Der kleine, tatenlustigc Leutnant zweifelte an der Kriegskunst seiner Oberen, lag beleidigt im Grafe, hatte eine Kornblume zwischen den Lippen, blinzelte in den dunstigen, glutheißen Himmel hinauf und hörte die Hummeln über sich brummen. Man hatte ihm zwar gestern gesagt, er würde nach Möglichkeit heute vormittag abgelöst werden. Aber das kannte er schon. Wütend klatschte er zwei Bremsen tot, die aus seinem Halse frühstücken wollten.
Da war von der Straße her ein leiser Pfiff zu hören. Der alte Baumann hatte sich erhoben und äugte über das Korn. Na, Gott sei Dank! Bielleicht war doch ein Meldereiter so dämlich, und es gab was zu tun. Der Leutnant spähte durch die Aehren. Eine hohe Staubwolke bewegte sich langsam zwischen den Feldern herauf. Bor ihr schwankte eine Lanze mit einem langen Fähnlein daran. In der Über dem Korn- meer zitternden Luft sah man es nicht deutlich. Pserdeköpfe und weiße, rotverbrämte Dreispitze hoben sich aus dem Hohlweg, dahinter knarrend ein Reisewagen. An der Lanze war jetzt ein weißes Tuch zu erkennen. Leskow starrte Lanze und Wagen an. Ein Parlamentär! Es war kein Zweifel. Hatten die in Olmütz also endlich genug? Der Wagen sah mindestens nach General aus. So einen ähnlichen hatte der Zielen auch. Und ausgerechnet der kleine Leskow hatte das Glück, den Parlamentär zu empfangen. Würde sicher einmal in der Kriegsgeschichte stehen.
Der Leutnant schloß seine Attila, rekapitulierte im Geiste aus dem Reglement das Kapitel von den feindlichen Parlamentären, zog Bandelier und Koppel zurecht und trat auf die Straße. Eben hielt der Wagen. Ein Dragonerwachtmeister, hinter ihm der Reiter mit der weißbewim- pelten Lanze, trabten auf drei Schritte heran, parierten. Der Wachtmeister versammelte nach Borschrift sein Pferd und donnerte: „Kaiserlicher Parlamentär!" Schöner hätte das der alte Baumann auch nicht gemacht.
Leskow dankte gemessen und trat rasch an die Kutsche heran, um den General zu empfangen. Der Wachtmeister blickte ihm enttäuscht nach. Cs war ihm anzusehen, daß er noch etwas hatte sagen wollen. Der Dragoner, der neben dem Kutscher gesessen, sprang vom Bock und riß den Wagenschlag auf. Herr von Leskow hielt den Kalpak querab, stand wie aus Stein. Er wußte, was sich gehörte. Schließlich war er bloß Leutnant und der andere General; wenn auch nur ein feindlicher. Da kam er auch schon.
Herr von Leskow riß die Augen auf und starrte verwundert auf das Trittbrett, auf dem jetzt ein kleiner, schmaler Schuh, ein schlank gefesseltes Bein erschien. Nach General sah dieses Fußwerk nicht aus, und was nachkam, erst recht nicht. Wenn die Kaiserin selber dem Wagen entstiegen wäre, .der Leutnant hätte auch nicht verdutzter dreingesehen. Stand da wahrhaftig statt eines alten, schnauzbärtigen Soldaten das appetitlichste Persönchen von der Welt auf der Straße. Der Offizier wartete noch eine Weile. Doch da feuerte der Dragoner schon den Wagenschlag zu. Der kleine Leskow schmunzelte. Dann ließ ,er seinen Kaipak sinken und verneigte sich lächelnd. Wie man mit Parlamentären zu verfahren hatte, wußke er zur Not. Aber von Frauenzimmern stand nichts im Reglement. Doch er wußte es auch so. Er trat auf die De- moiselle zu und küßte ihr die Hand. Das konnte auf alle Fälle nicht Saiten. Dann wandte er den Kopf und sah fragend zu dem kaiserlichen achtmeister auf: „Nun, und was weiter?"
Der Oesterreicher zog einen Brief aus seiner roten Aermelstulpe, beugte sich aus dem Sattel, reichte das Schreiben dem Offizier, sah wieder stramm und rasselte seinen Spruch herunter: „Auf Befehl Seiner Exzellenz des Herrn Feldmarschalleutnants von Hadik abzugeben beim nächsten königlich preußischen Borposten!"
Der kleine Leskow lachte: „Was? Den Brief oder die Demoiselle?" „Beides, Herr Leutnant!" Der Wachtmeister leistete die Ehrenbezeigung, warf den Kopf herum und brüllte: „Kehrt!"
„So wart Er doch! Was soll ich denn mit der Demoiselle?"
