Ausgabe 
13.3.1939
 
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GietzenerZamilienblätter

. Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Mrgang i»r» Montag, den >5. März Nummer 21

ömmgen Wirrungen

Roman Son Theodor Montane

5. Fortsetzung.

Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor Freude.Na, das is ein Wort, Herr Baron. Un da hab ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und s mir lieb, daß ich ihn habe. Denn ich kann die kahlen Gräber nich leiden, oie so aussehn wie'n Waisenhauskirchhof oder für die Gefangenen oder noch schlimmer. Aber nu mach einen Tee, Lene, das Wasser kocht un bullert schon, un Erdbeeren un Milch sind auch da. Un auch saure. Jott, den armen Herrn Baron muß ja schon ganz jämmerlich sein. Immer angucken macht hungrig, soviel weiß ich auch noch. Ja, Frau Dörr, man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt, un wenn es auch lange her is. Aber die Menschen waren damals so wie heut."

Frau Nimptsch, die heut ihren Redetag hatte, philosophierte noch eine Weile weiter, während Lene das Abendbrot auftrug und Botho seine Neckereien mit der guten Frau Dörr fortsetzte. Das sei gut, daß sie den Staatshut zu rechter Zeit zu Bette gebracht habe, der sei für Kroll oder fürs Theater, aber nicht für den Milmersdorfer Pedenhaufen. Wo sie den Hut denn eigentlich her habe? Solchen Hut habe keine Prinzessin. Und er habe so was Kleidsames überhaupt noch gar nicht gesehen; er wolle nicht oon sich selber reden, aber ein Prinz hätte sich drin vergaffen können.

Die gute Frau hörte wohl heraus, daß er sich einen Spaß mache. Trotz- oem sagte sie:Ja, wenn Dörr mal anfängt, denn is er so forsch und fein, oaß ich mitunter gar nich weiß, wo er's her hat. Alltags is nich viel mit ihm, aber mit eins is er wie vertauscht und gar nich mehr derselbe, un ich >age denn immer: es is am Ende doch was mit ihm, un er kann es man bloß nich so zeigen."

So pläuderte man beim Tee, bis zehn Uhr heran war. Dann brach Botho auf,- und Lene und Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentür. Als sie hier standen, erinnerte die Dörr daran, daß man das Vielliebchen noch immer vergessen habe. Botho schien aber die Mahnung überhören zu wollen und betonte nur nochmals, wie hübsch der Nachmittag gewesen sei.Wir müssen öfter so gehen, Lene, und wenn ich wiederkomme, dann überlegen wir, wohin. O, ich werde schon etwas finden, etwas Hübsches und Stilles, und recht weit und nicht so bloß über Feld."

Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder mit", sagte Lene,oder bitten sie darum. Nicht wahr, Botho?"

Gewiß, Lene. Frau Dörr muß immer dabei fein. Ohne Frau Dörr geht es nicht."

Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich annehmen, das kann ich ja gar nich verlangen."

Doch, liebe Frau Dörr", lachte Botho.Sie können alles verlangen. Eine Frau wie Sie."

Und damit trennte man sich.

Elftes Kapitel.

Die Landpartie, die pian nach dem Milmersdorfer Spaziergänge ver­abredet oder wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin aas Lieblingsgefpräch, und immer, wenn Botho kam, überlegte man, wohin? Alle möglichen Plätze wurden erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow und Baumgartenbrück, aber alle waren immer noch zu besucht, und so kam es, daß Botho schließlichHankels Ablage" nannte, von dessen Schönheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe; Lene war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes -reier Natur, möglichst fern von dem großstädtischen Getriebe, mit dem geliebten Manne zusammen zu fein. Wo, war gleichgültig.

Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt.Abgemacht. Und raun fuhren sie mit dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage >inaus, wo sie Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille iubringen wollten. .

Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch diese waren schwach !! besetzt, und so kam es, daß sich Botho und Lene allein befanden. In dem Loupe nebenan wurde lebhaft gesprochen, zugleich deutlich genug, um tzeranszuhören, daß es Weiterreifende waren, keine Mitpassagiere für hankels Slblage. . ....

Lene war glücklich, reichte Botho die Hand und fah schweigend in die Hald- und Heidelandschaft hinaus. Endlich sagte sie:Was wird aber Fran Dörr sagen, daß wir sie zu Hause gelassen?"

Sie darf es gar nicht erfahren."

