einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende, zugleich als Schisss- werst dienende Wiese zu führen, aus der, in einiger Entfernung von ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte, leckgewordene Kähne kalfatert und geteert wurden.
„Dahin müssen wir", jubelte Lene, während sie Botho mit sich sortzog. Aber ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren, hörte das Hämmern der Zimmermannsaxt aus und das beginnende Läuten der Glocke verkündete, daß Feierabend fei. So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad ein, der, schräg über die Wiese hin, auf einen Kiefernwald zuführte. Die roten Stämme desselben glühten prächtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne, während über den Kronen ein bläulicher Nebel lag.
„Ich möchte dir einen recht schönen Strauß pflücken", sagte Botho, während er Lene bei der Hand nahm. „Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und keine Blume. Nicht eine."
„Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll bist."
„Und wenn ich es wäre, so wär ich es bloß für dich.'
„O, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde welche."
Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte: „Sieh nur, hier ... und da ... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Dörrs Garten; man muß nur ein Auge dafür haben." Und so pflückte sie behend und emsig, zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend, bis sie, nach ganz kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte.
Währenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhütte gekommen, vor der, auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen (benn der Wald stieg unmittelbar dahinter an) ein umgestülpter Kahn lag.
„Der kommt uns zu paß", sagte Botho, „hier wollen wir uns setzen. Du mußt ja müde sein. Und nun laß sehen, was du gepflückt hast. Ich glaube, du weißt es selber nicht und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gib her. Das ist Ranunkel und das ist Mäuseohr, und manche nennen es auch falsches Vergißmeinnicht. Hörst du, falsches. Und hier das mit dem gezackten Blatt, das ist Taraxaeum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen. Nun meinetwegen. Aber Salat und Bukett ist ein Unterschied."
„Gib nur wieder her", lachte Lene. „Du hast kein Auge für diese Dinge, weil du keine Liebe dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer zu- fammen. Erst hast du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen und noch dazu sehr gute. Was gilt die Wette, daß ich dir etwas Hübsches zusammenstelle."
„Nun, da bin ich doch neugierig, was du wählen wirst."
„Nur solche, denen du selber zustimmst. Und nun laß uns anfangen. Hier ist Vergißmeinnicht, ober kein Mäuse ohr-Vergißmeinnicht, will sagen kein falsches, sondern ein echtes. Zugestanden?"
„Ja."
"Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine, kleine Blume. Die wirst du doch auch wohl gelten lassen? Da frag ich gar nicht erst. Und diese große rotbraune, das ist Teusels-Abbiß und eigens für dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das hier", und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten, „das sind Immortellen."
„Immortellen", sagte Botho. „Die sind ja die Passion der alten Frau Nimptsch. Natürlich, die nehmen wir, die dürfen nicht fehlen. Und nun binde nur das Sträußchen zusammen."
„Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis.wir eine Binse finden."
„Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will was Feines. Weißt du. Lene, du hast so schönes langes Haar; reiß eins aus und flicht den Sttauß damit zusammen."
„Nein", sagte sie bestimmt.
„Nein? warum nicht? warum nein?"
„Weil das Sprichwort sagt: ,Haar bindet.' Und wenn ich es um den Strauß binde, so bist du mitgebunden."
„Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Dörr."
„Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat, auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig."
„Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den Strauß, als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig fein und mir's abschlagen."
Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauß. Dann sagte He: „Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden."
Er versuchte zu lachen, aber der Ergst, mit dem sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben.
„Es wird kühl", sagte er nach einer Weile. „Der Wirt hatte recht, dir Jackett und Plaid nachzubringen. Komm, laß uns aufbrechen."
Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu, wo das Boot lag, und eilten sich, über den Fluß zu kommen.
Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch das Gasthaus dalag, dem sie mit jedem Ruderschlage näherkamen. Eine hohe, groteske Mütze, so saß das Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das im Dunkel einem phantastischen Gitter- Werke glich, blitzten allerlei Lichtstreifen über den Strom hin.
Keiner sprach. Jeder aber hing feinem Glück und der Frage nach, wie lange das Glück noch dauern werde.
Zwölftes Kapitel.
Es dunkelte fchon, als fie landeten.
„Laß uns diefen Tisch nehmen", faßte Botho, während fie wieder unter die Veranda traten: „Hier trifft dich kein Wind, und ich bestelle dir einen Grog ober Glühwein, nicht wahr? Ich sehe ja, du hast es kalt."
Er fchlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene bat, auf ihr Zimmer gehen zu dürfen; wenn et dann komme, sei fie wieder munter. Ste sei nur angegriffen und brauche nichts; und wenn sie nur Ruhe habe, so werd es vorübergehen.
Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete Giebelstube hinauf, begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen Wirtin, die sofort neugierig fragte, „was es denn eigentlich sei", und, einer Antwort unbedürftig, im selben Augenbttck fortfuhr: ja, das sei so bei jungen Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh chr Ael- testet geboren wurde (jetzt habe sie schon vier und eigentlich .fünf, aber bet mittelste sei zu früh gekommen unb gleich tot), da hätte sie's auch gehabt. Es flog einen so an und sei dann wie zum Sterben. Aber eine Tasse Melissentee, das heißt Klostermelisse, da fiele es gleich wieder ab, und man fei mit eins wieder wie'n Fisch im Wasser und ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich. „Ja, ja, gnädige Frau, wenn erst so vier um einen rum- stehen, ohne daß ich den kleinen Engel rniktechne ...