„Weih nicht, Herr Leutnant!" Der Wachtmeister wendete sein Pferd. Leskow las die Aufschrift des Briefes. Nächster preußischer Vorposten. Es stimmte schon. Er warf einen Blick auf die Demo stelle. Eben stellte der Dragoner, der vorhin i*n Wagenschlag geöffnet hatte, einen kleinen Reisekorb und einen Violakasten neben sie hin. Der kleine Leutnant schüttelte den Kopf. Manchmal war die Well schon ein NarrentSrm.
Der Wagen begann zu wenden. Die SKaße war zu eng. Man mußte Über die Böschung hinaus und durchs Korn fahren. Ein paar Hufaren sprangen hinzu, stemmten sich einträchtig mit den feindlichen Dragonern in die Räder. Das Korn bog sich und rauschte. Baumann und der kaiserliche Wachtmeister fluchten äufmunternd auf pommerisch und wienerisch. Endlich war der Wagen wieder auf der Straße. Als er . hielt, trat der Dragoner wieder an bas Mädel heran, gab ihr die Harrd und sagte: „Und halt an schönen Gruß an den Herrn Leutnant, Demoiselle!^ Auch , der Wachtmeister kam noch einmal zurück, parierte, bat um Empfangsbestätt- aung für das Schreiben. Leutnant von Leskow schrieb: Einen Bries des Herrn Generals von.Hadik samt Demoiselle richtig erhalten! — Spaß mußte im Kriege manchmal sein. Mit kreischenden Bremsen verschwand der Wagen im Hohlweg.
Leskow blickte ihm kopfschüttelnd nach. Was sollte das alles? Er winkte die Husaren auf ihre Posten zurück. Dann ging er langsam auf das Mädel zu, das wartend zwischen Korb und Viola stand. Was wollte die bloß?
Das Mädel schien seine Verlegenheit zu merken. Es knickste schelmisch und sagte: Elisabeth Brand!"
Der Leutnant verneigte sich, nannte seinen Namen, bot ihr den Arm und siihrte sie ein Stück hinter die Feldwache zurück. Dann breitete er seinen Dotman aus den schmalen Wiesenrain zwischen Straße und Feld: „Wenn es der Demoiselle gefällig ist ..."
Mit gesenktem Kopfe saß im leuchtenden Schatten der überhängenden Halme Elisabeth Brand wie in einer Laube aus goldenen Aehren, Kornblumen und grellrotem Mohn. Ueber ihr schwarzbraunes Haar spielten die seidigen Lichter im leisen Schwanken des Korns.
Der kleine Husar setzte sich neben sie. Die Feldwache erschien ihm auf einmal »ar nicht langweilig mehr.
Als die List nach einer Weile aufblickte, fragte er: „Und was befiehlt di« schöne Demoiselle?"
Sie deutete lächelnd auf das Schreiben in ferner Hand: „Steht alles da drin im Brief!"
Der Leutnant riß den Brief auf und las. Dann entnahm er ihm das Schreiben mit der Aufschrift „An Seine Hoheit den Herrn General- kutnant Herzog von Braunschweig" und dachte nach. Eigentlich hätte er jetzt sagen müssen, daß der Herzog gar nicht beim Heere war. Aber bann war das Mädel imstand und machte kehrt. Und das hätte ihm leid getan. Er fragte diplomatisch: „Die Demoiselle gedenkt also, zu einem blessierten kaiserlichen Offizier zu reifen?"
Elisabeth Brand nickte traurig. Mit dieser Frage überkam sie wieder alles quälende Leid.
Leskow hatte ein gutes Herz. Seine Stimme klang teilnehmend: „War denn die Blessur so schwer?"
Die List seufzte: „Wenn ich das müßt?"
Der Leutnant schwieg einen Augenblick, dann fragte er: „Darf man seinen Namen wissen?"
„Rabenau", sagte sie leise.
„Nee!?" Der kleine Loskow sprang auf und starrt« sie an.Was es doch für Zufälle gab! Und so einem Mädel hätte er um ein Haar den Schatz totgeschlagen! Vor Verblüffung vergaß er aufs Reden.
Elisabeth Brand griff nach seinem Arm: „Ist er denn tot?" Leskow lachte fröhlich auf: „I wo! Quicklebendig wie ich!" Die Augen der List strahlten vor Jubel: „3ft er also nicht schwer blessiert, der Leutnant von Rabenau?"
„Nich die Spur! Was, Baumann?" Er sah zum Wachtmeister auf, der schon seit einer Weile vor ihm stand und wohl etwas melden wollte.
Der Alte kollerte: „Nö, da braucht die Demoiselle keen« Angst nich zu haben. War doch selber dabei. Nur 'n bißchen angekratzt hat der Herr Leutnant den kaiserlichen Offizier..."
