eine sehr Ann fort, kennt den
ungewisse Rechnung ist.
„Selbst wenn uns die Deutschen anhalten sollten", fährt
schen, Gott fei Dank!" will er sagen.)
Dem Maire von Mereville fällt ein, daß Ann hinter Mereville der einzige Fahrgast bleibt. Er macht ihr Mut: „Wenn Mereville vorüber ist, sind wir den Deutschen entwischt, glaube ich! Ich werde Sie auf jeden Fall der Obhut des Kontrolleurs empfehlen!"
Abschiedsweh befällt Herrn Labatut. Er wird gefühlvoll, steht auf und schaut in die vorüberrollende Landschaft.
Er steht nichts. Draußen ist eine harte unfreundliche Schwärze, wie eine Schiefertafel, auf die keine freundliche Hand ein Wort der Hoffnung geschrieben hat.
Es strahlt kein Stern. Am Horizont färbt sich der Himmel rot. Vielleicht ist es der Mond, der sich durchquälen will. Vielleicht ein brennendes Dorf, eine Spur des Krieges.
Als der Zug unerwartet und kreischend bremst, wird Labatut vom Fenster auf den Schoß seiner Mitreisenden geworfen. Das ist für einen Monn immerhin eine liebenswürdige Lage.
Da aber zu gleicher Zeit Feuerschein zuckt und heftige Explostonen die Luft erschüttern, Waggonfenster brechen und klirren, würgt der Schreck Herrn Maurice Labatut. Er bleibt sitzen.
,F)h", sagt Ann, denn der Maire von Mereville hat ein stattliches Gewicht.
Da reißt sich Labatut hoch, stottert eine Entschuldigung, sinkt auf seinen alten Platz und ist kreideweiß. „Die Preußen ... die Preußen ...", sagt er tonlos.
“ Ann aber, Weib und Engländerin, erfüllt die Minute mit jenem Mut, der den Maire verlassen hat. Sie öffnet die Abteiltür und lauscht hinaus. Denn der Zug steht.
„Mein Gott, treten Sie doch zurück, man schießt!" Labatuts Aengste reichen nicht an ihr nüchternes Herz.
Ihr Verstand tut kühl seine Pflicht und erforscht die Ursachen. Sie sieht: Der Lokomotivführer rennt mit dem Kontrolleur die Schienen entlang. Von dorther kommen Rufe. Ein paar armselige Laternen machen den Versuch, die Dunkelheit zu durchdringen.
Herr Labatut schämt sich. Denn er merkt, daß es still ist, so füll, als sei die Natur selbst erschrocken. Der Bürgermeister von Mereville sammelt sich und tritt neben Ann.
iu- ;u=
„Die Lichter dort?" fragt sie. _
„Das muß Mereville sein!" sagt Labatut und weiß nicht, ob er sich erleichtert fühlen soll oder nicht. Doch bedenkt er, daß er in Mereville ein Amt zu verwalten hat. Plötzlich erhalten die armseligen Lichter vor ihm die Bedeutung von Kindern, die nach dem Vater rufen.
Er klettert aus dem Waggon, stolpert über die Geleisschwellen und erreicht die Lokomotive. Der Führerstand ist verlaßen.
Er beschließt, zur Station zu gehen. Aber kann er die Dame alleft lassen? Sorge und Ritterlichkeit schlagen eine Schlacht in seiner SeeU. Es ist unnötig. Ann ist Herrn Labatut bereits aus dem Fuße gefolgt.
Pfahllaternen spenden dem Bahnsteig der Station Mereville ein mageres Licht.
Zwischen den Geleisen prasselt ein Feuer. Es kohlt lustig die hölzerne, Schwellen an, und über dem Feuer und den Geleisen schwankt, an zwei Gabelhölzern befestigt, ein Kessel.
Französische Soldaten (Gott sei Dank, denkt Labatut, keine Preußen!) schöpfen ihre Becher voll Kaffee und trinken.
Ein friedliches Bild, doppelt friedlich, da ein sonst so ungebärdiges Element wie das Feuer sein ruhiger Mittelpunkt ist. Aber weshalb hck es sich auf den Eisenbahngeleisen angesiedelt?
Ein Offizier spricht mit dem Lokomotivführer und dem Kontrolle,:. Es ist ein Kapitän der Pioniere, ein schlanker, hochgewachsener Mann. Der gegen den Brauch der Zeit bartlose Mund ist müde und verbittert
Herr Bregnon, der Vorsteher der Station, rennt erregt hin und her, als hätte er zween Herren zu dienen und als sei er dieser für manche Menschen trotz der biblischen Behauptung nützlichen Beschäftigung nicht gewachsen. _ I
Als Bregnon Labatut erblickt, schreit er ihn an: .Kommen Sie end lich? Hier und nicht in Paris ist Ihr Platz!"
