Ausgabe 
11.8.1939
 
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Oie Fanny.

Von Fritz Müller-Partenkirchen.

Die Fanny war unser Dienstmädchen. Deutlich klingt ihr Name aus meiner Jugendzeit heraus:

So etwa: Faahnil

Ich weiß heute nicht mehr, wie sie ausgesehen hat. Ihr Gesicht ist mit der Zeit verflossen. Aber

Faahnil Fahnil", der Klang hat sich eingeprägt, ganz fest. Heute noch, wenn ich in eine Küche trete, wenn ich mir als alter Knabe da und dort ein RUtschlein auf einem breiten Treppengeländer nicht verbeißen kann, dann höre ich die zwei langgezogenen Silben aus der Vergangenheit herüberrauschen:

Faahnil Faahnil"

Und um den Klang ranken sich dann ich mag wollen oder nicht allerhand Erinnerungen herum, Erinnerungen aus der Zeit der kurzen Hosen.

Gestern bin ich umgezogen mit Weib und Kind. Und da stand der Möbelwagen aus der Straße. Voll war er schon, die Tür zu, die dicke Etsenstange quer herüber

Halt!" schreit es von der Treppe. Und da schleppten sie noch einen Koffer heraus, einen viereckigen, grünen Koffer, ein bissel gewölbt der Deckel und ein breites, schepperndes Schloß vorn dran.

Was ist denn los?" ruft der Mann am Möbelwagen ungeduldig.

Der Koffer von der Köchin muß noch in den Wagen die Tür noch einmal auf!"

Und dann schieben sie ein wenig brummend den viereckigen grünen Koffer hinein'. Den Koffer von der Marie.

Denn unser Mädchen heißt heuteDie Marie". Die Marie, nicht etwa Marie". Es gibt Hauptwörter, mit denen der Artikel fest verschmolzen ist, Fleisch vom Fleische. Es wäre roh, ihn wegzulassen.

Aber von der Marie habe ich gar nichts erzählen wollen. Von der sollen einmal meine Kinder was erzählen. Die verstehen sie. Wir sind zu groß dazu geworden und zu siebengescheit. Wir müssen uns auf die Er­innerungen an die kurze Hosenzeit zurückziehen, wenn wir Leute aus dem Volk verstehen wollen. Auf die Zeit, wo noch die Herzen offen standen, sperrangelweit.

Und aus eben dieser Zeit scholl es mir herauf, als ich gestern den grünen Koffer sah, scholl es mir herauf:

Faahni! Faahnt!"

Und eben von der Faahni will ich was- erzählen, eine Erinnerung, eine viereckige, eine Koffererinnerun^.

Als die Fanny bei uns eintrat, das muß in grauer Vorzeit gewesen sein. Da steckte ich noch in der Kinderzeit von zwei, drei Jahren, in die keine Erinnerung mehr hinabtauchen will. Oft und oft schicken wir das Erinnern über jene Grenze. Aber es kommt zurück und weiß nichts zu berichten. Aber wenn wir die ausgeschickten und zurückgekehrten Boten nah betrachten, so sehen wir doch: sie sind mit einem dunklen Glück behangen, einem dunklen Kinderglück. Das kennt noch keine Pressung in die dürren Wörterhülsen.

Damals also war die Fanny eingetreten. Und dann muß sie langsam tntt uns verwachsen sein. Mit uns, mit der Küche, mit dem langen Haus- gang, mit der Treppe, bis sie eben ein Stück von uns war und den Dingen, die uns umgaben.

Ich weiß nicht mehr, ob sie tüchtig war oder nicht. Das muß in ihrem Dienstbuch stehen. Sie war ja doch ein Stück von uns. Wie mein Zeige­finger öder mein kleiner Finger. Von meinem Zeigefinger und von meinem kleinen Finger weiß ich auch nicht, ob sie tüchtig sind. Es sind meine Finger, und damit ist es gut. Die Fanny, die war unsere Fanny, und damit ist es gut.

Am besten muß dies Gutsein mit der Fanny der kleine Gustl verspürt haben. Denn nicht allen von uns stand die Fanny gleich nahe. Steht Uns doch auch zum Beispiel der Zeigefinger näher als der kleine Finger. Und so war der kleine Gustl Fannys Zeigefinger.

Der kleine Gustl ist mein Bruder. Er war unser Jüngster. Ihn um­schloß die Fanny mit solch mütterlicher Liebe, als wenn sie selbst ihn unterm Herzen getragen hätte. Unserer Mutter war es recht.

