Wettgesang.
' Don Heinrich Lersch*.
Ob ich einsam geh« oder, Mensch, mit dir, durch das Stadtgewirr, durch das Wühlgeweb«, immer tönt ein fremder Klang.
Tönt in Wald und Wiese, Acker, Feld und Wald, Tönen zitternd wallt, immer hör ich diese ein« ewige Melodie.
Durch die sternenweiten Himmel haucht's der Wind, Licht, das niederrinnt, klingt durch Schritt und Schreiten, tönend auf di« Welt.
In den Fernen braust es, in der Eng« klingt's durch den Werktag dringt's, in den Stürmen saust es, Tönen der Ewigkeit.
Oh, ich höre beben, weinende Tiefen euch, zitterndes Heidegefträuch, aus dem Einsam-Leben rührt mich dein Wurzellied.
... malmend bricht die Scholle, abbröckelt Alpengrat, sprießend« Sommersaat, Stein im Stromgerolle, Zwiesprach halt ich mit euch.
Geht alle ihr durch mein Ohr, orgelt der Weltenchor, wallt in tönende Welten durch meine offene Brust ... von des Himmels Zelten, des Erdenkreises Luft.
Oh, allüberall ich höre dich! Schaudernd fühl ich brennen mir das Wort im Mund — fremder Ton im Rund, was willst du bekennen hier im Weltgesang!
Tage mit Heinrich Lersch.
Zum 50. Geburtstag des Frühverstorbenen am 12. September.
Von Heinrich Zerkaulen.
„Es ist ein Junge, Herr Lersch!", schreit die Hebamme in die Kessel- shmiede hinein. Die Hämmer schlagen auf die Klotze. Kein Mensch
„Es ist ein Junge, Herr Lersch!", schreit die Hebamme noch lauter. Lunnerkiel!" Der Alte läßt Hammer und Eisen sollen und geht mit in sie Küche. ,.Wo ist er?" Und er sieht seiner Frau halb rauh, halb weich
„Dunnerkiel! — So leicht ist das Ding?" Er hält das weiße Fleisch Artlich mit beiden dreckigen Schmiedefäusten umklammert, wickelt es in «e rußige Lederschürze und trägt es zur Kesselschmiede. Die Frau spricht
In der Schmiede schlagen die Hämmer auf die Klötze. "H°lt!" brüllt ter Mann die Gesellen an. Erst wischt er mit dem Aermel den Amboß <b, dann legt er das Neugeborene darauf. „Nun bringt ein glühend ötucr Cifen her und hämmert, was ihr könnt!" Und wieder schlagen die Ham- >>er. Die Kesselschmiede pfeifen ihr frechstes Lied. Weit vornüber gebeugt, Ankenumsprüht, lauert der Alte. Da — das winzige Menschlein vor ihm lichelt — lächelt, dieweilen die Hämmer ein Wiegenlied singen und ihm ten Rhythmus der Arbeit ins Blut hämmern. ™.
„Halt!" schreit da der Alte wonnig auf. „Er hat nicht mit der Wimper tezuckt! Er wird ein Kesselschmied!" . . .
Und die Hämmer dröhnen wie Glocken gegeneinander. „Er wird em dichter!"
Es war vor dem Kriege, als ich Heinrich Lersch kennenlernte. Stunden östlicher Erinnerung werden wieder wach und leben greifbar auf. «sschah es dann, daß Heinrich Lersch, eben aus dem Kessel geklettert, Schurzfell umgehängt, das Hemd auf der schwarzen noch offen,m 'oblichte Grohstadt-Äpotheke trat und dem im weißen Laboratoriums Mantel hinter dem Rezeptiertisch arbeitenden Eleven Zerkauten unbekurn' »ert um die zahlreiche vornehme oder weniger vornehme Kmidnhaftz ^tgegenrief: „Na, Hein, beste noch net bald fähig? Bis meinem Herrn ^hes die Sache zu bunt wurde und er mich bat, dem Kesselschmied Hein- . * Gedichte und Briefe aus dem Nachlaß von Heinrich Lersch er khnnen zum ersten Male in der Hanseatischen Berlagsanstalt AG
; ^mburq unter dem Titel „Heinrich Lersch Briefe und Gedichte (Leinen '•80 Ä).
rich Lersch doch einen Wink zu geben, mich in einer etwas anderen Form zur abendlichen Plauderstunde abzuholen. Und Lersch nahm es sich zu Herzen. Andern Abends betrat er nicht die Offizin, er blieb im Hausflur der Apotheke und pfiff so grauenhaft und anhaltend auf zwei Fingern, daß ich künftighin immer schon eine Viertelstunde srüher entlassen wurde.
Wie manchen Abend saßen wir in jener Zeit am hohen Mansarden- Fcnster in Lerschs Elternhaus und redeten hinaus in den dämmerigen Abend, wenn die Schienenstränge der eilenden Bahn blitzten und hin und wieder die rote oder grüne Signalflamme aufglühte.
Elisabeth wohnte in der Nähe. Elisabeth! Ich wunderte mich nicht, als Lersch, Monate später, da er von einer Fußwanderung durch Italien zurückkehrte, mir zu erzählen hatte: Als ich am Petersdom stand in Rom, weiht du, da kam die Sehnsucht nach Elisabeth plötzlich so ungestüm und elementar über mich, daß ich mit dem nächsten Zug nach M.-Gladbach zurück mußte.
