Montag, -en U September
Hummer 70
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Herz, wo liegst du
im Quartier?
f) tai berg 11 Snotw
^Jahrgang 1939
greifen zu entschuldigen: „Es heißt, die Preußen stehen dicht an der Bahnlinie. Glauben Sie es?"
„Es ist mir gleichgültig!"
Ueber diese Antwort ist Herr Labatut verwundert, aber er nimmt sie als Scherz und versucht auch einen: „Vielleicht huschen wir vorbei wie die Maus an der Katze!" Er kichert hell. Dann fragt er: „Haben Sie Angst?"
Siebener ^amilicnblätter
"H Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
„Nein", erwidert Ann.
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Ein heiterer Roman von Kurt Heynkcke
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Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
5. Fortsetzung.
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Labatut erwartet eine ähnliche Entgegnung, er ist weiß Gott auf alles
fefa&t, auf Verzweiflung wie auf Zuversicht, aber keineswegs auf die otuswi ;rage; „Können Sie mir sagen, mein Herr, wohin dieser Zug fährt?" NM» Die kleinen Augen des Herrn Labatut blitzen. Denn das wirblige '"i al ^'genüber ist ein Rätsel. Sie sitzt aus der Bank wie eine Sphinx, die ii«l as Schicksal Frankreichs unbegründet belächelt.
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Sie nennt ihren Namen. Aber
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efragt!" Labatut schweigt mißtrauisch.
„Ich fahre nach Calais!" platzt Ann heraus.
„Sie? Ohl Endlich! Die Frau hebt einen versiegelten Briefumschlag: Mademoiselle, dann bitte ich Sie um einen Dienst! Dies ist vielleicht iner der letzten Züge! Die Deutschen sind unterwegs, und die Post ist iteils unsicher! Bitte, nehmen Sie diesen Brief mit nach Calais und offen Sie ihn durch einen vertrauenswürdigen Boten beim Weinhändler
Aber bevor Labatut die Frageflut durch die Schleuse der Neugier kaufen läßt, wird die Abteiltür aufgerissen, und eine Stimme fragt ußer Atem: „Fährt hier jemand nach Calais?" Es ist eine Frau mitt- iren Alters, dunkel gekleidet, von jenem schlichten unauffälligen Aussen, an das man sich später so schwer erinnert: eine wahre Frau jedermann. Ihre Blicke schießen verschmitzt wägend zwischen Labatut mb der jungen Dame hin und her. Da Labatut beharrlich schweigt, klagt
da sie zugleich daran denken muß, auf Umwegen eingegriffen hat und daß vielleicht doch die Hammelherde
Wer setzt sich in so strenger Zeit in einen Eisenbahnzug und kennt hssen Ziel nicht? Nein, Herr Labatut muß jetzt einige Fragen stellen: daher des Wegs, weshalb mit so wenig Gepäck und wohin man eigent- sch zu reisen gedenke.
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11 f den Weg. Sie zieht drei Personenwagen und die vier Wagen mit Kanonen. Während zu gleicher Zeit Batterien aus Batterien nach
Er sagt es mit jenem Grollen, das Ann in der letzten Zeit in Paris niner wieder vernommen hat: Ha, die Preußen! Laßt sie nur kommen!
Die Frau geht so geschickt mit dem Brief um, daß er Ann rote durch säuberet in den Händen bleibt.
„Ich danke Ihnen tausendmal!" Damit ist die Gestalt verschwunden, Me von großer Eile hinweggeweht. Ann blickt verlegen auf Herrn hbatut. Herr Labatut wundert sich. Ähr fällt ein, daß er sich vorge- still hat.
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Unruhige Zeiten werfen mit Gesprächen herum. Der Zündstoff herzhaftesten Auseinandersetzungen ist aus der Luft zu greifen.
"ine Kanoniere ins Blaue. Nach Amiens, wie der Kontrolleur wissen il. Aber er weiß es nicht, er tut nur so. .
Als der Kontrolleur kommt, löst Ann einen Fahrschein nach Calais. «Lbatut hat darnach gefiebert, die Fähnchen eines neuen Gesprächs zu Men: „Wird der Zug Calais erreichen? Welche Nachrichten gibt es?
.„Die wichtigste Nachricht ist, daß man die Reisenden nicht beun- -chigen soll", sagt der Kontrolleur und schweigt bis zum nächsten Halte- b-att so hartnäckig, als hätte LabatuL eine feindliche Handlung be= 91 ngen. Dann wechselt er in einen anderen Wagen.
Ein Grobian, denkt Labatut und wendet sich zu Ann, um sein um«
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_ nun eigentlich der liebe Gott uv. -ß sie im richtigen Zug sitzt und ird)t f Rück gebracht hat, muß sie lachen. So hört Herr Labatut statt des
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en. fc jerr Labatut greift: „Nun, ich glaube, wir kommen durch!" Sah« h-!.q
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zM ie Frau: „Kein Mensch fährt nach Calais — ich habe alle Wagen ab« litte.»
Namens nur einige Vokale, die her- dk iirsgelacht werden, aber er ist es zufrieden. Den seltsam, nun hat sich ' -ne Meinung über die junge Dame geändert. Das Mißtrauen ist zer- «ilen. Sein Herz ist berührt. Er fürchtet, daß er sich verliebt hat.
t Ann legt den Brief in ihre Tasche und hat jetzt nur noch die Sorge, Gilbert darauf kommt, sie im Nordbahnhof zu suchen.
