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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
;a rgang <939 Zreitag, den (2. Mai Nummer 36
§ DER HEILIGE
Novelle von Conra- Zerdinanü flieget
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Ws ich dem Königs von dieser schlimmen Begegnung Bericht gab, ihoj ihm das Blut dunkelrot zu Kopfe vor Zorn und Liebe.
,Sir müssen mit der kleinen Dame über Meer', sagte er und mWte die Brauen. ,Und zur Stunde! Bevor der Habicht die Taube Lischt!'
kr befahl mir auf den Abend drei gesattelte Rosse und für ihn eine inijteinbare Tracht bereit zu.halten.
ty war schon dunkel, als der erst spät vom Kanzler freigelassene Mantel und Kappe ergriff und sich zu Pferde warf.
lach einer Stunde scharfen Rittes, schon fast auf der Hälfte des ! Big s, winkte er mich an seine Seite und sagte mir, ich kehre in der ijutf nicht mit ihm zurück, sondern habe morgen in hem Schlößchen ; H ILeiben und die Herrin mit einer Zofe nach eingebrochener Nacht i ui eine nächste Burg zu bringen, von wo er sie werde übers Meer liefern lassen.
l«sch waren wir am Ziel. Der Herr sand für sein Haupt einen i nitcn Pfühl und ich am Fuße der Mauer einen harten, den Sattel i itiii»s Pferdes, dem ich mit den zwei andern eine nächtliche freie ;. ! Bräe gönnte.
ffs sich die nebelfeuchten Wipfel des Waldes vergoldeten und ich «ba die drei Tiere wieder eingefangen hatte, trat der König aus der • if»be, und an seinem Arme hing ein liebliches Geschöpf, nicht über sinsehn Jahre alt. Das schönste Mädchenhaupt, das ich je erblickt habe, lüjns an der Schulter des Königs und heftete auf feine lusttrunkenen ifort zwei flehende und furchtsame. Rabenschwarze Haare, von einem Mnen Stirnreif zusammengehalten, flössen aufgelöst über die zarten Hütern und Hüften nieder bis fast zur Erde. Sie war in Tränen, t zerr Heinrich sprach ihr Mut ein.
.ti) lasse dir diesen hier. Er ist mein -treuer Knecht und wird dich li» wie seinen Augapfel. Laß dich heut abend ohne Furcht zu Rosse Ipe. Es muß sein, ich will es, Grace! Ein kurzes, und wir sind unter «nm warmen Himmel wieder vereinigt.'
Jr küßte sie, schwang sich zu Pferde und sprengte von dannen, wäh- '• e> ihm das Kind mit beiden Armen Grüße nachsendete. Mir aber war cils Blut aus dem Herzen gewichen. Die Wahrheit durchfuhr mich t»“in scharfer Strahl. Vernehmt es: der König hatte den Kanzler r W(bei einer prächtigen und ehrgeizigen Schönheit ausgestochen, Leid t M Zünde! er hatte sich an des Thomas Becket unschuldigem Kinde "Pffen. Wißt: Gnade, wie sie der König genannt hatte, war des iK'tts leibhaftiges Ebenbild, soweit ein junges, unwissendes Antlitz erkälteten und welterfahrenen gleichen kann. Der edle Zug seiner Jhisn, seine dunkeln, schwermütigen Augen, das ernste Lächeln seines j w-es, die Sanftmut seiner Gebärde — da war kein Zweifel: Gnade, j um des Kanzlers Schwester zu sein, war sein eigen Fleisch und "«t Herr Heinrich, ein christlicher König, hatte schlimmer als heidnisch ^Nemer unmündigen Seele und einem kaum reifen Leibe gesündigt. <.,.0'gleich «in armer Knecht, zürnte ich mit meinem Herrn, und meine elchL ballten sich, als hätte man mir das eigene Kind zerstört. Alsobald JW mich auch eine große Kümmernis, und ich hätte blutige Tränen wögen, daß mein König, den ich lieb hatte, durch den Mord "^Unschuld den göttlichen Zorn" herausfordere. Ich suchte den hohen JF’ zu entschuldigen mit seinem starken Blute, seiner Allmacht, seinen unklugen Stunden, doch vergeblich! Es klang mir in den Ohrem «i a)err hat eine Todsünde begangen! Meine Sinne öffneten sich: ich t Schutzengel, der sich aus Betrübnis und Scham mit beiden q ein weißes Tüchlein vor das Gesicht hielt, und hörte die i pinen des Gerichtes mächtig erdröhnen.
r.^ch 'ch nahm mich zusammen. Die zwei Tiere, zwischen denen ich !'«-» wurden unruhig, ich faßte sie fester, und meine Verzückung wich.
b Kind des Kanzlers war in der Burg verschwunden. Aescher Er® «Kein im Torweg und winkte mich zum ersten Male in fein 'IV- in die dicke Ringmauer hineingebautes Wächterstübchen.
; !«h scheu und elend aus und war so zerfahrenen Gemütes, daß ,?^8«ß, mir die Speise und den Trank vorzusetzen, deren ich nach « .^Schrecken wahrlich bedürftig war. Während ich mir selbst zu a K,n«.®ro^e «erhalf und den Weinkrug aus dem Wandschrank holte, K j.„ „ zögernd, die von meinem Könige befohlene Flllchtung der L "2 ®n«be werde nicht ohne Gefahr sein. Er habe seinem Herrn, Kanzler, in aller Treu und Redlichkeit berichtet, das Waldschloß
werde von dem Normannen Malherbe seit mehreren Tagen belauert und umkreist. Er erwarte stündlich den Kanzler, der mit Bewaffneten anlangen und eine Besatzung hinter diese Mauern legen werde.
