«'Deutschland muß leben .. ”
Eine Erinnerung an Heinrich Lersch.
Von Hans Sturm.
Erregte Tage vor fünfunzwanzig Jahren, Tage der Begeisterung! Mobil! Dieses Wort beherrschte alles Denken und Tun. Von den Schulbänken und aus den Fabriken, von den Feldern und aus den Büros strömte Deutschlands Jugend, um an einer der weiten Grenzen zu kämpfen für des Vaterlandes Sicherheit und Ehre; das Volk war „ein eherner Schild, der sich wehrend um die Grenzen bog". Unaufhaltsam ratterten Zuge durchs Land, vom Westen zum Osten, vom Osten zum Westen, tags und in den Nächten.
Das' Leben spielte sich zum größten Teile draußen ab: auf den Bahnhöfen wurden won den Frauen und Mädchen die Soldatenzüge betreut, auf den Straßen und Plätzen rasteten für kurze Zeit die durchmarschierenden Truppen, und überall wartete man auf die Extrablätter der Zeitungen, um das Neueste zu erfahren; manche Zeitungen erschienen morgens, mittags und abends mit den letzten Nachrichten und waren im Handumdrehen verkauft. Zwischen den Nachrichten und sonstigen Berichten erschienen bald die ersten Kriegsgedichte, deren Verfasser zwar alle begeistert, aber nur in ganz wenigen Fällen Dichter waren.
Am Morgen des fünften Mobilmachungstages las man in einer vielgelesenen rheinischen Tageszeitung unterm Strich ein fünfstrophiges Gedicht mit dem schlichten Titel „Soldaten-Abschied". Wir lasen, lasen, waren gepackt, ergriffen, erschüttert, und lasen es immer wieder, bis wir es auswendig wußten; es prägte sich so schnell ein. In diesen Versen wurde all das gesagt, was ein jeder von uns dachte und fühlte, und dazu mit der Kürze und Kraft eines alten Volksliedes. Einer von uns, der Schauspieler werden wollte, sprang auf den Tisch und trug die erste Strophe vor mit wahrer Hingerissenheit:
Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn!
All das Weinen kann uns nichts mehr nützen, Denn wir gehn, das Vaterland zu schützen. Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn!
Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir küssen:
Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Einer der Jüngsten unter uns, der noch keinen Flaum auf der Lippe hatte, wollte vor seinen Vater treten und ihn um die Erlaubnis bitten, hinausziehen zu dürfen, mit der Strophe:
Wir find frei, Vater, wir sind frei!
Tief im Herzen brennt das heiße Leben, Frei wären wir nicht, könnten wir's nicht geben. Wir sind frei, Vater, wir sind frei!
Selber riefst du einst in Kugelgüssen:
Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Ein Aelterer, der sich uns angeschlossen hatte, schrieb an die Mutter seiner Kinder den letzten Brief und fügte die Strophe bei:
Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott!
Der uns Heimat, Brot und Vaterland geschaffen. Recht und Mut und Liebe, das sind feine Waffen, Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott!
Wenn wir unser Glück mit Trauern büßen:
Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Wir anderen dachten wohl alle an die vierte Strophe des Liedes das uns in Bann geschlagen hatte:
Liebste, tröste dich, Liebste, tröste dich!
Jetzt will ich mich zu den anderen reihen, Du sollst keinen feigen Knechten freien! Liebste, tröste dich!
Wie zum ersten Male wollen wir uns küssen, Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Die berauschende, lastende und beseligende Zeit hatte uns zu Menschen gemacht, das Lied vom „Soldaten-Abschied" schmiedete uns zu Männern! In drei, vier Tagen war es draußen an den Fronten und daheim überall bekannt. Alle Zeitungen brachten es, auf hunderttausenden von Karten wurde es verschickt, auf den Truppenzügen, die über die Grenze rollten, las man die Strophen; einmal sah ich einen endlos langen Transportzug, der auf jedem Wagen ein Wort in großer weißer Schrift trug: Deutschland — muß leben! Die folgenden Waggons trugen alle mehrere !!! Diese von ungelenken Soldatenhänden aufgemalten Worte und Zeichen wirkten ungeheuer.