Er kann zwei Mütter brauchen, muß sie sich wohl gedacht haben, so zart und zerbrechlich war der kleine Gustl. Es muß auch schwanke Pflünz- lein geben, denk ich, denen tät es gut, wenn zwei Sonnen statt der einen am Himmel stünden.

Und das ist meine früheste Erinnerung: Ich weiß noch, wie die Fanny dem Gustl das weiße Leibchen über seine dünnen Aermchen schob und wie sie ihm das kleine Löfselchen neben den Teller legte. Merkwürdig, daß eine solche Handbewegung tief im Gedächtnis eingegraben bleibt, während das Gesicht, das Gesicht der Fanny längst hinter einem Nebelberg ver­schwunden ist.

Und dann, ja dann starb der kleine Gustl. Cs gehört nun einmal mit zu der Geschichte, und ich kann es nicht auslassen.

Es ging sehr geschwind, dies Sterben bei dem kleinen Gustl. So, wie ein Fenster plötzlich aufklirrt, und ein Windstoß pfeift herein und löscht das Licht aus. Man schließt das Fenster und sieht sich wieder um:

Das Licht muß doch noch brennen", denkt man, man hat die schmale, spitze Flamme, die wie ein Kinderarm nach oben langt, doch noch so fest im inneren Gesicht.

Ei, freilich muß sie brennen, gleich da hinten bei dem vergitterten Bettstättlein."

Aber die Flamme brennt nicht mehr. Es ist dunkel.

Und aus dem Dunkel höre ich zwei Frauen meinen. Meine Mutter und die Fanny.

Und hinter dem Schluchzen einher stolperte eine zerrissene Zeit durch unser Kinderzimmer: die Fanny wurde ungut.

Die Mutter, ja, die übertrug die Liebe vom gestorbenen Gustl ohne Rest auf uns. Nicht so die Fanny. Ich weiß nicht, was es war. Vielleicht, daß ihr's nicht recht war, wie wir andern kräftig in die Höhe wuchsen Vielleicht, daß es ihr vorkam, als hätten wir dem schmalen Gustl durch unser festes Wachstum sein eigenes Erdreich irgendwie verkürzt.

Sei's wie's sei die Fanny wurde ungut. Sie schalt auf uns. 6it sah uns nur mit einem Auge an und kniff das andere zu. Es war ihr nicht mehr recht, daß wir am Speicher Fangamandl spielten. Sie sagte ei der Mutter, daß wir die Hosen auf dem Treppengeländer verrutschten. Git saß oft stundenlang allein in der Küche und ließ uns nicht herein, wem wir Seifenblasenwasser zubereiten wollten.

Auch mit den Eltern hatte fies verdorben. Wie, weiß ich nicht, ich hab, es nicht verstanden damals. Aber das weiß ich, daß eines Tages Vater, auf den Suppenteller klopfte und energisch sagte:

Das geht nicht mehr. Der Fanny muß gekündigt werden."

Kündigen? Was das ist, wußte ich nicht. Ich verwandelte es in meinet Knabenphantasie inkindigen", und auf einmal hatte ich's: Von bet Kindern wegtun, das bedeutet kündigen.

Und siehe da, es stimmte. Eines Tages hatte die Fanny einen Hut nut einer Feder auf und einen Mantel überm Arm. So stand sie breit In Gang und meinte kein bißchen, sondern sagte mit einer starken Stimm, zu einem Mann mit einem Messingschilde auf der Mütze:

Helfen Sie mir den Koffer heraustragen!"

Und dann trugen sie zu zweit einen viereckigen grünen Koffer heraus. Einen großen Koffer mit einem Deckel, der ein wenig aufgebaucht tm Und ein Riesenschloß schepperte dran. I

Wir Kinder waren über alle Maßen neugierig. Das hatten wir ji nicht gewußt, daß die Fanny einen solchen großen grünen Koffer fjatte, Was da wohl alles drin fein mochte?

Da stieß die Fanny mit dem Fuß auf irgend etwas, was am Bode« lag. Ich weiß nicht, was es war. Aber später habe ich mir immer ooi> gestellt, es müsse ein Spielzeug vom Gustl gewesen sein.

Und als die Fanny stolperte, krachte der schwere, grüne Koffer auf be-n

| ibrt ba In Maf

Sol wi'wg | M Son« | M Mo

Flur, überschlug sich und sprang auf ...

