Oie Gräber der Gefallenen.
Non Heinrich Frank*.
Stiller, sanfter Psad:
Zu den schmalen Hügeln geleitest du Der Gefallenen — Den Kränzen nah, Aber näher dem Herzen der Lebenden!
Ins magere Holz geschnitten Sind eure Namen, Freunde! Wann euch der Engel rief, Deutet das karge Wort.
Aber längst
Entwuchs den Hügeln Unvergänglicher Lorbeer! Aus euren Gräbern, Brüder, Sprecht ihr zu uns.
Oer Abschied.
Bon Karl Benno von Mechow.
Aus Anlaß des Heldengedenktages entnehmen wir dem im Albert Langen / Georg Müller Verlag in München erschienenen Buche „Kriegsdichter erzählen" den folgenden Beitrag.
Nacht ist es. Die Schützen sitzen wieder aus den Pferden und reiten an. ziele Sättel bleiben leer. Nacht ist es, man sieht nicht, welche Pferde keinen Leiter mehr haben. Man weiß nichts voneinander.
Vorne ruft einer „ijalt!". Vorne ruft einer „Anreiten!". Es ist Keften- brgs Stimme. Von Lux hört man kein Wort, kein Fauchen und Toben mb erregtes Machen. Von Lux sagt einer, er sei durch Kopfschuß ver- rundet. Der Regen fällt dichter, und niemand redet. Man muß reiten; Ostenberg gibt mit ruhiger Stimme den Befehl. Man reitet und weiß nchts voneinander ...
Die Nacht brachte keine Ruhe, keine Minute für den Schlaf. Die Nacht trat brausende Flucht. Sie fuhren im Stechtrab durch dichte Wälder, aeglos unter tiefen Aesten hinweg und erhielten manchen Rutenschlag ins Besicht. Schwer hielten sie sich im Sattel.
Die Gegend, die der neue Tag sparsam erhellte, sie erschien ihnen bitannt. Sie hatten sie gestern schon einmal gesehen, und dort, gar nicht irn lag die Weite des großen Gefechtes. Sie waren geritten die ganze fadjt und nicht von der Stelle gekommen! So war es oft, was fcherte es [ii! Es regnete, und sie ritten. ,
Sie fahen jetzt, wer fehlte auf den ledigen Gäulen. Sie fahen jetzt, daß tut der Queue Georg Helmers das schöne Pferd Quinze an der Hand schrie. Es zockelte mit krummen Hals, ging keinen Augenblick Schritt.
Sie hörten von Lux, daß er lebte. Tief und schwer hätte er geatmet utter seinem riesigen Kopfverband. Wer atmet, lebt! Wer hat etwas da qiyen zu sagen! Wer ! — Nein, niemand sagt etwas dagegen, niemand tgt, daß er feine Hoffnung mehr hat. Es gibt viele Arten zu leben, zu irben. So und so . Und Lux wird leben.
So reden die, die dort immer noch leben und reiten. Ihr Mund redet 5i, ihre Gedanken sagen Nein. Der Mensch hat seinen Mund, um das, ras er denkt, zu verbergen. Griesbart bekam eine Kugel durch den Hals mb erstickte. Aber Lux wird leben.
Es ist Tag, und mir reiten immer noch ungestört? — Nun ja, wir fr: ben dem Zaren gestern feine Schimmelbrigade zerballert, und heute fr den wir frei. Es regnet, wir haben frei. Wegen ungünstiger Witterung it der Krieg auf den folgenden Tag verschoben. Haha? Man mag nicht Irfjen. Lux hätte gewiß, ritt er jetzt auf Quinze die Marschkolonne herauf, diesen dummen Scherz gemacht. Und dann hätten wir gelacht!
Was ist mit Kestenberg? Man hört nichts von ihm als fein stilles ,fr,alt!", fein stilles „Anreiten!". Kestenberg, was soll er tun? Er singt nicht gerade Frühlingslieder angesichts dieses regnenden Herbstes, wie es »elleidjt Plön getan hätte. Er bleibt, der er ist: wacker und langweilig. 5im fehlt das zündende Leben.
Plön, vor ihm aber noch Lux, — sie waren unsere Führer, sie waren 5 ihrer. Gut ist es hinter Führern zu reiten im Abenteuer ...
Sie ritten um einen Hügel und sahen ein neues Stück Land. Nichts fr feite ihren Blick in dieser neuen Landschaft, nichts anderes als ein ?'dhaufen aus frischem Sand. Gelb blieb der Sand auch im strömenden fegen. Seitwärts auf dem Hügel, hoch über ihrem Wege, war er zu thetn Hausen geschichtet. „ _. .
Der Kommandeur kam geritten, und der Doktor folgte ihm. Sie tarnen fr rt von dem Hügel geritten. Des Arztes Gesicht war weiß über dem !ii ifchwarzen Bart. Etwas hilflos, wie immer, steuerte er feinen Fuchs, lene Augen griffen nicht nach den Menschen. Er schien in die weite Ferne !> blicken, nach den Dächern eines märkischen Dorfes Lugau.
Die beiden hielten und warteten auf die erste Schwadron. Sie sprachen mit Kestenberg ein Wort, und dieser gab es an die Tete meiter: *
„Erste Schwadron, dort oben ist euer Rittmeister begraben. Ja.
Machte er Worte, dieser Kestenberg? Hielt er eine Ansprache etwa so: Curt ruht Rittmeister Freiherr von Gerten, Chef usw., gefallen am K- September 1915, hier in der Wildnis, im Lande um Wilna, beim
* Dieses Gedicht ist mit Erlaubnis der Schriftleitung dem März-Heft frr Zeitschrift „Das Innere Reich" entnommen.
