Ausgabe 
13.11.1939
 
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GirheneiFamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1959

Montag, -en 13. November

Nummer 88

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster

Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

1. Fortsetzung.

, Goethals, fo hieß der Gast, glaubte, Grietjes Körper wieder bedecken zu sollen. Aber Roosje ließ es nicht zu, riß wild das Tuch so wert rote möglich zurück und richtete sich drohend aus:Wer hat Ihnen getagt, daß Sie sie vor mir verbergen sollen? Ich will sie sehen, ich will sie sehen, bis sie fortkommt. Die Polizei wird mir das nicht ver­bieten, denke ich!"

Dann zeigte sie auf das Gesicht ihrer Tochter und hob leise die Haube, um einen ganzen Wald brauner Haare, die im Licht wie röt- liche Wellen schienen, zurückzustreichen. Wahrend sie sprach, wurde sie wieder milder:

Welches Mädchen in Gent hat solches Haar, eine so glatte Sttrn und einen so festen Willen unter diesem Marmor? Arme Grietje! Und die schönen großen Augen, die ihre arme Mutter so gütig und so neckisch anblickten. Du warst ein verwöhntes Kind, nicht wahr, Grietje? Wirst du mich nie mehr küssen, meine Tochter, mein« Tochter, meine Tochter?"

Und Roosje warf sich zurück und schrie aufniemals mehr, Gnetiel und sie rief es immer wieder aber nichts veränderte die Starrheit der auf dem Bette Liegenden.

Ja, ja", sagte Roosje wie eine Wahnsinnig« zu jemand, der nicht x "rein Mann rft vorangegangen, um für sie im Reiche

der Würmer Quartier zu machen. Sie ist unverheiratet gestorben und hat mir mchts gelassen was ich nach ihr lieben könnte.

Und diese Brust und dieses Blut hätten einem Kinde Milch geben können, die stärker gewesen wäre als Wein. Und welches Mädchen von Gent hat so schöne weiße Beine? Sie ist wie ein Marmorbild und muß doch unter die Erde, und die Häßlichen bleiben oben! Sagen Sie doch", fuhr sie fort und sprach diesmal zu ihrem neuen Gaste,hätten Sie nicht gewünscht, wenn Sie auch ein feiner Herr sind, ein solches Mädchen jur Herrin des Hauses zu wählen?"

Das glaube ich wohl", antwortete er.

3a, sagte Roosje,aber Sie hätten es nicht bekommen."

Und sie streichelte zart und leicht Haar und Gesicht ihrer Tochter.

Roosjes Gast hörte nicht auf, Grietje mit der ganz besonderen Auf­merksamkeit eines Betrachters in sich aufzunehmen, der nicht an die Wirklichkeit besten, was er vor Augen hat, zu glauben vermag.

Roosje sah, wie er aufstand, einen Spiegel ergriff, ihn über Grietjes aJtunb hielt, ihren Puls faßte und seine Hand unter ihre linke Brust legte, um sie abzuhorchen und abzuklopfen.

Was machen Sie da, und wer sind Sie?" rief Roosje, von einer unklaren Hoffnung erfüllt.

Ich bin Arzt", erwiderte er.

Arzt!" rief Roosje, auf einmal ganz ergeben und ehrerbietig.

Herr Doktor, ist es wahr, daß Grietje tot ist?"

Ich weiß es nicht", erwiderte er

Tun Sie, was nötig ist", sagte sie.

Der Gast hob Grietjes Kopf und ließ ihn einen Augenblick in seiner Hand ruhen.

Wann hat der Arzt erklärt, das Mädchen sei tot?"

Drei Stunden vor Ihrer Ankunft, Herr Doktor."

Und wann hat sich nach seiner Behauptung das Unglück ereignet?"

Vor siebenundzwanzig Stunden", entgegnete Roosje, an den Fingern aachzählend.

Und welche Krankheit gab er als Todesursache an?"

Einen Schlaganfall, wie er ihm noch nie vorgekommen sei."

Einen Schlaganfall?" Paul lächelte.Die Haare sind ja noch warm" Was haben Sie gesagt?" fragte Roosje.

3d) sagte, daß die Haare noch warm seien und die Gesichtsfarbe nicht ter einer Toten gleicht. Ihr Arzt hat sich vielleicht getäuscht."

Was", sagte Roosje keuchend,sind Sie wirklich Arzt?"

Ja."

Roosje erschauerte vor Hoffnungsfreudigkeit und rief mit einem gri- "wssenähnlichen Lächeln:

Also, Sie sagen, es ist nicht sicher, daß Grietje tot ist?"

Ich bin nicht sicher, daß sie es ist."

Wiederholen Sie das noch einmal!"

Ich bin ganz und gar nicht sicher, daß sie tot ist."

