Ausgabe 
12.6.1939
 
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war nicht mehr zu kennen. Es war zerfallen und nach unten gesunken. Statt des freudigen Leuchtens von ehemals gab es nur noch einen matten, weihen Schein von sich, wie faules Holz in der Nacht.

.Die englische Luft ist mir stinkend geworden! zürnte Herr Rolle. .Ich ziehe nach der feuerspeienden Insel Sicilia, wo mir ein Neffe lebt. Hans, nimm eine Kohle dort vom Herd' wir standen m der Waffen- kammer .und schreibe für mich ein Valet an die Wand, daß ich keinem gegeißelten Könige diene/ Ich wußte, der edle Herr war des Schreibens unkundig, und ich brachte feine Gedanken nach Kräften m einen lateinischen Spruch, mit dessen Fassung er sich zufrieden gab, und der lautete: ,Ego Normannus Rollo valedico regi Hennco.

Bevor ich aber die Kohle anfetzte, bemerkte ich: .Ich habe dieselbe Mie^ du gehst, Bogner? Der König wird dich missen!' warf er hin und runzelte die Stirn.

Ich wies auf die blauen Flecke meines gewürgten Halses und sagte: ,3um dritten Male schon habe ich Herrn Heinrich Unheil verkündet, was Wunder, daß er dem Raden gram wird? Mein Königs-dienst bringt ihm kein Glück mehr. Was soll ich seinen Zorn reizen! Ich will gehen, bevor er wie König Saul zur schlimmen Stunde einen Spieß nach nur wirft. Aber daß Ihr von ihm lasset, Herr, den er wert und teuer halt als den ältesten Zeugen und die Verkörperung des normännischen Ruhms, das wird ihn als ein böses Omen erschrecken und versinstern.

Da riß mir der Waffenmeister die ungebrauchte Kohle aus der'Hand, warf sie gegen den Herd und wandte mir finster brummend den Rücken.

Am selben Tage trat ich vor meinen Herrn und bat um Entlassung, mit schwererem Herzen noch als an jenem ersten Tage meines Herreu- dienstes, da ich ihm in demselben Gemache meine vervollkommnete Arm­brust gezeigt hatte. Er schaute mich nicht unfreundlich, nur fremd und traurig an und gnadete mich ab. Ein reicher Mann wurde ich damit nicht, aber meinen ehrlichen Lohn ließ mir Herr Heinrich durch seinen Schatzmeister ausrichten.

Ms ich meine Kammer in Windsor räumte, fand ich in der Tiefe einer Truhe, wohin ich cs verstoßen hatte, das Tllchlein mit dem Blute des Heiligen. Was damit beginnen? Wohl war es köstlicher als der ganze Lohn, den mir König Heinrich hatte verabreichen lassen, denn schon damals wurden die geringsten Ueberbleibsel des Herrn Thomas hundert-, ja tausendfach mit Gold ausgewogen. Aber es ging mir gegen die Erinnerungen des Gemütes, ein Blut zu verkaufen, an welchem ich ohne eigene Ähuld war. Die zwei übrigen Auswege, das blutige Tiich- lein an mir zu behalten oder es zu vertilgen, waren gleicherweise be­denklich.

Bevor ich Engelland verlieh, versäumte ich nicht, meinen frühem Meister, den Bogner in London, aufzusuchen. Er hatte mir Gutes er­wiesen, und während meines Königsdienstes war ich ihm abtrünnig ge­worden. Er empfing mich mit großen Ehrenbezeigungen, denn er wußte nicht, daß ich in Ungnade gefallen war, und lachte und meinte wie ein Kind. Bitternis und Herzeleid hatten ihn an Leib und Seele geschwächt. Ich fragte nach Hilde. Sie liege an einem zehrenden Fieber danieder, sagte er und führte mich in die Kammer.

Als sie mich erkannte, leuchtete ein Glanz aus ihren tiefliegenden blauen Augen. Sie dankte mir, daß ich gekommen sei; sie habe danach gedürstet, mich noch einmal vor ihrem Sterben zu sehen. In mit aber stieg mit dem Mitleid die alte Liebe mächtig auf, so daß ich chr Vor­schlag, gebemütigt, wie ich war durch die Schläge des Schicksals, sie als mein angetrautes Weib mit mir heimzuführen, 'wenn sie nur gesunden könnte. Sie nickte, aber zweifelnd und traurig.