• Elisabeth Brand fuhr herum und blitzte den Leutnant zornig an: „Ja, hat ihn denn der Herr selbst blessiert?"
Der kleine Leskow schnitt sein schuldbewußtes Jungengesicht: „Hat Er! Aber wirklich nur ein bißchen ..." Er sah auf: „Was gibt es Baumann?" „Ein Meldereiter vom Regiment, Herr Leutnant! Um vier sollen wir hier abrücken — nach Schmirschitz!"
„’s gut, Baumann!" Bataille hatte es also noch keine gegeben. Um so besser. So hatte der kleine Leskow auch nichts versäumt. Der Wachtmeister ging.
Der Leutnant schielte von der Seite nach dem Mädel. Es hatte den Kopf gesenkt und schien immer noch zornig. Er griff nach ihrer Hand, die im Grase lag: „Ist mir die Demoiselle am Ende böse?"
Sie nickte heftig.
„Will’s doch wieder gutmachen, schönste Demoiselle."
Elisabeth Brand sah ihn lächelnd an: „Will das der Herr? Will Er mir helfen?"
„Na, was denn fönst? Der kleine Leskow is doch 'ne Seele von einem Menschen!"
Er dachte nach. Gutmachen und helfen, das hieß, daß er dem Mädel die Erlaubnis verschaffte, nach Schweidnitz zu fahren. Wie er das aber anstellen sollte, ahnte er nicht. Das Betreten jeder Festung war während des Krieges für Fremde verboten. Und schließlich war er nur ein kleiner Leutnant und nicht der Herzog von Braunschweig. Doch man würde ja sehen. Einstweilen jedenfalls mußte das Mädel bis zum Abrücken bei der Feldwache bleiben. Das heißt: er hätte es ja auch mit einem Husaren ins Lager schicken können. Aber der Weg war weit, und der Lagerkommandant, ein altes Rauhbein von einem General. Der brachte es fertig und schickte das Mädel, da der Herzog nicht beim Heere war, wieder zum Hadik zurück. Es war schon besser, wenn der klein« Leskow es unter feine Fittiche nahm. Er fragte: „Reiten kann die schöne Demoiselle wohl nicht?"
Die List schüttelte lachend den Kopf.
Das hatte er sich gleich gedacht. Er winkte einen Husaren heran und befahl ihm, zum Regiment zu reiten und den Schwadronswagen zu holen. E. gab ihm ein paar Zeilen für den Rittmeister Hagen mit. Dann berief)« t'-ie er der Demoiselle, wie er vor Olmütz den Rabenau gefangen habe, der nun in Schweidnitz wie der Herrgott von Frankreich lebe, und wie der Monsieur ein Vetter von ihm wäre, wenn auch um etliche Ecken herum.
Zu Mittag trug der Wachtmeister Baumann ein soldatisches Mahl auf dem Wiesenrain auf. Dann lag Elisabeth Brand im Schatten des Kornes, blinzelte durch die glitzernden Halme, von deren Aehren die Sonnenfunken sprühten und die Falter flogen, in das Flimmern des Himmels und erzählte von den Kerzeln der Kaiserin und, warum sie zum Rabenau wolle.
Herr von Leskow saß daneben, hielt eine Kornblume zwischen den Lippen und bedachte bettübt, was alles er dafür geben wollte, wenn et jetzt der Leutnant von Rabenau wö«.
Durch den fußtiefen Staub der von Kremfier nach Olmütz führenden Straße stapften zwei Männer hintereinander her, deren äußere Erfchei« nung die fahrenden Musikanten nicht zu verleugnen vermochte. Denn während dem Vorderen, dem Größeren und Hagereren, ein schwarzer Flötenkasten aus dem prallgefüllten Felleisen hervorsah, ragten noch zwei Ellen hoch über den gebeugten Rücken des Zweiten, zwergenhaft Kleinen und Dicken, Schallkörper und Hals eines Violoncells. Der Größere, dessen dunkelblauem, wenn auch von gelblichem Straßenstaub bepudertem Schoßrock man es immerhin noch anfaf), daß er einst bessere Zeiten gesehen, schritt rüstig aus, obgleich er nebst dem Felleisen noch ein Köfferchen trug. Sei dem rundlichen Zwerge aber, der wie eine ausrollende Kegelkugel immer langsamer vorwärtskam und gut hundert Schritte hinter dem Ersten dreinschlich, war die Farbe des Gewandes, das einst kaffeebraun gewesen sein mochte, nicht zu erkennen. Wohl weil seine Statur dem Erdenstaube näher war und er vor Müdigkeit die Füße nicht hob.
(Fortsetzung folgt.)
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