SiehenerZanMenblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1939 Zreitag, den 10. März Nummer 20
Ortungen Wirrungen
Roman Son Theodor Montane
4. Fortsetzung.
„Sie kennen sie?"
„Gewiß. Wundervolle Flachsblondine mit Vergißmeinnichtaugen, aber «trotzdem nicht sentimental, weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei -er Zülow in Pension und wurde mit vierzehn schon umkurt und um» worben."
„In der Pension?"
„Nicht direkt und nicht alltags, aber doch Sonntags, wenn sie beim ölten Osten zu Tische war, demselben, von dem Sie jetzt Herkommen. Läthe, Käthe Sellenthin... sie war damals wie ne Bachstelze, und wir mannten sie so und war der reizendste Backfisch, den Sie sich denken können. Ich seh noch ihren Haardutt, den wir immer den Wocken nannten. Und den soll Rienäcker nun abspinnen? Nun, warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht werden."
„Am Ende doch schwerer, als mancher denkt", antwortete Wedell. „Unb so gewiß er der Aufbesserung feiner Finanzen bedarf, so bin ich doch nicht sicher, daß er sich für die blonde Speziallandsmännin ohne weiteres entscheiden wird. Rienäcker ist nämlich seit einiger Zeit in einen anderen Farbenton, und zwar ins Aschfarbene, gefallen, und wenn es wahr ist, was mir Balafrö neulich sagte, so hat er sich's ganz ernsthaft überlegt, ob er nicht seine Weißzeugdanw zur weißen Dame erheben soll. Schloß Avenel »der Schloß Zehden macht ihm keinen Unterschied, Schloß ist Schloß, mnd Sie wissen, Rienäcker, der überhaupt in manchem seinen eignen Weg geht, war immer fürs Natürliche."
„Ja", lachte Pitt. „Das war er. Aber Balafre schneidet aus und erfindet sich interessante Geschichten. Sie find nüchtern, Wedell, und werden doch jolch erfundenes Zeug nicht glauben wollen."
„Nein, Erfundenes nicht", sagte Wedell. „Aber ich glaube, was ich weiß. Rienäcker, trotz feiner fechs Fuß oder vielleicht auch grade deshalb, ist schwach Binb bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte."
„Das ist er. Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen, und er wird siich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh, und ein Stückchen Leben bleibt dran hängen. Aber das Haupt- ktück ist doch wieder heraus, wieder frei. Vive Käthe. Und Rienäcker! Wie lagt das Sprichwort: ,Mit den Klugen ist Gott.'"
Neuntes Kapitel.
Botho schrieb denselben Abend noch an Lene, daß er am andern Tage kommen würde, vielleicht schon früher als gewöhnlich. Und er hielt Wort und war eine Stunde vor Sonnenuntergang da. Natürlich fand er auch Frau Dörr. Es war eine prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: „Wir könnten vielleicht in den Garten gehen."
„Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?"
Lene lachte. „Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den Hinterhalt gelegt, und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumengirlande wird dir nicht in den Weg treten."
„Also wohin, Lene?"
„Bloß ins Feld, ins Grüne, wo du nichts haben wirst als Gänseblümchen und mich. Und vielleicht auch Frau Dörr, wenn sie die Güte haben will, »ns zu begleiten."
„Ob sie will", sagte Frau Dörr. „Gewiß will sie. Große Ehre. Aber man muß sich doch erst ein bißchen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.'
„Nicht nötig, Frau Dörr, wir holen Sie ab."
Und so geschah es, und als das junge Paar eine Viertelstunde spater auf den Garten zuschritt, stand Frau Dörr schon an der Tür, einen Umhang überm Arm und einen prachtvollen Hut auf dem Kopf, ein Geschenk Dörrs, der, wie alle Geizhälse, mitunter etwas lächerlich Teures kaufte.
Botho sagte der so Herausgeputzten etwas Schmeichelhaftes, und gleich danach gingen alle drei den Gang hinunter und traten durch em verstecktes Seitenpsörtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier, wenigstens zunächst noch und ehe er weiter abwärts in das freie Wiesengrün einbog, an dem An seiner Aiißeilseite hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun hsnlief.
„Hier bleiben wir", sagte Lene. „Das ist der hübscheste Weg und der einsamste. Da kommt niemand." ...... . ,,
Und wirklich, es war der eiilfamste Weg, um vieles stiller und Menschen» eerer als drei, vier andere, die parallel mit ihm über die Wiese hm auf Wilmersdorf zuführten und zum Teil ein eigentümliches Vorstadtleben l eigten. An dem einen dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen •enen reckartige, wie für Turner bestimmte Gerüste standen und Bothos Neugier weckten; aber ehe er noch erkunden konnte, was es denn eigentlich
sei, gab ihm das Tun drüben auch schon Antwort auf feine Frage: Decken und Teppiche wurden über die Gerüste hin ausgebreitet, und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen nut großen Rohrstöcken, so daß der Weg drüben alsbald in einer Staubwolke lag.