Da stet mir mein kostbares Heiligtum ein, denn es war in Engel­land ein groß Rühmen und Prahlen von den durch die Reliquien des heiligen Thomas gewirkten Genesungen und Wundertaten. Tote sogar, so predigte die sächsische Pfaffheit, seien kraft der Berührung mit den­selben in die Zeitlichkeit zurückgekommen. Im schnellsten Ritte jagte ich nach Windsor und zurück. Ich eilte mit meinem Tuchlein hinauf in ihre Kammer. Sie schlummerte, und ich legte er ihr leite auf die Brust. Da regte sie sich, lächelte freundlich, tat ein paar schwere Atemzüge, schlug Die Augen strahlend auf und schloß sie wieder mit einem leisen Seufzer. Herr, sie war tot.

Da faßte mich ein grimmiger Schreck und Zorn, daß Herr Thomas, der die Toten auferwecke, mich unversöhnlich verfolge und mir mein Liebes töte. Ich entfloh, und das Mutige Tüchlein ist wohl mit ihr ein­gesargt worden.

Ich hatte eine stürmische Meerfahrt, und zweimal warf mich die Welle an die englische Küste zurück. Nachdem ich endlich festen Boden beschritt, strebte ich nach schwäbischen Landen; denn die Erfahrung des Lebens hatte mir die Luft der Wanderung und weltlichen Neugier völlig aus- getrieben. Wie ich einmal wieder mein Roß im Rhein getränkt hatte, zog mich das Heimweh unaufhaltsam stromaufwärts, bis durch das Tor Schaffhausens.

Dort fand ich den Juden Manafse verschollen und wurde als welt- kundiger und namhafter Mann mit Ehren ausgenommen. Ehe der Flitter meines Ruhmes verblich, heiratete ich eine junge Witib, die mir neben zwei Knäblein ihres ersten Bettes einen Turm in Schaffhausen und einen sonnigen Weinberg am Rheine zubrachte.

Ihr traut es mir zu, Herr, daß ich, obzwar ein adeliger Mann und gewesener Königsknecht, mein Handwerk nicht aufgab, vielmehr unver­weilt eine fröhliche Werkstatt auftat, aus welcher ich bald einen weiten Umkreis von Burgen und Städten mit großem und kleinem Geschoß versah.

Von meinem König aber erfuhr ich nichts, als daß er mit sich und seinen Söhnen nicht zum Frieden kommen konnte.

Da begab es sich eines Tages, daß ich, das ältere Büblein meiner Frau an der Hand, gegen den Rheinsturz hinausging, um mit einer neuen Armbrust über den Strom zu schießen, prüfend, in welchem Maße

durch den Wirbelwind, der dort über den Wassern schwebt, der Flug b« Geschosses gestört werde.

Wie ich nach einem Zielpunkte am jenseitigen Ufer spähe, erblicke if die graue Gestalt eines Ritters, auf einem Felsblocke sitzend, das Schwk« i quer über die Knie gelegt, wie Euer Carolus Magnus hier am fünften türme Meinem Knäblein beginnt es zu grauen, und ich zerbreche nur ben Kopf, wer das seltsam natürliche Bildwerk über Nacht in die Wildn« i an den Strom gesetzt habe.

Da hebt der Ritter langsam die geharnischte Hand empor, unb iq sehe, wie er mir winkt. Jetzt erkenn' ich ihn, springe in den Nachen b* Fergen, stoße mich über, und Herr Rollo ruft mir entgegen: ,Jch grch dich, Schwabe, und labe mich bei dir zum Nachttrunke.'

Heimkehrend sagte er mir, er sei auf der Fahrt nach Palermo, fieuii in dies Städtchen am Rheine gekommen, habe er Hengst und Dienstl« ; dort untergebracht und sei dann, von einem fernen Donnern gelockt, nw gierig stromabwärts gegangen bis zu diesem tapferen Wasserspiele.

Ms wir zusammen durch die Gassen von Schaffhausen schritten urt das Volk den gewaltigen alten Herrn bestaunte, war mir, als hätt' iis vorzeiten unter einem fremden Riesengeschlechte gelebt. Herr Rollo trau! manchen Becher meines Weines und lobte ihn. Ich aber wagte endliis eine Frage nach meinem Herrn und Könige. Da blies der Wafsenmeif!« in die Luft, und ich verstand, Herrn Heinrichs Seele sei von hinnn gefahren.

,Unb sein Sterben?' fragt ich angstvoll, ,wie war es?'

,Unpfäffisch!' gab er zur Antwort. Ein roter Vaterzorn hat ihn w. der Strahl getötet. Dein Abgott, der Knabe Richarb, hatte ihn mit HD bes Sapetingers unter sich gebracht unb forberte als erste Bedingung ba Friedens einen väterlichen Segen, wenn es auch nur die leere A» bärbe wäre.

Da erhob sich Herr Heinrich, von meinen Armen gehalten, voll still« Grimmes auf seinem Siechbette unb streckte gezwungen seine Rechte üb« ben Sohne aus. Aber bie falsch fegnenben Mager zog ber Sterbekrarys zusammen, unb sie erstarrten in ber Lust.'

