Ausgabe 
11.12.1939
 
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Doch, wer keimt ihn? Als Sohn eines-Holstninsrs in Norwegen geboren, kam er früh als Dozent nach Halle, trat Goethe und den Romantikern nahe, verfaßteGrundzüge der philofophischen Naturwissenschaft", die Goethe 1806aufmerksam" las und Fritz von Stein empfahl. In Preu­ßens schwerster Zeit erkennt er, welche Aufgaben dem Deutschtum gegen­über der westlichen Ueberfremdung erwachsen, und stellte alles Persön­liche zurück, um mitzuhelsen. In Breslau weilt er unter den Männern der Erhebung, Scharnhorst, Gneisenau, Arndt, Stein gehen bei ihm aus und ein, Porck und Hardenberg stehen ihm nahe, an die Breslauer Stu­denten richtet er die berühmte Rede, ruft Hessen zur Erhebung auf und zieht an Blüchers Seite in den Kampf. Alle diese Erlebnisse und feine freundschaftlichen Beziehungen zu Görres, Sailer, Arnim und die Bren­tanos, Jean Paul, Baader, Wilhelm Grimm, Runge, Cornelius, Hum­boldt u. a. hat er vor rund hundert Jahren in zehn Bärchen veröffent­licht. Willi A. Koch schied alles heute Ueberholte oder von der Ge­schichte Richtiggestellte aus und gabWas ich erlebte" als 12. Band der Sammlung Dieterich heraus. Vieles aus dieser Zeit, vor allem die Jahr« der Erhebung, erfahren eine neue Beleuchtung durch dieses Erinnerungs­buch, diese eindringliche Rückschau auf eine große Zeitenwende.

Henrich Steffens, der Freund der Romantiber, stand auch in freund­schaftlichen Beziehungen zu Novalis, dem reinblütigen Romantiker, und begeisterte sich vor allem für seineFragmente"; Stessens hatte schon erkannt, daß Novalis fragmentarisch bleiben mußte, weil dieser Dichter das Stichwort zum letzten Geheimnis suchte. Damit griff der Dichter des Heinrich von Ofterdingen" weit über die Ziele seiner das Jenseitige ab­tastenden Zeitgenossen hinaus intraumdunkle Bereiche", die erst viele Jahrzehnte nachher ein wenig aufgehellt werden konnten. Mit einem fast unheimlichen Ahnungsvermögen überschaute er Menschenwerk und Zeitgeschehen, war auf vielen Gebieten zu Hause und prägte manche noch heute gültige Begriffe, etwa ,chie Vereinigten Staaten von Europa" oderGeschichte ist eine große Anekdote". Da dieFragmente" nur in wenigen großen wissenschaftlichen Novalis-Ausgaben enthalten sind, hat Otto M a n n sie geordnet, erläutert und unter dem TitelRomantische Welt" veröffentlicht. Diese mit einem Bildnis des Dichters geschmückte Ausgabe zeigt, wie nahe Novalis unserer Zeit steht.

Zu den letzten Mittlern zwischen zwei Zeiten gehört der Historiker Jacob Bu'rckhardt. Seine Lebensaufgabe legte er fest in dem Satze:Rückwärts gewandt zur Rettung der Bildung früherer Zeiten, vorwärts gewandt zu heiterer und unverdrossener Vertretung des Geistes in einer Zeit, die sonst gänzlich dem Söffe anheimfallen könnte." Der Historiker des Niedergangs, der schon die Zerbröckelung der griechischen Kultur und die Verfallserscheinungen des konstantinischen Zeitalters ge­schildert hatte, läßt sich auch über den Charakter seiner Zeit nicht täu­schen, so daß er mit Recht alsWächter seiner geschichtlichen Stunde" angesehen wird. Aus einem geschichtlichen Wissen, das Jahrtausende um­spannte, ward Burckhardt die Erkenntnis, daß Geschichte nicht nur Wissen, sondern auch Hoffen bedeutet; dieser gesunde Optimismus wird besonders in seinen Briefen deutlich, wo man lesen kann, daß die Völker Europasphysisch noch nnerschöpft sind", daß man insbesondere für Deutschlandin geistiger und sittlicher Beziehung auf unsichtbare Kräfte, auf Wunder rechnen muß". Die Briefe ergänzen die uns geläufigen Anschauungen Burckhavdts über Kunst- und Weltgeschichte, dazu ver­mitteln sie ein Bild der seelischen Voraussetzungen, unter denen der Ge­lehrte arbeitete und zwischenher Rückschau und Vorschau hielt. Eine gute Auswahl stellte Fritz Kaphahn zusammen und schrieb eine bio­graphische Einführung dazu; zwölf Abbildungen erhöhen den Wert dieser Briefe" (Sammlung Dieterich, Band 6) eines Kunst- und Geschichts­deuters, der, 1897 gestorben, mit seherischem Blick bereits unsere Zeiten-' wende oorausgeahnt hat.

