SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Mrgang 1939
Montag, den 13. Zebruar
Nummer 13
Der kerzelmacher von Sankt Stephan
Ein heiterer Liebesroman von Alfons o. LKulka
Copyright by Z. G. Äotta'sche Buchhandlung Aachsolger, Stuttgart
23. Fortsetzung.
In heiseren, abgerissenen Sätzen mit Gott und der Welt hadernd, auf dem ken Beine hinkend, das krebsrote schweißtropfende Gesicht über die raße gebeugt, schleppte er sich, auf einen abgebrochenen Ast gestutzt, ihsam dahin. Während der Lange barhäuptig ging und sich nur hin d wieder mit seinem blauen, dreieckigen Hute Kühlung zufächelte, hatte - Kleine ein mit vier Knoten versehenes weißes Tuch über den blanken
adel geknüpft und wischte sich, alle paar Schritte schnaufend stehenübend, mit einem zweiten, rot und blau geblümten, die ©hm. So rschierten ste, das schmale, von Apfel- oder Birnbäumen geworfene battenband sorgsam ausnützend, schon seit dem Morgen.
An der gläsernen Kuppel des wolkenlosen Himmels stieg der weih- giihende Sonnenball schon zur Mittagshöhe, als der mit dem Violoncell |id, im Schatten eines Birnbaums auf einen Schotterhaufen fallen lieh, ie3 Instrument an den Stamm lehnte und dem Voranschreitenden giftig mchrief: „Stehen bleibst endlich!" Der Lange, der es sichtlich eilig hatte, vnndte ärgerlich den Kopf. Diesen Anruf hatte er seit dem Morgen schon qlit zwei dutzendmal gehört. Weil der Kleine sich aber diesmal nicht zum Meitergehen entschloß, kam der andere doch auf ihn zu, deutete auf eine Kirchturmspitze, die in der zitternden Lust über den fahlgelben Feldern stwamm und sagte: „Dort drüben im Dorf machen wir Rast."
Der Cellist wischte sich mit dem Tuche Hals und Nacken und schnaufte: „sticht einen Schritt geh ich mehr!" Auch als der andere auseinander- fe;te, daß es bis zum Dorfe keine Bierlelmeile mehr sei und dort Schatten nib Labung winke, wiederholte er mit der Hartnäckigkeit des Willen- lo'cn: „Nicht einen Schritt! Und mit dem Brummbaß gleich gar nicht."
Der Lange drohte ihm lachend mit dem Finger: „Na, was hab ich sagt, Wimmer? Wer hat's denn mitnehmen wollen, das Violoncell?"
Und das stimmte auch. Wohl hatte Matthias Wimmer zu seiner D rwunderung feststellen müssen, daß sein Freund Aloisius Brand dies- mil mit Bedacht und wie ein Mann handelte, der weiß, was er will. As hätte er sich vorgenommen, alle Wirrnisse doch noch selber zu einem jilen Ende zu führen, und als wäre durch die Bedrohung seines resl- ii’sen Glücks, das ihm mit der List geblieben, eine heimliche Kraft ersucht, die ihm von einem härteren Ahnen her bis dahin schlummernd itt Blute gelegen. Am Abend vor der "Abreise war es aber dann doch weder wie «in Rückfall in seine sonst allzu nachgiebige Wesensart, als er Wimmer die Pässe zeigte, die ihnen der Hofkriegsrat ausgestellt hatte, md besorgt hinzufügte: „Durch die eigenen Linien kommen wir also. Der bei den Preußen werden die Wische nichts gelten. Was machen wir, mnns uns nicht durchlassen, Wimmer?" Erst hatte der Regenschori selber bedenklich den Kopf gewiegt, dann aber in einem plötzlichen Einfall ge- nnint: „Weißt was, Brand? Du nimmst deine Flöten mit, und ich mei- ttt-i Brummbaß. Ein Musikant kommt überall durch, selbst bei die Preu- ftn. Schon mein alter Lehrer, der Domkantor in Salzburg, hat allweil Sagt: .Wimmer', hat er g'sagt, ,mit der Geigen unterm Arm wirst ifcerall warm!'"