Labatut ist nicht beleidigt, ihm ist alles neu.
„Die Geleise und die Brücken sind gesprengt! Die Unfern zieh» sich zurück!" Bregnon zeigt kreischend auf die Pioniere. „Man läßt uns allein!" Er beteuert, daß er es ablehne, die ganze Verantwortung mi Mereville allein zu tragen.
Labatut begreift, daß Herr Bregnon durch die Ereignisse verwirrt ist. Bregnon klammert sich an den Maire. An wen aber kann sich der Bürger, meister von Mereville klammern?
Gelassen betrachtet Ann Moreland das Bild, das sich ihr bietet. Sie hält sich bescheiden hinter Labatut, aber das Auge des Kapitäns entbedi sie. Er grüßt.
Labatut bemerkt es. Er erinnert sich seiner doppelten Verpflichtung er ist hier Bürgermeister und dort Kavalier; er fragt, ob Herr Bregnon in der Aufregung vielleicht übertreibe.
Der Offizier reicht Labatut stumm die Hand. Die Soldaten heben den Kessel vom Feuer und zerstören die Glut. „
„Die Maschine soll rangieren. Der Zug fährt nach Paris zurück. Wr versuchen es jedenfalls", sagt der Kapitän. Dann wendet er sich an ßJ’ batut: „Bregnon hat nicht übertrieben, Herr Maire."
„Ich will aber nach Calais, meine Herren." Damit tritt Ann in den Lichtkreis der Laterne.
Labatut hat die ängstliche Minute, der er sich jetzt schämt, längst ube-l- wunden. Er meint düster: „Das ist, wie Ihnen der Herr Kapitän sagen wird, unmöglich. Die Pioniere haben die Geleise zerstört."
। „Warum?" forscht Ann, aber sie fühlt wohl, daß die Frage finales ist, und daß sich der Kapitän nicht in ein Gespräch über militärische Wb’ nahmen verspinnen kann.
„Ich möchte eine Depesche nach England aufgeben", sagt sie bann.
Alle Blicke richten sich auf Bregnon. Bregnon hat vor nicht allzulang« Zeit die Strecke geprüft. Er bemerkt, daß nur noch der Draht nach Pans einwandfreie Zeichen gibt, doch er will sein Bestes versuchen.
Er hat den Befehl, die Station zu schließen. Nun ist er froh, daß « diesen letzten und ungewöhnlichen Austrag erhält, der seine Iraner we täubt. Denn er liebt die Bahn, die Strecke, sein Mereville.
Der Morseapparat ruft, aber keine Station trägt den Ruf weiter. Und jetzt kommt auch Paris nicht mehr.
Der Offizier, Ann. Labatut stehen um den Apparat. Er ist wie e-:n Vogel, der seine Gefährten verloren hat und seine Stimme klagend uw» lockend ins Leere schickt. Zwischen dort und hier ist auf einmal tote« Land, in ihm aber marschiert die Macht der Eroberer.
Ann fragt in die bedrückte Stille: „Kann man mir wenigstens Fuhrwerk beschaffen, das mich zur nächsten größeren Stadt bringt, »< nicht von den Deutschen besetzt ist? Von dort würde ich sicher an Küste kommen!" . v. . „
„Mademoiselle", erwidert der Kapitän, „ich habe den Befehl, in dies« Zuge mit meinen Leuten nach Paris zu fahren. Wenn auch keine Sepep geht, so ist es doch nicht sicher, daß der Zug angehalten wird. Wahrscher^ lich hat man nur die Telegraphenleitungen zerstört! Kommen Sie uni« meinem Schutz mit nach Paris!" „
Das Wort Paris entflammt ihren Widerstand. Sie beteuert, daß »' auf keinen Fall nach Paris wolle, sie haste Paris und habe Grün « gehabt, die Stadt zu verkästen, wichtige Gründe!
Der Zug rangiert. Unterdes versucht ein Bahnarbeiter im Auftro < Bregnons, ein Fuhrwerk aufzutreiben. ,
Nach einiger Zeit kommt der Mann zurück: Niemand gibt Pferd uri Wagen heraus. Die Menschen sind hinter verschlostenen Türen und tjw> ftcrn ängstlich wach, denn das Gerücht, die Preußen kämen noch | dieser Nacht, sitzt in Mereville. ,
Der Offizier versucht noch einige gute Wünsche zu sagen. Dann M der Zug langsam und ohne Lichter. Er ist bald nicht mehr zu sehen, ix» man hort ihn noch lange.
