Ausgabe 
10.7.1939
 
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Lorelei.

Von Joseph Freiherr von Eichendorfs. Es ist schon spät, es wird schon kalt, Was reist du einsam durch den Wald?

Der Wald ist lang, du bist allein, Du schön« Braut! Ich fuhr dich heim!

Groh ist der Männer Trug und List, Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist, Wohl irrt das Waldhorn her und hin, O flieh! du weiht nicht, wer ich bin."

So reich geschmückt ist Roh und Weib, So wunderschön der junge Leib, Jetzt kenn ich dich Gott steh mir bei! Du bist die Hexe Lorelei.

Du kennst mich wohl von hohem Stein Schaut still mein Schloß tief in den Rhein. Es ist schon spät, es wird schon kalt. Kommst nimmermehr aus diesem Wald!"

Oie Seiltänzerin.

Erzählung von Franz X er Stadlmayr.

& gilt hier von einem Mädchen zu berichten, das vom Himmel «lierfiel und gleicherweise in den Himmel hineinfiel. Daß es beides «ilben Zeit vollbrachte und zu einem guten End« führte, mag den men Menschen unseres Jahrhunderts, die so gar nicht mehr an piter zu glauben bereit sind, als freundlicher Vorhalt erscheinen.

s ücht allzu oft geschah es, daß die Bewohner der kleinen Stadt aus M beschaulichen Ruhe geweckt wurden. Viele bestaunenswerte Dinge, rie ihrer Fülle der Großstadt beinahe zur Alltäglichkeit geworden sind, I« ihren Weg noch nicht hierher gefunden, und daraus mag es auch Klären fein, daß alles, was nun wirklich bis zu ihr vordrang, von ii anjen Stadt mit um so größerer Freude und Andacht bestaunt Kl*.

'( der Anschlagtafel, die sich zumeist mit allzu nüchternen und trocke- li Erlässen und Bekanntmachungen begnügen mußte, fand sich nun ui! Tages ein farbenprächtiges Blatt. Mit leuchtenden Lettern wurde tkr Darbietung einer Seiltänzertruppe berichtet, die in nächster Zeit e: urze Zeit zu verweilen gedachte, und wenn auch nicht bezweifelt leih soll, daß die daneben hängend« Ankündigung einer Zuchtvieh- ältJung int Nachbarort sicherlich ebenso bedeutsam und beachtenswert |o muß doch auch gesagt werden, daß die Neugierigen, die sich um i üel" drängten, ohne Ausnahme ihr Augenmerk der verheißungs- fai Ankündigung zuwandten.

es dann freilich "geschah, daß das junge Mädchen, das allzu vor- Kiid) durch die Menge drängte, dem jungen Mann, der beschaulich id r Tafel stand, den Hut vom Kopf stieß, das ist niemals klargestellt tun, aber es mag immerhin erwähnt werden, daß das Mädchen sich Gewußt nach dem enteilenden Hut bückt« und den frommen Plan i, ihn dem Besitzer wieder zuzueignen. Indessen kam es, daß auch jmge Mann das gleiche Bestreben hatte, und als sie sich nun freund­lich vereint zur Erde bogen, prallten ihre Köpfe etwas hart gegen- ni«r. Sie richteten sich verwirrt auf und muhten dennoch, jeder Über bestürzte Gesicht des andern, lachen. Das nicht ganz unberechtigt« i des Unmuts auf den Lippen des jungen Mannes erstarb, und so ® sich alles zum Guten zu wenden," als das Mädchen feine Ent- idgung vorbrachte und dann verlegen weitereilte.

H56 kannten sich beide weder dem Namen noch, noch hatten sie ein- Irr gesehen; es schien ihnen höchst seltsam, da sie dies nun jeder für toad)ten auf ihrem weiteren Weg, denn es war in einer [o kleinen Ft wohl kaum möglich, daß einer auftaucht«, ohne daß man feinem 'fit in die behütete Gemeinschaft von allen Seiten Aufmerksamkeit Mettt hätte. Indessen war dieses Rätsel nicht schwer zu lösen, denn "«singe Mann war im benachbarten Markt ansässig und soeben von R® manches Jahr erfordernden Waffendienst in die Heimat zu rück- und mochte sich darum nicht leicht eines Mädchens entsinnen, , er5t in der Zeit feiner Abwesenheit in die Stadt mit seinen Eltern wnten war.

