Ausgabe 
10.3.1939
 
Einzelbild herunterladen

! Hit

ht| ta(

ta iilllf Itta

«ii

unb ihr lei geradeso, wie wenn sie vor einem Theatervorhang sitze.Lene, Lene, du hast dir zuviel zugetraut, Kind, das is ja gar nid) möglich."

So wär es wohl noch weitergegangen, wenn man nicht in eben diesem Augenblicke gehört hätte, daß eine Äugel ausgesetzt und nach einmaligem dumpsen Anschlag an die Seitenbande wieder still wurde.Sandhose , tief Lene. Und richtig, io war es.

Das war leicht", sagte Botho.Zu leicht. Das hatt ich auch geraten. Sehen wir also, was kommt."

Und siehe da, zwei weitere Würfe folgten, ohne daß Lene gesprochen oder sich auch nur gerührt hätte. Rur Frau Dörrs Augen traten immer mehr aus dem Kopf. Jetzt aber, und Lene hob sich sofort von ihrem Platz, kam eine kleine, feste Kugel, und in einem eigentümlichen Mischton von Elastizität und Härte hörte man sie vibrierend über das Brett hmtanzen. Alle neun", tief Lene. Und im Nu gab es drüben ein Fallen, und der Kegeljunge bestätigte nur, was kaum noch der Bestätigung bedurfte.

,Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen heute noch ein Vielliebchen, und'dann geht alles in einem. Nicht wahr, Frau Dörr?"

Versteht sich", zwinkerte diese,alles in einem.' Und dabei band sie den Hut ab und beschrieb Kreise damit, wie wenn es ihr Markthut gewesen

781

fitrtt et

M kni Mi

6t Mtn trtin ii »1 I* Ütift

S * tlty *lit

Ithi J Ri

n) tr »inW Siftenl mfts

Die e-jt b bi;Ih W

Sil Ilttai fern Ii Sii|t fit! ki eii tu bi Wie

ä Mit

hri

wie getroffen von dem Wort, auf ihn zu und umhalste und kützte ihn und war überhaupt von einet Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst ganz fremd war.

Lene, was haft du nut?" ......

Aber sie hatte sich schon miedet gesammelt und wehrte mit rascher Hand­bewegung seine Teilnahme ab, wie wenn sie sagen wollte:Frage nicht.' Und nun ging sie, während Botho mit Frau Nimptsch weitersprach, aus da« Küchenschapp zu, kramte drin umher und kam gleich danach und völlig heitern Gesichts mit einem kleinen, in blaues Zuckerpapier genahten Buche zurück da« ganz das Aussehen hatte wie die, drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben. Dazu diente das Büchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit denen sich Lene, sei's aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieserem Interesse, beschäftigte. Sie schlug es jetzt auf und w,es auf die letzte Seite, drauf Bothos Blick sofort der d,ck unterstrichenen Hebet- schrift begegnete:Was zu wissen not tut."

Alle Tausend, Lene, das klingt ja tote Traktätchen oder Lustspieltitel.

"Ist auch so was. Lies nur weiter."

Und nun las er:Wer waren die beiden Damen auf bem Korso? Ist es die ältere oder ist es die junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist ^0 Botho lachte.Wenn ich dir das alles beantworten soll, Lene, so bleib

Eftl'tzttück,"daß Frau Dörr bei dieser Antwort fehlte, sonst hätte es eine neue Verlegenheit gegeben. Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenig­stens, wenn es sich um den Baron handelte, war noch nicht wieder zurück, und so sagte denn Lene:Gut, so will ich mich handeln lassen. Und meinet- wegen denn von den zwei Damen ein andermal! Aber was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon neulich danach gefragt, als du die Tüte brachtest. Aber was du da sagtest, war keine rechte Antwort, nur so halb. Ist es ein Geheimnis?"

Nein."

Nun denn, sage."

Gern, Lene. Diese Namen sind bloh Necknamen.

Ich weiß. Das sagtest du schon."

... Also Namen, die wrr uns aus Bequemlichkeit be,gelegt haben, mit "und ohne Beziehung, je nachdem." «

Und was heißt Pitt?''

Pitt war ein englischer Staatsmann."

Und ist dein Freund auch einer?"

Uni Gottes willen..."

Unb Serge?"

Das ist ein russischer Vorname, den ein Heftiger unb viele russische Großfürsten führen."

Die aber nicht Heftige zu sein brauchen, nicht wahr? ... Unb Gaston?'

Ist ein französischer Name."