In Konzertsälen klang der „Soldaten-Abschied", auf Flugblättern wanderte er von Hand zu Hand, allen galt die letzte Strophe:
Nun lebt wohl, ihr Menschen, lebet wohl!
Und wenn wir für euch und unsre Zukunft fallen, Soll als letzter Gruß zu euch hinüberschallen: Nun lebt wohl, ihr Menschen lebet wohl!
„ die Jungen in den Schulen kratzten die beiden Schlußzeilen auf ihre Schiefertafel oder in ihr Heft:
Ein freier Deutscher kennt feyi kaltes Müssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Und wer war nun der Dichter dieses Liedes, das in wenigen Xacen Millionen Deutsche begeisterte? Er hatte noch keinen Namen, er kam aus dem Volke, ein Kesselschmied, der kurz vor der Mobilmachung auf 4« Walze war und im letzten Augenblick von Antwerpen sich nach feiner Vaterstadt M.-Gladbach durchschlagen konnte; er hat später durch seine mannhaften Bücher weit von sich reden gemacht, und heute kennen nir ihn alle, den wirklichen Dichter und Menschen Heinrich Lersch.
Brief Heinrich Lersch an Wilhelm Gckmidtbonn.
M.-Gladbach, 21.12.1927.
Lieber Willi! Da sitz ich nun morgens in der Früh, hab grab bin Jungen auf den Schulweg gebracht, durch die roten Morgenwolkm feuert die Sonne. Alle Schornsteine blasen den weißen Rauch burch bi« Luft, Mensch, nun sind die Hunderttausend schon über zwei Stundm an der Maschine, und die nicht daran sind, die blicken sehnsüchtig ms die weißen Dächer, als müßte in goldenen Buchstaben die verheißungsvolle Schrift erscheinen:
Kommt, kommt alle, die ihr ohne Arbeit seid.
Wie fremd brennt das in meine Welt hinein, die noch von gefterit nach bewegt ist. Da las ich im Verzauberten die Stücke von Adam unb Eva, Atlantik und Drachen, Riesenvögeln ...
Doppelt und dreifach packt mich das, weil unser Kleinster, der gwl fünf Jahr ist, über die Märchenbücher, Sagen, Legenden dieselbe Scheu hatte: daß der Drache, der Feuer im Leib hat, aus dem Vesuv gr- krochen ist, und „wenn dat Feuer kalt wird, dann fügte schnell mit» nach Napoli und kriecht'wieder in fein Feuerhaus hinein" ... Und „Vater, warum sind wir Mansche all so abverschlisse un kein IRiek i mehr? Un warum ts die Erd so abverfchlisse, nit einmal mehr eint o endliche Berg, laßt wir doch gehn, wo die Welt nicht so verschlisse Lit, int Schweizerland oder in Italien, wo die Berge noch sind."
Und: „Schad, bat et bloß noch eine einzige richtige Riese gibt, iwi ist der liebe Gott. Wenn der immer auf der Erd wär, wär hä ba.lb keine Riese mehr, bä geht immer in seine große Himmel erein ..."
Lieber Will, Du glaubst nicht, wie herrlich das ist, daß Du so ein Kind bist, das noch „nit abverschlisse" ist. Daß es das überhaupt no4 gibt! Daß die Erde durch die dünne kalte Kruste zu Dir beraufatmet, Dich anbettelt: Du, Will, sieh mich doch einmal an, bin ich nicht ba» herrlichste Weib der Schöpfung?
— Das ist Übertrieben gesagt. Ader Du sollst wissen, daß ich bas ■ nicht als Wissenschaft ober Phantasie nehme. Dies hab ich auch einmal gespürt, da war ich zwanzig Jahr und blind, nach dem Unglück ml meinen Augen, als die äußere Welt versank, da stieg die Erde auf un) war ein Chaos, das gestaltet werden sollte.— durch mich.
