Ausgabe 
13.10.1939
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1959

Hreitag, den p Oktober

Nummer 79

Herz, wo liegst du im Quartier?

Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

14. Fortsetzung.

Ja und...?" fragte Kelling.

Wirtschafterin!" trompetete der Wachtmeister und umschrieb den Aufgabenkreis eines solchen Frauenberufes.Eine Wirtschafterin muß zupacken, sie hat harte Hände. Vor allem aber muß eine Wirtschafterin kochen können!"

Kelling verfolgte aufmerksam den Weg, den die Gedanken des Wacht­meisters einschlugen.

Warum soll sie nicht arbeiten?" schloß Krätke.

Der Premierleutnant nahm den Plan für einen Spaß.

Bravo, Krätke, sie soll kochen! Braten! Backen!" Er brach vergnügt ab.Das Abendbrot, Krätke!" '

Der Wachtmeister befahl sogleich der Eingeschlossenen, da sie als Wirt­schafterin des Kochens zweifellos kundig sei, eine Abendmahlzeit für den Herrn Premierleutnant zu bereiten.

In der Posthalterei war eine für jene Zeit mit allem Nötigen ver­sehene Küche, in die sich Ann Moreland ohne Widerstand führen ließ.

Es war die Absicht des vergnügten Wachtmeisters, die Gefangene auf eine verstohlen« Art zu prüfen, denn bei einem unmittelbaren Verhör lief die Wahrheit ja doch erst durch das Sieb der Vorsicht.

Ann Moreland witterte diese Absicht wohl, aber sie verhielt sich still und demütig; sie lächelte nur ein wenig und begann, als habe sie nie etwas anderes getan, das befohlene Werk am Herd.

Krätke, den ihre Heiterkeit verwunderte, äußerte beim Weggehen, daß der Posten vor der Tür stände, er sagte es höflich und nur als leichte Erinnerung.

Das Lächeln jedoch blieb um Anns Mund stehen. Die anzügliche Art, n der Krätke gesagt hatte,1 sie sei doch Wirtschafterin, erinnerte sie an die verständlichen Zweifel, die er hegte.

Ann dachte in diesem Augenblick dankbar an eine Frau, die auf Moreland Castle erschien, kurz nachdem Anns Mutter das Zeitliche geseg­net hatte. Missis Doodlewith, eine rüstige Sechzigerin, war von Tante Vivian empfohlen und das, was man heut« Hausdame nennt.

Sie riß die Schlüsselgewalt vom Keller bis zum Boden an sich und begann mit Takt und Verständnis, noch mehr aber mit Energie auf Moreland Castle zu regieren.

Sir Moreland, der allen Empfehlungen Vioians mit Schauder begeg­nete, befand sich zu seiner angenehmen Ueberraschung bald in der Lage tin«s Fürsten, dessen kluger Kanzler nichts anderes im Auge hat als das Wohlergehen des Landes und seines Potentaten.

auf solche Weise Land, Fürst und Kanzler glücklich und zufrieden fmb, ergab sich auch Moreland ohne Seufzer der von Missis Doodlewith neu gefügten Ordnung.

Ann war damals vierzehn Jahre alt. Da Missis Doodlewith ihren Willen ebenso liebenswürdig wie hartnäckig durchzusetzen verstand, lernte Sinn' kochen oder, wie Missis Doodlewith es ausdrückte:Die Küche suhren." ,

Wenn sie bei Ann ein leichtes Sträuben wahrnahm, lehrte sie:Man kann überall alles brauchen!"

An dieses Wort dachte Ann, als das Herdfeuer brannte. Denn was man unter der besessenen Lehrhaftigkeit der Missis Doodlewith gelernt hatte, saß fest wie ein Zahn. r _ . , _

Tätigkeit beruhigt. Ann hatte plötzlich Lust an diesem Spiel, sie ver­laß beinahe, daß diese Kochprüfung wahrscheinlich nur eine gefährliche Pause im Marschschritt des Unheils war. , , , ,

, Die Posthalterei, die auch offenbar häufig Gäste beherbergte, war iletfenben Fußes von ihren Bewohnern verlassen worden. Geschirr, Messer mb (Sabel, ja auch ein Tischtuch lagen wie für den Gebrauch gefällig oor- hereilet im Schrank. ,

, Ann suchte den Weg in das Zimmer Kellings und deckte den Tisch so chnell und gewandt, daß sie den Raum schon wieder verlassen hatte, bevor Helling seine Ueberraschung ausdrücken konnte. Ann war in diesem Augen- W wahrhaftig im Sinne des Wortes ein dienstbarer Geist.

Da aber der Premierleutnant, von Krätke beeinflußt, nichts anderes

erwartet hatte als einen Zusammenbruch und ein Geständnis, wunderte er sich über die mit solcher Ruhe getroffenen Vorbereitungen.

Er teilte dem Wachtmeister seine Beobachtungen mit. Krätke sagte: Sie will uns durch Ruhe bestechen! Es ist aber alles Komödie! Ich habe ihre Hände gesehen! Wie eine Dam« oder wie eine Kokette!"