Ja, bessen entsinn ich mich. Ich habe mal, als ein ganz junge« Dmg, unb ich war noch nicht eingesegnet, ein Stück gesehen: ,Der Mann mit bet eisernen Maske/ Und bet mit ber Maske, bet hieß Gaston. Unb ich weinte jämmerlich."

Und lachst jetzt, wenn ich bit sage: Gaston bin ich.

Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine Maske."

Botho wollte schetz- unb ernsthaft das Gegenteil versichern, aber Frau Dörr, die gerade wieder eintrat, schnitt das Gespräch ab, indem sie sich entschuldigte, daß sie so lange habe warten lassen. Aber eine Bestellung sei gekommen und sie habe rasch noch einen Begräbniskranz flechten müssen.

Einen großen ober einen kleinen?" fragte die Nimptsch, die gern von Begräbnissen sprach und eine Passion hatte, sich von allem Dazugehörigen erzählen zu lassen.

Nu", sagte bie Dörr,es War ein mittelschet: kleine Leute. Efeu mit Azalie."

Jott", fuhr bie Nimptsch fort,alles is jetzt für Eseu mit Azalie, bloß ich nich. Efeu is ganz gut, wenn et aufs Grab kommt unb alles so grün unb dicht eiiftpiiint, daß das Grab seine Ruhe hat und ber drunter liegt auch. Aber Eseu inn Kranz, das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen wit Immortellen, gelbe ober halbgelbe, unb wenn es ganz was Feines sein sollte, benn nahmen wir rote ober weiße unb machten Kränze draus oder auch bloß einen und hingen ihn ans Kreuz, unb ba hing er benn ben ganzen Winter, un wenn bet Frühling kam, ba hing er noch. Un manche hingen noch länger. Aber so mit Efeu ober Azalie, das is nichts. Un warum nich? Damm nicht, weil es nich lange dauert. Un ich denke mit immer, je länger der Kranz oben hängt, desto länget denkt bet Mensch auch an seine Toten unten. Un mitunter auch ne Witwe, wenn sie nich zu jung is. Unb das iS es, warum ich für Immortelle bin, gelbe ober rote ober auch weiße, un kann ja jeber einen andern Kranz zuhängen, wenn er will. Das is denn so für den Schein. Aber der immortellige, das ist der richtige."

Mutter", sagte Lene,du sprichst wieder soviel von Grab unb Kranz.'

Ja, Kinb, jeber spricht, woran er bentt. Un bentt einer an Hochzeit, benn rebt er von Hochzeit, un bentt einer an Begräbnis, benn rebt er von Grab. Un ich habe mdj mal angefangen, von Grab un Kranz zu reden, Frau Dörr hat angefangen, was auch ganz recht war. Un ich spreche bloß immer davon, weil ich immer ne Angst habe un immer denke: ja, wer wird dir mal einen bringen?'

Ach Mutter..."

Ja, Lene, du bist gut, du bist ein gutes Kind. Aber der Mensch bentt un Gott lenkt, un heute rot un morgen tot. Unb bu kannst sterben so gut wie ich, jeben Tag, ben Gott Werben läßt, Wenn ich es auch nich glaube. Un Frau Dörr kann auch sterben ober wohnt benn, wenn ich sterbe, vielleicht wo anbers, ober ich wohne wo anberg un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene, man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal einen Kranz auss Grab."

Doch, doch, Mutter Nimptsch", sagte Botho,ben haben Sie sicher." Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is."

Unb wenn ich in Petersburg bin ober in Paris unb ich höre, baß meine alte Frau Nimptsch gestorben ist, bann schick ich einen Kranz, und wenn ich in Berlin bin ober in der Nähe, bann bring ich^ihn selber."

(Fortsetzung folgt.)

wäre. m .

Mittlerweile sank bie Sonne hinter ben Milmersdorfer Kirchtum, unb Lene schlug vor, auszubrechen unb ben Rückweg anzutreten,es werbe so sröstlich; unterwegs aber wollte man spielen unb sich greifen: sie sei sicher, Botho werde sie nicht sangen."

Ei, da Wollen wir doch sehen."

Unb nun begann ein Jagen unb Haschen, bei oem Lene wirklich rnchr gefangen werben konnte, bis sie zuletzt vor Lachen unb Aufregung so abge- äschert war, daß sie sich hinter die stattliche Fran Dörr flüchtete.

