Ausgabe 
11.12.1939
 
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fit fest.

20.

bewußt wieder hin. . . r

Paul verstand und rieb sich den Arm, ohne etwas zu sagen.

Er hat zwei Blaue", sagte Siska ganz leise Roos,e ms Ohr. Roosie grinste und verschlang, beglückt, ihren Feind so durch Siska behandelt zu sehen, mit Genugtuung die Pasteten roiecarabitjes und gab ihrer Sklavin unterm Tisch einen zustimmenden FußtrittHehe ne sie und streckte die Hand nach der Platte aus, auf der noch zwei Pasteten übrig waren. Aber Paul war der Ansicht, daß die Diener am Lande Brabant stets einen Teil von dem, was die Herren essen, haben müssen, und gab ein Zeichen, die Pasteten svrtzutragen. v n

Roosje schien das nicht zu bemerken. Wahrend sie den ersten Gang erwartete, blickte sie um sich. Sie betrachtete den bescheidenen Aufwand, mit dem die Tapete geschmückt war, sie gab sich den Anschein, als ob das Kristall die Augen blendete, und als ob sie vor den Bronzen außer sich I geriete und als ob sie vor den alten Eichenmöbeln die Arme zum Himmel erhöbe. Dann setzte sie ihre Brille auf, um den Feingehalt der Bestecke festzustellen.Hum, hum", murmelte sie,hier wohnen feine Leute! Ein schwerer Beruf, die Medizin! Die Kranken werden gehe.ll oder nicht, das ist ganz gleich; der Arzt muß auf leben Fall bezahlt

Margarete antwortete:Es gibt aber solche, die Leute für nichts wieder zum Leben erwecken und zehntausend Franken zuruckgewiesen haben die sie hätten bekommen können."

Roosje tuschelte, ohne zu antworten, Siska ins Ohr: »Sie ist auch gegen mich. Aber warte, sie wird schon sehen, was ich tue.

.Was sagst du, Mama?" fragte Margarete, die unruhig geworden war, als sie den gereizten Zustand bemerkte, m den der hinterlistige Angriff Roosjes ihren Gatten versetzte.

Jeannette brachte jetzt gedämpftes Rindfleisch, dos einen köstlichen Dust verbreitete, mit gekochten, mehligen, dampfenden Kartoffeln.

Ich sagte", antwortete Roosje,wenn man so gut ißt, so ist es nicht verwunderlich, wenn man so dick wird wie du."

Mama", sagte Margarete errötend,>h lieber...

Wer sagt, daß ich nicht essen will? Ich kenne jemanden dem ich zuviel Vergnügen machte, wenn ich nicht äße. Ich habe Appetit, einen famosen Appetit für eine Frau meines Alters, die niemals weder einen Arzt noch eine Medizin gebraucht hat." . .. ..

Nehmen Sie etwas Rindfleisch?" fragte Paul Roosje die Platte reichend Roosje bediente sich und ries, während sie ihr Fleisch mit großer Entrüstung zerschnitt:Verdauungsstörungen?" ___

Niemand hatte von diesem Uebel gesprochenVerdauungsstörungen! Das ist etwas für die Bürschchen in den großen Städten, die einen Magen so groß wie ein Schnapsglas haben, meiner enthalt, jo alt wie er ist, fünf Liter." .

.Hier find Kartoffeln", mahnte Paul.

Ich werde einige nehmen, Herr Schwiegersohn.

Sie wählte die schönsten aus und sagte dann, Siska die Platt« gebend, ganz leis«:Nimm wie ich die schönsten, die andern sind gut genug für sie."'

Mer Siska, di« nur auf Margarete sah, nahm nur efn kleines Strick ^^'roiU^bu^e 3ierpuppHpkIen?".fpruMte Roosje heraus und legte ihr selbst eine doppelte Portion auf, die Siska gehorfam verzehrte. Dar­auf W sie Mska wieder ins Ohr:Ich werde ihnen den Appetit ver- ^^Hehe^^sagte" fte ganz laut, nahm Fleisch für sich und häufte »rohe KHh-fTnnf Siskas Teller auf.Hehe, die Karbonaden sind ein wenig fett Ist es wahr, Herr Schwiegersohn, daß man >n Brussel im Hospital Saint-Pierre den abgeschnittenen Gehenkten den Bauch ofsn^ wie Schwei- n«n um das Fett daraus zu gewinnen, und daß dieses Fett an Hexen verkauft wird die es um ein Uhr nachts beim Pförtner holen, einem Kerl, blaß und fett wie richtiges Hospitalfleisch, der immer Zornig if,

anm'^ama?rief Margarete,ich bitte dich, schweige. Das ist jo, als ob du Würmer auf meinen Teller würfest.

