Em entsetzlicher Nahkampf entfpinnt sich, ciusgeiragen mit Handgranaten, mit Seitengewehren, mit Faschinemnessern und scharfgeschlif- fcnen Spaten. Nur Trümmer der hochmütigen, aufgeputschten afrikanischen Angriffspatrouillen kehren in die Ausgangsstellungen zurück. .. Die überlebenden Schwarzen sind aschfahl vor Angst. Sie zittern vor Kälte und Entsetzen. Nur weg mit ihnen, nur fort, ehe sie ■ die Moral der anderen Angriffstruppen erschüttern können. Bei Nacht und Nebel schafft man sie nach hinten in die weit abgelegenen Quartiere. Als General Mangin aber die Niederlage seiner Senegalneger erfahrt, schlägt er zornig mit der Faust auf den Tisch und schreit:
„Die leben also noch da drüben. Es sind tatsächlich noch einige vom Feuer verschont geblieben. Gut, dann wollen wir ihnen noch einige Tage einheizen. Dann sollen sie weiterhin unser Feuer zu kosten bekommen! Trommelt! Trommelt ohne Pause!"
Ein entsprechendes Gesuch um Verlegung des „Tages I", der für den 12. April vorgesehen ist, geht an Micheler und von dort an Nivelle. Der Oberbefehlshaber sieht ein, daß es keinen Zweck hat, bei diesem Wetter am 12. April schon zu stürmen und dabei noch gegen eine ungebrochene deutsche Berteidigungsfront, zumal die Schwarzen, die in der Hauptsache bluten sollen, bei Kält« und Schneegestöber nicht voll eingesetzt werden können. Gut, man wird den Tag des Angriffs hinaus- fchieben. Man wird erst am 16. April vorbrechen. Aber bis dahin sollen die Rohre schießen, rücksichtslos schießen und dafür sorgen, daß kein Deutscher mehr brüben am Leben bleibt.
Auch in den kommenden Tagen stellt es sich heraus, daß immer noch. Deutfche am Leben sind. Sie beschränken sich nicht nur aus die Verteidigung, diese Feldgrauen. Nein, sie raffen sich zu kühnen Patrouillenunternehmen auf. Sie brechen in größeren und kleineren Verbanden vor und holen sogar französische Gefangene, Maschinengewehre und Munition aus den Gräben.
„Dämmert, hämmert immer weiter, schießt und zermalmt sie!" schreit Nivelle, als man ihm Meldung über dies Geschehen erstattet. Er muß nun für kurze Augenblicke sein« ganze Aufmerksamkeit der britischen Armee zuwenden, denn dort oben bei Arras ist der Angriff am 9. April losgebrochen.
Um 5 Uhr 30 in der Frühe hat die britische Infanterie den Slurm- , angriff begonnen und innerhalb weniger Minuten die vordersten deutschen Linien überrannt .Nicht genug, ihre Stoßtruppen sind bis zu den deutschen Artilleriestellungen vorgedrungen. Bei Gravelle haben die Engländer an diesem ersten Tag ihrer großen Offensive eine Tiefe von 6 Kilometer erreicht. In einer Breite von etwa 15 Kilometern ist di« deutsche Verteidigungsfront tief eingebeult.
Auf Lastwagen, auf Fahrzeugen aller Art und in Eilmärschen werden von allen Seiten deutsche Infanterie-Bataillone herangeschafft und in die Bresche geworfen, so daß am Nachmittag der britische Angrift schon zum Stehen kommt. Immerhin, hier hat die Nivellesch« Taktik, von britischer Seite angewandt, den richtigen Anfangserfolg erzielt. Nivelle wird zufrieden sein, wenn ihm am ersten Tag ein Gleiches gelingt. Aber sein Optimismus geht weiter. Er ist überzeugt, daß er noch mehr erreichen wird, viel mehr---
Schwere Sorgen umlaften die deutsche Heeresleitung am Abend der 9. April. Ohne Zweifel, am folgenden Morgen wird der britische Angriff wieder ausleben, wahrscheinlich mit dem gleichen, gewaltigen Einsatz von Menschen, Material und Munition wie bisher. Gibt es überhaupt ein Mittel, diesen Angriff aufzuhalten?
Am 10. April steigert sich das britische Trommelfeuer zur Unerträglichkeit. Und wiederum brechen die Divisionen vor, unterstützt von Kampfwagen. Ihr Ziel im Zentrum der Angriffsfront sind die Höhen- züge im Monchy-les-Preux. Wer diese Höhenzüge besitzt, der beherrscht weithin die Gegend, der schaut nach Cambrai hinein, und über weit« Flächen von Nordfrankreich. Marschall Haig will das Dorf Monchy- les-Preux und di« Höhen unter allen Umständen besitzen.