Nun hab ich meinen Baurn", lachte sie,nun kriegst bu mich erst recht nicht." Und babei hielt sie sich an Frau Dörrs etwas abstehender Schoßjacke fest und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, daß s,e sich eine Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Plötzlich aber War Botho neben ihr, hielt sie fest und gab ihr einen Kuß.

Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht." Aber trotz solcher Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, Während sie die Garde-Schnarrstimme nachahmte:Parademarsch... frei weg" und ergötzte sich an den bewundernden unb nicht enbenwollenben Ausrufen, Womit bie gute Frau Dörr bas Spiel begleitete.

Is es zu glauben?" sagte diese.Nein, es is nich zu glauben. Und immer so un nie anbers. Un wenn ich denn an meinen denke. Nicht zu glauben, sag ich. Unb war boch auch einer. Und tat auch immer so."

Was meint sie nur?" fragte Botho leise. .

O, sie denkt wieder... Aber, du Weißt ja... Ich habe bn ja davon "^Ach, das ist es. Der. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein."

Wer weiß. Zuletzt ist einer wie ber andere."

Meinst bu?"

,Nein." Unb babei schüttelte sie den Kops, unb tn ihrem Auge lag etwas von Weichheit und Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht auf­kommen lassen unb sagte deshalb rasch:Singen wir, Frau Dörr. Singen Wir. Aber was?"

Morgenrot..." , ,

Nein, das nicht... Morgen in das kühle Grab', das ,st mir zu traurig. Nein, singen wir: ,Uebers Jahr, übers Jahr', ober noch lieber: ,Denkst bu daran.'" . . . ,,

Ja, das is recht, bas is schön; das is mein Leib- unb Magenlieb.

Unb mit gut eingeübter Stimme sangen alle brei bas Lieblingslied der Frau Dörr, und man war schon bis in die Nähe ber Gärtnerei gekommen, als es noch immer über bas Feld hinklang:Ich denke dran... ich danke dir mein Leben", unb bann von ber anbren Wegseite her, Wo die lange Reihe ber Schuppen unb Remisen fianb, im Echo wibetijallte.

Die Dörr War überglücklich. Aber Lene unb Botho Waren ernst geworben. Zehntes Kapitel.

Es buntelte schon, als man roieber vor ber Wohnung ber Frau Nimptsch War, unb Botho, ber seine Heiterkeit unb gute Laune rasch zurückgewonnen hatte, wollte nur einen Augenblick noch mit hineinsehen und sich gleich banach verabschieben. Als ihn Lene jeboch an allerlei Versprechungen unb Frau Dörr mit Betonung unb Augenspiel an bas noch ausstehende Vieftieb- chen erinnerte, gab er nach und entschloß sich, den Abenb über zu bleiben.

Das is recht", sagte bie Dörr.Und ich bleibe nun auch. Das heißt, wenn ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht störe. Denn man kann doch nie wissen. Unb ich will bloß noch ben Hut nach Haufe bringen und den Umhang. Und denn komm ich wieder."

Gewiß müssen Sie wiederkommen'', sagte Botho, während er ihr bie Hand gab.So jung kommen wir nicht roieber zusammen."

Nein, nein, lachte bie Dörr,so jung kommen wir nich wieber zusammen. Un is auch eigentlich ganz unmöglich, un wenn Wir auch morgen schon roieber zusammenkämen. Denn ein Tag is boch immer ein Tag unb macht auch schon was aus. Unb beshalb is es ganz richtig, daß Wir so jung nich roieber zusammenkommen. Und muß sich jeder gefallen lassen."

In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter, unb die von niemandem bestrittene Tatsache des täglichen Aelterwerdens gefiel ihr so, daß sie dieselbe noch einige Male wiederholte. Dann erst ging sie. Lene begleitete sie bis auf den Flur, Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte, während er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing,ob sie noch böse sei, daß er die Lene wieder auf ein paar Stunden entführt habe? Aber es sei so hübsch gewesen, und oben auf dem Peden- Haufen, wo sie sich ausgeruht unb geplaudert hätten, hätten sie der Zeit ganz vergessen."

Ja, bie Glücklichen vergessen die Zeit", sagte die Alte.Unb bie Jugenb is glücklich, un is auch gut so un soll so sein. Aber wenn man alt wirb, lieber Herr Baron, ba werben einen bie Stunden lang un man wünscht sich die Tage fort un das Leben auch."

Ach, das sagen Sie so, Mütterchen. Alt ober jung, eigentlich lebt boch jeder gern. Nicht wahr, Lene, Wir leben gern?'

Lene war eben roieber vorn Flur her in bie Aube getreten unb lief,