Ausgabe 
12.5.1939
 
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bewachsenen Terrasse umgeben. Nach einer Weile trat Herr Thomas, Gnade an der Hand haltend, durch die hohe Bogentur und ließ sich mit ihr aus einer weiß schimmernden Marmorbank nieder neben einer rot geäderten Schale, über welch« emporschießende Wasserstrahlen sich in der Lust kreuzten. Und aus solcher Nähe blickte ich in die besorgte, aber mcht argwöhnische Miene des Herrn und in Gnades rätselhaftes Gesichtchen, daß ich plötzlich den Kops zurückbog, obgleich die Mauer, durch die ich auslugte, außen von Eppich überspannen war.

Jetzt winkte der Kanzler die Zofe, welche mit gesenkten Augen unter der Tür stand, hinweg wohl jene welsche Monna Lisa, deren Tugen­den ich eben aus Aeschers Munde kennengelernt hatte. Eine Weile saßen sie schweigend, und Grace blickte, um den väterlichen Augen,auszuweichen, in das perlende Wasser. .

Dann begann der Kanzler in arabischer Sprache:Mein Kind, du wirst nur noch wenige Tage hierbleiben, und es ist nicht unmöglich, daß du in dieser kurzen Zeit noch durch einen Uebersalt geängstigt wirst. Aber fürchte dich nicht. Ich lasse dir zehn tapfere Leute, welche diese Mauern gegen feindliche Ueberrafchung zu halten vollkommen imstande sind. Du wirst dich nach und nach an Waffenlärm gewöhnen müssen, mein scheuer Vogel. Das ist das Los jeder Burgfrau in der Willkür und Zuchtlosigkeit dieser Tage. v .

Und es ist die Zeit gekomnien, daß ich mich von dir, meine Wonne, trenne und dich vermähle. Nicht zwar unter diesem feuchten Himmel, sondern jenseits des Meeres, in einem sonnigen Lande von mildern Sitten. Wenn es fein kann, und dich dein Stern dahin führt, nicht weit von deinen Pflegeeltern im Poitau. Du gedenkst doch immer noch des ehrlichen Calas, dem sie, weil er Arabisch versteht, nachreden, daß er aus maurischem Geblüte stamme, der aber fein Vaterunser betet, nicht anders als wir beide? Ist doch kaum ein Jahr vergangen, daß der Alte, dich hierher bringend, mit Tränen sich von dir getrennt hat!

Ich weiß nicht, ob es gut war', sagte er, die Stirne faltend.

.Sollt' ich mich', fuhr er fort, wie sich selbst entschuldigend, da Grace schwieg, .nicht eine kurze Spanne meines Lebens an beider keuschen Jugend ohne Teilung erfreuen?

Doch ist nun die letzte Frist verflossen, die ich mir gönnen konnte, und der Augenblick des Scheidens da.

Ich darf dieses liebe Haupt nicht gefährden!' und et legte ihr die schmale Hand auf den Scheitel.

.Der Herr verreist morgen nach dem Festland«, und ich folge ihm in wenig Tagen. Du aber begleitest mich, dicht verschleiert, mit deinen Frauen und weichst nicht von meiner Seite, bevor ich dich in die Hut eines tapsern und seinen Mannes gebe.

Der König wird mir doch einen Tag, wenn er von seinen unreinen Freuden trunken ist, für meine reinen gönnen. Diefer König!' fügte et mit verächtlichen Lippen, als erblickte er ihn leibhaftig vor sich. Wahr­haftig, ich wundert« mich, ihn fo reden zu hören.

.Erschrick mir nicht', fuhr er fort, denn Graces Hand, di« er lest- hielt, zuckte in der (einigen, .ich verstehe zu wählen. Ich werde zusehen, wem ich dich anvertraue, und auch aus der Ferne meine Hand schirmend über dir halten, denn ich bin mächtig in allen normannischen Landen.

Und in ein Kloster begehrst du dich nicht einzuschließen? Nein, sagen mir deine Blicke, du hast kein« Sünde zu büßen und Licht und Sonne nötig.'

Wäre der weise Herr Thomas nicht in seinen eigenen Gedanken befangen gewesen, er hätte die Seelenangst seines Kindes bemerken müssen; aber feine Augen waren gehalten, und Grace die nach Worten rang, brachte endlich ein schwaches Flüstern hervor: .Wer ist es, Vater, der mich hier gefährdet?'

.Wer?' wiederholte der Kanzler mit leise bebender Stimme und wie mit dem Entschlüsse, feinem Kinde den Lauf und die Bosheit der Welt nicht länger zu verbergen, sagte er ohne Hehl: .Eine besudelte Königin. Sie haßt mich, ihre Späher haben ihr von deinem Dasein berichtet, und ich will nicht, daß Frau Ellenor von dir wisse und an dir herumrate ihre Gedanken schon verunreinigen.' Grace erblaßte, woran ich ersah, daß Herr Heinrich vor ihr fein Eheweib, an dem nichts zu rühmen war, klüglich mochte beschwiegen haben.