Aber sie ist nun in der Glücksmühle. Sie hat noch nicht zu Ende
Ader sie ist nun in der Glücksmuyle. tote yar noaj ruaji zu llu« .Vf Sidacht, da macht sich ..Perseveranee", ihrem Pamen getreu beharrlich
Kanonen. Während zu gleicher Zeit Batterien auf Batterien nach IN? tut Paris geschafft werden, rollen diese vier Kinder einer vergessenen Order 01 ne Kanoniere ins Blaue. Nack, Amiens, wie der Kontrolleur wissen
Die Ruhe verwirrt Herrn Labatut immer mehr, er hält es nun nicht mehr aus, er muß sein Amt ins Treffen führen: „Ich war bei der Regierung in Paris und habe mir Anweisungen geholt, wie ich mich verhalten soll, wenn die Deutschen in Mereville einrück-en. Ich bin der Maire von Mereville."
Allein auch die Würde eines Bürgermeisters macht keinen Eindruck auf Ann.
„Mereville liegt an dieser Strecke", sagt er.
Ann nickt Labatut zu wie jemandem, den man ermuntern will, sich nicht allzuviel Bedeutung beizulegen. Labatut wird nervös und schreit: „Ah, die Deutschen! Das wiedererwachte Frankreich wird sie zu Paaren treiben!"
Ann versteht, daß die Maire von Mereville sie auffordert, seine Sorge und Leid zu teilen. Er erwartet zweifellos auch von ihr kräftige Worte über die Deutschen.
Wahrhaftig, Herr Labatut ist erschüttert. Seine Sorgen sind die Sorgen aller Franzosen und seine Flüche die Flüche aller französischen Patrioten.
Aber Ann ist Engländerin: Sie sagt es. Herr Labatut horcht auf, seine Gefühle werden nur noch feuriger. Denn er sieht eine Mauer von Teilnahmslosigkeit vor sich und damit die Aufgabe, sie zu zerstören.
Er beginnt, die Geschichte des Krieges aufzurollen, wie sie sich im Kopfe des Bürgermeisters von Mereville darstellt.
Ann übt ihre Neutralität mit brutaler Aufrichtigkeit aus, sie schweigt. Und nach und nach ringt ihr Schweigen Labatut nieder.
„Ich möchte, wenn ich nicht der Maire von Mereville wäre, das Schwert Frankreichs sein, das Sie bis Calais begleitet", ruft er zuletzt. Die englische Sphinx lächelt. Sie spürt, daß dieser Wunsch weniger vaterländischer Begeisterung als dem Beben eines reifen Herzens entspringt.
Es ist übrigens der unregelmäßigste Zug, den Ann je gefahren ist. Bald liegt er auf der Strecke still, so daß Ann die Grillen auf den Stoppelfeldern hören kann. Bald hetzt er durch die Stationen, als seien die Deutschen schon hinter ihm.
Auf dem Steig der Station Gonesse lagern Soldaten, es sind Tur- kos, Angehörige afrikanischer Regimenter.
Hier verschnauft Perseverance. Der Lokomotivführer wirft Worte und Zigaretten zu den bunten Gestalten hinüber. Die Algerier danken in einer rauhen kehligen Sprache. Ihre dunklen Gesichter sind mürrisch und müde. Sie träumen von der Sonne Afrikas, die man ihnen genommen hat. Einige sind verwundet. Der Lokomotivführer erfährt, daß sie ein Gefecht mit den Deutschen gehabt haben und daß sie im Transportzug, der auf dem Nebengleise einfährt, nach Paris verladen werden sollen.
Keiner der algerischen Infanteristen kennt die Gegend, di« Turkos wissen nur, daß der Ort, in dessen Nähe sie das Gefecht bestanden haben, Saint Grigoire heißt.
Saint Grigoire ist zwar keine Bahnstation, aber der Ort liegt, wie ein mitreisender Priester behauptet, unweit der Bahnstrecke, er sei bekannt durch eine berühmte Wallfahrtskirche.
Die Passagiere des Zuges haben sich rasch mit den Algeriern verständigt, ob die oder die Ortschaft bereits besetzt fei, ob man glaube, daß die Deutschen schon an den Bahnlinien seien und anderes. Man drängt sich lärmend um den Kontrolleur des Zuges und fragt, ob es denn nicht besser sei, nach Paris zurückzufahren?
Der Kontrolleur, in Geduld geübt, denn er ist Vater von elf Kindern, die er rechtschaffen erzieht, versucht eine väterliche Ermahnung: er verstehe die (Erregung nicht! Die Deutschen kämpfen gegen Soldaten und nicht gegen zitternde Zivilisten! Das Schlimmste, was geschehen könnte, sei, zurückgeschickt zu werden.
Das ist wahr und gerecht dazu. Aber was sollen Wahrheit und Gerechtigkeit gegen Leute, die den Kopf verloren haben? Man nennt den Kontrolleur einen Verräter, weil er den seinen oben behält.
Der Ort Gonesse ist nicht zu sehen, er liegt hinter Büschen und im Feldergrau. Die Stunde verschwimmt im Abendnebel. Aus dem Nebel kommen drei Reiter. Es sind Dragoner. Und während der Nebel sich in das schwankende Licht der Dämmerung wühlt, gewinnen die Gestalten riesenhafte Umrisse. Vor dem Bahnhof steigen die drei Reiter ab.
Das Schweigen umhüllt sie mit einem unsichtbaren Mantel. Die


