Ausgabe 
11.12.1939
 
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GiehenerZainilienbliitter

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1939___________________Montag, -en U Dezember Nummer 96

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster

Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

9. Fortsetzung.

Ich sage Ihnen, daß ich es will, und ich weiß schon, was Ich tun muß. Kommen Siel'

Sie verschwanden.

Margarete hatte unaufhörlich Paul betrachtet. Mehrere Male wollte er durch ein Geräusch oder durch Sprechen diese Unterhaltung unter­brechen. Sie zwang ihn, ruhig zu bleiben, indem sie ihm die Hand auf den Mund legte. Sie stiegen den Abhang hinunter und gingen nach Hause.

Unterwegs sagte Margarete plötzlich nach langem Schweigen:Ich hasse diese Frau!

Laß sie laufen", antwortete Paul. Sein Ton war so sorglos, daß Margarete sich beruhigte und den Zwischenfall vergaß.

18.

Sie kamen zur Zeit des Abendessens daheim an. Auf dem weißen Tischtuche lagen in Bergkristallschalen Blumen, einige Früchte, schöne Pfirsiche, verlockende Weintrauben. Die Köchin Feinschmeckerin und verschwenderisch zwei Eigenschaften, die Kennzeichen der Berufung und des Berufes sind, brachte eine prächtige Juliennefuppe mit geröstetem Brot, dazu bestimmt, das, was sie ihr Herz nannte, zu erfreuen. Dann folgten Pasteten, nach denen sich Brillat-Savarin ein Jahr lang die Lippen geleckt hätte.

Ein ungewohntes Geräusch drang aus dem Vorraum zu ihnen.

Sie können nicht hereinkommen", erklärte die Stimme des Dienst­mädchens.Ich sage Ihnen, Sie dürfen nicht hereinkommen!"

Man hörte das Geräusch eines Kampfes und das Klatschen einer Ohrfeige. Dann wurden die beiden Flügel der Speisezimmertüre mit Getöse ganz weit aufgerissen, und herein drangen Roosje und Siska, die in dem gewaltigen Umfang ihrer Krinolinen fast verschwanden. Die alte Frau war wütend, Siska bewahrte ihre übliche Ruhe. Beide konnten sich inmitten der Schachteln, Reisetaschen, Regenschirme, Sonnenschirme, Gummischuhe, Stiefel gegenseitig kaum sehen; all diese Gegenstände hingen an ihren Armen wie gewaltige Trauben, deren Beeren dank einer meisterlichen Verknotung von Bindfaden zusammenhielten. Siska trug an ihrem kleinen Finger den Ring eines Käfigs, in dem ein vor Furcht zitternder kleiner Kanarienvogel den Schnabel und die erschreckten Augen öffnete. Vier nebeneinander "marschierende Frauen hätten nicht soviel Platz eingenommen wie Roosje und Siska.

Wollen wir das dahin fetzen", forderte Siska auf, von den Schach­teln sprechend. Es waren neun an der Zahl, aus denen eine Art Pyra­mide entstand. Der Kanarienvogel wurde auf ein« Kommode gestellt. Die Sonne drang in das Zimmer, und der Vogel begann betäubend zu singen. Sein freudiges Zwitschern diente den lauten und bitteren Wor­ten Roosjes, die sich zunächst an Margarete wandte, zur Begleitung: Das ist ja sehr schön, so also läßt du deine Mutter empfangen! Ich war gezwungen, diese kleine Sau dort zu ohrfeigen", fügte sie, auf das Dienstmädchen zeigend, hinzu.Hörst du, du Tochter einer Eselin, dümmer als ein Krug, hörst du, du Gans und Truthenne? Ich bin die Mutter dieser .gnädigen Frau' dort, ihre wahre Mutter, ja, obwohl sie so tut, als ob sie es eben erst bemerkte."

Margarete, ebenso erschreckt und bestürzt wie der Doktor, stammelte: Du hast gut daran getan, zu kommen, Mama. Ich war unruhig deinet­wegen und sehr traurig. Ihr werdet hier wohnen. Wir haben em schönes Zimmer für dich und ein hübsches ganz nahe dabei kür Siska. Ihr habt uns ein wenig überrascht. Eure Ankunft war so bizarr."

Bizarr? Was soll das heißen, bizarr? Ist das ein neues Wort? Ja, wir werden hier wohnen, hörst du, kleines Perlhuhn", bemerkte Roosje von oben herab und immer noch zur Dienstmagd sprechend.

Mama", bat Margarete, Roosje küssend,wenn du doch dieses Kind nicht schlecht behandeln wolltest, sie ist uns sehr zugetan."

Zugetan sein? Schlecht behandeln? Was soll das heißen? Habe 'ch dich schlecht behandelt, kleiner Dummkopf? Antworte!"

Das Dienstmädchen weinte und richtete ihre großen, traurigen Augen M Margarete.

Antworte nicht, Jeannette", sagte Margarete,Mama ist zormg, ">eil sie so heftig in das Haus eindringen muhte."

Sie hätte mir aufs Wort glauben sollen, diese Elster", erwiderte Roosje,und sehen müssen, daß ich deine Mutter bin."

Jedenfalls nicht an der Kleidung, dachte Jeannette, die unter Tränen lach-elte.