Aloisius Brand hatte zwar gefürchtet, daß vor allem das Violoncell ju einer Last werden könnte, weil sie doch mit der Post nur bis Kremsier s en könnten, und es daher leicht möglich wäre, daß sie von dort bis im preußische Hauptquartier zu Fuß laufen müßten. Aber Matthias W mmer lachte ihn aus: „Zu Fuß? Mit einer Flöten und einem Violoncell? Ein jeder Bauernwagen nimmt uns mit. Weil die Leut froh sind, mnn ihnen wer was oorspielt und gar urnasonst..."
Solange sie mit der Post fuhren, ging es noch an. Wiewohl schon m ®-en der Postillon maulte, weil Wagen und Dach ohnehin schon gerap- Nit voll seien, und erst ein ansehnliches Trinkgeld bewirkte, daß der »inmmbaß doch noch hinten an der Kutsche über Ersatzrad und Hafer- taf geschnallt werden durfte. Aber in Kremsier begann dann das Kreuz, fc Brand den kaiserlichen Postmeister höflich fragte, wie sie nun weiter noch schmirschitz kämen, hob der kaum die rotgesoffene Nase vom Stehpult und den muffelnden Papieren und schnauzte höhnisch: „Zu Fuß! iller Wimmers Laune störte das nicht. Zwar brummte er wütend: „Sau- ütebes Mannsbild", draußen auf der Straße aber sagte er lachend zu Doud: „Deswegen fahren wir morgen doch wie die Generale ins preu- ßiiche Hauptquartier ein!" ■ m
Danach sah es einstweilen freilich nicht aus. Wohl hakten sie am Vormittage, als Straßenstaub und' sengende Sonne sie immer gründlicher «15 ehrbaren Bürgersleuten in Brüder der Landstraße verwandelt hatten, etliche vom Markt heimkehrende Bauernwagen eingeholt. Als sie sie aber
anriefen, ob sie nicht mitfahren könnten, hatten deren Lenker nur die Peitschen knallen lassen und waren eilig davongefahren. Entgegen Wimmers Meinung schienen sie durchaus nicht darauf aus zu fein, daß ihnen einer was vorspiele und gar noch umsonst. Dieses rätselhafte Verhalten vermochten sich Wimmer und Brand erst zu erklären, als ein Bauer sich umwandte, ihnen mit der Peitsche drohte und zornig rief: „Hendlsanaer, verfluchte!" Woraus sie erfahren, daß die Volksmeinung sie an diesem Tage den Fahrenden, Seiltänzern und Zigeunern zugesellte, vor denen man die Türen und Fenster zu ebener Erde verschloß.
Indessen war es Mittag geworden, und Aloisius Brand schilderte, vor dem Schotterhaufen stehend und auf das zerfließende Mannsbild niederblickend, vergeblich alle Freuden-des nahen Dorfes in den verlockendsten Farben. Matthias Wimmer bewegte nur müde den Kopf: „Wundg'laufne Füß hab ich, schwitzen tu ich wie ein Roß — nicht einen Schritt geh ich mehr!"
Woraus Brand das Gescheiteste tat, was er tun konnte, das Bioloncell ergriff, es am Tragriemen auf den Rücken schwenkte und weiter durch den Straßenstaub trabte. In der richtigen Voraussicht, daß der Regenschori allein auf dem Schotterhaufen nicht bleiben werde.
Als sie dann vor der Dorffchenke im kühlen Schatten einer großen Kastanie saßen, wurde ihnen noch einmal vor Augen geführt, daß man sie zu den Walzbrüdern zählte ünd nicht einmal zu den ehrlichen. Die Wirtin, der sie auftrugen, vor allem Wein und Wasser zu bringen, schielte mißtrauisch nach dem an der Hauswand lehnenden Cello, legte die offene Hand auf den Tisch und forderte hart: „Erst wird zahlt!" Brand warf ihr großspurig ein Silberstück hin. Da verschwand sie, iy ihrer Würde gekränkt. Woraus wieder einmal hervorging, daß man es den Menschen nicht recht machen kann.