Das Geleis verliert sich in der Finsternis. Es ist nun nutzlos. heute ab wird es verfallen, denkt der Stationsvorsteher, bald wird Rost kommen und es freßen. ... ^
Ein Wind bricht auf, kalt. Bregnon schließt die Station. Nun p> r das letzte Licht. Das Haus ist tot wie ein Sarg.
I (Fortsetzung folgt.)
gepflückter Tee spielten eine Rolle in dieser Kur.
Was glaubten die Menschen jener Zeit alles: daß ein bretonischer Schäfer aus den Haaren einer meilenweit entfernten Person deren Krankheit erkennt; daß man aus den Handlinien ein getreues Abbild des Menschenlebens gewinnen könne mit allen heiteren und düsteren Z: kunftsaussichten. Und wenn eine Sibylle die Karten schlug, stand die Z kunft in den Karten und nicht in der gerissenen Rede der Kartenschlägerin, sicher war auch der Einfluß der Sterne auf Gicht, Podagra und das Schicksal. (Welch ein Unterschied der Zeitalter! Wem fällt es heute noch ein, durch einen Magier die Zukunft mit Neugier zu kitzeln, um zu sehen, ob sie lächelt oder böse aufkreischt! Wahrhaftig! Der Aberglaube ist ausgerottet, das „Aber" setzt selbst der „Magier" hinter den Glauben: „Aber ...!"---„Aber sie werden doch nicht alle, die Abergläubi-
Dragoner sind hinter Gonesse auf eine preußische Streife gestoßen und haben einen Kameraden verloren. . .
Aus dem Nebengleise steht der Transportzug, fein Ziel ist Paris, die Turkos find eingeftiegen.
Die Fahrgäste hören von den Reitern, daß die Preußen so nahe sind.
Jetzt werden die Wagen mit den Kanonen abgehängt und dem Transportzug angeschlossen. Die Geschütze kamen aus Paris, sie gehen wieder zurück nach Paris; der Teufel mag wissen, wer dafür verantwortlich ist, daß die Kanonen spazierengefahren werden.
Die Fahrgäste aber haben, wie gejagt, den Kops verloren, und die Köpfe rollen über den Hang der Furcht in den Abgrund der Panik. Der Kontrolleur dankt Gott, daß es nur wenig mehr als ein Dutzend Kopflose sind. Sie greifen ihr Gepäck und stürzen sich lärmend in den Transportzug, lieber zurück in den Schutz der unangreifbaren Festung als in die Ungewißheit, die sich auftut wie ein schwarzes Tor.
Lachen übertäubt die Furcht, als der Zug langsam die Richtung nach Paris nimmt. Turkos und Fahrgäste haben sich vermischt und eine Stimme schreit: „Singen!" „
Gesang erhebt sich. Die Räder rollen. Die Maschine zischt. Der Lärm zerschlägt die krampshafte Melodie.
Der Bahnsteig ist leer. In dem Zug nach Calais sitzen der Maire von Mereville und Ann Moreland. Der Kontrolleur schickt ein verlegenes Lächeln zu ihnen. Der Lokomotivführer lacht.
Vor dem Bahnhof stehen noch die drei Dragoner. Stumm. Sie bewegen sich nicht. Jetzt fitzen sie auf und verschwinden langsam im Nebel, mythische Ritter der Landschaft. ,
Perfevörance heult auf. Dreimal und scheinbar vergnügt. S,e zieht drei Personenwagen und einen inzwischen angehängten Güterwagen in die Dunkelheit hinein. Irgendwo in der Dunkelheit sind die Deutschen.
„Jetzt find, wenn ich recht beobachtet habe, nur noch zwei Reifende im Zug — Sie und ich!" meint Herr Labatut.
Ann nickt.
und ihre Lippen schließen sich.
So sehen eigensinnige Leute aus, denkt Labatut, denn er Eigensinn. Er ließ sich von dem Eigensinn seiner Frau plagen und erlebte, daß sie an ihrem Eigensinn starb, weil sie eine Kur durchführte, die ihr eine alte Tante eingeredet hatte und die der Arzt von Mereville lachend verbot. Verbrannte Frauenhaare und ein zur mitternächtigen Stunde
„Wenn der Zug keine Verspätung hätte und nicht mit_ Verspätung abgefahren wäre, müßte ich schon feit zwei Stunden in Mereville fein. Seit zwei Stunden elf Minuten."
Herr Labatut ist nicht zuletzt wegen seiner Genauigkeit Bürgermeister von Mereville geworden.
„Uebermorgen bin ich in England", rechnet Ann.
„Sicher", erwidert Labatut und meint bei sich, daß dies


