Leiispmch.
Von Hugo Salus.
Wenn wir das Leben zu ernst genommen, Daß uns in Tränen die Augen geschwommen, Oder wenn wir, wie Jünglinge lieben, Unbehagen zu Schmerz übertrieben, Sprach die Mutter mit ruhigem Klang, Daß jedes Wort uns zu Herzen drang: „Hast du kein Leid, so mach' dir kein Leid, Dazu hast du noch später Zeit!"
Später dann hat es in unserem Leben Oft recht schwere Tage gegeben. Daß wir litten und schier verzagten; Da geschah's, daß wir immer uns fragten, Ob wohl jetzt schon die Zeit mag sein?
Mutter, wo bist du? Sie sprach in uns: Nein! Hast du kein Leid, so mach' dir kein Leid, Dazu hast du noch später Zeit!
Und so hab' ich viel traurige Stunden, Hab' fast das Leben schon überwunden. Mutters Sprüchlein, du treuer Begleiter, Dich geb' ich heute voll Zuversicht weiter. Hoffentlich klingst du mit Mutters Ton. Präg' dir's fest ein, dann hilft's dir, mein Sohn: Hast du kein Leid, so mach' dir kein Leid, Dazu hast du noch später Zeit!
Der-
Erinnerung.
Von Jakob Schaffner.
Der schweizerische Dichter liest am Montag auf anlassung des Goethe-Bundes aus eigenen Werken. Aus diesem Anlaß bringen wir mit Genehmigung der Deutschen Verlags- Anstalt in Stuttgart eine Probe seines Schassens aus dem soeben erschienenen Roman „Kampf und Reife .
Dieser Dag wird mir gedenken, und wenn ich hundert Jahre alt verde. Es war Sommer. Auf drei Seiten blühte und grünte unser Karten, den ich angelegt hatte, um unser Haus herum. Weiterhin dehnte sch die sonnenlichte Ebene hin, von Wäldern eingefaßt wie von sanften Krauen. Weit hinten lag wie ein Gebirge von Kummer und Unordnung las, was wir Welt und Zeit nennen, zwischen hier und dem anderen Aebirge, das ich meine Heimat nannte. Rach Norden rauschte der kommerwind in einem Wald, von dem wir nur durch die «ftahe uns tne Wiese getrennt waren. Hinter dem Wald rauschte das Meer, die kstsee. Es ging gegen den Abend. Im Hof liefen unsere Hühner herum nit friedlichem Gackeln. Mitten unter ihnen lag unsere graue Pinscherlundin und sah auf Ordnung. Auf dem Zaun saß die zahme Doh-e Fridolin und lauerte auf die Hühner, die ber chr vorbei mußten wenn sie zum Stall wollten, um sie zu rupfen. Auf dem Dach des Stalles zenossen die weißen Tauben den Abend. Eben war der Forster zu tittem kurzen Spruch bei uns gewesen. Jetzt wartete ich auf Emilie, veil wir zum Strand wollten.
Ich stand im Hof. Auf dem selbstgezimmerten Tisch lag die Zeitung, lk jch eben gelesen hatte, voll von dem verworrenen unreinen Getose ier Welt, von Taten und Untaten, Reden, Ausstanden und Kriegen, in meinem Kopf klang aber schon den ganzen Tag ein Wort das mich prophetisch angeflogen war: „Bei unserem frühzeit gen und häufigen Ilmgang mit Worten bedarf es oft einer tiefen Philosophie, um unserem Gefühl den ersten Stand der Unschuld miederzugeben, damit es sich «us dem Schutt fremder Dinge herausfmden und selbst °n arnjen kann, zu fühlen und selbst zu sprechen, ja überhaupt erst einmal selbst zu»sein.
Wenn einem dies Wort eine Wahrheit bedeutete, so war ich es, der rach meinem Dafürhalten knapp dem Verhängnis des geschriebenen Wortes mit feinen Schlingen und Fallen entronnen war. Beunruhigte mich das Vergangene etwa doch noch, so muhte ich nur an meme Tiere lenken, und alles war still und gut und ruhig. Rmgsherum lebten 'infache, getreue Menschen, die das Ihre taten un Dauben und bu ihr nicht leichtes Leben tapfer und auf ihre 'Weise nobel hinter s ch trachten. Gewiß, wir hatten es schwer gehabt, °g«r sehr schwer Wind und Wetter, zwei Stunden von jeder Stadt in den lange , tlirrenden Wintern, in den stumm schwingenden Einsamkeitenl un Finsternissen. Wir waren eine Zeitlang »aheam EU'egen gemest «ber wir waren nicht erlegen, sondern mir h°"°" durchgehalten, un beute galten wir den schweigsamen zögernden Menschen h'er als er st zu nehmende Nachbarn und Mitkämpfer auf hartem Boden schwerem Klima. , ... < fp.
