Ausgabe 
11.12.1939
 
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Vorweihnacht.

Von Herbert Böhme.

Laßt um des Herdes warme Glut uns hocken, die Lichter strahlen frohe Sendung aus, indes der weiße Mond mit blanken Flocken umspinnt das so erhellte, stille Haus.

Der Mutter sanfte Stimme nun zu lauschen, daraus die schönsten Märchen bunt erbluhn, derweil von fern die frommen Wälder rauschen und Sterne tief sich in den Himmel glühn, gilt unser Wunsch, daß selbst die Kleinsten schweigen, und große Augen durch die Dämmrung sehn, bis leichte Schritte auf verschneiten Zweigen des ersten Traumes in die Weihnacht gehn.

Visionen.

Von Jos. Friedr. Perkonig.

Es war an einem jener gottverlassenen Nachmittage, an denen die ktrohenlampen schon um vier Uhr zu brennen beginnen. Ich war traurig Ihne Ursache und konnte nicht in meiner Wohnung bleiben. So saß ich ienn in einer Weinstube, was selten genug geschah, mied die Gesellschaft mderer Gäste und schaute zu einem vergitterten Fenster hinaus, denn Üe Trinkstube befand sich in einem uralten Hause.

Der Novembernebel füllte die Straßen, gespenstisch standen die laub- Iteren Bäume darin, jeder Mensch, nur für Augenblicke ein irdisches Wesen, wurde ein grauer Schatten, den die Dämmerung in sich saugte. Wie entzündete Augen brannten in dem weihen Flor die Lampen. Ich llmnte die Straße auf einmal nicht mehr, auch das gegenüberliegende Haus war mir fremd. So durch meine eigenen Sinne völlig einsam geworden, starrte ich in den Nebel hinaus.

Plötzlich schrak ich zusammen: dort an der Ecke stand eine Gestalt; bas Glühlicht an der Hauskante brannte, im Dunst zerstäubt, gleich einem Glorienschein über ihrem Haupte. Es war feine Täuschung: ich kannte jede Umrißlinie, jede Bewegung des Wartenden so genau als tröre sie meine eigene gewesen es konnte nur mein Freund Anselm Nino fein. _ , , ,, .

Aber Anselm Gino war seit sieben Wochen tot; im September starb tr an einer grauenhaften Angina. Dieser heitere, gute Südtiroler, der in dem Weindorfe Terlan daheim war, hatte elendiglich ersticken müssen. $r war Musiklehrer gewesen und wir fanden uns auf Spaziergängen bie uns seltsamerweise in den verschiedensten Windrichtungen zusammen- Ireffen ließen, ohne daß je eine Verständigung vorhergegangen wäre. Wir nahmen es gläubig und abergläubig als eine Bestimmung und

vurden Freunde. _ , . , . , k r.

Und nun stand er da draußen im Nebel, ging auf und ab und schien jemanden zu erwarten. Die Strecken, die er so durchpendelte, waren nur kurz, aber dennoch lang genug, um mich furchten zu lassen, er konnte mit einem Male im Nebel verschwinden. Ich reckte, aus beide Arme gestützt und weit vorgeneigt, den Kopf noch näher zum Fenster so daß mein Gesicht die Kühle der Scheiben fühlte. Auf Leben und Tod. es

Ich "warf Geld auf den Tisch, stürzte einen Rest des roten Wernes in mid) und trat rasch auf die Straße. Der dicke Nebel war zu riechen der Fuß glitt auf dem nassen Pflaster aus. Mit unsagbar feinen Strichen flogen die Dunsttröpfchen gegen mein Gesicht. Ich suhlte, sah und roch über nur den Bruchteil einer Sekunde, denn meine Sorge die mich völlig erfüllte, war ja die Gestalt dort an der Ecke. Ich d°"e Muhe, ihr u folgen, ohne sie aus den Augen zu verlieren. Anselm G no " war es, ich kannte seinen Gang nur zu gut! er hatte ^ "^hr warten wollen; und nun schien er Eile zu haben. Der Nebel chlucktt '^ förm­lich in sich, aber durch meinen beschleunigten Schritt blnb uh hmter der mgewissen Gestalt, in die sich an diesem Tage seder Mensch verwandelt^ Smmer wieder erschien er für einen Herzschlag lang in den jartroten und gelben Lichtkörpern, die als schiefe Schachte aus k^n erleuchteten Fenstern in die Straße herabragten, aber bann stürzte er noch rascher h ®VfamJ?nun'in die Vorstadt, wo es nach Ruß roch. Lokomotiven des Rangierbahnhofs pfiffen heiser und ich eilte uber gleißenüe Schiemm daß mich nicht ein verschiebender Zug °ufh>elte. Anselm G no Zmg den Vorort hinaus. Hier im Freien war es 8e'stechatstill, ber Jtenei fnkte sich wie eine Schranke zwischen mir und dem Lebern Aber was wollte mein Freund hier heraußen denn^hier gab es nur n°ch öjr Friedhof, dann begann das leere Land. Er trat 5 ;t,n Mir Uifd?n ben alten Bäumen bes Parkes der Toten verlor h". Mm W nur noch als hörte ich deutlich ben g Ä

