Ausgabe 
12.6.1939
 
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wird dir das Lager in meiner Kammer gerüstet. Ich schlafe wenig, ui) es ist mir lieb, heute nacht einen lebendigen Atem neben mir zu Lcn denn ich fürchte, das blutige Haupt des Herrn Thomas könnte mir ir Dunkel der Nacht oorschweben!

Morgen aber, als am Tage des gottseligen Königs David, magst du gtrost deines Weges gehen."

An die Geliebte.

Von Eduard Mörike.

Wenn ich, von deinem Anschoun tief gejim,, Mich stumm an deinem Heilgen Wert vergnüge, Dann hör ich recht die leisen Atemzüge Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.

Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüg. Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, Mein kühnster Wunsch, mein einiger, sich erfüllt.

Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, Ich höre aus der Gottheit nächtger Ferne Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

Betäubt kehr ich den Blick näch oben hin, Zum Himmel auf, da lächeln alle Sterne; Ich knie, ihrem Üichtgesang zu lauschen.

Sprechen Sie italienisch?

Von Or. Hildegard Geppert.

Lei parla italiano? Li, signor, un poco.

Come sta, signorina? Tante grazie, sto molto bene. Piace Italia? La Sua patria e bellissima!

Klingt hübsch, wie? Beinahe so als ob die Dame nicht über zwanzig, |mbern über tausend Worte italienisch verfügte, mit denen sie in liebens­würdiger Unterhaltung mühelos vor dem Gesprächspartner paradiert, an- nutig an die Balustrade einer Terrasse gelehnt, die den Meeresblick gibt 8i| den Golf von Napel, oder das Vorgebirge von Portofino. Aber alle Pümen, Pinien und glühenden Sonnenuntergänge helfen ihr nichts, wenn der Gegenüber nun einen Satz sagt, den sie nicht versteht. Was fügt er? Ob die Autostraße gut im Stande gewesen sei? Ob ste sich Gältet habe? Oder sprach er von Politik? Eine (grammatikalisch falsche) Litte um Wiederholung der Frage ruft einen ganzen Sturz erklärender Litze hervor, aber klarer wird die Unterhaltung dadurch keineswegs, im fegenteil: sie erzeugt ein durchdringendes Gefühl von Ratlosigkeit, das hie Dame unter einem Lächeln zu verbergen sucht. Der Italiener spurt V-s sosort, er schwärmt förmlich für hilflose Frauen, sie kommen seiner Statur entgegen, die ritterlich ist. Er versucht dem Gespräch eine andere Achtung zu geben, va bene, seine Frage war nicht so wichtig, die signorina tirb sie später verstehen, wenn sie bei ihm sprechen gelernt hat.

Er fragt dieses und jenes, er ist ungemein wißbegierig um nicht $. sagen neugierig und wenn die signorina ihn versteht, sagt sie si, Eibernfalls no, im Zweifelsfall lächelt sie, er auch, aber er redete noch endrein! Wenn er doch die bekannten Vokabeln gebrauchen wollte, aber Enn, er drückt sich ganz anders aus als sie es erwartet, kaum ein bekann- Ita Wort fällt. Und wenn ihr sprachungeübtes Ohr glücklich eines erwischt, |i klingt es sonderbar gedehnt, verkürzt keineswegs so gedruckt wie sie es gelernt hat. Wenn er nur nicht so rasch reden wollte! Aber vielleicht d-nkt er, daß die Menge der Worte das Sichverstehen fordert. Wie uber= ligen er mit den unregelmäßigen Verben umspringt! Hat er eigentlich eme Ahnung, wie schwer diese Biester zu konjugieren sind? Nein. Er tft Eit ihnen geboren worden, er hat sie von Jugend auf verwandt, r b aucht gar nicht darüber nachzudenken. Daher die Bezeichnung Mutt.r- n-rache.