Ich aber stand da in dem Hof, wie eine Helle, l-'ck kllngende^^ schwebten mir weissagende Worte um den Kops. | P csnrhmiit Sen unHtiU. Keine Verzweiflung tobte mehr dann, kem Hochmut, leine selbstverteidigende Absprecherei. Was mcht . $. Wirklichkeit ruchtbar, wurde nicht mehr gedacht, weil es mcht z
paßte. Ich lebte wie all die »°uern und Waldarbeiter E mich Ye-d Vie die guten Tiere, die Bäume, der Wind und das Meer u™> meine Vorväter und Sormutter-gelebt Ijatten. 3d) *) m^linern kam Leben wieder einfach zu sehen. Manchen ganz g sch Manschen und lch möglicherweise einfältig vor, weil ich nur .5-? glaubten und leinen Seelenpunkt suchte, wahrend sie an Emnchtunge g^auv^ n »n Verständigungen. Vor allem glaubte ich un ßH Dinge und
. 'önlichkeit als an die Quelle alles Leben-b Schoerder «
Gestalter jedes Verhältnisses Um das Lebens ch Persönlichkeit
latte ich ja gekämpft von jung auf; für die Hoyeir ver
in Rechten und Pflichten wollte ich weiter stehen In der großen Gemesttz» schäft, deren Umrisse nach meiner Meinung nun langsam am Horizont heraufzuwachsen begannen.
Da Winkten unsere Blumen über den Zaun, den ich selber gebaut hatte, Nelken, Rittersporn, Flox und Rosen. Im Gemüsegarten standen die Bohnen an Stangen wie Grenadierkompanien wohlausgerichtet und exerzierten dem Herbst entgegen. Sattgrün wie ein Smyrnateppich lag weiter hinten das Kartoffelstück unter den Apfelbäumen. Seitwärts zogen sich die Erbsenwände der letzten Aussaat hin mit dem eigentümlichen Graugrün und den zarten Blüten, die einen ansahen wie kleine verschmitzte Augen. Streng an Stöcken auf einen Trieb gezogen trugen die Tomatenstauden ihre Früchte gleich Korallenschnüren. Weiterhin kamen die Felder und Gärten der Nachbarn, soweit Mein Blick reichte, und was mein Blick nicht sah, das wußte mein Kopf, denn so ging es fort westlich bis an das Weltmeer und an die Pyrenäen, geraüaus bis zum ewigen Eis, südlich und östlich, wo irgend Menschen in Dörfern wohnten und dort dem Leben und dem Schicksal standhielten. Ueberall standen Städte und ragten Dome, wurde gearbeitet, geformt, gedacht, gebaut und gegraben." Ueberall erklangen die Lieder der Völker. Jede Heimat tanzte und musizierte nach ihrer Art von Küste zu Küste. In jeder Kirche beteten sie in ihrer Sprache. Ueberall liebten sie, wurden geboren, fanden ihr Schicksal mit ein wenig Freude und viel Mühe, starben und verschwanden im Dunkel, verschwanden mit aller Bravheit, Tüchtigkeit, Liebe, mit allem Eifer und aller Leidenschaft, und andere tarnen, um es nach der alten Art weiterzutreiben. War es nicht so, daß sie einfach die alte Liebe weiterliebten, den alten Eifer weiters eiferten, die uralte Hoffnung weiterhofften und den Glauben weiter« glaubten, ebenso, wie sie ihre alten Städte weiter bewohnten und ihr« Wege und Straßen weiterwanderten?
Da leuchteten die Meere und glänzten die Ströme, aber es leuchteten auch die Schicksalsmeere und die Seelenströme. Es blitzten die Zinnen der Gebirge, aber es blitzten auch die Namen und Häupter der großen Menschen, die ihr Herz festhielten und den Ihren ihre von Gott durchblitzte Vernunft liehen, damit sie ihr Leben wieder ein bißchen freie« und schöner gestalteten, wenn es abgenutzt gewesen war, und den Bestand an Frieden und Glück ein wenig erhöhten. Nun, seht, das waren die Umrisse der großen Gemeinschaft, die geisterhafte Zeichnung, die sich mir am Horizont ringsherum zu zeigen begann. Jch sah es noch nicht sehr deutlich und wüßte es nur unklar. Es eilte auch nicht. Es saß kein stachelnder Wille mehr dahinter. Mir war jetzt genug, zu wissen, daß „es" wollte. Und was wollte es? Mich. Uns alle. Sich. Das Ganze. Mancher findet das Wunder in Aladins Schatzkammer. Mancher findet es in einem Acker. In der Armen-Erziehung-Anstalt, dem Schauplatz meiner Kindheit, hatten wir ein Lied gehabt: „Stille halten deinem! Walten, stille halten deiner Zucht. Deiner Liebe stille halten, die von je mein Heil gesucht." Manchmal brauchen wir ein Leben, bis wir einen Kinderoers zu verstehen vermögen.
