Nummer 6(
Zreitag, -en U August
Mrgang 1939
und setzt seine Löhnungen in „Pinard'
um. Die Folgen zeigen sich
tu> der
tt: uns. lei uns
„Wir sollen wieder stürmen da vorne, wiederum solch einen blutigen, sinnlosen Angriff unternehmen wie am 29. April", schreien einige Unzufriedene. Sie finden willige Ohren. Man schart sich um sie. Große Kreise von Zuhörern bilden sich. Der Poilu hat drei Löhnungen auf einmal empfangen, dazu noch jene Zusatzgelder, die in Zeiten der Groß- kämpse als Sonderleistungen gezahlt werden. Und der Wein in dieser Gegend ist billig, billiger als Kaffee, gesünder aber auch als das verseuchte Wasser der Dorfbrunnen. Deshalb trinkt dec Soldat nur Wein
„Seht doch, wie die Russen es machen, Kameraden", schreien die Redner. „Seht doch, sie sind nicht feige wie wir. Die haben Schluß gemacht. Und wir? Was tun wir? Wir lassen uns von Nioelle und von anderen Generalen zur Schlachtbank führen. Wir lassen uns verkaufen und verraten und wehren uns nicht."
Ringsum stehen sie mit glotzenden Mündern und fühlen in sich einen Bärenmut. Sie setzen immer wieder die großen horizontblauen Feldflaschen an und schütten sich reichliche Güsse des schweren dunklen Landweins hinab, bis die Offiziere sich einmengen und endlich Ordnung schaffen. Mit einer Verspätung von nur wenigen Stunden tritt das Regiment an.
Die Offiziere befehlen die Marschordnung. Fast alle Soldaten gehorchen und schreiten stumm und verdrossen durch das Dorf, dem nörd- lichen Ausgange zu, Richtung Front. Nur zwei Kompanien etwa bleiben zurück und erklären, unter keinen Umständen mehr nach vorne gehen zu wollen. Man umzingelt sie, man nimmt ihnen die Waffen ab. Sie lassen alles mit sich geschehen. Man sperrt sie in eine große Scheune, um sie später dem Kriegsgericht zu übergeben.
Damit scheint die Meuterei vorerst erstickt. Aber nein, sie glimmt weiter unter der Asche. Die Unzufriedenheit wächst im ganzen französischen Heer. Wenn das Regiment 128 den traurigen Mut zum Losschlagen fand, so war das vorerst nur ein Fanal. Die anderen Regimenter möchten gleichfalls die Gewehre hinschmeißen und nach Hause gehen. Aber sie finden den Absprung nicht. Ihre Vorgesetzten benehmen sich wie immer, streng und gerecht. Irgendwelche Uebergriffe ereignen sich nicht. Den Drahtziehern will kein Weizen blühen.
Aber da ereignet sich etwas Unvorhergesehenes, etwas Ungeheuer- -liches. Einige Schüsse, in Paris abgefeuert, bringen den Stein ins Rollen. In Paris schießt man auf Frauen!
Paris, das „rote Tuch" für die Front.
In diesen kritischen Tagen, da es nur eines kleinen Anlasses bedarf, um namenloses Unglück über das Land zu bringen, in diesen Stunden der Hochspannung und des unerträglichen Wartens auf einen Ausbruch, der nur noch unter einer dünnen Decke von Disziplin schlummert, gibt es in einem der volkreichsten Viertel von Paris einen Menschenauflauf. Wie, durch was und warum, das wird nie geklärt werden können. Eine übliche Straßenfzene, weiter nichts. Zwei Menschen geraten in Meinungsverschiedenheiten und tragen ihren Zank in aller Oeffentlichkeit aus. Es kommt zu einer Schlägerei. Soldaten mischen sich ein, Franzosen und auch Farbige, Frauen schreien, immer mehr Menschen kommen und vergrößerlt die Unordnung. Man ruft die Polizei. Sie ist nicht da. Man schreit nach Ordnung. Und da kommt im Laufschritt die nächste Militärwache, um die Straße zu säubern und diese durchaus unpolitische Unruhe zu unterdrücken. Diese Wache aber besteht aus Anamiten.
Man hat die Unzuverlässigkeit der Anamiten im Grabenkrieg kennengelernt. Keinem deutschen Angriff waren diese Gelben gewachsen. Man mußte sie im Hinterland verwenden, in der Etappe belassen, man bildete sie im Sanitätsdienst aus, man ließ sie Lastwagen und Prooiantfahrzeuge fahren, man benutzte sie auch als Wachsoldaten, nur um weiße Franzosen abzulösen. Kein Wunder, daß diese Anamiten bestens gehaßt waren. Der Poilu sah in ihnen nur Drückeberger, die es besser hatten als er. Die französische Frau erblickte in ihnen die Bevorzugten, die ihren Mann oder ihren Sohn von einem weniger gefährlichen Posten verdrängt hotten. Nur weil die Anamiten da waren, konnten viele französische Familienväter frei werden für den Schützengraben. Wirklich, sie waren vielgehaßte Menschen, diese Anamiten.
Und nun kommen zwölf Anamiten im Laufschritt daher und versuchen, die aufgeregte Menschenmenge zu zerstreuen. Ein willkommener Anlaß für die Bürger, einmal ihren Zorn zu kühlen. Die Anamiten werden mit Hohngeschrei empfangen. Man beschimpft sie, man speit sie an, man schreit ihnen all den Haß, den man für sie empfindet, ins Gesicht.
Die Asiaten verstehen nichts, sie merken nur, daß diese weißen Teufel thnen böse wollen. Sie wissen, daß man sie nicht liebt, weil sie die starken Nerven nicht besitzen, um kaltblütig, wie die Senegalneger zum Beispiel, in den Tod zu gehen, in ein kaltes Verderben, das aus hartnäckig tackenden deutschen Maschinengewehren daherpeitscht. Und jetzt fühlen sie sich bedroht.