^dessen hatten sie redliches Gefallen aneinander gefunden, so sellfam Urz auch ihr Zusammentreffen gewesen war, und sie bedauerten ! nichts voneinander zu wissen, nicht wo sie sich zu suchen und Ig'iDen hätten, und auch nicht, in welchem Gehege ihres Gedächtnisses t Bilder zu bewahren hätten.

Xlr3 doch wäre wohl etwas wie ein leises Vergessen über sie gekom- fM »er Flamme gleichend, die sich selbft verzehrt, wenn man ihr nicht JJMafjrung gewährt, wenn nicht der Zufall sie in den nächsten Tagen zusammengeführt hätte. Es war nicht Absicht und konnte es I 22!ar nicht fein, denn sie grüßten nur fröhlich und hielten dabei nicht i «T66 an und keines wußte, wo es dem andern zu begegnen vermochte, fen sie einander in den folgenden wohl ein Dutzend mal an allen iWröglichen Orten und bei den merkwürdigsten Gelegenheiten. Dann h«.®u6ten sie freilich die Gunst des Schicksals klug zu nutzen, und i w auch einander nach Herzenslust kennengelernt und wohl

l 'Lrzlich lieb gewonnen. ,

di« scheuen, glückseligen Träume des Mädchen glitt manchmal ver- «der zukunftsfrohe Gedanke, es möge dem Hute, der ihr Gluck so f Kründet hatte, nun die Haube der ehelichen Frauen in prächtiger ' stacht folgen. Wenn es auch schien, als ob der junge Mann in den

gleichen Bahnen dachte und hoffte, so konnte es dennoch geschehen, daß er in seltsamer Verschlossenheit allen Reden auswich, so oft es dieses Gebiet berührte. Niemand wußte sich dieses Verhalten zu erklären, sprach man doch in der ganzen kleinen Stadt von dem offenkundigen Glück der beiden jungen Menschen und vom fröhlichen Gleichklang ihrer Herzen. Und manch einer konnte berichten, daß der junge Mann von einer Heirat gesprochen habe, ja daß er an nichts anderes mehr denke, und alle waren sich darüber einig, daß beide keine bessere Wahl hätten treffen können. Indessen war der junge Mann im Elternhaus des Mädchens gerne gesehen und ging herzlich bewillkommnet dort ein und aus.

Dennoch verging ein chalbes Jahr unter diesem seltsamen Zustande, der, wie jedermann erkannt«, gerade den jungen Mann am meisten zu bedrücken schien. Niemand konnte freilich den wahren Grund seines Ver­haltens erkennen; der lag in dem Umstand, daß er befürchtete, abgewie­sen zu werden, hatte er doch erst vor nicht allzu langer Zeit die große Enttäuschung einer einseitigen Zuneigung erlebt und erlitten. Keiner, der um dieses Geschehen wissen konnte, hätte ihm nun sein Zögern ver­argt, denn es war leicht verzeihlich, daß ein einsames Herz, dessen Wun­den kaum vernarbt waren, sich vor neuer schmerzlicher Wund« zu hüten bestrebte. Auch hätte eine neuerlich« Zurückweisung ihn wohl noch um vieles tiefer getroffen, denn er liebte das Mädchen mit der ganzen Auf­richtigkeit und Innigkeit feines jungen und männlichen Herzens.

Und doch wäre es nun vielleicht lange Zeit hindurch so weiter­gegangen, hätte sich nicht das Schicksal zu einem neuen Eingreifen ent­schloßen.