Die hier besprochenen Bücher sind sämtlich in derSammlung Dieterich" (Dieterich'sche Verlags-Buchhandlung in Leipzig) erschienen. Sie kosten einzeln in Leinen gebunden: Hesiod, Werke, 3, RM - Erasmus von Rotterdam, Briefe (mit 8 Abbildungen), 5,80 RM.' Henrich Steffens:Was ich erlebte" (mit 8 Abbildungen), 4,25 RM.; Novalis:Romantische Welt", die Fragmente, 4, RM., und Jakob Burckhardt:Briese" (mit 12 Abbildungen), 6, RM.

Das schönste Lied.

Von Hans Franke.

Einer der heldenmütigsten Führer im . Kampfe der Vendee gegen die blutdürstigen Herren von Frankreich war der Marquis von Bonchamps. Er wurde in dem Treffen von Chollet am 16. Oktober tödlich verwundet. Man kann sich denken, daß das Schicksal dieses Mannes, der der Sache der Royalisten mit am treuesten gedient hatte, die Erregung seiner Mit­kämpfer aufs Aeußerste steigerte: man war fest entschlossen, 5000 Re­publikaner, d:e sich in den Händen der Vendee befanden, zu töten! Aber £>er sterbende Marquis erhob gegen dieses Vluturteil seine Stimme und es gelang chm, der Gerechtigkeit zu dienen, nun da seiner Tapferkeit ein irdisches Ziel gesetzt war. Die Fünftausend blieben am Leben, ja sie konnten bald darauf von den vordringenden Truppen der Regierung

..Ioer$'en' zerfiel doch die aus Landleuten, Adligen, Handwerkern und Burgern bestehende Truppe der Vendee immer mehr.

v!u öen Flüchtlingen aller Art, die nun in diesen Tagen das auf­gewühlte Land durchzogen, des Schutzes bar und von ihren Wohnsitzen vertrieben, gehörte auch die Marquise von Bonchamps mit ihrer zwölf- Mr'gen Achter Florence. Schutzlos irrten sie beide durch Hecken und t1 ?=er' ®,ei er ur*ö Hofe, hilfsbereite Hände fanden sich, ihnen weiter- zuhelsen aber zuguterletzt fielen Mutter und Tochter schließlich in den undurchdringlichen Sümpfen im Chantenay doch in die Hände ihrer Ver­folger. Man erkannte die Marquise und das Standtribunal von Cban- tcnay verurteilte sie ohne langen Prozeß zum Tode.

Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. Druck und Verla

Dieses Urteil nun mußte von dem Tribunal In Nantes bestätigt wetz den. Unter den Richtern befand sich der Bürger Haudandine, ein Kautz mann aus Nantes, der zu jenen Fünftausend gehört hatte, denen die letzte Bitte des Grafen das Leben gerettet hatte. Es gelang ihm, die Unterschriften von zahlreichen der mit ihm Geretteten auf eine Denk­schrift zu vereinen und so den Konvent zu bestimmen, die Marquise z begnadigen. Die Ausfertigung dieses Aktes nun blieb aus Gründen der allgemeinen Verwirrung, Unordnung und Aufregung in Nantes liegen, und niemand im Kerker zu Chantenay oder im Tribunal dieses Orter wußte, daß die Marquise von Bonchamps, die in harter Haft gehalten war und deren Verurteilung man nach Belieben jeden Tag ansetzen konnte, begnadigt war. Eines Tages erhielt nun die tapfere Frau und heldenmütige Mutter, die lieber darbte als ihre Tochter auch nur de» Begriff des Hungers und der Pein kennenlernen zu lassen, von un­bekannter Hand einen Zettel, in der ihr die Tatsachen mitgeteilt wurden, und sie beschworen wurde, so rasch als irgend möglich einen Boten nach Nantes zu senden, den Begnadigungsakt zu holen, der sonst unter de» Akten begraben werde, zumal die Gefahr bestünde, daß das befreiende Urteil widerrufen werde. Er selbst, der Schreiber, habe im Andenken an ihren heldenmütigen Gatten die Sache soweit geführt, es sei ihm aber unmöglich, mehr zu tun, wolle er sich nicht dem Rufe aussetzen, mit de» Royalisten zu konspirieren.

Die Marquise von Bonchamps wußte sich in ihrer Seelennot keinen anderen Rat, als sich ihrem Kerkermeister anzuvertrauen. der wiederholt Zeichen menschlicher Gesinnung an den Tag gelegt hatte, im Gegensag zu anderen Wachtern und Soldaten, die nicht nachliehen, di« Gefangenen zu quälen und seelisch zu martern. Der gute Mann machte nach einigem Nachsinnen den Vorschlag, man solle die kleine Florence nach Nantes schicken, denn man könne einem Kinde diese Bitte, die ja gerechtfertigt schein«, nicht abschlagen.

