Ausgabe 
11.8.1939
 
Einzelbild herunterladen

Sie senken ihr« Waffen. Ganz mechanisch finden sich ihre Zeigefinger am Abzug, und dann peitschen hell und trocken dl« Schüsse aus dem Ge­wehrlauf. Das Geschrei der Meng« erstirbt.

Zwei, drei Sekunden des blassen Entsetzens. Und wieder peitschen die Schüsse der Anamiten, und nun hebt ein regelloses Flüchten an.

Die Menschenmenge flüchtet und hastet davon. An den Straßenecken werden Frauen und Kinder niedergedrückt und zertrampelt. Eine halb« Minute später ist die Straße blank und leer. Nur Handtaschen, Schirme., Hüte, Mäntel, Pakete und Stöcke liegen umher. Und dort in der Gosse, mit seltsam verrenkten Gliedern, hingeftreckt in große, gerinnende Blut­lachen, liegen erschossene Frauen und Kinder---

Am selben Abend weiß man es in den Ruhequartieren hinter der Front. Am folgenden Tag weiß es jeder Poilu zwischen Reims und Soiffons und darüber hinaus bis Moronvilliers. Di« ganze Angriffs- arm«e an der Aisne und Champagne weiß es:

In Paris schießt man unsere Frauen und Kinder kaputt. In Paris herrschen die Anamiten und terrorisieren die Zivilbevölkerung. In Paris ist dl« Regierung nicht fähig, Ordnung zu halten"

Di« Nachricht wird, wie es in solchen Fällen üblich ist, ausgeschmückt und verschlimmert. Die wahren Zusammenhänge fehlen. Man glaubt nicht an Willkür oder Panik der Asiaten, sondern an ein befohlenes Vorgehen. Wilde Gerücht« schwirren:

Unsere Frauen wollten den Frieden haben. Sie marschierten zum ElysLe, um von der Regierung endlich den Beginn der Friedensverhand­lungen zu verlangen. Unterwegs Hot man sie abgefangen und nieder- gefchossen. Ja, so ifts."

Diese Auslegung leuchtet dem einfachsten Poilu ein und wird weiter- gegeben, durchgesagt, tausendfach erzählt und beherrscht das ganze Denken und Fühlen der Truppe. Und nun hört man überall in den Quartieren, aus dem Marsche, in den Dörfern, überall, wo Soldaten liegen, ein wildes Geschrei nach Frieden und noch Rache.

Den Frieden wollen, wir, den Frieden, nieder mit dem Krieg!" schreien die Poilus.Unsere Regierung allein will noch den Krieg. Ruß­land geht uns voran. Rußland will mit Deutschland Frieden schließen. Warum halten wir nicht «in, da Deutschland doch nicht zu besiegen ist! Man macht uns was vor, man will uns immer noch den Endsieg vor­gaukeln. Quatsch, es kann keinen Endsieg geben. Wir wollen nach Hause!"

Eine Parole wird durchgegeben, heimtückisch, still, von Mund zu Mund, von Mann zu Mann, und diese Parole lautet:

Wir gehen nicht mehr in Stellung!"

An diesem Tag wird kein Poilu in Stellung gehen. Und auch in den nächsten Tagen wird sich kein Mensch rühren, die Befehle der Vorgesetzten zu erfüllen. Die Vorgesetzten bleiben stumm und schauen aus der Ent­fernung dem Treiben ihrer Truppe zu. Sie sind müde, jawohl, auch sie sind müde, denn sie haben selbst erkannt, doh man der Truppe gegenüber unrecht handelte, daß man den Soldaten etwas vorgaukelte, was uner­reichbar war, einen Durchbruch, einen Sieg.

Dabei ein seit Wochen ausgesucht schlechtes Essen und eine lächerliche Löhnung, die noch weniger als ein Trinkgeld ist, während sie daheim in den Munitionsfabriken 18 bis 20 Franken am Tag spielend verdienen. Und der Urlaub ist immer noch gesperrt, obwohl niemand eigentlich den Grund 'hierfür erkennen kann. Di« Offizier« stehen abseits und müssen ohnmächtig zusehen, wie die Truppe auseinanderfällt. Bataillonsweise laufen die Soldaten weg, durchstreifen die Wälder, gehen in di« Dörfer, requirieren Wein, trinken und kommen abends grölend wieder in ihre Quartiere zurück.