Orte Weihnichtwie, ein Reiter, ein Whrer, ein Mensch! — Sagte .Kestenberg dies? — Nein. Können uns rMt erinnern.
Ein Reiter, ein Mensch, — ein Held? — Nein, nein, gewiß nicht. Dies Wort ist nicht für unsere Sprache, lieber dieses Wort spottete am allermeisten unser Lux, dieser Mensch, von Anfang nicht bester als alle. Aber eine Gnade lag über seinem Sieben, lieh aus der Gärung am End» eine Glorie steigen. Es war ihm vergönnt, sein Leben fertig zu leben —« wenn er auch Lugau nicht wiedersah.
Ein Führer, ein Reiter, kurzerhand: Lux.
Nahm man sich Zeit, gab es einen Aufenthalt, eine Ehrung nach Sitte und Gewohnheit? — Nein, können uns nicht erinnern. Die Schwadron blieb im Reiten, zog im Schritt fünfzig Meter entfernt am Grabe ihres Führers vorbei. Die Schwadron ist klein, viele lebige Pferde gehen an der Hand. Die Reiter sind müde, aber sie straffen den Oberkörper, sie kneifen die Schulterblätter zusammen, sie drücken das Kinn gegen die Binde. Sie legen die Lanze nach Vorschrift auf Lende, die Spitze dicht neben dem rechten Pferdeohr. Die linke Faust steht in Nabelhöhe über dem Widerrist, und die Pferde ziehen sich zwischen Schenkel und Zügel zusammen, geben ihren steifen Hals her und gehen wie bei der Parade.
Die Reiter nehmen die Augen nach rechts. Ein gelber Haufen Sand beherrscht den Hügel.
Die Reiter wenden die Köpfe wieder nach vorn, sie schweigen und reiten ihren Weg, ihren Weg.
Unter allen Krenzen...
Von Lucie Rohmer-Heilscher. Unter allen Kreuzen, Die in Polen stehn, Muß nun meine Liebe Deines suchen gehn.
Jst's im Friedhofsgarten, Wo die Glocke klingt, Oder tief im Walde, Wo die Drostei singt,
Ober auf bem gelbe, Rings von Himmelslicht (Selben eingewoben?
Ach, ich weih es nicht.
Abends, wenn bie Lichter Ausgelöfcht im Haus, Ruh' ich von ben Qualen Meiner Ruhe aus.
Denke, bah ich schreite Leis von Grab zu Grab, Unb ich streichle jebes, Weil ich bein's nicht hab'.
Wirb ja deines, Liebster, Auch darunter fein, Ihrer sind fo viele, Das gibt .Stillesein.
Möcht' dir Blumen bringen Unb ein Wachslichtlein, Bitt' für bich ben Herrgott, Unb bann schlaf ich ein.
3m «-Entenschnabel" von Kamerun.
Don Eva Mac Lean.
Ich bin im „Entenschnabel" von Kamerun. Auf bet Lanbkarte steht dieser nörblichste Teil bes Manbatsgebietes wie ein Tierkopf mit einer langen Nase aus, unb bie Franzosen nennen ihn „Antilopenkops".
Es ist brüllend heiß hier. Unter dem Atemhauch der nahen Sahara ist ein ganzes Binnenmeer im Begriff, auszutrocknen, der gewaltige Tschadsee, der von Jahr zu Jahr wasserärmer wird. Aber Baumwolle wächst in der Ebene so viel, daß immer neue Speicher gebaut werden müssen, um die Fülle zu bergen. Betriebsame Städte gibt es hier, Garua, Mama Mora, an die hunderttausend Einwohner darin, alles Negervolk, das unter der Herrschaft der Fulbe steht, eines Eroberervolkes, das bie Eingeborenen zwang, Mohammedaner zu werden.
An einem Nachmittag um drei Ubr kam ich in Mora an. Es ist em» alte deutsche Station, am Fuß des steinigen Mandara-Gebirges gelegen, ganz früher ein Sultansplatz mit befestigten Wällen, Gräben unb Türmen aus Lehm. „ , v ,
Heute refibiert ein französischer Leutnant bort unb ein Felbwebel —, in bem alten beutschen Stationsgcbäube.
Der Leutnant mager, vom Fieber verzehrt, aber gastfrei unb hilfsbereit wie jeher wirkliche Afrikaner. Der Felbwebel, eine richtige Kompaniemutter, bick unb munter, und selbst in dieser Trostlosigkeit mit seinem Schicksal zufrieden. Sein Vorgänger ist vor einem halben Jahr am Selben Fieber gestorben, die Frau bes Leutnants ist boruber vor Angst nervenkrank geworben unb in bie Heimat zurückgelchickt. Der Leutnant geht in sechsunbsünfzig Tagen in Urlaub Dies teilt er uns mit, nochbem wir uns fünf Minuten unterhalten hatten. Aber ich begriff, baß dies für ihn augenblicklich bas Wichtiaste war, was er mitzuteilen hatte.
In ber Nacht kam ein Tornabo. Es war wie am Jüngsten Tag. Irl ben nahen Bergen hallten bie Donnerschläge wiber, ber Himmel riß in feurigen Bächen auf, unb Wellblechscheiben von Zentnergewicht flatterten im Sturm wie Papierbogen über bie Straße. Ich war von ben ersten ungestümen Winbstöhen, die mein Moskitonetz wie eine Fahne blähten.