Sa chlagen. Ich ging nicht hm, ich stand ohne tbeoanren, I-lbst gerufen. Ringsum tropfen borbar die Baume mich sropei P lich und ich fühlte jetzt die unangenehme Kalte des Novembernevei -

| » ,., fs (Csio trauerte um Giino^unendlich unb war

eltfame Erlebnis zu erzählen. Sie trauerte um U no i n - Man i ri den fieben Wochen seit seinem Tode b ah und ärgern re(j)en | durfte auch in ihrer Nahe dasWortMusck nst n sie konnte

Die Eltern des Toten hatten sie nach Terlan getaoen, sch nicht entschließen, dorthin $u reifen. besonderen

| , Das Schloß des Ganges m ihrem Hause wa dmch emen ^^nnt

Druck zu öffnen; als einem Freunde des Paares in der Luft.

I Kein Licht brannte und ein sonderbarer G 1, L Uebelsein, das in l öä s

es- ss °°°

Deutscher Spruch.

Von Kurt Geucke.

Solange der deutsche Eichwald braust

Und der Nordsturm in blonden Locken zaust.

Solange sich deutsche Mannesart

In alter Kraft und Treu bewahrt:

Solange soll kein Gram an deutscher Seele nagen, Und du, mein deutsches Volk, an Deutschland nicht verzagen!

Männer an der Zeitenwende.

Von Hans Sturm.

Zukünftige ahnen, als Wahrer des Erbes An der ersten Zeitenwende der griechischen r alte böotifche Sänger. Während

Nach unerbittlichen Gesetzen vollzieht sich der Ablauf geschichtliche« Epochen. An der Schwelle des Uebergangs wirken Männer, die um bas Vergangene wissen unb bas Zukünftige ahnen, als Wahrer bes Erbes unb Künder des Kommenden. An der ersten Zeitenwende der griechischen Kultur steht Hesiod aus Askra, der alte böotifche Sänger. Während Homer, fein älterer Zeitgenosse, machtvolle Epen mit ben Heldentaten von Göttern unb Heroen aus mythischen Bezirken füllt, singt er von bent uralten Tun der ßanbleute, von der sich ewig verjüngenden Kraft der Scholle und vom Adel der Arbeit; wo Homer das Lob von Gottern und Giganten heraufbefchwort, greift Hesiod den tätigen Mann von echtem Schrot und Korn, erzählt von seinen Freuden unb Selben unb länblidjen Festen und vom Schicksal ber düsteren Erbgötter. Die bebeulenbften Werke fjefiobs, bieTheogenie" (Abstammungslehre ber Götter),Werke und Tage",Der Schild des Herakles", hat Thassilo von Scheffel übersetzt, mit Vorwort und Anmerkungen in ber Sammlung Bie« terich herausgegeben unb bamlt eine vorbilbliche beutsche Hesiob-Aus. gäbe geschaffen. Auch er sieht Hesiobs befonbere Bebeutung barin, baß et feine Landsleute zurückwiesauf bas naturgebunbene Leben. Das war bebeutfam unb wichtig, wo doch bie ganze hellenische Kulturentwicklung in ber Richtung ber Pollis, bes Stabtftaates, lief unb hier bei köstlichen Blüten in ihrer Wurzel arg gefährbet war". Homer blieb ber großer« Dichter, Hesiod der größere Erzieher seines Volkes.