Mutter wird es ihr ausplaudern." ,

Ja, dann steht es schlimm, und doch ließ sich's nicht anders tun. Eh, ruf der Wiese neulich, da ging es, da waren wir mutterwindallem. Aber wenn wir in Hankels Ablage auch noch soviel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar emen

Berliner Kellner. Und solch Kellner, der immer so still vor sich hinlacht oder wenigstens in sich hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt mir die Freude. Frau Dörr, wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar, aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie bloß komische Figur und eine Verlegenheit."

Gegen fünf hielt der Zug an einem Waldrande ... Wirklich, niemand außer Botho und Lene stieg aus, und beide schlenderten jetzt behaglich und unter häufigem Verweilen auf ein Gasthaus zu, das, in etwa zehn Minuten Entfernung von dem kleinen Stationsgebäude, hart an der Spree seinen Platz hatte. DiesEtablissement", wie sich's auf einem schiefstehenden Weg­weiser nannte, war ursprünglich ein bloßes Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr allmählich und mehr durch An- als Umbau in ein Gasthaus ver­wandelt hatte; der Blick über den Strom aber hielt für alles, was fonst vielleicht fehlen mochte, schadlos und ließ das glänzende Renommee, dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten erfreute, keinen Augenblick als übertrieben erscheinen. Auch Lene fühlte sich sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz, deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten, zwischen Haus und Ufer stehenden Ulme verdeckt wurde.

Hier bleiben wir", sagte sie.Sieh doch nur die Kähne, zwei, drei... und dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glücklicher Gedanke, der uns hierher führte. Sieh doch nur, wie sie drüben auf dem Kahne hin und her lausen und sich gegen die Ruder stemmen. Und dabei alles so still. O, mein einziger Botho, wie schön das ist und wie gut ich dir bin."

Botho freute sich, Lene so glücklich zu sehen. Etwas Entschlossenes und beinahe Herbes, das sonst in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen und einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen, und dieser Wechsel schien ihr selber unendlich wohl zu tun.

Nach einer Weile kam der seinEtablissement" schon von Vater und Großvater her innehabende Wirt, um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen, vor allem auch,ob sie zu Nacht bleiben würden", und bat, als diese Frage bejaht worden war, über ihr Zimmer Beschluß fassen zu wollen. Es ständen ihnen mehrere zur Verfügung, unter denen die Giebelstube wohl die beste sein würde. Sie sei zwar niedrig, aber sonst groß und geräumig und hätte den Blick über die Spree bis an die Müggelberge.

Der Wirt ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und Botho und Lene waren nicht nur wieder allein miteinander, sondern genossen auch das Glück dieses Alleinseins in vollen Zügen. Aus eim5n der herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen Nachbargebüsche nistender Fink, Schwalben fuhren hin und her und znletzt kam eine schtvarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken an der Veranda vorüber und stolzierte gravitätisch auf einen weit in den Fluß hineingebauten Wassersteg zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehen, während sich die Küken ins Wasser stürzten und fortschwammen. t _

Lene sah eifrig dem allen zu.Sieh nur, Botho, tote der Strom durch die Pfähle schießt." Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durch­schießende Flut, was sie fesselte, sondern die zwei Boote, die vorn angekettet lagen. Sie liebäugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und An­spielungen, und erst als Botho taub blieb und durchaus nichts davon ver­stehen wollte, rückte sie klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg, daß sie gern Wasfer fahren möchte.

Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn. Denk an den zweiten Ostertag. Um ein Haar..."

.... Wär ich ertrunken. Gewiß. Aber das war nur das eine. Nebenher lief die Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn, dessen du dich vielleicht entsinnst. Er hieß Botho... Du wich doch, denk ich, den zweiten Ostertag nicht als einen Unglückstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und galanter."

Nun, nun... Aber kannst du denn auch rudern, Lene?"

Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen. Weil ich beinah ertrunken wäre, denkst du gering von mir und meiner Kunst. Aber der Junge war schuld, und ertrinken kann am Ende jeder."

Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote zu, deren Segel eingerefft waren, während ihre Wimpel, mit eingesticktem Namen, oben an der Mastspitze flatterten.

Welchesnehmen wir", sagte Botho,die ,Forelle' oder die ,Hoffnung'?" Natürlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?"

Botho hörte wohl heraus, daß dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln gesagt wurde, denn so fein fie fühlte, so verleugnete sie doch nie das an kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind. Er verzieh ihr aber dies Spitzige, schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er nach. Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte, kam der Wirt und brachte Jackett und Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt würde. Beide dankten, und in Kürze waren sie mitten auf dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte. Lene tat nur dann und wann einen Schlag mi* dem Ruder, aber auch diese wenigen Schläge reichten schon ans, sie n<-