Ausgabe 
10.2.1939
 
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sitzen Frauen und murmeln Gebete. Aus irgendeiner Se^nkapelle (es sind 26!) läutet ein Glöcklein. Dort wird ine Messe gelesen. Wechrauchdust durchzieht das hohe, feierlich ernste Gebäude. Nach Sudwesten schließt sich ein herrlicher Kreuzgang an, daneben sehen wir ein Idyll: Enten und Schwäne schwimmen aus einem kleinen, von Palmen umschatteten Teiche!

Sehr ost sehen wir auf den Straßen und in den Kaffeehausern kleine Kapellen blinder Musiker. Sie ziehen von Cafe zu Cafe und spielen ihre ernsten und lustigen Weisen. Die Stadt läßt sie auf ihre Kosten ausbilden nachher verdienen sie sich ihr Brot selbst. In keinem Lande gibt es so viel Blinde wie in Spanien. Es mag dies mit dem (besonders im Innern des Landes) starken Temperaturwechsel zusammenhängen. An den Schutz der Augen denkt der Spanier nicht. Er tritt aus der heißen blendenden Sonne in die düstere Kühle der Kirche und verrichtet sein Gebet. Darunter müssen natürlich die Augen leiden. Schwere Erkrankungen, zuletzt die Blindheit, sind di« Folgen.

Im Südwesten wird Barcelona von dem M o n t j u i ch, der befestigt ist, überragt. Von dort hat man eine prächtige Aussicht auf das weiße Häusermeer der Stadt, die dunklen Berge und das blaue Mittelländische Meer. Hinter dem Montjuich liegt der Friedhof (Cementario del Oeste).

Von der weihevollen Stimmung, die uns auf deutschen Friedhöfen sogleich umgibt, fühlt man hier nichts. Es ist alles kahl, nur hier und da hängt an einer Mauerluke ein verdorrter Kranz, und daneben brennt ein kleines Lichtlein. Die Särge werden nicht in die Erde gesenkt, sondern in kleinen Zellen eingemauert, immer sieben übereinander. Daher wandelt man auf diesem Friedhof wie zwischen langen Häuserreihen umher. In einem besonderen Teil sind die Familiengräber der reichen Familien. Da sah man herrliche Anlagen und schöne Grabdenkmäler. Für die Ausländer ist ein besonderer Friedhof angelegt. Besonders viele deutsche Namen las ich dort.

Das erste Kommando.

Eine Geschichte von Waldemar Keller.

Jawohl, ich habe schon ein Kommando gehabt, sagte Viggo Larsen, als wir irgendwo am Hafen von Newcastle in Ostausträlien beim Tee saßen, und das ist eine wunderschöne Geschichte. Aber ich erzähle sie nicht gern. Es gibt Erlebnisse, die sind so haarsträubend unwahrscheinlich, daß man für einen Aufschneider gehalten wird, wenn man davon plau­dert. Nun sitzen hier ja keine Landratten am Tisch, jeder weiß sein Garn zu spinnen trotz der jungen Jahre, immerhin mißtraue ich eurer Willig­keit, mir zu glauben. Ihr müßt also zunächst einmal in die Hand ver­sprechen, dumme Bemerkungen zu unterlassen. Wollt ihr das? Gut. Hört zu.

Es war im vorigen September, ich hatte gerade meinen neunzehnten Geburtstag gefeiert, und zwar mit chilenischem Rotwein, denn das Voll­schiffAlmora" lag draußen vor Pisagua und wartete auf die Salpeter­ladung. Am folgenden Sonntagmorgen sagte der Alte uns beiden Boots­gästen, wir sollten ihn nachmittags um halb fünf von Land abholen; unsere Freizeit routoe dadurch beschränkt, zumal das Boot, der Mann­schaft halber, noch'mehrmals hin und her fahren mußte. Wir beschlossen deshalb, für heute auf kühles Bier zu verzichten und lieber ein bißchen zu aßgeln. Mir fiel es nicht schwer, ich war sehr knapp bei Kasse, und Piek durfte keine Meinung haben, wenn ich eine hatte. Piet, klein und rotbäckig, stammte aus Rotterdam. Er wurde an Bord der Fliegende Hol­länder genannt, weil er täglich mindestens einmal entweder aus der Kammer des Ersten Steuermanns ober aus dem Kartenhaus hinausflog. Sie liehen ihn Messing putzen, Kleider bürsten, den Sofabelag klopfen, und immer machte er was falsch. Piet war ein Trottel, aber ein guter.

Zum Fischen wollte ich Sanchez mithaben, einen fünfzehnjährigen Jungen, der auf den Kohlenleichtern beschäftigt gewesen war und nun herumbummelte. Er besuchte uns oft, auch an diesem Sonntag. Ihr wißt, die Eingeborenen verstehen meisterhaft mit der Harpune umzugehen; ein solcher Kerl im Boot ließ einen guten Fang erhoffen. Sanchez sagte lachend zu, der Steuermann hatte nichts gegen die Benutzung bei Gig einzuwenden, doch konnten wir erst um drei Uhr hinausrudern, nachdem die letzten Landurlauber verfrachtet waren.

