Jahrgang 1959
Zreitag, den 10. November
Nummer 87
hat
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dicke tat,
Die Hochzeitsreise
Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart i.
Obwohl sie nun wirklich das Schlimmste fürchtete, starrte sie auf ihre lodjter mit dem Blick Christi, der Lazarus aufweckt, einem Blick, der oues m sich Maß, was eine menschliche Seel« an Willenskraft hervor- bringenkann. Das dauerte lange, aber allmählich schwanden Kraft Entschlossenheit und der Ausdruck von Härte aus ihrem Gesicht Augen wurden feucht, der Mund zuckte, und die alt« Roosje warf über chr Kind. 1
„Nein, Baesin."
„Das ist wirklich merkwürdig, schließen denn jetzt die Taten ihre Augen selbst?"
Die Frau, die so sprach, war Mutter, eine alte Mutter. Bis jetzt ruhig geblieben, brach sie plötzlich in Schluchzen aus, dann beugte sie sich über das Bett und gab ihrer Tochter unzählige wilde Küsse; mit Lippen, Augen und Nase wühlte sie sich in den Hals, die Kehle, die linke Brust, weil sie glaubte, vielleicht noch einen Atemzug zu spüren, eine Bewegung der Augen, des Mundes oder des Körpers zu erhaschen, einen Herzschlag zu hören von der, die hier auf dem Bett vor ihr lag. Nach laugen, vergeblichen Bemühungen setzte sie sich verzweifelt aus einen Stuhl.
„Der Doktor hat recht, Grietje ist tot."
Nun nahmen sie die Hände des Kindes, auf die langsam Tränen fielen und klopfte im Takt auf die Handflächen, wie sie es als ihre Tochter klein war und Nervenanfälle hatte.
Roosze weinte länger als eine Stunde und wand sich unter Tranen, di« den Körper schütteln und ihn erzittern lassen, wie der Sturmwind mit fernen Flügelschlägen die einsamen Bäume auf weiter Eben« biegt und dreht. Sie liebte ihre Tochter mit eifersüchtiger Siebe; Oöd) ihr Herz hing fast ebenso stark an ihrem am Boden des Schlaf- Zimmers festgeschraubten Geldkasten. Manchmal überwand sie sich diesem andern Gegenstand ihrer Zuneigung ein oder zwei Goldstücke zu ent.r«ben, um dafür Grietje ein Kleid zu kaufen. Dann sagte sie zugleich schmeichelnd und aufgeregt zu ihrer Tochter: „Hole den Kauf- m?™!' er f011 uns die neuen Stoffe zeigen; ich will, daß du auf der nächsten Kirmes schöner bist als all« andern."
Grieche gehorchte freudig. Der Kaufmann kam. Roosje zitterte schon als sie ihn emtreten sah. Für sie war er ein mit einem Messer bemass' neter JRau'b«r, dem sie die Erlaubnis gab, ein Stück Fleisch von ihr abzuschnerden. Er zeigte die Stoffe; Roosje brauchte eine Stunde, um Hre Wahl zu treffen unb um ben Preis zu feilschen, den sie unter Murren zahlte. War der Kaufmann gegangen, so setzte sie sich wieder und unterdrückte die kleinen kalten Tränen, die sonst auf den Stoff gefallen waren und ihn verdorben hätten.
Dann sagte sie zu Grietje: „Komm her, mein Lämmchen."
Sie legte den Stoff chrer Tochter auf den Rücken, streichelte ihn, ordnete ihn ,n der Sonne uno im Schatten in Falten und begann ihn zu lieben wegen des Bergnügens, das er ihrer Tochter bereitete, und auch deshalb weck er die wirkliche Schönheit Grietjes noch mehr zur Geltung brachte. Ebenso uwr es mit Strümpfen aus feiner Baumwolle, öie fie tauff« und ihr selber anziehen wollte, wobei sie chrer Tochter Schmeicheleien über bw Schönheit ihrer Beine sagte, und mit dem *2®$ ST*S' “"IS großen Tuch aus weißem Kaschmir mit gestickten Palmen, zartblau rmt gelber Seide untermischt.
Bei zedem neuen Opfer sagt« sie zu ihrer Tochter: „Du wärest ein Nichtsnutz, wenn du mich nicht liebtest, mich, die ich mir das Blut abzapfe, um dich schon zu machen. Küsse mich!"
Grietje, liebevoll, aber stolz und etwas verschlossen, küßte ihre 9e$el0te Leidenschaften, mögen sie noch so rein l-em, erschrecken die Kinder.
dem mageren Rücken fest anlag. In ruhigem Zustand erinnerte der Geslchtsausdruck Rooszes — so hieß sie — an den eines Buntspechts.
Jetzt belebte nur Schmerz das böse, klein« Gesicht. Das Mädchen, dem sie ihre Weisungen gegeben hatte, war eine Dienerin mit flachem Gesicht, einer Stupsnase und kleinen, schwarzen Augen, die sich unter Achten Brauen verbargen, rmt breiten Schultern und roten Händen die kaum fertig geformt zu sein schienen, so lang und unförmig waren die eckigen Finger. Feldarbeit hatte Siska di« Gestatt eines JRannes gegeben und das Schlichte und Einfache ihrer Natur noch mehr hervorgehoben. Nur wenige Dinge konnten sie aufregen, und trotzdem wurden beim Anblick Grietjes ihre Augen feucht.