Botho wies darauf hin und wollte sich eben mit Frau Dörr in ein Gespräch Über den Wert oder Unwert der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte besehen, doch bloß Staubfänger seien, „und wenn einer nicht feit auf der Brust fei, so hätt er die Schwindsucht weg, er wisse nicht wie . Mitten im Satz aber brach er ab, weil der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblicke an einer Stelle vorüberführte, wo der Schutt einer Bildhauerwerkstatt abgeladen fein mußte, denn allerhand Stuckornamente, namentlich Engelsköpfe, lagen in großer Zahl umher.
„Das ist ein Engelskopf", sagte Botho. „Sehen Sie, Frau Dörr, unb hier ist sogar ein geflügelter."
„Ja", sagte Frau Dörr. „Unb ein Pausback bazu. Aber is es denn ein Engel? Ich denke, wenn er so klein is und Flügel hat, heißt er Amor."
„Amor oder Engel", sagte Botho, „das ist immer dasselbe. Fragen Sie nur Lene, die wird es bestätigen. Richt wahr, Lene?"
Lene tat empfindlich, aber er nahm ihre Hand, und alles war wieder gut.
Unmittelbar hinter dem Schutthaufen bog der Pfad nach links hin ab und mündete gleich danach in einen etwas größeren Feldweg ein, dessen Pappelweiden eben blühten und ihre flockenartigen Kätzchen über die Wiese hin ausstreuten, auf der sie nun wie gezupfte Watte dalagen.
„Sieh, Lene", sagte Frau Dörr, „weißt du denn, daß sie jetzt Betten damit stopfen, ganz wie mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle."
„Ja, ich weiß, Frau Dörr. Und ich freue mich immer, wenn die Leute so was ausfinden und sich zunutze machen. Aber für Sie wär es nichts."
„Rein, Lene, für mich wär es nid). Da hast du recht. Ich bin fo mehr fürs Feste, für Pferdehaar und Sprungfedern, und wenn es denn so
wuppt..."
„O ja", sagte Lene, der diese Beschreibung etwas ängstlich zu werden anfing. „Ich fürchte bloß, daß wir Regen kriegen. Hören Sie nur die Fröfche, Frau Dörr."
„Ja, die Poggen", bestätigte diese. „Nachts ist es mitunter ein Gequäke, daß man nicht schlafen kann. Und woher kommt es? Weil hier alles Sumps is und bloß so tut, als ob es Wiese wäre. Sieh doch den Tümpel an, wo der Storch steht und guckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er nich. Da könnt er lange sehn. Und is auch recht gut so."
„Wir müssen am Ende doch wohl umkehren", sagte Lene verlegen, und eigentlich nur, um etwas zu sagen.
„I bewahre", lachte Frau Dörr. „Run erst recht nich, Lene; du wirst dich doch nicht graulen und noch dazu vor so was. Adebar, du guter, bring mir ... Oder soll ich lieber fingen: Adebar, du bester?"
So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau Dörr brauchte Zeit, um von einem solchen Lieblingsthema wieder loszukommen.
Endlich war aber doch eine Pause da, während welcher man in langsamem Tempo weikerschritt, bis man zuletzt an einen Höhenrücken kam, der sich hier plateanarkig von der Spree nach der Havel hinüberzieht. An eben dieser Stelle hörten auch die Wiesen auf, und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf zogen.
„Nun bloß da noch rauf", fagte Frau Dörr, „und dann setzen wir uns und pflücken Butterblumen und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das macht immer soviel Spaß, wenn man den einen Stengel in den andern piekt, bis der Kranz fertig is oder die Kette."
, Wohl, wohl", sagte Lene, der es heute befchieden war, aus kleinen Verlegenheiten gar nicht herauszukommen. „Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie, Frau Dörr; hier geht der Weg.", ,
Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich, eben angekommen, auf einen hier feit letztem Herbst schon aus Peden und Nesseln zusammengekarrten Unkrauthaufen. Dieser Pedenhaufen war ein prächtiger Ruheplatz, zugleich auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man über einen von Werst und Weiden eingefaßten Graben hin nicht nut die nördliche Häuserreihe von Wilmersdorf überblicken, sondern auch von einer benachbarten Kegelbahntabagie her das Fallen bet Kegel unb vor allem das Zurückrollen ber Kugel auf zwei klapprigen Satten in aller Deutlichkeit hören konnte. Lene vergnügte sich über die Maßen barüber, nahm Bothos Hand unb sagte: „Sieh, Botho, ich weiß so gut Bescheib damit (benn als Kinb wohnten wir auch neben einer solchen Tabagief, baß ich, wenn ich bie Kugel bloß auffetzen höre, gleich weiß, wieviel sie machen
wird."
„Nun", fagte Botho, „da können wir ja wetten."
„Und um was?"
„Das findet fich."
„Gut. Aber ich brauch es nur dreimal zu treffen, und wenn ich schweige, fo zählt es nicht."
„Bin es zufrieden." . .
Und nun horchten alle drei hinüber, und bte mit jebem Moment erregtet werdende Frau Dörr verschwor fich hoch und teuer, ihr puppte das Herz,