Lene bezwang nur mit Müh ihre Verlegenheit und bat, um wenigstens etwas zu sagen, um etwas Melissentee, Klostermelisse, wovon sie auch schon gehört habe.
Während oben in der Giebelstube dies Gespräch geführt wurde, hatte Botho Platz genommen, aber nicht innerhalb der windgeschützten Veranda, sondern an einem urwüchsigen Brettertisch, der, in Front derselben, auf vier Pfählen aufgenagelt war unb einen freien Blick hatte. Hier wollt et fein Abenbbrot einnehmen. Er bestellte fich denn auch ein Fischgericht, und als der „Schlei mit Dill", wofür das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte, aufgetragen wurde, kam der Wirt, um zu fragen, welchen Wein der Herr Baron — er gab ihm diesen Titel auf gut Glück hin — beföhle.
„Nun, ich denke", sagte Botho, „zu dem delikaten Schlei paßt am besten ein Brauneberger oder, sagen wir lieber, ein Rüdesheimer, unb zum Zeichen, daß er gut ist, müssen Sie sich zu mit setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast fein."
Der Wirt verbeugte sich unter Lächeln und kam bald danach mit einet angestaubten Flasche zurück, während die Magd, eine hübsche Wendin in Frstsrock unb schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die Gläser brachte.
„Nun, lassen Sie sehn", sagte Botho. „Die Flasche verspricht alles mögliche Gute. Zu viel Staub unb Spinnweb ist allemal verdächtig, aber diese hier... Ah, superb! Das ist Siebziger, nicht wahr? Und nun lassen Sie uns anstoßen! Ja, auf was? Auf das Wohl von Hankels Ablage!"
Der Wirt war augenscheinlich entzückt, und Botho, der wohl sah, welchen guten Eindruck et machte, suhr deshalb in dem ihm eigenen leichten unb leutseligen Tone fort: „Ich find es reizend hier, und nut eins läßt sich gegen Hankels Ablage sagen: der Name."
„Ja, bestätigte der Wirt, „der Name, der läßt viel zu wünschen übrig unb ist eigentlich ein Malheur für uns. Unb doch hat es seine Richtigkeit damit; Hankels Ablage wat nämlich wirklich eine Ablage, und so heißt es denn auch so."
„Gut. Ader das bringt uns nicht weiter. Warum hieß es Ablage? Was ist Ablage?"
„Nun, wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stück Land hier herum (unb er wies nach rückwärts) wat nämlich immer ein großes Dominium und hieß unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönige die Herrschaft Wusterhausen. Und es gehörten wohl an die dreißig Dörfer dazu, samt Forst und Heide. Nun sehen Sie, die dreißig Dörfer, die schassten natürlich was und brauchten was, ober, was dasselbe sagen will, sie hatten Aussuht und Einfuhr, unb für beides brauchten fie von Anfang an einen Hafen- ober Stapelplatz unb konnte nur noch zweifelhaft fein, welche Stelle man dafür wählen würde. Da wählten fie diefe hier; biefe Bucht wurde Hafen, Stapelplatz, ,Ablage' für alles, was kam und ging, unb weil der Fischer, der damals hier wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hanke 1 hieß, so hatten wir eine ,Hankels Ablage'."
„Schade", sagte Botho, „daß man's nicht jedem so rund und nett erklären kann", unb bet Wirk, der sich hierdurch ermutigt fühlen mochte, wollte fortfahren. Ehe er aber beginnen konnte, hörte man einen Vogelschrei hoch oben in den Lüsten, und als Botho neugierig hinaufsah, sah er, daß zwei mächtige Vögel, kaum noch erkennbar, int Halbdunkel über der Wasserfläche hinschwebten.
„Waren bas wilde Gänse?"
„Nein, Reihet. Die ganze Forst hierherum ist Reiher-Forst. Ueberhaupt ein rechter Jagdgrund, Schwarzwild und Damwild in Massen, und in dem Schilf und Rohr hier Enten, Schnepfen und Bekassinen."
„Entzückend", sagte Botho, in dem sich der Jäger regte. „Wissen Sie, daß ich Sie beneide. Was tut schließlich der Name? Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es überkommt einen eine Lust, daß man's auch so gut haben möchte. Nut einsam muß es hier sein, zu einsam."
Der Wirt lächelte vor sich hin, und Botho, dem es nicht entging, wurde neugierig unb sagte: „Sie lächeln. Aber ist es nicht so? Seit einer halben Stunbe hör ich nichts als bas Wasser, das unter dem Steg hingluckst, und in diesem Augenblick oben den Reiherschtei. Das nenn ich einsam, so hübsch es ist. Und bann und wann ziehen ein paar große Spteekähne vorüber, aber alle sind einander gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich. Und eigentlich ist jeder wie ein Gespenstetschisf. Eine wahre Totenstille."
„Gewiß", sagte der Wirt. „Aber doch alles nut, solang es dauert." „Wie das?"
„Ja", wiederholte bet Gefragte, „folang es bauert. Sie sprechen von Einsamkeit, Herr Baron, unb tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und es können auch Wochen werden. Aber kaum, daß das Eis bricht und das Frühjahr kommt, so kommt auch schon Besuch, und bet Berliner ist da."
„Wann kommt er?"
(Fortsetzung folgt.)