Im Mittelpunkt des Angrifts wird der britische Vorstoß abgefangen, aber südlich davon, an seinem rechten Flügel, dringt er vor. Di« deutschen Truppen, bestehend aus zahlreichen zusammengewürfelten und in Eil« herangeschafften Verbänden, müssen sich bis zum Dorf Monchy- les-Preux zurückziehen und dort die Linien nach Wancourt halten, während im Norden die Trümmer der feldgrauen Grabenkompanien Schritt für Schritt kämpfend die Vimy-Höhen räumen. Es sieht wirklich bös aus um die deutsche Front hier am linken Angelpunkt der von Nivelle befohlenen Durchbruchsschlacht. Und Nivelle sitzt in seinem Hauptquartier über Meldungen und Karten gebeugt und freut sich ob dieses guten Beginns. Marschall Haig aber findet, daß nunmehr der Zeitpunkt für den eigentlichen großen Durchbruch mit der unvermeidlichen und siegreichen Verfolgung durch Kavalleriemassen gekommen ist.
Ein Heldenlied für die andere Seite.
Im weit gespannten Rahmen des Nivelleschen Durchbruchsplanes vollbringen britische Reiterregimenter am 11. April 1917 ein« Großtat, die ewig Anerkennung finden wird, wo soldatisch gesinnte Menschen kühnes Draufgängertum und heldisches Sterben verstehen.
Vielleicht wird man fragen, ob es richtig war, Kavallerie gegen di« deutschen Schützen anreiten zu lassen. Richtig oder falsch, das ist einerlei. 3m Krieg entscheidet nur die Tat. Und dies« Tat wird sich erst später vor dem gestrengen Tribunal der Geschichte verantworten müssen. Wir aber, di« Frontsoldaten, erklären: Diese Kavallerieattacke britischer Regimenter am 11. April 1917 über das Trichterfeld bei Arras hinweg gegen di« feldgrauen Schützenlinien war eine jener heroischen Zwecklosigkeiten, vor deren Größe auch die strenge und weise abwägende Geschichtsschreibung zu schweigen hat.
Britische Kavallerie-Regimenter ritten in eng gedrängter Schlachtordnung, Pferd an Pferd, Zügel an Zügel, mit geschwungenem Säbel und blitzendem Pallasch, todesmutig gegen unsere Linien. Und dieser Ritt i den Tod war so heldenmütig und so schneidig, daß wir stolz sind,
ihn erlebt zu haben. Wir sind stolz auf den tapferen Gegner, weil wir uns dadurch selbst ehren.
Noch ein letztes Mal, ehe Maschinen und Material die Oberhand gewannen, flatterte ein Fetzen alter Kriegsromantik über das Schlachtfeld, getragen vom Toben der Roßhufe, vom Wehen her Mähnen, vom Blitzen der Säbel. Ein letztes Mal im Westen ritt Kavallerie in den sicheren Tod, dicht gedrängt di« Kampfordnung wie ehedem, zur Zeit der Gepanzerten, Offiziere voraus, Pallasch in der Faust.
Der Opfergang britischer Kavallerie-Regimenter am 11. April 1917 war groß!
Marschall Haig ist am Abend des 9. April von der Richtigkeit des Nivelleschen Planes und dessen rücksichtsloser Durchbruchstaktik überzeugt. Der nicht unbeträchtliche Geländegewinn, stellenweise bis zu einer Tiefe von 6 Kilometern, das heißt bis hinter die deutfchen Datteri«- fteUungen, rechtfertigt jeden Optimismus. Jetzt ist der Augenblick zur kühnen Tat gekommen.
In Notquartieren, dicht hinter der Front, wartet die Kavallerie. Mit Wucht ist die britische Infanterie vorgebrochen. Auch sie ist voller Siegesbewußtsein und sieht schon die großen Ziel« in Nordfrankreich, in Belgien oder gar am Rhein in greifbar« Nähe gerückt. Denn einen Gelände gewinn bis zu 6 Kilometern hat es schon seit Monaten nicht mehr gegeben. Und das zählt!
Im Laufe des lange erstarrten Stellungskampfes mit feinem verbissenen Ringen um jeden Meter Boden hat der Soldat das richtige Augenmaß und die fachliche Schätzung für Entfernungen im Gelände eingebüßt. Man hat ihm bisher das Festklammern am geringsten Grabenstück zur heiligen Pflicht gemacht. Jede verschlammte Stellung sogar galt ihm als eine Fahne, di« man bis zum Weißbluten verteidigt, solange noch ein Schütze den Abzug eines Maschinengewehrs bedienen kann. So war es hüben, so war es drüben. Und auf einmal ein Gewinn von 6 Kilometern in der Tiefe? Verwundert zuerst, dann mißtrauisch und erst nach und nach siegesbewußt, nimmt der Tommy diesen Erfolg hin.