.Haltet ein, Herr Rollo!' rief ich schaubernb, unb nach einer Weile flü: ich fort: .Gestattet Ihr es, so begleite ich Euch eine Strecke weit, ich « eine Wallfahrt tun zu ber schwarzen Mutter Gottes von Einsiedeln, mii verlangt, für bie Seele meines Herrn zu beten.'

Am zweiten Tage erreichten wir bie unfruchtbare Hochebene, m Meinrabs Zelle liegt. Herr Rollo kehrte nicht an, er roanbte unb (pomi sein Pferd, indem er mit leichtem Kopfnicken von mir Abschied nahm uni gegen bie Türme bes Klosters ausspie.

Ich aber stieg von meinem Tiere unb zog mit nackten Füßen um barem Haupte zu ber Heilsstätte. Nachdem ich bort alles Uebliche uni Reinigende verrichtet, trank ich zum Abschiebe noch einmal von jegliche Rohre bes Brunnens, ber, wie Ihr wißt, dem gesegneten Leibe San!! Meinrads entsprungen ist.

Wie in den andächtigen Mund von einer Rohre weghebe, sehe ich ber nächsten bas burftige Haupt eines Pilgers hangen, bem ber reti Aermel leer an ber Seite nieberfiel. Jetzt erhob auch er bas Angesich! gegen mich, unb wir schauten uns in bie Augen.

Ehe wir uns besten weiter versahen, waren wir beibe ausgesprung « unb hielten uns an ben Gurgeln Trustän Grimm unb ich.

Da erscholl neben uns ein kräftiger Baß: .Hänbe weg!' unb ein blüh» ber, junger Mönch fragte uns nach Herkommen unb Heimat.

Als er erfuhr, ber eine von uns sei ber Kreuzträger bes heiligen mas, ber anbere ber Leibknecht König Heinrichs gewesen, fanb er es mu zeihlich, bah wir uns an bie Hälse gefahren, schieb uns aber mit gW mäßiger Buße, jedem seine Zahl Vaterunser auferlegenb, unb der eist lichen Predigt, kleine Leute hätten sich nicht in ben Streit großer Heini zu mischen, zumal wenn biefe schon an einem ber brei jenseitigen Lm ihren richtigen Platz gefunben hätten.

So zog jeher von uns seine Straße. Ich in meine Werkstatt am RfM Trustan Grimm nach bem Heiligen Grab, noch etwas Boses gegen ®( lauen schwäbischen Pfaffen in seinen roten Bart murmelnd.

Nach zehn Jahren erhob ber noch heute regierende Papst, bem Engellanbs unb ber Christenheit Gehör gebenb, Herrn Thomas in wj leudjtenben Kreis der Kirchenheiligen. Statt ber geforberten brei Wunw wurden deren über hundert vermeldet unb verbürgt, unb das verbiem«' liehe Sterben auf den Stufen bes Altars wog nicht weniger in ber Sa® feiner Mürbigkeit. i

Als solches ben christlichen ßänbern verkünbigt würbe, schrieb ich "" Namen bes Herr Thomas in meinen felbftgefertigten Kalender e» hart unter bie kleinen ersten Märtyrer, bie unschuldigen Kinblein Bethlehem, mit welchen er freilich, ben gewaltsamen Tob burch SchrW ausgenommen, nur wenig gemein hat."

In biesem Augenblick fuhr Tapp scharf bellenb auf, und bald ort wartete ihm von der Gasse heraus Rübengeheul unb Rohgestampf. ® greller Fackelschein fuhr burch bas Zimmer, und wie bie beiben in® hölzernen Söller hinaustraten, erkannte ber Armbruster an ber SW bes bie steile Gasse herabreitenden Jagdzuges seinen Gönner und SM ner, Herrn Kuno, und wurde auch von ihm erkannt. Denn während Linke bes jungen Chorherrn ben Zügel kürzte, riß er mit ber ReM einen vollen Lebersäckel aus seinem Gewanbe hervor, welchen er C*1 Armbruster in großmütiger Laune entgegenstreckte

Hans wollte sich beurlauben, doch Herr Burkharb legte ihm die S ternbe Hanb auf bie Schulter. _

Freund", sagte er,nächtige du unter bem Dache von Sankt M unb Regul! Hat dich boch ber heute hier regierenbe Heilige einen knecht genannt unb möchte dir leichtlich, unversöhnt, wie er ist, auf pc"? finstern Wege zur Herberge Fallstrick und Hinterhalt legen. Gehe - und erhebe deine Schuld bei Herrn Kuno, ehe die Würfel raffeln. UN