Ich bin der Ueberzeugung, daß man diese Welt erlebt haben muß. und auch, daß keiner unserer Bekannten eine Ahnung von der'furche baren Realität im Blut hat und das alles als herrliche Phantasie au- sieht. Mensch, ich hab nur die Ahnung, daß es durch die fürchterlichst!! Einsamkeit geworden ist, was Du da geschrieben, unb daß es keimt „Dichtung" ist, sondern eine Sprache, die bas Blut aus sich heraus trieb, sonst wärst Du der größte „Dichter", Fabuliexer, — Macher —; aber Du bist mir mehr als der Könner, Du bist mir ein Zeilgenoslt Gottes, ein Bruder der Menschen ohne Sprache.
Darum muß ich Dir das schreiben, damit wir uns auch ohne Sprach: verstehen. Ich fühle mich immer bedrängt von Dir; ich spür es durch Schrank und Kiste, wo eines Deiner Bücher liegt ober steht. Sie strahle« wie Radium durch den Pappdeckel her, und wie soll ich mich anbers dagegen wehren, als daß ich mich hinsetze, Dir das zu sagen. Ich rede nicht gern über Bücher, aber Deine Bücher sind für mich keine Büches. Briefe, direkt an mich gerichtet, Mitteilungen, Tagebücher eines Freum des, der älter ist als Jesus unb mir verwandter als ein Mensch auf bet Welt, Du unb ber kleine Fünfjährige, ihr seib meine Brüder, und bü'> ist genug.
Seit ich gestern wieder Deine „Erdbeschreibung" las, überfiel miü das Heimweh nach dem Golf von Napoli: da ist die Erde noch st heiße Quellen, Schwefel, Wasser, Feuer brechen aus der Erde, die Krusl« ist glühend heiß, sie schwabbelt und schwankt, — den Vesuv sah ich am wie die Nabelschnur, die mich mit der großen feurigen Mutter öer bindet. Ich habe in einer Morgenfrühe auf dem Rand des innerem Kraters gestanden, sah den Schlund, den Feuerschoß so weit von tnii" fort, wie der Mensch ein Weib betrachtet, das vor ihm liegt. NoH schaudert es mich, — so nah stand ich am Rand, der flockenweichu Auswurf sank in sich zusammen, hätte ich mich nicht nach hinten $urüd" geschleudert, zur „Welt " hin, kopfüber auf die kalte Seite der Weill zu stürzen — ich wäre mit der glühenden Asche in den Krater gerutfdjt Der kalte Osiwinb trieb die haushohe Flamme westwärts, ich empfand eine barbarische Wollust an der Glut, der Schmerz tat mir wohl, diü Kerle, die mich nicht auf diese letzte Spitze hinauflassen wollten, schrieb wie die Sck)ulmeister — ein Ausbruch deschleuderte sie mit glühenden Asche — aber der feurige Bogen war über mir, ich stand in einen Kuppel von rieselndem Feuer.
Mensch, kannst Du Dir denken, daß ich eine unnennbare Sehnsucht! nach diesem Land habe? Daß niemanb versteht, warum ich um diese» Feuer kreise, daß ich glücklich bin, im Bannkreis dieser Mächte zu (eben?6
Da müßten wir zwei einmal hin.
Ich hatte das Heimweh wieder einmal verdrückt. Aber es ist aus Deinem Buch heraufgestiegen. Es ist doch nur ein Buch, aber der Desu« ist Erde, ist lebendig. Unb ich bin nur ein fanatischer Liebhaber bes Feuers, ein Schmied, der mit der Schwester Flamme Blutschande treibt.
Cs ist nun nüchterner, heller Tag — ich war in der Werkstatt un« muß nun Post bearbeiten. Sei gegrüßt im stammenden Tageslichtt
Dein Freund H. L.