.Hätte ich doch dem Teufel widerstanden', jammerte er in elender Reue, ,und meinem Herrn gleich den ersten Besuch des deinigen geoff en- bart. Mein Leib wäre daraufgegangen — jetzt hab' ich auch meine Seele verkauft! — Aber woher den Mut nehmen, mich der höchsten Gewalt zu widersetzen! Verwirrender Schrecken wandelt vor deinem Könige her! Fluch über die Stunde meiner Geburt! Alles, selbst die Kenntnis des Guten und Bösen, haben uns diese Normannen geraubt! ... Aber auch mein Herr, der Kanzler, trägt eine Schuld. Er, welcher die verkörperte Weisheit ist, hat Gnade schlecht erzogen. Glaubst du mir's, Bogner? Kein Kruzifix, kein Meßbuch, keinen Heiligen halten wir im Hause! ... Außer einem geringen Sankt Joseph dort in der Mauernische für uns Dienstleute. — Mit arabischen Lettern bedeckte Pergamente brachte er dem Kinde, heidnifche Märchen, die den grausamen Weltlauf zu einem süßen Abenteuer verfälschen — und das Kind ergötzte sich bei Tag und Nacht an diesem schönen Lug und Trug. Auch Monna Lisa, die welsche Lautenspielerin, ihre Zofe, hat den Kanzler in Gedanken oft darüber angeklagt. Die Aermste! Sie hielt den Gang des Königs kniend auf. Aber er füllte ihr die Hände und schob sie beiseite. Bei den Weibern ist dein Gebieter ein so herzgewinnender Herr, als für uns ein grausamer König — und fo wurde die Torheit begangen.'
Während der greise Sachse also bänglich und unnütz jammerte, hatte ich mich nach und nach mit Trank und Speise gestärkt und in meinem Gemüts ermuntert.
,Hans', sprach ich zu mir, ,sei kein altes Weib — nimm dich zusammen. Unheil ist geschehen; aber noch ist eine Möglichkeit, daß es zum Bessern umschlage. Wer weiß, ob Königin Ellenor nicht vor ihrer Zeit mit dem Tode oder nach ihrer Zeit mit einem Fahrenden abgehtl So würde der Herr frei und machte seine Gnade zur Königin. Ist sie doch zwiefach aus fürstlichem Geblüte! Besorge du das Heutige und bringe das Kind über Meer!'
Wißt, Herr, das sagte ich, um mich zu trösten. Aber, glaubet mir, all meine im Herrendienst schwer erworbene Habe, meine Kunst und die Hälfte meines Blutes hätte ich daran gegeben, um Herrn Heinrich von seiner Tat und mich von meiner Dienstleistung dabei loszukaufen. Diese Sünde sank so schwer in die göttliche Waagschale, daß ihr Gewicht den Herrn und den Knecht wohl erdrücken konnte.
Herr Heinrich hatte den Glauben eines Kindes mißbraucht. Gnade war von beiden Eltern her heidnischen Blutes, und die unterwürfigen arabischen Weiber beugen sich vor dem Zepter bis in den Staub. Der Sönigift ihnen an Gottes und des Gesetzes Statt und mehr als Vater und Mutter. So begriff ich, daß Gnade das böse Geheimnis des Königs vor dem Vater bewahrt hatte.
Wie heiß und unbesonnen mußte der Kanzler sein Töchterlein lieben, um es, der sonst nach allen Seiten Umblickende und das Keimen der Dinge Belauschende, in seine und damit in die Nähe des normännischen Hofes gebracht zu haben — so klügelte ich weiter. Und wie schwer wird er es bereuen! — Doch ich raffte mich schleunig auf, um das Nötige zu beschicken.
Ich nahm drei runde Brote unter den Arm und führte meine zwei Rosse, die draußen angebunden standen, in eine nahe Waldschlucht neben ein klares Wässerlein, speiste sie, ließ sie saufen und knüpfte ihre Zügel an zwei Fichtenstämme. Es tat mir wohl, für zwei kluge und treue Ge- fchöpfe zu sorgen, die nichts wußten von Verrat und Sünde.
Als ich aus der Schlucht wieder emporstieg, schreckte mich ein Hornruf, der aus einer andern Ecke des Waldes erscholl, und auf welchen das Flattern eines Tllchleins von der die blaue Kuppel umgebenden Zinne antwortete.
Schleunig durcheilte ich den mich von der Burgmauer trennenden Raum und schlich, in ihren Schatten gedrückt, nach der Pforte, durch die mich der erbleichte Aescher zitternd hineinzog. Seine kleine Pförtnerstube blickte durch drei schmale Luken in das Freie, in die Torwölbung und in den Burghof.
Wohl ein Dutzend Reisige sprengten aus dem Walde. Voran der Kanzler, den ich an seinem wunderschlanken arabischen Grauschimmel erkannte und an der feierlichen Art, wie er ihn lenkte. Er war in voller Rüstung mit gesenktem Visier. Vor dem Tore, wo sie abstiegen, ließ er von einigen die Tiere in der Richtung der Meierei wegführen; die übrigen folgten ihm, nicht zu meiner Freude, durch die Pforte und erhielten im Hofe den Befehl, sich rings auf die Mauerzinnen zu verteilen.
Ich hatte meinen Standort gewechselt, den Kanzler im Auge behaltend, dem jetzt Aescher Rechenschaft abzulegen schien, und der dann in der Burgwohnung verschwand. Der alte Pförtner trug den Schlüssel meines Versteckes am Gurt, ich war in der Falle und legte mich auf die Lauer.
Mir gerade gegenüber, in der Mitte des Burghofes, stand der Kuppelbau, von dem Halbrunde feiner mit immergrünen üppigen Sträuchern