Du hast also den Appetit verloren", sagte RoosjeDie Aerzt« ver­kaufen hiervon ein Gefäß mit einem Lot für achtzig Franken, ohne daß man dabei sicher ist wirklich Fett von einem Gehenkten ZU bekommen. Hiernach ist'es L erftauVd), daß die. Aerzte die in Sa.nt-P.err« gewesen sind, reich werden und wie die König« leben.

In Belaien wird nicht mehr gehenkt", antwortete Paul.Den 3er- bredjem SnbeT Äo^f «bge&niBtten, öder auch diese Art wird bald QU^,Dann", sagte Roosje,läßt man die Gehenkten aus England kom- mCn®arum lachen Siefoerr Doktor", fragte entrüstet die alte Frau.

Er versuchte zwar das Gesicht in fein Taschentuch zu ^stecken, aber er wand fick vor Lachen. Wenn er sie ansah, um wieder ernst werden ZU wollen mußte er noch mehr lachen, so abgeschmackt lächerlich fand er sie. ^Dieses wlle Lachen griff auf Margarete, und Siskauber unddauertt iehr lange zu lange für die überreizte Eigenliebe Roos,es. Außer sich prangte wie ein Tiger auf und bedrohte Paul mit gebauter Faust

Das ist unwürdig, Herr Schwiegersohn, sich so über eine .alte Fr u lustig zu machen! Sie brauchen nicht jo stolz zu sein, weil Sie aus die fiocmdiule gegangen sind, und nicht einfache Leute, die em wenig scherzen wollen zum Narren' zu halten,de zot bonden, wie man m Brabant *a0t,',2u bist häßlich", sagte Margaret«, die ruhiger wurde, als sie ihre Mutter so aufgeregt sah, zu Paul.

51a,1 du^bist"häßlich"^wiederholte Margarete, um Roosje einen

und ihre bösen, kleinen, wilden und eifersüchtigen Augen, Re aeradezu ungeheuerlich wirkten, zu betrachten. ,

ffiferiüchtia? Ja sie war es sogar auf die Kleidung 'sirer Tochter. Einen Augenblick dachte sie mit Bedauern an ihren Schanktisch tm Srlichen Sßappen2 zurück; an ihre Töpfe, Tassen, Slawen und Gläser an den Kreis dummer oder schlauer Bauern, in deren Mitte sie sick, wohlfühlte, ja sogar an ihr kaltes Haus, m dem,sie. Dam« und Baesin war Hätte sie nicht ihr Ziel erreichen wollen, so hatte sie so- fort das Haus ihrer Tochter verlassen. Sie zögerte, ob auch sie sich noch der Mode anziehen sollte und Margarete bitten, ihr hienn einig Stunden zu geben oder ob sie ihr« Volkstracht behalten sollte, um Paul besser ärgern' zu können, wenn er seineBesuche aus der großen Welt" empfangen würde. An diesem leichteren letzten Entschlüsse hi

Ader weder der Doktor noch die Sonne, die Blumen, die Knstalle oder die Kunstwerke hatten Haß aus ö.sta, die m ihr Schicksal er- oebene Dienerin, di« liebende Sklavin. Mochte sie auch noch so plump gewachsen sein, di« Güte verlieh ihrem Gesicht einen vornehmen Aus-

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Was ist denn, Siska", fragte Margarete.

Siska antwortete verlegen und ganz rot, wobei sie sich die Augen mit ihrer schwarzen Seidenschürze, der Sonntagsschurze, trocknete: Fräulein Frau, ich möchte Sie so gern noch küssen.

" Komm Siska, komm", sagte Margarete und stand auf, um ihr entgegenzugehen. Die beiden grauen blieben sich so eine Minute lang in 96en Armen liegen. Das Geräusch der Küsse schallte im Speise­zimmer wie ein Gewitter üb er quellender Freundschaft.