Vorne, an der Front, ist «in Regiment in harte Bedrängnis geraten. Die Divisionsreserven sollen marschieren, um das Regiment aus der deutschen Umklammerung zu befreien. Doch die Poilus der Divisions- referven verweigern den Offizieren den Gehorsam. Sie bilden Arm in Arm breite Gruppen, gehen mit dem Gesang der International« durch die Straßen d«s Ruhequartiers. Der Ortskommandant will eingreifen. Man drängt ihn ab. Man zerfchlägt in seinem Quartier alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Am 26. Mai müssen vier Bataillone vorn auf d«m Plateau von Craonne ein stark gelichtetes Stellungsregiment ablösen. Die vier Ba­taillone rotten sich zusammen, marschieren bewaffnet zum Quartier des Divisionskommandeurs. Vergebens versuchen die Offiziere, sogar mit Waffengewalt, die Mannschaften zurückzuhalten. Man drängt sie beiseite, man nimmt ihnen die Waffen ab. Vor seinem Frontosfizier, vor seinem Hauptmann, vor seinem Major, überhaupt vor seinen Offizieren, die mit ihm jede Not und jede Todesgesahr teilten, hat der Poilu immer noch eine grenzenlose Hochachtung. Auch der Meuterer vergreist sich nicht an seinem unmittelbaren Vorgesetzten, aber er gehorcht nicht mehr. Er drängt seinen Offizier beiseite, fertig!

Am 27. Mai soll in La Före en Tardenois ein Insanteriebataillon auf Lastwagen verladen und nach vorn« gebracht werden. Die Poilus wollen scheinbar gehorchen. Aber da kommen di« Rädelsführer mit Ge­wehren. Pflanzen sogar ein leichtes Maschinengewehr aus, schießen di« Dorsstrahe entlang und verhindern das Besteigen der Lastwagen, di« st« unter Feuer halten. Aus Paris ruft man in Eile alarmierte Gendar­merie herbei. Sie soll die ohnmächtig gewordene Feldgendarmeri« ver­stärken. Beim Morgengrauen des 28. Mai begibt sich das Jnfanterie- bataillon, das nun vollständig in der Hand der Rädelsführer ist und ihnen blindlings gehorcht, geschloffen zum Bahnhof, um einen Zug nach Paris zu besteigen. Aber nun greifen die Gendarmen ein, kommen von allen Seiten, verhindern das Besteigen des Zuges und führen zahlreiche Poilus entwaffnet ab. Die anderen werden kleinlaut und begeben sich in ihre Quartiere zurück. Auch hier ist die Meuterei rechtzeitig niederge­schlagen.

Der 29. Mai ist für di« französische Oberste Heeresleitung ein Tag der Schrecken. Nicht weniger als zehn Regimenter verweigern an diesem Tag geschloffen den militärischen Gehorsam. Es ist gerade allgemeiner

Ablösungstag. Die Regimenter verbleiben in den Ruhequartieren. So­bald die Offiziere erscheinen und Gehorsam verlangen, singen die Poilus, unter Anleitung ihrer Rädelsführer, laut und weithinfchallend die Inte,, nationale. Sprechchöre bilden sich und grölen stundenlang di« Kamps, parole der Meuterei:

On ne montera pas! (Wir gehen nicht in SteUungl)-

Am Abend des 29. Mai setzen sich mehrer« Regimenter in Marsch Sie wollen nach Paris. Einige möchten di« 100 Kilometer lange Streck« zu Fuß zurücklegen. Andere eilen zu den Derladebahnhöfen. In der Nacht vom 29. zum 30. Mai hat di« Aufruhrbewegung das ganye III. Armeekorps erfaßt. Frankreich steht am Abgrund.

Die Schwarzen Tag« für Frankreich.

Und die Generalität? Wie verhält sich di« Generalität angesichts dieser offensichtlichen Meuterei? Hier gibt es doch jetzt nichts mehr 311 verheimlichen und zu beschönigen. Di« Taffaehen sind da, traurig und furchtbar. Es muß gehandelt werden. Schnelles Handeln ist erforder­lich, soll überhaupt noch etwas gerettet werden!

Zuerst handelt General Duchesne. Er hat eigentlich in dieser Offen- sive eine seltsam« Rolle gespielt. Ihm sollte es oergönnt sein, den Sie, weit in die Eben« hinauszutragen. Die Kavallerie des Generals Duchesne sollte unoerwelklichen und ewigen Lorbeer pslücken. Seine siegreich Verfolgung mußte, nach dem Plan Nivelles, ewig mit der Arnue Duchesne und mit dem Namen des Armeeführers verbunden bleiben. Desto größer die maßlose Enttäuschung des Generals Duchesne.

Statt Vormarsch und Sieg erlebt er nur Meuterei in seiner Arme«, die nicht einmal den ersten Ansturm mitzutragen hatte, sondern oorert in eine untergeordnete Roll« gezwungen worden war. General Duchesne erfährt zuerst von der Meuterei des 66. In sa nteri« r egim e nts, das M 18. Division vom IX. Armeekorps gehörte. Das zweit« Bataillon diese! Regiments hatte ben Gehorsam verweigert, und zwar schon am 23. Mai General Duchesne gibt Befehl, eine größere Anzahl Soldaten dies«! Regiments zu erschießen, und zwar nicht nur Angehörige dieses meu­ternden Bataillons, sondern aus allen Bataillonen. Duchesne will er^rn durchgreifen.