Ich, für meine Perfon, hatte es auf Tintenfische abgesehen, rein zum Spaß. Tintenfische haben einen starken Schnabel, den gewöhnlichen Angel­schnüren traute ich nicht recht, die Leine mußte von größerer Wider­standskraft sein. Der Zimmermann besaß das, was ich suchte, ein aus Schiemannsgarn gedrehtes Ende, etwa zehn Meter lang, mit einem Stück Kette und einem kräftigen Haken dran. Weil ich in der vergangenen Woche eine Flasche Pisco für ihn eingeschmuggelt hatte, lieh er mir das Gerät, und meine Jagdabfichten schienen somit außerordentlich begünstigt.

Bis gegen vier geschah nichts Besonderes. Die See war glatt wie ein Delteid), herzlos brannte die Sonne auf unser« Sombreros. Piek zuckte und ruckte an feinem Schnürchen ohne den geringsten Erfolg, Sanchez hatte wohl ein paar Goldbarsche gespießt, doch Tintenfisch« ließen sich überhaupt nicht blicken. Meine Ausdauer erlahmte, immer wieder sah ich nach der Uhr, um einen Vorwand zur Rückkehr zu finden. Jetzt war es gleich soweit. Punkt halb fünf mußten wir am Landungssteg sein, da gab es kein Entrinnen.

Plötzlich spüre ich an meiner ausgeworfenen Angel einen heftigen Biß, das geteerte Tau läuft mir schmerzend -urch die Finger, ich schlinge es rasch um die Bootsducht und glaube damit den Fisch zu stoppen. Hat sich was! Die Nase des Bootes wird in die See gedrückt, das Vieh saust ab mit uns. Vierzehn Knoten Fahrt, sag' ich euch! Wir sind stumm vor Ueberraschung, nur ein Gurgeln hab' ich heroorgebracht. Dann aber schreit Sanchez:Tiburün!", und dieses Wort schlägt in mich ein wie der elek­trische Strom.

Ein Hail An meiner Angel ist ein Hail Ich zitter« am ganzen Körper.

Nicht Furcht macht mich erbeben, sondern der wilde Rausch des Aben­teuers. Die Armbanduhr ist vergessen. Und selbst, als Piet zu schreien anfängt-Kapp die Leine! Wir müssen den Alten abholen! , regt sich nicht das leiseste Gefühl der Pflicht. Wir kommen schon noch zur Zeit, Ruhe vorderhand. Maul gehalten! Die glänzenden Augen von Sanchez bestätigen mich. Rücksichtslos übernehme ich das Kommando.

Es ist schwer zu begreifen, warum der Hai nicht tiefer taucht; das hab' ich auch nachher nie begriffen. Manchmal kommt er sogar an die Oberfläche, bäumt sich, peitscht das Wasser zu Schaum. Die rasende Fahrt bricht dann unvermittelt ab, das Boot jedoch schießt weiter und schlingert in bedrohlicher Nähe des kämpfenden Tieres. Sanchez steht mit der Harpune bereit, wirft auch zwei- oder dreimal, trifft aber nicht. Kein Wunder. Es ist vor Gischt und funkelndem Sprühregen fast kaum etwas zu erkennen. Immerhin muß er den Hai gestreift haben, denn sobald die Flucht von neuem beginnt, zieht eine Blutfahne durch die blaue See.

Piet hockt auf dem Boden der Gig und klammert sich an die Mittel­ducht.Willst du mit dem Vieh nach Australien fahren?" schreit er.Kapp die Seine. Mensch!" Er hat recht, der Hai hält aufs offene Meer zu, die Bucht von Pisagua liegt in ihrer ganzen Breite hinter uns, so wie mir sie von Bord der ankommendenAlmora" erblickt hatten. Trotzdem denke ich nicht daran, den Fang aufzugeben. Wer hat hier das Kommando? Piet muß schweigen. ... _

Ich stehe vorn im Boot, den linken Fuß gegen die Spitze gestemmt, und versuche die Leine einzuholen. Sanchez lacht. Er weiß, die Bemühung ist vergeblich. Sein Lachen macht mich wütend.Faß zu!" brüll ich ihn an. Und er gehorcht, wenn auch kopfschüttelnd. Heimlich wundere ich mich, daß die Leine noch nicht gerissen ist. Geflochtenes Schiemannsgarn, Jun- gens! Ein Hai fest an geflochtenem Schiemannsgarn und einen Tinten­fischhaken! , ,

Es ist ein ganz hichfcher Bengel, ungefähr feine vier Meter lang; wenigstens haben wir ihn beim Auftauchen so abgeschätzt. Gar tem Zweifel, wer von uns Endsieger bleiben wird, wenn der Fisch diese Rich­tung beibehält. Müde kriegen mir den erst bei den Marquesas-Jnseln, und das können wir uns wirklich nicht leisten. Also muß irgendwann getappt roetben. Ich fühle schon zaghaft nach dem ©ürtelmeffer, da ändert sich die Situation unerwartet: der stürmende Hai beschreibt einen weiten Bogen und rast mit seinem Schlepp nach Pisagua zurück.