Ich dachte ...

Jetzt wird aber die Fanny ein großes Geschrei machen." Aber (le machte gar kein Geschrei, sondern stand mit langen herabhängenden Armen da und rührte sich nicht, sondern sagte nur:

Ach Gott, ach Gottl"

Da war plötzlich die Mutter aus dem Wohnzimmer gekommen um) überschaute die herausgequollenen Sachen.

Fanny", sagte die Mutter ernst,Fanny, was ist das für ein Wäsch» stück?" Und sie zeigte auf ein weißes Leibchen.

Nun ging auch noch die Gangtür auf. Der Vater kam vom Geschüsi. Und nun standen wir alle um den umgestürzten Koffer herum. Ich weih noch, daß ich mich wunderte, was doch alles in einen solchen Koffer hineiui- geht. Besonders fiel mir ein rot und grüner Wachsstock in die Augen uni eine goldige Gürtelschnalle, eine großmächtige, und ein dickes Album nE silbrigen Beschlägen. Aber das alles schien meine Mutter nicht zu b» merken. Sondern jetzt wies sie auf einen unscheinbaren kleinen Lössel

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geschlagen und rief einmal übers andere

.Nein, jetzt fo was! Da muß man

Jawohl, nach der Polizei!

Ruhe!", sagte jetzt mein Vater, bückte sich und nahm ein weißes BW aus dem Gemengsel. Das weiße Blatt habe ich heute noch. Es ist eil Hotte-Hii drauf. Ein Hotte-, das war ein Pferd gewesen bei unserem Gustl. Und er hatte es selbst gezeichnet als eine Walze mit vier Steckem

Dieses Hotte- zeigte der Baier unserer Mutter und sagte nur ei»

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Wort dazu:Gustl!" ;

Und bann griff die Mutter in das Durcheinander, nahm das Läffelche« heraus, hvb's in die Höhe und sagte auch weiter nichts alsGustl!"

Und dann tauchte noch einmal ihr Arm in das Gewühl und hielt et« weißes Leibchen in der Hand, ein kleines, weißes Leibchen. Und aus dem kleinen Löchern dieses Leibchens wuchsen plötzlich zwei dünne Aermcheu: durch, nach oben, wie eine Kerzenflamme, die noch einmal aufwärts flackert, bevor sie auslischt. Und die Mutter wollte wiederGustl" sage«.

Aber es ging nicht. Denn es kam ein Schluchzen heraus, ein langes Schluchzen. Und dazwischen legte sie der Fanny die Hände auf bin Schulter und sagte stoßweise:

Faahni. Sie müssen verzeihen verzeihen aber bas Löfselchen ja, bas Löfselchen unb bas Leibchen ja, bas Leibchen bas gehen ja alles ja, alles Ihnen unb"

unb nur bas kleine Stück Papier mit dem Hotte- barauf", fi hier ber Vater ein,nicht wahr, Fanny, das schenken Sie uns wieder?

Und jetzt fing die Fanny auch zu weinen an. Und die Tante Paulms war in ihr hinteres Zimmer zurückgefchlichen. Unb ber Sienftmann ftan® noch immer ba unb drehte verlegen an feiner roten Mütze mit dein blitzenden Blechschild darauf.

Und auf den trat jetzt der Vater zu, schrieb etwas auf ein Stück Pople' holte seine Geldbörse heraus und sagte: I

So, diesen Monatslohn tragen Sie an diese Adresse von dem neuen Mädchen und sagen ihr, sie soll sich einen anderen Platz suchen, wir Höllen unsere Faahni wieder."

Unb bann war die Fanny noch viele, viele Jahre über meine kurz« Hafenzeit hinaus bei uns.

Aber da war die Tante Pauline dazugekommen, die im Hinteren Zimmer wohnte, unb bie hatte bie Hände auf bem Kopf zusammen srffl u, ..(x,-------->. u.. ---' -----^ere Mal: i

doch sofort nach der Polizei schickem. H; ju (

Km i. $ Ineos S Wann (! «nun

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und sagte: Ntfo

»Fanny, was ist bas für ein Löffel?" 'Nennu

Und die Fanny stand noch immer da mit hängenden Armen und fagm , p, nichts. Kein Sterbenswort sagte sie. Aerial w

Oft.v. ss;Sin Uv» Mnioroin A.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.