" Das ist doch--, das ist ja der Sieg, ein glatter Sieg. Kavallerie
muh her! Tanks müssen her, um den Erfolg auszubeuten! Vielleicht läßt sich beim richtigen Einsetzen der Kavalleriemassen der große Durchbruch im Nivelleschen Sinne jetzt erzwingen, jetzt--!
Marschall Haig, der solchen Optimismus mit feinen Soldaten teilt, ist durchaus mit diesem Plan einverstanden. Ueberhoupt, di« Verhältnisse legen ihm diesen Plan nahe. Es gibt für ihn keine andere Möglichkeit mehr. Kavallerie muß her! Vorerst aber sollen leichte Kavallerieverbände vorrucken und vortasten, ob die deutschen Linien zum großen Durchbruch reif sind.
Am 10. April, am frühen Nachmittag, wird die 8. Kavallerie-Brigade in ihrem R uhe quartier bei Arras alar miert. Vom 10. Hufaren-Regiment „Prince of Wales Own" und dem Leibregiment zu Pferde „Essex Ieo- manry" wird sofort je ein« Schwadron nach vorne geschickt. Dicht bei der Straße von Arras nach Cambrai reiten die Schwadronen über die zertrommelien ehemaligen deutschen Linien. Die Pferde traben. Nur einzelne deutsche Granaten schlagen rechts und links ein.
Die beiden Schwadronen kommen vorerst gut voran. Ihren Weg können sie nicht verfehlen, denn neben ihnen läuft das hell«, noch fast makellos verschneit« Band der großen Straß« nach Cambrai. Bald Haven sie die eigene Artillerie hinter sich. Und jetzt sind sie bei den Jn- fanteriepoftierungen. Die Pferde fallen in Galopp, und im Donner der Hufe geht es über die eigenen Linien hinweg. Da drüben, irgendwo im Trichterfeld, liegen die Deutschen. Noch reiten die Schwadronen eng zusammen, Pferd an Pferd. Da setzt drüben 3nfanteriefeuer ein. Und dann ein Maschinengewehr und noch eins und noch eins. Es peitscht und zischt und pfeift den Reitern entgegen. Es wirft die Pferd« nieder, es hebt die Männer aus dem Sattel. Es ist wie ein Lied der Hölle---
das deutsche Jnfanteriefeuer.
Zurück! Im Galopp wird die gefährliche Schwenkung vollzogen. Sekundenlang bieten die Schwadronen den deutschen Maschinengewehren ihre Flanke. Sekundenlang freffen sich die Spitzgeschosse in warmes, pulsendes Leben von Mensch und Tier. Dann heulen di« Granaten daher, von deutscher und feindlicher Seit«. Erdfontänen ft eigen, Pulver- qua lm und Nebelstreifen verdecken blitzschnell das Niemandsland, verschleiern di« Sicht und erleichtern den Trümmern von ehedem zwei stolzen und tapferen Schwadronen einen raschen Rückzug hinter die britischen Linien---
Die Probe ist gelungen. Marschall Haig weiß nun, daß die deutschen Linien noch nicht mürbe genug sind. Man muß sie weiter durchbruchs- reif hämmern. Artillerie nach vorn«!
Die Artillerie rollt an. Stundenlang tobt, hämmert und schießt sie bis zur Erschöpfung von Mensch und Material. Und währenddessen erläßt der Kommandeur des bereitgestellten Kavallerie-Korps folgenden
„Die 2. und 3. Kavallerie-Division werden vorstoßen, foweit es die Umstände gestatten, und zwar in die Linien Drocourt-Oueant, genannt Wotanftellung."
Am 10. April, zur Stund«, da dieser Befehl hinausgeht, liegt di« Wotanftellung, das Ziel des befohlenen britischen Kavallerieangrisfs, noch viele Kilometer tief in der deutschen Etappe.
3m Laut« des späten Abends erteilt die 3. Kavallerie-Devision ihrer 6. und 8. Brigade folgenden Befehl:
„Die 6. und 8. Kavallerie-Brigad« haben nach dem lieb er reiten der deutschen Infanterie-Linien eine Linie westlich Monchy-les-Preux auf Höhe 100, dem sogenannten Termitenhügel, zu erreichen. Di« 6. Brigade wird südlich von Monchy, die 8. Brigade nördlich von dieser Ortschaft operieren."
Kommandeur der 8. Kavallerie-Brigad« ist General Bulkeley-John- son. Dem 10. Hufaren-Regiment und dem Regiment Essex Peomanry hat er befohlen, sich geschlossen auf das Dorf Monchy-les-Preux zu stürzen.
(Fortfetzung folgt.)