Du lachst, glaube ich, kleiner Schwachkopf. Wagst du etwa zu be­zweifeln, daß ich ihr ähnlich sehe?"

Die Dienstmagd nahm die Schachteln und ging, ohne zu antworten, hinaus.

Siska, folge ihr. Laß sie nicht mit diesen Schachteln allein, mtt den Tüchern und Bändern ... diese Mädchen ... geh schnell, Siska!"

Siska mußte Margarete loslassen und ging , mit Jeannette hinaus. Roosie tat so, als ob sie erst jetzt Paul bemerkte, obwohl sie ihn schon mtt dem Blick chrer bösen grauen Augen, die sie immer auf ihn gerichtet hielt, viel grausamer beleidigt hatte als die Dienstmagd

Ah, guten Tag Herr Schwiegersohn!" begrüßte sie ihn grinsend. Ah, guten Tag! ^>ch hatte Sie beinah vergessen. Sie sind ja wunder­bar gut eingerichtet hier. Ihre Kranken zahlen gut, wie es scheint. Meine Frau Tochter war traurig, mich nicht mehr zu sehen; ich dachte es wurde chr Vergnügen machen, wenn ich hierher käme, um sie einige Tage zu Mafhgen, natürlich nur mit Ihrer Erlaubnis ..."

»Sehr angenehm!" sagte Paul.Sie werden mit uns essen. Siska, die sicher Hunger hat, wird alles, was sie braucht, in der Küche finden." Unter allen anderen Umständen würde Roosje diese Einladung natürlich gefunden haben, aber Paul, hatte einen Willen, einen Wunsch ausge­druckt; infolgedessen verlangte sie sofort das Gegenteil.

In der Küchel? Lieber würde ich selbst in der Küche essen Im .Kaiserlichen Wappen', und das war ein geachteter Name, da äfften wir nicht die große Welt nach. Siska und ich, wir aßen zusammen in der Küche. Und da nannte man die Küche nicht .Office* wie bei den Fürsten. Jetzt geben sich alle diese Bürger und Bürgerinnen das Aus­sehen von großen Herren und Damen, sobald so etwas weiß, wie man den Kopf trägt und wie ein Tanzmeister den Hut abnimmt, oder wie man die Krinoline hebt, als ob eine Flamme darunter brenne. Sei still, Kanarienvogel, oder ich erwürge dich in deinem Käfig. Seht doch diesen, Vogel an,- der sieht auch aus, als ob er sich über mich luftig macht."

Aber Mama, ich verstehe dich nicht", sagte Margarete,er singt, well man laut ist."

Schweig, du bist ebenso böse wie die andern. Und auf jeden Fall, wenn du nicht willst, daß Siska zusammen mit mir hier ißt an diesem Tisch, so werde ich mit ihr in der Küche essen."

Paul war Über diesen raschen Beginn der Feindseligkeiten bestürzt. Ein Hund, der stundenlang heult, das nächtliche Glockengeläute, das in die Ohren eines Mannes, der Leibweh hat und schlafen möchte dröhnt, ein auf einer Fensterscheibe quietschender Kork, alles hätte Paul weniger gereizt, als der grundlose und unauslöschliche Haß dieser heftigen und unvernünftigen Frau. Und doch hatte er Milleid mit ihr. Roosjes Zorn war ein Leiden. Ihre harten Worte zeigten den Ausbruch einer un­gewollten Wut an.

Er läutete. Jeannette kam.Decken Sie für vier", befahl er. Roosje war ihnen keineswegs dankbar. Pauls Ruhe regte sie auf. Siska kam wieder unä> setzte sich ganz verschämt mit an den Tisch, wie es ihre Herrin nachdrücklich befohlen hatte.

19.

Roosje und ihre Kleidung standen in krassem Gegensatz zur Ein­richtung des Zimmers, die frisch und jung und heiter wirkte. Pauls Künstlerseele haßte die Häßlichkeit und Abgeschmacktheit der Formen. Böse, groteske oder lächerliche Wesen zu sehen, war ihm zuwider. Für seine Schwiegermutter empfand er ein aus Achtung und Haß gemischtes Gefühl, das sehr bald in Zuneigung gewandelt werden konnte, wenn die alte Frau es gewollt hätte. Er verstand, warum sie so sehr strell- süchtig war und warum sie darunter litt, es wider Willen zu sein. Daher seine Geduld, die chn jedoch nicht hinderte, zu finden, daß Roosse ebensogut wo anders hätte fein können als in dem wohligen und reizen­den Rest, das er sich für fein Glück und feine Liebe gebaut hatte. __

Das Kristall, die Früchte, Blumen, Nachbildungen der schönsten alten Kunstwerke, Bronzen von Sarge, Gemälde von Alfred Stevens, von Philipp Rousseau, de Clays, weite, ttäumerifche und tiefe Seestücke von Fölicien Rops, auf denen es von markig und prächttg gezeichneten Menschen mit wunderlichen Gesichtern wimmelte; ein guter Bittens; einige holländische Studien von Schampheleer; Landschaften in ruhigen, zarten oder auch kräftigen Tönen. All« diese Kunstgegenstände schienen wie die Seele des wahren Künsllers, in vornehmer Verachtung und über alles erhaben wie die Kunst, mit Widerwillen die Schirme, Schachteln, weiten Krinolinen und auch Roosje mit ihrem Zorn, ihr galliges Aus-