Siska wurde dadurch so ermutigt, daß sie ausrief.Das ist viel besser als Pasteten!" Dann näherte sie sich Paul, zwinkerte ihm ein­mal freundschaftlich und dann sehrspitzbübisch ZU, um ihm so mit« zuteilen, daß sie unangenehm zu ihm sein wurde, um Roosie einen Ge­fallen zu tun. Zu diesem Zwecke drückte sie den Daumennagel heftig gegen den Zeigefinger, wandt« sich dann mit dem andern Auge zwm- kernd zu Roosje und zwickt« Paul bis aufs Blut wobei sie zu .hm in einem zugleich zärtlichen und wilden Ton äußerte:Sie Sie sind ich kann nicht sagen, was Sie sind. Nein!" Sie wollte, daß Roosie ver-

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®r vergißt, daß ich deine Mutter bin, das kannst du nicht ertragen!

Margarete eilte zu ihr, liebkoste sie, lieh st« vom Tisch gusstehen und nahm sie auf ihre Knie. Sie drehte dem Doktor den Rucken und meinte, weil sie ihre Muller traurig sehen mußte, Roos,e, die Paul «ns Gesicht leben konnte grinste und zerhackte auf ihrem Teller ein Stuck Brot nut dem Messer.'Und die kleinen spitzen Zähne Roosjes fchimmerten zwischen ihren Lippen wie die Zähn« eines ausgehungerten, bösen Haifisches. Margarete bemerkte bald, daß Roosjes Ruhe wiederkehrte und ging wieder auf ihren Platz.

Jetzt gab es Rebhühner. Dieses Wildbret, das mit gerostetem Brot gereich! wurde, war für Roosje Anlaß zu einer fürchterlichen Aufregung. 8§s ist unwürdig", rief sie,ja, unwürdig, Rebhuhn zu effen, wo es 1 ^Margarete^verflicht« vergeblich, ihr klar zu machen, daß ein Schmugg­ler, ein großer Jäger, durch Paul von Ischias gehellt, ihm ein halbes Dutzmd^ geschickt l^itt^stohlene Rebhühner", antwortete Roosje,gestoh- lenes Gut'tut niemals gut! Wer würde für mich einen Schmuggler fm^n, dem es Spaß machte, Rebhühner, die vier Franken bis mer Franken fünfzig kosten, zu halben Dutzenden zu verschenken Das sind alles Lugen. Klappen zyn geen oorden (Lügen sind kein Geld), wie man in Brabant agt. Und selbst wenn man sie Euch gegeben hätte was nicht W )t, o hatte man sie durch diese kleine Bettlerin, der ich eben «ine Ohrfeige i gegeben habe und die sicher auch von diesen Rebhühnern zu funfFranken chren Teil essen wird, auf den Markt schicken sollen. Ich werde es ihr jedenfalls nicht nachmachen."

Der Doktor nahm Roosje beim Wort und zerlegte in aller Ruhe Ute Rebhühner. Hierbei achtete er so wenig auf bu alte Frau.Äs ob sie au, dem Gipfel einer jener Pyramiden gesessen hatte die nach Bonapart während vierzig Jahrhunderten nur deshalb existierten, um auf seine Soldaten herabzuschauen. Von den zerlegten Stucken gab er die schönsten Margarete und Siska vor den erstaunten Augen R°os,esd.en,cht-°u ihren Teller kommen sah. In diesem Augenbl.ck oerschwand ihr Zorn sie versuchte zu lächeln, als ob sie zeigen wollte, daß sie den Scherz gelungen sände; sie wollte sprechen, aber grenzenloses Erstaunen heltdi «Worte auf ihren Lippen. zurück. Die Rebhühner strömten einen lieblichen Dust aus. Sie nahm ihr Messer und fuhr mit der Klinge auf dem Ranö ihres leeren Tellers umher, gleichsam em erster Anruf an ihren Fetno, es bedeutete, auf dem Schlachtfeld um Gnade bitten.

Sie nahm sich vor, edel und groß zu sein, und sie wurde nachher m einem Anschein von großem Zorn vom Tisch aufttehen. Wenn nurdi^ verteufelten Rebhühner nicht vor ihr standen, deren Duft ihre Zahn um einen Zoll verlängerte! Wie sollte sie dieser Versuchung widerstehen Sie bat um geröstete Brotschnitten Paul reichte ihreine «JW- Tunke, in das geröstete Brot emgebrungen, ließ Roosie das Wasier -w Munde zusammenlaufen. Sie bat um Apfelmus, es und sagt« ganz leise zu Siska:Reiche mir deinen Teller und sage, du hattest kein Hun^r me^rl zerstreut uni) hungrig, ohne etwas zu hören. Bald blieb nichts mehr auf ihrem Teller.

I (Fortsetzung folgt.)