Line Armee meutert
SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von p. L. Lttighoffer
- Copyright b y Bertelsmann Gütersloh
16. Fortsetzung.
unzufriedenen Etappe oder der Heimat wie 17 Monate später Frankreichs Wehrmacht ist müde und krank und erschüttert, und ... wird das Heer immer noch weiterkämpfen, tapfer und bieder iit feinen Trümmern, während Etappe und Heimat nach einem Frieden M jeden Preis schreien werden. Ach, er soll recht hoch sein, dieser $ieis, recht hoch!
Nein, die Heeresgruppe Deutscher Kronprinz weiß nicht, daß ihr Ain eigenllich das Ende des Krieges bedeuten würde. Und die Oberste hucesleitung weiß es nicht. Kein Feldgrauer weih es. Und die Tage «streichen, und das deutsche Schicksal erfüllt sich, und dieses Schicksal
bald. Es bilden sich Meetings. Und der Überreichlich genossene Wein wirkt.
Die Heeresgruppe Deutscher Kronprinz sieht dies ein und ihr Der- )i6t auf den geplanten Durchbruch ist groß, weil er ihr unsterblichen Soldaten rühm streicht. Unbewußt hat die Führung der Heeresgruppe für , üge das Schicksal des Vaterlandes und der Welt in den Händen getrogen. Niemand auf deutscher Seite weiß etwas von dem Gären im jrmzösischen Heer und von der unendlichen Müdigkeit, die den Poilu griffen hat und die als rasch wirkende Seuche das ganze Hinterland «stecken soll. Aus der Front heraus quillt der Krankheitskeim, nicht
icht Kampf!
Der 20. Mai ist der historische Dag für den Ausbruch jener Meuterei, iii das französische Heer und damit ganz Frankreich an den Rand Abgrundes bringen fall. Drei Wochen lang werden diese Meute- |tfi,n dauern und bald in diesem, bald in jenem Regiment durch Ge- v'^oecweigerungen und auch durch Untaten jeder Art zum Aus- h gelangen' Man wird alles verheimlichen und verkleinern wollen, ,Hon wird der Presse strengstes Stillschweigen auferlegen und die Gren- Frankreichs ängstlich bewachen. Und so wird es Deutschland nicht esthcen, wird nicht erfahren, daß bis Mitte Juni 1917 nicht weniger «'s 115 Truppeneinheiten, darunter 75 Jnfanterieregimenter, 23 Elite- ioiaiüone Jäger zu Fuß und 12 Artillerieregimenter vom Taumel der limlerei erfaßt werden, nicht mitgerechnet die zahlreichen Nebenforma- ih.en an der Front, in der Etappe und sogar in der Heimat.
Das 128. Infanterieregiment verliert als eins der ersten die Disziplin, iiijes Regiment war sozusagen Elitetruppe. Es halte der Armee luijesne an gehört und sich brennend auf den Vormarsch gefreut. Die teilten Poilus dieses Regiments stammten aus der Gegend von Lens Hl aus dem Kohlengebiet im Artois. Und nun brachten die franzvft- k>n Zeitungen in großer Aufmachung die Nachrichten von der Ein- niirne der Stadt Lens. Doch Lens war nicht eingenommen, und das |»i für das Infanterieregiments 128 die erste bittere Enttäuschung.
nach, das Regiment tat feine Pflicht und wurde am 29. April bei |6i| .gneul eingesetzt, dazu noch unter schlechtesten Vorbedingungen. Tiichem, um sechs Uhr in der Frühe, brach das Regiment planmäßig jus seinen Sturmstellungen und erlitt schon im deutschen Drahthindernis Üi furchtbarsten Verluste. Blutig abgeschlagen der Angriff. Das Regi- Wrt zag sich in seine Ausgangsstellungen zurück, blieb dort bis zum lf. Btai unter schwierigsten Umständen. Dann schickte man bie abge- fimpften Bataillone nach Prouilly ins Ruhequartier
Die todmüden Soldaten kommen am späten Abend dort an und Men keine Unterkunft, weil das Dorf schon von zwei Regimentern biligt ist. Sie müssen zum Teil draußen im Freien bei Regen und Kalte we nachten! viel zu müde zum Zeltebauen. Einerlei, man ist wohlge- ^ren im Ruhequartier, und alles wird sich jetzt finden alles. Das *?iment wird wahrscheinlich noch weiter ins Hinterland dürfen, uno Urlaubssperre wird man doch jetzt sicher aufheben.
. Uber nein, schon am 30. Mai wird das Regiment alarmiert und mutz ®c,er nach vorne. Die Urlaubssperre wird nicht aufgehoben. Im Laufe letzten Nächte sind die Poilus kaum zum Schlaf gekommen, denn M0i.g waren die deutschen Flieger da. Ueberhaupt, seit Beginn der S’Un Doppelschlacht beherrschen die deutschen Luftstreltkrafte den J’nswi Raum. Die 400 Paradeflieger des Generals Nivelle lassen sich •Jr-er noch nicht sehen, oder wenigstens nur in kleinen Gruppen, die ^hichlig abdrehen, wenn die deutschen Kampfgeschwader heranbrum- rir- Dies alles erbittert den Poilu. .
• Sein Urlaub, schlechtes Essen, keine Ruhe, keine anständige Unter- ,im Ruhequactier, kaum die Möglichkeit, sich mal zu waschen und $ pflegen, und jetzt schon wiederum der Befehl $um neuen Einsatz.
ietzenerZammenvMer
. Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