So kam es, daß Florence von Bonchamps, zwölf Jahre alt, an einem kalten, regnerischen Novembertage 1793 den Weg von Chantenay nach Nantes lief, ein Kind, in den Tiefen feiner Seele aufs tiefste gestört. Sie sah nun noch einmal die niedergebrannten Gehöfte, schlug die Hände vor die Augen, wenn Tote am Wege lagen, unbeerdigt und erschauerte, wenn hinter dumpfen Scheiben die bleichen Gesichter Hungernder erschienen. Des Gehens seit Wochen ungeübt, war selbst der Weg von drei Stunden für das Kind, das in ein großes Umfchlagetuch der Mutter gehüllt war, sehr anstrengend, zumal es sich vor vorüberziehenden Truppen uni) Hausen oft genug int Walde oder in Gräben verbergen mußte. Heftig schlug drum das kleine Herz gegen die Rippen, zitterten ihr vom eiligen, oft flüchtigen Laufe die Knie. Aber schließlich kam Florence doch in bi« Vorstädte von Nantes; und hier auf einem freien Platz sah sie auf' schauend ein Peloton Soldaten, das vor einer Mauer ausgestellt war, an dem ein Häuflein Menschen lehnte, mehr tot als lebendig, bleich, in zerrissener Kleidung. Das Kind verbarg sich hinter einem Baume und sali nun viele der Verurteilten in die Knie sinken und beten, nur ein junger großer Mensch stand aufrecht und sein Ruf ,Vive le roi! gellte noch über den Platz und bis tief in das Innere der schluchzenden Florence, als das Knattern der Gewehre schon längst verstummt war und das Echo der Schüsse sich in ein tätliches Schweigen verwandelt hatte.

Mit diesem Bild vor den Augen kam Florence mehr stürzend als eilend, mehr tot als lebendig in Nantes an, und in einer fast schlaf­wandlerischen Sicherheit fand sie das Regierungsgebäude, fragte sich durch und stand mit einem Male in einem Saale, den eine lange Tafel be­herrschte, an dem viele Männer in den verschiedensten Kleidungen saßen. Sie wußte nicht, daß der Mann, der diesen Konvent präsidierte, der Volkspräsident Carrier war, jener feigherzige Blutmensch, der ständig um fein Leben zitterte und der Nantes zum Schauplatz von Verbrechen gemacht hatte und noch machen sollte, die alles übertrafen, was mensch­liches Gehirn je ausgesonnen hatte. Gerade in jenen Tagen begannen die Massenurteile, begann die Ausrottung ganzer Landstrecken, ganzer Sippen, die Vernichtung ganzer Städte und Dörfer. Carrier war es, dec republikanische Heiraten" stiftete, bei denen man Jünglinge und Jung­frauen, Männer und Frauen zusammenband und in die Fluten der Loire warf, wahrend der Bluthund Carrier an schwelgerischer Tafel saß und sich an diesem Schauspiel, ein zweiter Nero, weidete. Neger mußten bie Kinder zusammentreiben und wenn die Kleinen von diesen Wildem ertrankt wurden, scherzt« er über das Geheul feinerWölflein".

Diesem Manne sah Florence ins Auge und in ihrer Kindlichkeit er- rannte sie, daß sie und die Mutter vielleicht mit dem Leben davonkormnem würden, heute, für einige Zeit, daß aber die unmenschliche Rache dieses feigen Tyrannen sie dennoch einholen und sie wie alle die ihren vernichten: werde. Carrier und die anderen Richter blickten nicht ohne Wohlgefallen: auf das Kind, dem der feuchte Hauch des November die Kleider genäßt- dem die Sträucher am Wege die Haare zerrissen, dem die Not der Stunde die Wangen gebleicht hatten. Und wie um sich an der Qual dieses Kindes ZU weiden, hörte Carrier ihre Bitte wohl an, nickte mit dem Kopfe und fragte bann:Kann die Klein« auch fingen? Ich will die Gnadenschrift für deine Mutter dir wohl geben, unter der Bedingung, daß du uns hier dein schönstes Lied vorsingst."

Florence von Boychamps kannte viele Lieder, aber keines war ihr fo vertraut wie eines, das bei den Festen in der Vendee auf dem Schloß ihres Vaters gesungen wurde, das sie gehört hatte, wenn die Bauern und Adligen sich sammelten und das die Mutter ihr noch jetzt des Nachts m das Ohr gesummt hatte, wenn sie beide keinen Schlaf fanden. Und der Ruf jenes jungen Menschen, den sie eben erst hatte sterben sehen, ver- mischte sich mit diesem Lied und ohne zu fragen, was werden könne, ohne der Mutter zu denken, sondern vor sich ahnend nur ein stolzes Frankreich, begann die klein« bleiche Florence und sah dabei den Schergen voll ins Gesicht:

Vive, vive le roi ä bas la röpublique!

Mit diesem Liede hatten sich zwei Schicksale erfüllt..

: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.