Der Befehl des Armeeführers wird vor den entsetzten Augen der Mannschaften verlesen. Poilus, schuldig oder nicht, werden in der an­gegebenen Zahl ausgewählt, durch Abzählen ermittelt.

Man nimmt ihnen die Gewehr« ab.

Die Clairons blasen und die Trommeln wirbeln dumpf. Und zwischen blitzenden Bajonetten werden di« Gewählten abgeführt.---

Dies alles geschieht so schnell, daß di« Meuterer überhaupt nicht M Besinnung kommen. Ehe sie sich fassen, ist der Befehl des Armeefuhrer! in krachenden Salven ausgeführt.

Am 30. Mai, in der Frühe, schickt der Generalstabschef Fach ein geheime» Rundschreiben an alle Generale, Festungs- und Platzkommandanten Darin bestehlt er, sich mit den Zivilbehörden in Verbindung zu setz« um all« Maßnahmen zu ermitteln und zu ergreifen, di« notwendig sinkt: di« öffentliche Ordnung und Ruhe in dem Gebiet der Republik aufre<f|tt; zuerhalten. Draußen aber geht die Revolte indessen weiter.

Das 288. Infanterieregiment meutert und schickt eine Kommission« zum Armee-Oberkommando mit dem Auftrage, dort zu erklären:

Wir sind mlld«, wir wollen nicht mehr. Der Krieg soll enden, ss> oder fo."

Was sagen hier die Truppenoffizier« zu diesen Meutereien? 6Ü1 stehen abseits. Man läßt sie in Ruh«. Man betrachtet sie als Leito- tragende, als Kameraden, die vorläufig noch nicht offen mitmach«:» wollen, di« aber bald nicht mehr anders handeln können, als gleich­falls unter der roten Fahne zu marschieren. Die russischen OfsiziM haben ja auch zuerst abseits gestanden, dos weiß man.

Ein Regimentskommandeur erklärt:

Ich bin in Ehren grau geworden. Sett einem Menschenalter fast bin ich Soldat für Frankreich, aber ich kann, so leid es mir tut, du Poilus nicht verdammen. Es ist von den Menschen zu viel verlang: worden. Zu viel hat man ihnen versprochen und zu wenig hat man ge­halten. Jetzt kommt die natürliche Reaktion. Warum hat man Öen Der­schen immer als dumme und brutal« Bestt« hingestellt, die nur baraiw wartet, von uns verprügelt zu werden? Jetzt rächt sich das alles. Ich bedauere vielmals, daß ich es sagen muß. Di« Soldaten sind zu diesem Schritt systematisch getrieben worden. Was hat man aus unseren brave» tapferen Poilus gemacht!?"

In ähnlicher Weis« sprechen auch ander« Truppenoffiziere von ihr«» Soldaten. Jawohl, der Poilu ist schmachvoll belogen und betrogen won den. Bis zur Siedehitze hat man chn aufgeputscht und aufgepeitM Noch vor dem großen Angriff am 16. April hat General Nivelle M großen Fehler begangen, in einem gewiß ehrlich gemeinten, aber dennoch ungeeigneten Tagesbefehl zu erklären:

Greift nur an, stoßt nur vor! Ihr werdet keinen lebenden mehr vor euch finden!"

Was hat die Offensiv« der franzöfischen Nation gekostet? Uebr Materialverluste spricht man nicht. Material spielt gar keine Rolle im Krieg, wenn es einmal verbraucht ist. Nur roenn's nicht mehr oder nti: schwer zu beschaffen ist, wie zum Beispiel drüben in Deutschland, bani* spiellls schon eine Rolle, dies Material, dies Herzblut der Schlachten Gut, sehen wir ab vom Material. Cs ist zu ersetzen. Amerika hat Ja titi1 zwischen den Krieg erklärt. Die USA. werden wohl kaum ausgebiü^"' Mannschaften schicken können, so denken jetzt noch di« Politiker, ad«: Material werden fi« herUbersenden in Schissen ohne Zahl. Di« werden den ganzen Reichtum ihres unermeßlich großen Landes in Waagschale werfen. Kein Grund deshalb, den Millionen verschossen« Granaten oder dem sonstigen verlorenen oder verbrauchten Gerät naä« zuweinen. Nein, wirklich kein Grund.

(Fortsetzung folgt.)

<1*

S

8 ntbe , Mjn : Ns 1 , Wsh

; N«rt ! I'N §

; > c 'Wi K 58

b

1 Moni :tz des t incht w

M es 1 !

- * für

«en, $1

wrung M cht -Welt Sri)®or:

Sieter 'Mun «trtufen 'IttlDu ' «1 all

W,

1 tta ui

1 «len b-

ÄibiL ! Bei ' Ar

Umch ßeoerfi nunjäi) Men! r« in d ** uMst« : beiden ii einem 1 illein 1 tiiibet, ( ifiiem s