Sie raffte sich aber zusammen und flüsterte wieder: ,So sprachest du, mein Herr und Vater, nicht immer. Hattest du nicht beschlossen, mich einst vor das Angesicht des Königs zu stellen, und rühmtest du nicht seine Gunst als die eines gütigen und majestätischen Herrn? Auch Herrn Richard hast du vor mir gelobt ..

,Sp»ach ich so', erwiderte Herr Thomas ernsthast, ,so sprach ich töricht und beirrt von meinem väterlichen Wohlgefallen an dir. Ich hab« mich eines Besseren besonnen. Jene eitle Rede sei verweht wie die Luft, in der sie verhallte. Du darfst nicht an den Hof, in diesen Pesthauch, wo nichts Reines gedeiht. Aber in einem sprichst du recht: dem Könige ge­bührt Ehrfurcht und Gehorsam!

Doch genug! Meine Stunde ist um. Uebergib dich kindlich und ohne weitere Gedanken meiner Sorge Meinst du, daß ich dich hebe? Uner­meßlich! Mein Einziges, mein Alles!'

Und er drückte ihr einen sanften Kuß auf di« Stirne.

Herr Thomas hatte sich erhoben. Er ließ seinen prüfenden Blick rings über die Zinnen gehen, ob jeder seiner Reisigen den befohlenen Posten wahre, und so durchdringend war dieser Blick, daß ich mich in meinem dunklen Versteck auf den Boden gleiten ließ und nur noch die Worte vernahm: ,Jn drei Tagen denn! Bereite dich. Aus Wiedersehen!' und den an den Anführer der zehn gerichteten Befehl .Du lässet mir niemanden ein noch aus bei deinem eigenen Leben!'

Als ich mich vorsichtig wieder in die Höhe richtete, war die Marmor­bank leer. Thomas Decket mit seinem unglücklichen Kind« war ver­schwunden.

Mir hatte geschaudert, da ich den Mann, welchen ich als allwissend kannte, zum ersten Male als einen Getäuschten und Betrogenen erblickte; Entsetzen kam über mich, daß der väterliche Glaube an di« teure Un­schuld eines Kindes dem Teufel dazu hatte dienen müßen, den Scharf-

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blick des Klügsten zu blenden und durch eine vollkommen« Rüstung bar vergifteten Pfeil zu treiben. _ , . _ ,

Nach einer Weile wurde draußen die arabische Stute des Kanzle,- vorgeführt, Herr Thomas uerritt, und der Schlüssel knarrt« in der Tm« meines Gelasses. Aescher starrt« mich mit seinen hilflosen, matten Auge- an ich sah, daß er völlig haltlos war, und ergriff die Herrschaft.

' .Geh hinüber', sagte ich, bringe Monna Lisa, der Lautenspielerin, iw Namen des Königs den Befehl, sie hab« sich bei Todesstrafe mit ihm jungen Herrin reifefertig zu machen und diese Nacht im Torgewölbe sich einzufinden, sobald deine Ampel erlischt. Geh!' , 1

Er kam mit der Antwort zurück, di« Welsch« leist« Gehorsam. As hieß ihn, da es dämmerte, fein Licht an zünden und sich, die Kreid« « der Hand, vor feine Rechentafel fetzen, wenn etwa eine aus der gegen: überliegenden Zinn« auf und nieder schreitende Wache einen mißtraut ischen Blick in das helle Fenster schickt«, und warf mich in eine Ecke au fein Lager, denn ich war nach der Spannung des Tages der Ruhe dv dürftig. Ader der stöhnende Alte verdroß mich mit feinem ängstlichen murmel und feinen eintönigen Selbstanklagen. Ich gebot ihm Ruhe unä fand doch den Schlaf nicht. ...

Wie es denn grausamerweise geschehen kann, daß, während das jyr- von Angst zusammengepreßt ist, die kalten Gedanken unermüdlich unü gleichgültig ihren besonderen Weg wandern, arbeiteten die meinigen daran herum, aus welchem Grunde der Kanzler sein unseliges Siiti habe Grazia nennen müssen. Ob der gnädigen Bekehrung feiner eigenen so getauften Mutter zu Ehren, oder einer heidnischen Anwandlung nach gebend, weil Grazia wohl di« himmlische Gnade bedeutet di« ©oll uns allen schenken möge!, aber ebensogut die feinste Blute mensh

