon zwei Nächte im Hof«. Das Eis in ber Wann« ist drei Finger stark. Brauchen Sie welches, Herr Doktor?"

Siska ergriff eine Kerze unb rannte die Treppe hinab, was sich anhörte, als ob mehrere Frauen hinunterliefen.

Roosje schwieg; sie war eingeschüchtert durch dieses Stück Eis, das ihr ben Beweis ber Möglichkeit geben sollte, Grietje wieder zum Beben zu erwecken.

Paul hörte, wie Siska im Hofe mit bem Absatz ihres derben Schuhes das Eis in der Wanne zerbrach. m ,

Als sie mit dem verlangten Stück zuruckkam, legte es Paul auf Grietjes Stirn. Das Eis bildete einen kleinen, einige Zentimeter hohen

unb breiten Block, oben nrtt 'einem Sprung; das gelbliche Licht ber Kerzen liefe es wie einen grofeen Diamanten feuerfunkelnd erglänzen. Roosje verharrte, immer mehr verwirrt, in Schweigen. Paul sagte: Sobald Sie dieses Eisstück schmelzen sehen, werden Sie verstehen, bafe Wärme unb Beben wieder in die Stirn Ihrer Tochter steigen.

Roosje antwortet« nicht; sie sah nur auf Grieß«. Das dauerte lange neit. Sie mußte eine starke Willenskraft besitzen, well sie so ruhig erschien, trotz ber Verzweiflung, bie jeber3eit sich m Wut verwandeln konnte, die ihre grauen Augen funkeln liefe und ihre Nüstern hefttg ^auF" ebenfo bewegt wie Roosje, hielt seinen Wern an; auch er sah auf bas Eis, bas ebensowenig zu schmelzen schien wie ein Stuck Marmor.

Die starren unb glühenden Augen ber alten Frau schienen auf bas Eis festgeschraubt zu sein. Paul sah, wie sie erschauerte und fürchtete einen Gehirnschlag, so färbte bas in Wellen chs Gehirn flutende Blut bie Augen und Wangen rot. Don Zeit zu Zeit hatte es den Anschein, als ob sie hoffte, unb bann glitt ein bleiches, schwaches Lächeln über ihr« Sippen, verschwand aber schnell roieber vor bem Anblick des Todes. Ihr alter magerer Rücken krümmte sich noch mehr, und die Falten in ihrer Stirn vertieften sich, und sie ballte bie Fauste, üöenn bas nicht schmelzende Eisstück ein lebendes Wesen gewesen wäre, sie hatte es er­würgt und mit ihren Händen in Stücke gerissen. Immer noch lag es unbeweglich und glänzend im Sicht ber Kerzen auf Grietjes Stirn wie

I ein unheilvoller Diamant, wie ein kalter Dämon mit einem steinernen Herzen, der zum Beben nein sagt, zum Tobe ja.

Schmilzt es noch nicht, Herr Doktor?" fragte Roosje mit einer Stimme, die nicht mehr von Tränen erstickt war.

Nein", antwortete Paul traurig.

Das Licht ber rauchenden Kerze liefe bas stolze und zarte Gesicht Grießes in einem Rernbrandtschen Halbdunkel erglänzen, aber das blin­kende, unheimliche Eisstück schmolz nicht.

Roosje verlor die Geduld. Sie pfiff hohnlächelnd zwischen ben Zähnen und rief mit immer lauterer Stimme:

I ,Zch wußte genau, bafe es nicht schmelzen würde! Es hütet sich wohl I zu schmelzen! Das wäre ja Hexerei!"

Ihre Augen begannen haßerfüllt zu funkeln.

Geduld!" antwortete Paul.

.Geduld!" wiederholte Roosje, noch stärker grinsend.Geduld! Es schmilzt nicht, es wird nie schmelzen. Sie sind ein Esel und ein Henker, roie all die andern. Wenn diese vornehmen Herren, die lateinisch können, ihren Frack anziehen, so möchte man meinen, daß ihnen ganz Gent gehöre, aber wenn es sich darum handelt, ein armes Kind zu heilen, das nicht einmal krank war, ba sind sie gleich am Ende ihrer Wissen­schaft ... Sieh mich nicht an mit deinen Augen, die gutmütig aus- sehen sollen. Du bist ja viel zu jung, um Arzt zu sein. Du kannst ruhig versuchen, dir ein ernsthaftes Aussehen zu geben, du wirst doch immer ein Narr und Heuchler bleiben!"

Dann parodierte sie näselnd Pauls Ton:Ich werde dieses Mäd­chen, das nicht tot ist, heilen, liebe Frau." Du stehst doch wohl, daß bas Mädchen tot ist, du Wysneus, du Naseweis, du Prahlhans, ber bu deinen Dünkel noch hinausposaunst! Bring sie doch wieder zum Beben, wenn sie nicht tot ist. Und für dieses schöne Stuck Arbeit muhte man I einen ganz neuen Unterrock in Stücke reifeen, und mit dieser Sauge, bie ich bir am liebsten ins Gesicht giefeen möchte, zehn Decken Derberben. I Du siehst ja, wie es schmilzt, dein Eis, nicht wahr? So wie mein Pan- toffel, nicht wahr?" Und mit einer schnellen Bewegung warf sie ihren Pantoffel zehn Schritte von sich.

Ha, dein Eis schmilzt roie ein Stück Holz, nicht wahr? Du Schwind­ler! Wage nur, von mir Geld für deinen Besuch zu fordern, und du wirst sehen, mit welcher Münze ich dich bezahlen werde, schändlicher Heuchler!"

Sie stand auf, um zitternd unb wütend ihren Pantoffel wieder zu I holen; bann setzte sie sich ans Bett.

Plötzlich richtete sie sich hoch aut ein heftiges Zittern lief über ihren ganzen Körper, sie streckte ihre Arme liebkosend gegen ©netje, mir Augen, bie durch eine erschreckende Freude unnatürlich grafe wurden, und mit offenem Munde wie eine Wahnsinnige.