«n '/°sLe p^te ihn am Arm und führte ihn zu einem kleinen mit Wachstuch bedeckten Holztifch, der zwischen den beiden Fenstern stand

roie ein v°m Winde bewegtes Blatt öffnete sie mehrere Male ^ . Mund um zu sprechen und verschluckte immer wieder ihre Worte. Endlich schlug sie auf den Tisch:Hör zu!" rief sie unter Lachen und ra6the ®aft ins Auge, als wollte sie ihn verklingen Hör zu! Wenn du nicht etwa nur geredet hast, um dich über mich lustig töe"J' b? o4t flogen hast, wenn du dieses schon ftir den TiM. mSa»m? erreet' 1° ^hle ich dir hier auf diesen

Ttfd) 'n Gold, m Banknoten und in Fünffrankenstücken zehntausend Franken auf. Hörst du! Zehntausend Franken!" ' »etmtaujenD »6f1^Lbie olle Roosje meinte, es waren aber nicht Tränen, die Mutter- neue lyr erpreßte.

r. t'^amm jetzt" sagte sie befehlend und zog ihn zum Bett hin.Sieh sie dir an, sieh sie dir gut an!" und sie drohte mit der Faust.Und sage mir, warum du denkst, daß Grietje nicht tot ist?" 9

,"We-l -4 hier" sagte Paul, ,^ie Ruhe einer tiefen Betäubung und nicht den harten Ausdruck des Todes>e."

Wenn du lügst", stieß Roosje hervor,bist du ein Schuft."

7.

Roosje setzte sich an das Kopfende des Bettes, Paul an das Fußende Longe.Zeit bettachteten beide die regungslose Grietje. " 8

Plötzlich stand Roosje auf. Sie nahm die kleine Kiste, das Tischtuch, U2b ble be.tb,!n Kerzen vom Tisch, schob diesen an das Bett und L "^^^^Eder darauf, stellte das Kruzifix auf den Kamin mivh h ^Aor, ich nehme den Altar auseinander; vielleicht

wird das dem Kinde Glück bringen."

Haben Sie guten Essig im Hause?" fragte Paul.

etasit der Antwort. Sie wand sich, als ob man "Sf .Hangen aus den Zähnen risse und erwiderte

6Gr ®cr Zu stark, und ich mußt« zur Hälfte Wager m die Flaschen tun ...

Unb ...". sagte Paul, als ob er etwas anderes verlangen wollte

Verlangen Sie nichts mehr", flehte sie, und in Tränen ausbrechend: ,,3d) konnte das nicht vorausfehen, ober sagen Sie mir, was Sie brauchen und ich werde es um jeden Preis herbeischaffen. Sie sollen sehen, roie ich laufen kann!

Jemand wird noch schneller laufen als Sie."

Wer?"

Siska."

Und der Schankraum?"

Wird heute abend geschlossen", sagte Paul. Er ging zur Treppe und rief von dort Siska.

Sie kam bald mit dem Schritt eines Ackergauls, an den sie übrigens m. ihrer ganzen Haltung etwas erinnerte. Sie blieb vor dem Arzt stehen wahrend er ein Rezept schrieb.

Geh zum Apotheker van Berckelaer, fünf Minuten von hier"

,^Ich kenne ihn."

Gib ihm dies Rezept. Falls er sagt, er brauche Zeit, um es anzu- fertigen, so bitte ihn, dir die einzelnen Bestandteile mitzugeben. Ich schreibe das übrigens noch darauf. Wie es aussteht, ist gleich, nur mußt du es rasch bekommen. Jetzt lauf!"

Geld!"

Roosje griff langsam in die Tasche und suchte lange nach ihrer Börse Der Doktor gab Siska fünf Franken und füllte inzwischen einen großen Krug zu zwei Dritteln mit Wasser.

Rach zehn Minuten war Siska schon zurück. Der Doktor nahm ihr zuerst ein Päckchen mit einem salzähnlichen Stoff aus den Händen den er in den Krug schüttete, goß den Inhalt erst des einen Fläschchens und bann ben eines andern hinzu, der gleich nach dem Deffnen des Fläschchens einen durchdringenden alkalischen Geruch im Zimmer verbreitete.' Er rührte die Mischung mit den Händen um, die er ganz rot wie blutend wieder herauszog. Die beiden Frauen niesten und husteten.

Holen Sie mir Flanell!" befahl er Roosje.

Rehmen Sie meinen Unterrod", Herr Doktor!" rief Siska.

Einen ganz neuen Unterrod", meinte Roosje.

Das macht nichts, Herr Doktor", sagte Siska. J)ier nehmen Sie!"

Und sie zog den Unterrod unter ihrem Kleide hervor und riß ihn in Streifen, ehe Paul Zeit fand zu widersprechen.

Der lieb« Got wird ihn mir wieder ersetzen."

Siska",'sagte Paul, der sich entschlossen hatte, für Siska in diesem Falle der liebe Gott zu fein,jetzt suche mir alles zusammen, was es an Bettdecken im Haus« gibt."