Piets großer Augenblick ist gekommen, er wird vergnügt und damit frech. Richtig Angst hat er nicht gehabt oder doch nur Angst vor dem Alten. Jetzt, wo es heimwärts geht, erwacht seine Anglerleidenschast Hol ein die Leine, hol ein!" bläkt er mir im Rücken, als ob wir, San­chez und ich, nicht schon übermenschliche Anstrengungen gemacht hätten. Piet will sogar zugreifen, er hat sich nach vorn gewagt, bekommt aber von mir einen Knuff, der ihn auf den alten Platz befördert, hinter die Mittelduckst. Beine hoch liegt er da und schimpft mörderlich. Am besten, man hört gar nicht hin. Es ist wie Meuterei. Aber Sanchez, neben mir, meutert nicht, und das stählt meinen Mut und kühlt den Zorn.

Der Hai fährt Achterschleifen mit uns. Dabei kommt er der Reede von Pisagua näher und näher, in ein paar Minuten muß das Boot an det Almora" vorüberrauschen. In Rufweite von der ,Almora" liegt die deutsche BarkHelios", etwas entfernter ankert der ItalienerFrancesco Giampa" und dann ein französischer Viermaster. Wird sie gut ablaufen, diese tolle Schleifenfahrt rdnb um die stillen Schiffe? ...

Die Schiffe sind gar nicht still; Sanchez macht mich darauf aufmerksam- Was an Bord geblieben ist, lagert an der Reeling, schreit und gestikuliert. Am Ufer und besonders auf der Landungsbrücke find dicke Menschenhaufen erkennbar. Ein Hai fährt drei Jungens spazieren Sensation in Pisagua! Ich rede mir gar nichts ein, ich weiß ganz genau: so ähnlich werden die Leute sprechen, wenn di« Sache schief geht. Darum beharre ich eisern aus meinem Kommandoposten, rufe Piet herbei, und alle sechs 5)änbe ver­suchen durch Einholen die Seine zu kürzen. Umsonst! Dicht an der Anker­kette derAlmora" fliegen Hai und Boot vorbei, der Erste steht auf der Back und schüttelt die Faust, mir ist, als rutsche ein Eiszapfen zwischen den Schulterblättern hinunter.

Wie weit, um Gottes willen, schwimmt denn dieses Vieh ans Sand heran?! Es hat schon den Franzosen passiert, der dem Hafenort am r .chsten liegt, kehrt wieder um, schleudert das Boot im Kreise und fegt mit höchster Geschwindigkeit, ganz nah der Küstenlinie folgend, auf die Breitseite der in die Bucht hinausgebauten Anlegebrücke zu.

Ein Teufel fitzt in dem Hai, ein berechnender Teufel! Er hat gut aus* kalkuliert, wie er uns loswerden kann. Denn nun bleibt nichts übrig als tappen oder das Boot zerschmettert an den Pfählen der Brücke. Aber es soll doch in allerletzter Minute geschehen; das fordert mein Ehrgeiz. Sinn« los schnellt die Gig aus das Pfahlwerk zu, die Menschen drängen sich oben hinter dem Geländer, toben, jauchzen, pfeifen, ein Sput am hellichten Tag, der größer und größer vor uns auflebt. Jetzt schießt der Hai pfeil­geschwind in das Gewirr der baumstarken eingerammten Pfosten hinein, bas bereit gehaltene Messer zerschneidet die Seine, Sanchez lenkt das aus- laufende Boot mit festem Riemendruck nach Steuerbord, und elegant legen wir an der Treppe an, wo unser Alter steht und auf die Uebersahtt wartet. Die Uhr ist genau halb fünf.

Vollkommen wahrheitsgemäß habe ich berichtet so schloß Bigge seine Erzählung , und deshalb will ich auch am Ende nicht lügen. Ich habe eine mächtige Maulschelle bekommen, aber nicht vom Kapitän und nuht oom Erstem sondern vom Zimmermann, dessen Angelleine mit dem ftai im Stillen Ozean verschwunden war. Der Alte nannte mich von der Stunde an nur noch Kapitän 2lhab. Bis vor wenigen Wochen wußte ich nicht, was das bedeuten soll. Von dem Doktor, der mir den vereiterten tfinger auftchnitt, horte ich zum erstenmal, Kapitän Schab sei die Haupt- person eines amerikanischen Romans. Er hat den weißen Wal Mahn Dick gejagt und muß sich dabei ja ungefähr benommen haben wie ein gewisser Sarsen Am meisten freut mich, daß der Alte in mir einen Kollegen sah, als er den Spitznamen gab. Wenn der Hai auch entwischte egal, es mar mein erstes Kommando, und ich bin gern Kapitän Ahab gewesen.

Verantwortlich: Dr. Sans Thyrivt. - Druck und Verlag: Vrühllche UniversttätSdruckeret «.Lange, Gießen.