An der Wende vom Mittelalter zu Humanismus unb Reformation steht Erasmus von Rotterbam, ben man bengeistigen König seines Iahrhunberts" genannt hat. Er war ber erste Schriftsteller, ber in Europa feit bem Untergang ber antiken Welt mit feinen geistvollen Schriften Volk und Zeit aufrief; man benke an feineGespräche" ober an bieLobrebe auf bie Narrheit". Er schrieb nach bamatigem Brauch lateinisch, aber aus ber persönlich gefärbten Ausbrucksweise klingt überall deutsche Gerad- beit auf. Besonders unmittelbar gewirkt hat er durch seineBriefe « die er mit dem Kaiser, ben Kirchenfürsten, bem Papst, mit Heinrich VIII Franz I., mit Paracelsus, Luther, Hutten, Thomas Morus Durer Pirk« heimer u v. a. wechselte; in diesen Briesen pulst das vielfältige Geschehen ber Zeit: bieHohe Politik" spiegelt sich barin unb bas religiöse Suchen, bie Meinungen ber Führenben kommen zu lebenbiger Darstellung. Sobald Erasmus heftig eingreift mit neuen Jbeen, wird er verdächtigt, so da, wo er die nach den Quellen arbeitende Wissenschalt gegen bie aüe Scholastik verteidigt. Trotz größten Fleißes mißlingt feine Lebensaufgabe, noch einmal bie geistige Welt zu einen infrommer Menschlichkeit in ber firfi Antike unb Christentum begegnen. DieBriefe" sind von Walther «übler verdeutscht unb mit Abbilbungen herausgegeben. In ihnen er- fährt man auch, warum Erasmus bas Opfer einer vorzeitigen Ueber- legenheit würbe, warum feine Gedanken von Geistesfreiheit usw. im Widerspruch standen zu den inneren Gebundenheiten von Staatunb Kirche.

Ein wahrerHelfer m Preußens Not war Henrich «iefsens.

Das Sacktuch vor Mund ünd Naf«, einen flefen Atemzug In 5er Gung«, trat ich ein unb riß bie Fenster auf. Der Luftzug wehte ben Nebel auf bem Weg« vom Fenster zur offenen Tür hin.

Ich trug Frau Klara an eines der Fenster; ba ich wußte, wo auf ber Kredenz ber Kognak stand, war mir auch im Dunkeln eine belebend« Effenz in die Hand gegeben. Als Frau Klara erwachte, sagte ich leis« Ber Nebel wird bald zu Ende sein; es muß jetzt Frost kommen."

War es nun bie Aufregung ober bas Leuchtgas als ich die Frau wieder im Leben wußte, versank ich in eine Ohnmacht.

Der Wein ist zu stark, es war ein gutes Jahr, bas Dreiunbzwan« ziger", sagte eine Stimme neben mir.

Ich sah auf unb meine Augen waren voll Derwunberung: ich sah in ber Weinstube, bas Gelb lag neben mir, bie Gasse war ganz finster geworben, bas Haus am andern Straßenufer nicht mehr zu erkennen. Ich sah ratlos unb hilflos ben alten Mann an, ber neben mir stand: es war eine Art gemütlicher Kellner, ohne Uniform, außer jener der Zutraulichkeit zu ben Güsten.

Es ist ein schwerer Terlaner Wein", sagte er.

Terlaner?" fragte ich schnell.

Er nickte, glücklich, bah es solchen Wein gebe.

Die Weinstube war alt und hatte kein Telephon. Ich wollte in bet Nähe nicht erst eines suchen, um keine Minute zu versäumen.

Die Wohnung, aus ber sie ben lieben, sonnigen Anselm Gino fort* getragen hatten, war wirklich buntel. Aber es roch nach Aepfeln, di« auf einem Kastengesims in bem Flur gereiht lagen.

Als ich bie Tür öffnete, kam mir eine traurige Frauenstimme ent­gegen:Es ist gut, baß Sie kommen: ich habe wieder eine Stunde, in ber ich am liebsten sterben möchte!"

Das macht ber November, Frau Klara." Ich öffnete ein Fenster und bie kühle, nebelige Nacht strömte herein.Die ganze Stadt ist beute traurig."

Schweigen, Nebel, Abend mengten sich in bem Zimmer. Endlich sagte ich:Es wird übrigens bald Frost kommen; bann werden klare Tage sein."