Nun kam Emilie die hölzerne Außentteppe herunter. Der Hund stürzt« ihr freudig liebend entgegen. Es war nicht mehr der schiefergraue Boxe«, den wir mußten töten lassen, weil er alt und krank geworden war. Emilie war nicht mehr ganz die junge, leichte, schnelle Frau von damals. Zu viel hatte sie erlebt mit mir. Zu tief hatte sie in ihr eigenes Herz und ihren Lebensgrund hineingesehen. Zu schwer hatte sie hie« auch zu arbeiten und zu sorgen gehabt. Jetzt löste ich mich aus meinen Betrachtungen und ging ihr entgegen. Sie legte ihren Arm in den meinen. Der Hund schloß sich an. Die Hühner, die herbeigerannt ge« kommen waren, blieben enttäuscht stehen. Mir war auf einmal ausgefallen, daß sie ein neues Gesicht hatte. Wenn man lange Zeit schwelt zu schaffen hat, so achtet man nicht so genau aufeinander. Jetzt stand der Sommer auf seiner Höhe, und die Landleute hatten eine kleine Zeit zum Aufatmen. Vielleicht lag es einfach daran, daß einige vor« handene Linien sich verlängert hatten. In den Augen saß ein wissende« Ernst, der viel Güte und Liebe enchielt. Es nistete auch ein unaus« gesprochener Schmerz darin; der Schmerz galt mir, aber er hatte keine Worte. Selig ist das wortlose Mitleben der Frau. Selig ist alles Wortlose und noch das wortlose Sterben ist Erlösung. Im Wortlosen ruht die 'Kraft. Wortlos ist alles Tragende und Erhaltende. Wortlos ist die Treue und der Glaube. Noch das Höchste, was wir denken können, lebt nicht im Wort, sondern im Klang und im Licht, aber das Allerletzte beruht in unserem Gefühl der Erschütterung. Neben den verlängerten und ein wenig verschärften Linien hatte sie noch ihr schweres Haar, die großen Augen mit dem glänzenden Blick, die freie, stolze Haltung um» den lieben fröhlichen Zug um den Mund .
„Hast philosophiert?" fragte sie freundlich. Wenn ich so un Hof stank» mit' beiden Händen in den Hosensäcken, so wußte sie Bescheid.
Ein wenig. Ich habe an meine Kinderzeit gedacht. Jch iah am Haus im 'trockenen Sand ein paar kleine Halsfedern vom Hahn schillern. Das habe ich in der Anstalt einmal gesehen. Seltsam, wis solche kleine Begegnungen hasten bleiben, wahrend wir größere Geschehnisse vergessen.
Aus der einen Bemerkung ergab sich ein ganzes Gespräch. ©ie tat eine Frage. Ich antwortete wieder. Eigentlich wußten wir ja nun alles voneinander, aber zum Glück vergißt man Einzelheiten und kann |id) die Dinge wiedererzählen lassen. Plötzlich waren wir mitten in meinen Kindheit Aus der Anstalt führte uns das Gespräch ms Heimatdorf de« Mutter, wohin uns beide ein wunderbarer Frühsommertag geführt gatte. Ick hörte durch den großen Ton des Meeres, der im Eichenwald schon! recht vernehmlich war, die beiden Bäche rauschen. Hinter den nordlicheiH Baumen erschien der alte südliche Kirchturm, lieber den Kustensaum erhoben sich die Hänge des Schwarzwaldes. Jenseits des Rheines im Mecklenburger Land fliegen die Schweizer »erge^auf. Wo das Kloster Doberan mit seiner Kreuzgang-Rmne fdjhef brcbelte bte große Stabt Basel und gegen Warnemünde zu lag d,e Anstalt, die ich verlassen hatte, drunten am Rhein. Eine sonderbare und schmerzliche Versponnenhelt ergab dies Wallen und Weben von einer Landschaft in bie anbere. Diö düster schöne Gestalt der Mutter ging groß mitten hindurch. Auf dem Meer stand der Vater und deckte die Treibhausfenster zu. Aber hinter