Viel Vergnügungsreisende halten es mcht für nötig, sich in der Drache des Reiselandes ein wenig umzutun; sie begnügen fid) mit ber Ssweis-Fraqe quanto costa?, die übrige Verständigung und Unterhaltung ibertaffen sie denjenigen, die sich nicht immer nur der noch fo guten beut= foen Reifeführung anoertrauen wollen, sondern auf eigne 3auft Slbetv taier, und seien es noch so harmlose, suchen. Wer auf Reisen nicht die Sfcenteuerhift seiner Kindheit wieder erwacht, diese herrlich erregende N, S er nach Fremdem und Sonderbarem, dem widerfahrt nicht die-recht S eifefreube, ber Zauder ber Ferne unb ber Verwandlung. Und es g 'Eben ben üblichen Hafenschenken unb verlassenen Räuberhöhlen m» Jen nichts, was abenteuerlicher wäre als ein Eingehen in die Sprache es Landes, für den, der Ohren hat, zu hören. Denn selten trifft derSatz ? die Sprache das Leben eines Volkes ist sovöllig zu wie auf das Mienifche. Richtiger gesagt: das Sprechen! Gegen Italiener wirken deutsche immer maulfaul und temperamentlos, denn alles iwas den Jta- -ner angeht unb erregt, fetzt er in-Sprache um (Daher Rtne (*«««««« s erehrung für Einsiedler jeglicher Religion, die sich m die Wüste begaben, "Vn die ^uppig^ wuchernde Alltagsrhetorik hinein begibt sich der lern- tfrige Deutsche, wohl versehen mit den nötigsten Redewendungen seines Sprachführers und meist ahnungslos, welche nicht endenden M ß tanbniffe feiner warten. Das übliche Frage- und AntwurLSp Mnfäalter, im Gasthof gebt zwar noch ohne sonderliche Schwiengkeiten

sich, aber schon bas Studieren ber Speisekarte ist t

: ^od) wort- und ratlosem Starren auf diese Hieroglyphen ftscht der i putsche Gast aufatmenb endlich die beiden im bekannten W > '

I 'usotto und bistecca, er braucht also noch nicht zu verhunger| ,

® «ber an Hanb bes Sprachführers bie Speisekarte »u Vberfetzen, P '»rmen sich bie Schwierigkeiten ins Ungemeffene; benn welcher, bayeim

wohlversorgte, deutsche Ehemann, der sich aus Küchenfeinheiten nicht ver? steht, kennt den Unterschied zwischen gedämpst, gebraten, gegrillt, ge­schmort, abgeschmelzt, ausgebacken usw.? Er muß mit Befremden fest­stellen, daß man die Mannigfaltigkeit deutscher Ausdrücke erst kennen lernt, wenn man sich mit einer fremden Sprache beschäftigt.

Er aber will sich fürs erste an bas Einfache halten, an schlichte Sätze mit Verben ber ersten Konjugation, ohne Konjunktiv, an klare Aussagen unb Fragen. Leiber aber ist ber roürbige ältere Herr, den er nach dem Weg fragt, burchaus nicht fürs Einfache; er beschreibt wortreich ben Weg, rät auch zu einem Umweg, um eine berühmte Kirche zu sehen unb bietet sich schließlich als Begleiter an. Zeit haben bie! Immerhin, dieser alte Herr spricht ein sehr schönes, klangvolles Italienisch, ber Deutsche kann sich geradezu an dem Schwung unb Tonfall seiner Sätze erbauen, er ver­sucht unwillkürlich, bas volle offene o ber Endungen, die deutlich doppelt gesprochenen 11 und mm nachzuahmen und er merkt sich bald die unent­behrlichen Redewendungen male da poco (wenn es weiter nichts ist!), ecco (sieh dal), va bene (einverstanden, schon gut). Man kann sie bei allen Gelegenheiten in verschiedenartigstem Tonfall verwenden unb halbe Gespräche bavon bestreiten, bie sich bann bereits ungemeinitalienisch" ausnehmen. Männer lernen zweckmäßiderweise einige Fluche, bie an richtiger Stelle angeroanbt, Wunber wirken unb die italienische Mei­nung bestätigen, daß die Deutschen ein rauhes streitbares Volk von offe­ner Gemütsart feien. Was bie Achse BerlinRom auf italienisch heißt, lernt man aus jeher Zeitung unb aus den zahllosen Häuserwandinschrif- ten, die Mussolinis lapidare Sätze kundtun. Hören unb lesen anders lernt sich eine Sprache nicht.

Man kann esherrlich weit" darin bringen, kann vom Wetter, Essen, Reisen, auch ein wenig von Politik sprechen, kann eintaufen unb mit ben Droschkenkutschern hanbeln (man muß immer mit ihnen hanbeln!). Was aber, wenn man von einem ßanbsmann in ben Nöten einer Auto- panne als Dolmetscher herangezogen wird? Der Mangel an Kenntnis ber Fachausdrücke tut sich wie ein SIbgrunb auf. Gottlob ist bas Auto- ahren eine international beliebte Betätigung unb eine Zünbkerze sieht in einem italienischen Motor genau so aus wie in einem beutschen. Man braucht also bas Ding gar nicht zu benennen, sonbern nur auszuwechseln unb schon ist der Schaden behoben! Die Dinge sprechen für sich selber.