Wieder einmal waren Schausteller und mancherlei fremdartige Leute vom Jahrmarkt herbeigelockt worden. Unter ihnen befand sich, wie die Neugierigen aus den farbenprächtigen Anschlägen erfuhren, wiederum eine Seiltänzergruppe, und jeder erwartete voller Spannung die erste Vorstellung, die aus dem abendlichen Marktplatz stattfinden sollte. Schon war sorglich ein starkes Seil und manches andere Bindwerk in der Höhe des ersten Stockes der den Platz umgrenzenden Häuser von einer Seite des Platzes zur andern gezogen worden, fröhlich bestaunt von der schau­lustigen Jugend. Das ein« End« des Seiles war auf dem Balkon eines behäbigen Bürgerhauses befestigt worden, und mancher der Inwohner, unter ihnen das junge Mädchen, denn es war zugleich ihr Elternhaus, von dem die Rede galt, sahen der spannenden Neuheit dieses Erlebnisses fast begehrlich entgegen

In den Aelteren wurde die Erinnerung an die längst enteilte Jugend wach; wären sie heute noch so jung und beweglich gewesen wie zu jener Zeit, so hätte wohl mancher das Wagnis erkoren und das Seil erprobt. Und die Jungen standen mit dem Herzen voll fröhlichen Neides umher und waren dennoch nicht mutig genug, den entscheidenden Schritt in das Uferlose, das nur durch ein schmales Seil gebannt schien, zu tun.

Auch der junge Mann war zu diesem Ereignis in die nahe Stadt gekommen und schritt eben in fröhlicher Einsamkeit über den Markt­platz, als er plötzlich eine zierliche Gestalt auf dem Seile sich meisterlich im Gleichgewicht halten sah. Dachte er zunächst an ein Proben der Seil­tänzer, so drohte nun sein Herz mit einem starken Schlag still zu stehen, denn er erkannte in der nun ein wenig ängstlichen Tänzerin das Mäd­chen seiner Liebe. Uebermütig im lustigen Wortstreit mit ihren Freun­dinnen, hatte sie den ersten Tritt auf dem schwanken Sell gewagt und war dann, angezogen von dem seltsamen Gefühl des schwerelosen Schwe­bens noch weiter vorgedrungen verfolgt von den entsetzensstarren Blicken der Mädchen. Dann aber wußte sie nicht mehr, wie sie das so kühn Be­gonnene weiterführen sollte und wurde ängstlich in dem Streben, das Gleichgewicht zu wahren.

In diesem Augenblick nun hatte der junge Mann di« Stelle erreicht, wo um vieles höher das Mädchen mit angstverzerrtem Gesicht auf dem Seile aus hielt.

Und dann geschah es, daß das Mädchen mit einem leisen Aufschrei das Seil verlor und in die Tiefe stürzte, dennoch aber unversehrt in starken Männerarmen sich geborgen und errettet fühlen durfte.

Hier war es nun freilich nicht wenig gerechtfertigt, daß der junge Mann das Geschenk, das ihm der Himmel so gebefreudig zuteil werden ließ, nicht so ohne weiteres von sich gab, wenngleich auch erwähnt werden muß, daß das Geschenk des Himmels selbst von ganzem Herzen damit einverstanden war und ihm diesen Entschluß wahrhaft leicht machte.

Und damit schließt auch der Bericht von dem Mädchen, das vom Himmel fiel und gleicherweise in den Himmel fiel, obwohl dieser letzte Himmel einen rechten und sicheren Boden besaß, der nicht nur aus einem schmalen Seil bestand.

Oer Einsiedler.

Don Joseph von Eichendorff.

Komm, Trost der Welt, du stille Nach.

Wie steigst du von den Bergen facht, Die Lüste alle schlafen.

Ein Schiffer nur noch, wandermüd, Singt übers Meer fein Abendlied Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn Und lassen mich hier einsam stehn, Die Welt hat mich vergessen, Da tratst du wunderbar zu mir, Wenn ich beim Waldesrauschen hier Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!

Der Tag hat mich so müd' gemacht,. Das weite Meer schon dunkelt. Laß ausruhn mich von Lust und Not, Bis daß das eroge Morgenrot Den stillen Wald durchfunkelt.