Warten wir ab!" sagte Krätke und genoß im voraus den Erfolg seines Spürsinns. Wenn er daheim, bekannt mit allen Schleichwegen der Lausbuben, über die Gerissenheit eines Schülers triumphierte, es war das gleiche Vergnügen. ,

Hoffentlich vergiftet sie uns nicht!" meinte Kelling und spielte damit auf die Kochkunst der unversehens zur Köchin beförderten Unbekannten an. Er stellte insgeheim eine gewaltige Magenverstimmung in Rechnung.

Aber das stechende WortVergiften" war ein Köder, den Kelling nun ungewollt dem wachen Mißtrauen feines Wachtmeisters hingeworfen hatte. Das Mißtrauen aber fraß den Köder und blieb an der Angel des Schrecks hängen.

Gift! Mein Gott, daran habe ich nicht gedacht!" sagte Krätke erschüttert.

Rach einer Sekunde starrer Ueberlegung wurde des Wachtmeisters Schreck wilder Eifer:Es war ein schlechter Vorschlag, den ich gemacht habe! Ich werfe die Person kurzerhand aus der-Küche!"

Kellings Laune kletterten wie ein Wetterfrosch auf der Sorgenleiter Krätkes bis zur Spitze reinsten Vergnügens.

Rein, so einfach wird-man nicht u'mgebracht! Er lachte:Nun erst recht, Krätke! Wir müssen, wollen wir das Weib entlarven, etwas wagen!"

Der Wachtmeister erwiderte, daß es kein Wagnis, sondern Tollkühn­heit sei! Gift sei nun einmal wie das Nichts, wie der Tod selbst, den man erst spürt, wenn man in das dunkle Tor eingeht.

Ohne Vorsicht würde ich auch nicht in Ihrer Richtung marschieren, lieber Krätke, wir lassen das Weib den Braten was für ein Braten ist es?"

Hammel!" stöhnt Krätke.

... den Hammelbraten erst selbst-probieren!" schloß Kelling.

Der Wachtmeister ahnte nicht, welche Liebe er Ann Moreland mit seinem Verdacht angetan hatte. Denn Ann verspürte einen durch Dampf und Ruch des Bratens verschlimmerten Hunger. Sie hätte sich aber lieber die Zunge abgebisfen, als ein Wort des Verlangens gesagt.

Sie trug die Speisen auf. Kelling bat auf die höflichste Art, sich selbst noch Teller und Besteck zu holen und ihm Gesellschaft zu leisten.

Wenn wir sie auf die Probe stellen, darf es nicht auffällig geschehen", bemerkte Kelling, als Ann draußen war.

Ann war seit Stunden entschlossen, schlechtweg alles zu tun, was man von ihr verlangen konnte, sie wehrte sich daher auch nicht gegen di« gemeinsame Tafel.

Krätke schnitt das Fleisch mit des Premierleutnants Erlaubnis wie ein Familienvater zurecht, dann legte er Ann zwei kräftige Scheiben auf den Teller.

Mit füchfiger Spannung lauerte er auf das, was nun nach feiner eitlen Berechnung eintreten mußte: Schreck und Verlegenheit.

Aber die Gefangene kaninchenhaft rasch, große Brocken verschwan­den zwischen den nagenden Zähnen. Sie zum Vergnügen Kellings, der sich an Krätkes enttäuschtem Gesicht weidete.

Ann mißverstand di« unterdrückte Heiterkeit des Offiziers, schämte sich und bat, man möge entschuldigen, sie sei eben hungrig.

Krätke fühlte sich nicht geschlagen. Die Sorge, daß Gift am End« einen Totentanz an sagt, war emporgeftiegen wie ein Herbstdrache am Bindfaden, und dort oben schwebte der Drache der Vorsicht noch, er hatte ihn noch nicht eingezogen.

Er mit Appetit und würzte seine Bissen mit Gedanken wie: Vor­sicht ist die Mutter des Glücks im Augenblick der Gefahr. Der Zufall lächelt zwar, aber er hätte auch explodieren können. Man soll den Tag loben, wenn der Abend da ist, aber wer weiß, was die Nacht bringt.

Voll von Fleisch und Gedanken entschuldigte sich Krätke später mit der Pflicht der Essensausgabe für die Mannschaften, heute gebe es Wein, und das wolle er Überwachen.

Als er den Raum verlassen hatte, erhob sich auch Ann:Es ist für mich sicher ungehörig, Ihre auf so freundliche Art gewährte Gastfreund­schaft länger in Anspruch zu nehmen, denn ich bin Ihre Gefangen«."

Kelling fühlte sofort, daß sie recht hatte. Er erwiderte aber mit eini­gem Bedacht, daß der Ausdruck Gefangen« nicht ganz den Tatsachen ent­spreche, wenn er es sich recht überlege. Mademoiselle Erstelle (er betonte das Erstelle) befinde sich auf einem bewachten Transport und dies« kleine Unterbrechung sei nur ein Zwischenspiel. Nein, sie möge noch nicht gehen, fetzte er hinzu, er t/abe ihr noch etwas zu sagen. Aber bann wußte er nicht, was er sagen wollte.

Setzen Sie sich!" befahl er. Aber der Befehl war nur eine Brück« über seine Verlegenheit.