Und zudem gibt es ja noch den Zeigefinger, diese wirklich unüber­troffene Erfindung der Schöpfung, mit ber man sich mangels Worten prächtig behelfen kann. Wenn er nicht wäre, wie könnte man eintau en? tinb wenn feine neun Kollegen nicht wären, wie könnte man bezahlen? Um etwaigem Mißverstehen ber Zahlennamen vorzubeugen.) Aber mehr als bas: wozu sind Hänbe, Arme, Füße, ja ber ganze Körper ba, wenn man nicht unwillkürlich burch ihn auszubrücken versucht, was man mangels Vokabeln nicht sagen kann? Diese ganze körperliche Existenz, bie bei bem verhalteneren Temperament bes Deutschen nur eine bedingte Rolle spielt, sie erweist sich als erstaunlich ausdrucksfahig, wenn die Sprache versagt. Was Hirn und Mund nicht zu formen vermögen, das vermittelt ber Blick, bie Geste, bie sich am mühelosen Ausdrucksreichtum der italienischen Körperlichkeit förmlich entzünben. Unb siehe ba, ange­rührt von bes Italieners Leichtigkeit fühlt sich ber Deutsche geloster, ver­jüngt, eine höchst erwünschte Verwandlung, und nicht nur Frauen zu empfehlen!

Also: wer italienisch lernt, wird klüger, jünger, schöner. Denn Lernen ist eine Spielart bes Eroberns unb wer erobert, fühlt sich als Sieger (wenn auch nicht auf ber ganzen Linie ber verzwickten italienischen Syntax!). Was aber bas Schönerwerben beim italienisch lernen betrifft eine Sache, bie hauptsächlich Frauen angeht, fo sei gesagt, bah Komplimente um so wohler tun, je vollstänbiger man sie versteht. Also lerne italienisch, um bir sagen zu lassen, wie schön wie reizend du bist, denn der deutsche Mann sagt es dir nicht in ber Annahme, daß du es ohnehin schon weiht, ober baß bu feine Schmeichelei nicht glaubft. Der Italiener aber ist ber geborene Kavalier unb nichts geht ihm leichter von ben Lippen als das Lob der Frauen, llebrigens dringt bies eine angenehme Form ber Unterhaltung mit sich: bie signorina kann zuhoren, ohne widersprechen zu müssen. . ,r, _ ,

So paradox es klingt: man lernt beim Italienisch-Sprechen auch das Schweigen, jedenfalls bie größtmögliche Vereinfachung der sprachlichen Mitteilung. Eine geistige Entfettungskur gewissermaßen Alles Zuviel, was man im Deutschen an Flickwörtern, Vergleichen, Schachtelsätzen ge­braucht fällt weg, weil es unübersetzbar ist, auch wenn man über brei- tausend Worte italienisch verfügt. Der einfache Aussagesatz, bie schlichte Frage kommen roieber zu Ehren, wie wohltuend! Ja, man wirb geradezu kühn man kürzt bereits im Italienischen selbst, man bedient fid) mit Vergnügen ber volkstümlichen Rebewendungen bes jeroeihgen 2anv- ftriches, man bekommt bas Ohr für Dialektunterschiede. Wer bas voll­tönende römische Italienisch oder das rasche, scharf akzentuierende Flo­rentiner liebt, wird mit Unbehagen den Faenzer D.afekt Horen, der die Dokalschönheii und Konsonantenreinheit auf eine schier unerträgliche Weise verwäscht. Aber wie reizend klingt bie weiche, ein wenig singende Mundart von Capri! Die unwillkürlich nachzuahmen, macht insofern besonderen Spaß, als der Capreser und auch der Neapolitaner die End­silben fallenlassen, diese peinlichen Prüfsteine genauer Sprachkenntnis und rid3a mitUaüenerfünfreinnen will das Italienische erfaßt werden, denn die Sprache eines Volkes ist ja nichts Geringeres als (em «eben selbst im vollsten Umfange feiner dinglichen und geistig-seelischen Substanz. Kaurn jemand aber, brr lebiglich zu Reisezwecken bie Sprache erlernt, mirb sich anmaßen, sie vollkommen zu beherrschen im Gegenteil: er wirb von seiner Reise als befonbers wertvolles Ergebnis eine heilsame Be­scheidenheit mitbringen, ein Sichbescheiden auf das Notwendige Nutz- lickie unb bazu ein ehrfürchtiges Staunen über bie unendliche Mannig faltigteit die das sprachliche Leben einer Nation birgt und die ihn vielleicht'zu seiner Ueben ischung auf den Sprechreichtum des eignen Volkes hinweist.