Nach dem Essen streckte der Regenschori die Beine behaglich von sich und versank, an die Hausmauer gelehnt, in Schlummer und Schnarchen. Aloisius Brand aber starrte nachdenklich in das grüne Flimmern und Weben der großen Kastanie, durch deren Blätter die Sonnenpfeile schossen und die goldenen Kringeln niederfielen auf die Platte des Tisches, auf Boden und Bank. Sein Herz war voll Sorge. Was wohl mit der Lisi sein werde? Ob er sie überhaupt fände? Und vor allem, was er tun solle, wenn sie von ihrem Leutnant nicht ließe. Saum, daß eine Stunde vergangen war, rüttelte er Wimmer aus seinem Schlummer und meinte, daß sie nun wieder aufbrechen müßten, wollten sie heute noch nach Schmirschitz kommen. Der Regenschori aber blinzelte schlaftrunken, gähnte: „Brand, wannst mich erschlägst — ich kann nicht mehr", barg den Kops in die Arme und schlief weiter.
Eben wollte ihn der Kerzelmacher zum zweitenmal ^und diesmal kraftvoller wecken, als ein Wagen herankam. Ein Soldat kutschierte. Ein zweiter saß neben ihm. Das Fuhrwerk, das Säcke und Stroh geladen hatte, hielt an den Stufen vor der Kastanie. Die Soldaten fliegen ab. (Einer blieb bei den Pferden und begann sie zu füttern. Der andere kam di« Treppe herauf. Es mußten Preußen fein. Kaiserliche Uniformen waren das nicht. Der Soldat fah sich um. Vor der Schenke standen nur zwei Tische. An dem einen schnarchte Wimmer und saß Brand, auf dem andern schlief ein zerzauster Gockel mit seinem Hühnervolk. Der Soldat trat an Brands Tisch heran, tippte mit dem Zeigefinger an seinen Hut, setzte sich und rief: „Einen Doppelkrug Wein!" Dann warf er den Dreispitz auf die Bank, lehnte sich zurück, deutete auf den Brummbaß und fragte: „Fahrende Musici, die Messieurs? Wie? Schon was verdient heute?" Als Brand belustigt verneinte, meinte er gönnerhaft: „Könnt mir dann was vorspielen. Und mitsaufen dürft ihr auch." Die Wirtin brachte den Wein.
War es der Dust des Weines ober die fröhlich polternde Stimme des Soldaten: Matthias Wimmer hob den Kopf, gähnte mit Genuß und richtete sich auf. „Morsen!" lachte der Soldat, drehte sich um und rief zur Straße hinunter: „Raufkommen, Müller!" Dann schenkte er die Gläser voll.
Eine Weile dauerte es noch, bis der Regenschori begriff, daß das ein preußischer Soldat fei. Als er aber, völlig erwacht, auch den Fourage- wagen unten auf der Straße bemerkte, beschloß er, diese Gunst des Schicksals zu nützen. Kaum daß der ihm gegenübersitzende Soldat zum erstenmal das Älas abgesetzt halte, fragte Wimmer: „Weiß der Herr Soldat vielleicht..
„Wachlmester bin it!"
„Also weiß der Herr Wachtmeister vielleicht, wo man da ein Fuhrwerk nach Schmirschitz bekommt?"
Brand schmunzelte. Der Wachtmeister fragte erstaunt: „Nach Schmirschitz? Dort ist doch des Königs Quartier. Wollt.ihr denn frort hin?"
Matthias Wimmer trank, stellte sein Glas hin, gab Brand einen Tritt gegen das Bein und sagte: „3a, wissens, Herr Wachtmeister, die Zeiten sind schlecht, bei den Bauern is nix zu holen. Da haben wir uns hall gedacht, daß vielleicht bei den Soldaten ein Geschäft gehen könnt. Meinens nicht?"