„Siska" sagte plötzlich die alte Roosje ruhig, „wir werden heute noch nicht den Sarg bestellen."
Sie sprach diese Worte mit fester Stimme und setzte sich neben das Bett, sichtlich entschlossen, den Kampf mit dem Tode wieder aufzu- nehmen, der, wie es ihr schien, bis jetzt Grietje noch nicht ganz in Besitz genommen hatte. Mit einer an das Todesgespenst gerichteten herausfordernden Bewegung ergriff sie von neuem den Arm des zungen Mädchens, hob ihn empor und wollte ihn biegen — er gab NM nach. Sie hob die Beine, eines nach dem andern, beide waren schwer wie Bl«.
Nach der kurzen, diesen Zärtlichkeiten gewidmeten Zeit ging Roosje an den Sr^nktisch, in den Keller oder in die Küche. Hier nckschte sie Weingeist Zucker und abgekochtes Wasser in den Wein und schnitt die Ränder der Fleischscheiben in der Speisekammer ab, um für die
Fleischkloßchen nicht Fleisch kaufen zu müssen. Sie traf alle Vorbereitungen, um bve Bauern auszusaugen und die Reisenden zu
schröpfen, ließ das Bier recht schnell einlaufen, damit es viel Schaum gab, und tat Kockelskorner und Strychnin dazu, damit es bitter und
uffig wurde. Sie trocknete auch die Schnapsgläser nicht ganz aus und
ließ wenigstens em Drittel Wasser, wenn nicht mehr, darin.
So gewann sie auf neun Flaschen eine Flasche und fand in diesem unehrlichen Treiben genug frisches Blut, um sich, ohne zu sterben, neues Blut abiopfen und chrer Tochter ein Geschenk machen zu können.
Dieser Vorgang spielte sich in einem großen gotischen Hause Thaussee de Saint-Pierre in Gent ab.
Der Arzt war fortgegangen. Er war einer jener dicken Leute rotem Gesicht, die ihren Lebensunterhalt durch ärztliche Tätigkeit gewinnen; mit der Anfertigung von Sttefeln würde es ihnen nicht gelingen. Er kannte genau die zahlreichen Arten, gute Biersuppen zu bereiten, hatte aber seit seiner letzten Prüfung nichts Neues dazu- Sflernt. Beobachtung und Denken war für ihn Zufall, Essen und Trinken Gewohnheit. Man hielt ihn für einen guten Menschen, weil er gleichgültig war, für klug, weil er wenig sprach, und für «inen aus- öezeichneten Arzt, weil er selbst sehr gesund war.
Die kleine, alte, blonde Frau, trie mit ihm gesprochen hatte, trug, PJJ® für eine schon vorweg genommene Trauer, ein Kleid aus dünnem I chwarzen Baumwollstoff, der sich auf ihrer flachen Brust bauschte und
„Siska, wir wollen dem Kind« das weiße Kleid mit den roten Tupfen Mehen, in dem es zuletzt zum Ball gegangen ist, und die Seiden- t trumpfe und die Saffianschuhe. Sage doch dem Herrn, der da unten • m ^arm wacht, daß wir kein Beefsteak dahaben, aber daß er bald ein Kalbskotelett bekommen wird. Er soll sich nur gedulden. Wir sind jetzt nur noch zwei zur Bedienung, sag ihm das. Geh und komm schnell wieder.
Siska gehorcht; sie kommt zurück.
„Wo ist das Kleid mit den Tupfen, Siska?"
„Hier, Baesin, unter dem Schal."
„Gib her! Sind noch weiße Hemden vom Kinde da?"
„Ja, Baesin."
,Mlf mir, wir werden sie jetzt anziehen."
„Ja, Baesin."
„Zieh ihr die Jacke aus. Ich werde sie halten. Merkwürdig, sie ist gar nicht schwer. Nur vorsichtig beim Ausziehen der Aermel. So ist's gut. Jetzt den Unterrock und dann das Hemdchen. Zieh ihr schnell das andere an, daß sie nicht so lange nackt bleibt. Weine nicht, Siska!"
„Oh, Baesin, wie schrecklich! Ich habe niemals ein Mädchen gesehen, bas so schön geipachsen und auch so gut war. Sie hätte einen anständigen Mann recht glücklich gemacht."
„Wollen wir eine Haube auffetzen, Siska? Sie wollte niemals eine tragen, jetzt ist es aber etwas anderes. Die Würmer werden nicht so schnell an sie kommen. Nun das rote Seidentuch unters Kinn gebunden. Das Tuch steht ihr so gut. Jetzt das Kleid. Lege den Unterrock gut um vie Beine. Ich werde die Jacke zuknöpfen. Siska, hast du Grietjes Augen geschloffen?"
„Mein Gott, Herr Softort Ist sie wirklich tot?"
„3a, Frau Roosje."
„Daß sie nur ja nicht lebendig unter die Erde kommt; das Kind
keine so starken Nägel, um ein Loch in den Sarg zu kratzen."
„Sie ist tot, das sehen Sie doch, und schon ganz erstarrt."
„Ja, ganz steif, ja. Sie gehen jetzt fort, Herr Doktor? Oh, ist wirklich gar nichts mehr zu machen?"
„Nein, Frau Roosje! Auf Wiedersehen!"
„Gute Nacht, Herr Doktor!"
®iefjcner£amilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger