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licher Art und Armut. ~ m v

Weiter gab es mir zu denken, daß Herr Thomas Gnade von seine» Liebling Richard erzählt und sich also wohl eine Weile in dem sträflich« Ehrgeiz gewiegt hatte, (ein Kind an Herrn Heinrichs Hof und zu* lirtjen Ehren zu bringen. Darüber entschlummerte ich, und der Traum gott betrog mich mit allerhand Gaukelspiel. Es ist ja bekannt, daß «e träumte Trauer Freude bedeutet, geträumte Lust Tränen. M war, als träte ich wieder aus dem Walde hinter Herrn Heinrich, desse« Antlitz sich plötzlich verjüngte und in das seines Sohnes Richard ot» wandelte. Der unbändige Königssohn pochte an das Tor des WaiV schlosses und .zertrümmerte die Pforte mit einem Schlage feiner gepart jetten Faust. Aber der treue Bescher warf sich ihm dreist in den WG und Monna Lisa zürnte in tugendhaften Tränen. Doch sieh«, da trat tat Kanzler, Gnade an der Hand haltend, aus dem Innern des Schloss« und di« Rechte Richards ergreifend, führte er die beiden unter: Wölbung der Bäume. Dies« aber verwandelte sich in die Wölbung bat Halle von Windfor. Von Heinrich und Ellenor, die elterlich blickt«, kniete das von Schönheit duftend« Brautpaar, Pauken und Drommet« schmetterten, ich warf meinen Filz in die Lust und schrie: .Lang lefe Prinz Richard und Prinzessin Grazia!" , .....

Darüber erwachte ich und hört« den fahlen Sünder Aescher @ebti» . t.t» d murmeln, und, an das Fenster tretend, erblickte ich das Licht in b® fe Burggemach, wo Monna Lisa mit dem unreifen Kebsweib« eines alt! | lut* Königs auf das Erlöschen meiner Ampel harrte. . I «i«

Es war eine böse Nacht, die schlimmste meines Lebens. Am Hinmi chchl wanderten schwarze, lange Wolken und bedeckten di« wachsend« Mom» t* s sichel mit ihren schleppenden Gewändern. Eben verhallte auf den Zimmi der Schritt der Runde. Ich -löschte die Ampel. .Wir haben zwei Rofp mir* Aescher', sagte ich, hu setzest Monna Lisa auf das deinige.' Wir tafle® uns die Wendeltreppe hinunter. Im Torwege standen zwei verhüll? Frauen. Eine von ihnen, die schlanke, dicht verschleierte, ward M Schluchzen erschüttert. Ich zog behutsam die Riegel zurück, schlich cui| dem Tor« und spähte über mich. Mir war, als hörte ich auf der Mmuü I die Sehne eines Bogens spannen, aber es regte sich nichts weiter -1 ich mußte mich getäuscht haben. , 1

Drei Vaterunser lang, ich habe in meinem Leben keine inbrünftigers | gebetet, martete ich Eine Bracke heulte, dann wurde wieder alles fMJ

Jetzt holt« ich di« zitternde Gnade, hob sie auf meinen Arm w lief mit ihr, was ich konnte, dem Walde zu. Plötzlich wurde es W und lichter um uns. Ein Wolkenbild ward vom Winde so hastig $?' trieben, daß der Mond aus feiner Schleppe hervorrollte.

Ein Psiss und sausender Schwung! Hätte doch der Pfeil mich N' troffen! Das leichte Wesen in meinen Armen ergriff krampfhaft meiusä Hals. Warmes Blut überströmte mich, und di« hervordringend« SpG des Pfeiles, der dem Kinde des Kanzlers die Kehle durchbohrt b®® ritzte meine Wange. Ein ersticktes Röcheln, und es war mit ®n<"

zu Ende!

Ich ließ die junge Leiche der mir auf den Fersen folgenden Monm Lisa in die Arme gleiten, und während das leichtsinnige Weib ein dura? dringendes Geschrei ausstieß, erreicht^ ich den Wald, von Pfeilen i«* schwirrt und gefolgt von dem keuchenden Atem Aeschers.

Ich hatte mich auf das eine Roß geschwungen, Aescher auf andere. Wir brausten über den nächtlichen Waldweg, und ich Aescher, der im Sattel wankt«, wir drückten unser« Häupter in ® fliegenden Mähnen der Pferd«, damit wir nicht abgeftreift mürben t®: den kahlen Besten, welche, als trauerten sie, schwarz und tiefer als lerr herabhingen.

Doch wir erreichten glücklich die mondhelle, große Lichtung, an w« Ende der Weg sich senkt. Hier flogen unsere geänftigten Tiere. Da W ich einen mißtönigen Schrei hinter mir. Ich wende mich und sehe Rappen, sonst ein frommes Tier, bolzgerade aufsteigen mit geftrauu.1 Mähnen und plötzlich in wilder Angst sich rückwärts überschlagen. vorüberhuschender weißer Schein hatte ihn erschreckt. Es mag eine via® Hirschkuh gewesen fein wie sie der Kanzler der Seltenheit wegeni feinen gefriedeten Forsten hegte. Neben einem Hausen Feldsteine toa, sich das Roß und lag ein Toter mit entstelltem Gesicht. Da flieg "V das Haar zu Berge. Ich trieb mein Tier an, ohne mich mehr nach "8 verendenden Rappen noch dem gerichteten ungetreuen Knechte umzuftt

(Fortsetzung folgt.)