Als der Krieg ausbrach, arbeitete Lersch gerade in Antwerpen. Aber ehe er sich noch freiwillig bei den 65ern in Köln melden konnte, war schon sein unsterblicher Vers in aller Deutschen Herzen und Mund: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Wir beide standen an verschiedenen Fronten, er im Westen, ich im Osten. Und die Briefe gingen her und hin. Während des ersten Urlaubs feierten wir di« Verleihung des Kleist-Preises an Heinrich Lersch. In oie hohe Mansardenwohnung des Elternhauses zog ein protziger Schreibtisch ein, nur: Lersch arbeitete nicht daran. Seinem neu erwachten Selbst- gesühl tat es Genüge, ein ’n mn->? Stück zu beüü-n. Schreiben tat er nach wie vor in seine'-
Eine Verschüttung un Heinrich Lerhch> wieder zu seinem
Beruf, den er so liebte. Die Kesselschmiede waren gesuchte Leute geworden. Zwischendurch jedoch las er aus seinen Dichtungen.
Unzählig sind die Anekdoten um Heinrich Lersch aus jener Zeit des jungen Ruhms, der den Menschen in ihm nicht anzufressen vermochte. Und wenn er sich schon einmal entschloß, es der sogenannten Gesellschaft gleich zu tun, dann glückt« das restlos daneben. Bei der Dumont im Düsseldorfer Schauspielhaus war eine Lersch-Morgenfeier angesetzt. Als ich im Wandelgang auf und ab gehe, ruft plötzlich einer aufgeregt meinen Namen. Wer kommt mir mit ausgebreiteten Armen entgegen? Heinrich Lersch im Smoking, aber in der Hand ein bunt gewürfeltes Tuch, das vor unserer Umarmung behutsam auf dem roten Plüschteppich abgesetzt wurde. Darin eingewickelt waren die Bücher und Manuskripte, aus denen Lersch lesen wollte. So guckte auch aus dem feinsten Kleid immer wieder der alte, echte Kerl durch, der ein Kesselschmied war und bleiben wollte.
In Berlin gab es ihm zu Ehren gar ein Bankett. Ein ganz großer Literaturbonze — ich glaube, es war Lissauer — saß da im Kreise und begann den Krieg, Deutschland, die Kunst einzuordnen nach dem Gesichtspunkt: Ich und der Krieg — Ich und Deutschland — Ich und die Kunst... Bis es Lersch zu dumm wurde, er eine Flasche beim Halse packte und sich in unmißverständlicher Art vor dem ganz großen Literaturbonzen aufpflanzte: „Wenn du jetzt net bald die Schnüss' hälft, dann werd' ich dir verzälle, wat et heißt: Ich und der Kesselschmied Lersch!"
Oder er liest in einem fürnehmen Haus seiner Vaterstadt, in dem sich der Herr Professor und Hausherr bald zerreißen möchte um seinen berühmten Gast.' Bis Lersch vor versammelter Mannschaft ruhig sagte: „Mache Sie sich kein Umständ, Herr. In Italien hab ich Ihne mal die Schuh gewichst, weil et mir dreckig ging — da wäre Sie noch so knickerig, dat ich net einmal Trinkgeld gekriegt hab."
In einer Fabrik ist dringend der Kessel zu flicken. Lersch wird gerufen der Dichter. Der Vorarbeiter weiß um den Mann und seinen Namen: Lersch soll sogar ein Frühstück haben. Aber zu dem Frühstück wird Lersch herausgepfiffen. Lersch hämmert weiter: einem Hund pfeift man, nicht ihm. Bis die Tochter des Hauses erscheint, ein weißes Tuch über den Amboß deckt und eine Flasche Sekt zu dem Frühstück hinstellt: „Einen Gruß von meinem Vater für den Dichter Heinrich Lersch!"
„Fräulein, Sie gefalle mir!"
Die Verschüttung im Felde mag wohl der erste Keim zur schweren Erkrankung gewesen sein, an der Lersch schließlich sein Leben lassen mußte Die ausreibende Sorge um Familie und Freunde war die zweite Ursache. In der Inflationszeit fuhr Lersch mit seinem Bruder Paul auf einer Lokomobile selber die Kohlen holen vom Ruhrgebiet ins nachbarliche M.-Gladbach. Es war ein schönes Stück Geld damit zu verdienen. Bis er eines Tages mit seiner Lokomobile in ein Haus rannte und den halben Giebel aufriß. Da mußte das Haus bezahlt und der Lokomobil- betrieb eingestellt werden.
Seine Freunde — ja! Sie wissen ein Lied vom Hein zu erzählen. In der Kampszeit versteckte er in seiner Fabrik unten die Nazis und oben die Kommunisten vor der Polente. Er fragte immer nur nach der Ecbtheit der Empfindung und der Opferbereitschaft. Noch war das Ziel unbar, noch galt nur der Kampf: irgendwie mußte man aus dem Schlamassel herauskommen. Von Capri aus, wo Lersch die letzten Jahre vor dem Umbruch Erholung von seinem Leiden suchte, besuchte er mich eine Nacht lang in Dresden. Wir sprachen über das, was war und was werden sollte. Anderntags, der Freund war schon wieder abgereist, sand ich einen Zettel. Darauf stand: „Lieber Hein, immer und überall haben sich unsere Gedanken getroffen und in der Sprache, die ihnen eigentümlich ikt, ausgesprochen. Uns bleibt nichts, als das irdische Wort zu füllen mit dem Geist, der unsere ewige Heimat ist."
War es damit getan, daß man das Gewissen einer europäischen Menschheit beschwor? Auch in einem Manne wie Heinrich Lersch mußt« sich mit Notwendigkeit jenes gewaltige Wunder innerer Umkehr und letzter Entscheidung vollziehen. Aus der Anklage wurde mahnende Stimme, wurde Gelöbnis und Beispiel, wurde Brudergruß aus der Fremde. Im neuen Deutschland war auch wieder Platz für Heinrich Lersch, den Kessel- chmied und Dichter. Dieses Deutschland, das leben muß, und wenn mir sterben müssen, wird seinem toten Sänger die Treue halten.


