Ausgabe 
9.6.1939
 
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Ballade.

Don E rn st Moritz Arndt.

Und die Sonne machte den weiten Ritt

Um di« Welt,

Und die Sternlein sprachen:Wir reisen mit

Um die Welt";

Und die Sonne, sie schalt sie:Ihr bleibt zu Haus! Denn ich brenn euch die goldenen Aeuglein aus Dei dem feurigen Ritt um die Welt."

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond

Sn der Nacht,

Und sie sprachen:Du, der aus Wolken chront

Sn der Nacht,

Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein."

Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

z Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, Sn der Nacht!

Shr verstehet, was still in dem Herzen wohnt

Sn der Nacht.

Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mit schwärmen und spielen kann Sn den freundlichen Spielen der Nacht.

Oer Kopeinig.

Bon Erich August Mayer.

Krieg ist Krieg. Er ist ans keinen Fall angenehm, ob er im Flach- and tobt, ob er im Gebirge wütet. Da wie dort gibt es Besonderheiten, iie dem Soldaten das Leben schwer machen. Gräbt er sich im Flach- lind ein, dann kann es geschehen, daß ihm das Grundwasser die Graben md Unterstände ersäuft; davor ist er zwar im Gebirge sicher, aber da iibt es wieder Sturm und Schnee und Eis und endlos ermüdende kraxele!.

Wer keinen Kriegswinter an der Front mitgemacht hat, der weiß :icht, was di« Gebirgswelt von den Soldaten verlangt. Oft ist sie grau- xmer als der Feind.

Wir saßen im Sahre 1915 auf einem schmalen Felsgrat, über den sich hon in Friedenszeiten die Grenze gezogen hatte. Gegen den Feind zu el der Berg verhältnismäßig sanft ab, in unserem Rucken aber stürzten lie Wände geradezu senkrecht in einen Abgrund. Wir muhten uns an kr Kante dieses Abgrundes mühsam einen gegen den Feind gedeckten Leg ausmeißeln. Der Abstieg ins Tal war schon im Sommer nur für schwindelfreie möglich, im Winter selbst für diese keine Weinigkeit. Ürotzdem lösten sich die Regimenter häufig ab. Es waren nicht immer Bebirgstruppen, die da kamen. Polen, Ruthenen, Leute, i>ie_ m ,ihrer Heimat nie einen Berg gesehen hatten, wurden nunmehr aus höheren 3esehl Kletterer. Sch muß gestehen, sie haben sich oft ganz erstaunlich lut gehalten. Zitternd und bebend, mit verzerrten Gesichtern kämpften fe sich auf dem schwindelerregenden Klettersteig aufwärts. Aber sie be­dangen ihn.

Es ist wunderbar, was die eiserne Notwendigkeit an Leistungen er- avingt. An manchen Tagen war der Steig aber so vereist, daß er selbst iiir geübt« Alpinisten ungangbar schien.

Einer aber ging diesen Steig, tagaus, tagein, was für em Wetter md) herrschen mochte. Und dieser eine war die Postordonanz, der Sopeinig.

Ich war mit einem kleinen Geschütz Gast des jeweils auf dem^Berg- ;rat wachenden Regiments und hing, was die Verpflegungund> Pos -mbetangte, immer von den Gepflogenheiten des jeweiligen Befe, Mbcrs ab. Sch kann nicht leugnen, daß es da mehr als einmal Un- rnnehmlichkeiten, Schlampereien und Berluste gab.

Sie hörten alle auf, als das ... Regiment kam, undmitihm: «-peinig. Schon unsere erste Bekanntschaft war eine angenehme Ueber- aschung. Es pochte an dem Türpfahl meiner armseligen Baracke auf neinHerein!" flog die Decke zur Seite, die die Stelle emer Tu ver­dat und ein Infanterist wurde sichtbar, an dem mir 'M Augenblick nur 'in mächtiger Schnurrbart auffiel, der wie d«r elnes Walrosses ink und rechts über die Mundwinkel des Mannes herabhmg. Ueber ihm wurde dann im matten Schein meiner kleinen Lampe em geisterhaft Reiches Gesicht ohne jede Färbung sichtbar.

Mein erster Eindruck war, ich hätte es mit einem Bergknappen zu tim, so fahl, so blutleer wies sich dieses Antlitz.

Herr Leutnant, melde chorsamst Postornanz", brachte er mangel­vastem Deutsch hervor. Sch reichte ihm stumm meine F°'dpost und dachte, er werde grüßen und abtreten. Aber er blieb stehen. »Herr -

bitt« chorsamst, nix mitbringen?" ...

! Das war mir neu. Seine Vorgänger hatten nie bmwch gesrag, st, eher gedrückt, wenn derartige Aufträge kamen, so kam mir i 9 wie ein Wunder vor. .. . h

Ich dachte ein wenig nach, was ich etwa aus dem Tal eno >ge, un nannte ihm schließlich zwei Kleinigkeiten, die er nur, ohne sich aUjuKPr im belasten, mitbringen sollte.

Er klappte die Hacken zusammen, grüßte und ging. Er hatte sich nichts ausgeschrieben. Sch war überzeugt, daß er den Auftrag nicht aus» führen werde.

Aber ich hatte mich geirrt. Sn tiefer Nacht kam Kopeinig zurück. Er hatte nichts vergessen, legte die Kleinigkeiten vor mich, auf den Tisch, ver­rechnete mit mir, dankte erfreut für das kleine Trinkgeld, das ich dar­auf gab, und verschwand.

Der gute Kopeinig konnte weder lesen noch schreiben. Er konnte sich so natürlich nichts vormerken. Und das wäre doch eigentlich nötig ge­wesen. Denn von den 24 Offizieren, die auf dem Grat saßen, hatte jeder fast jeden Tag irgendwelche Anliegen. Außerdem nahm Kopeinig auch Aufträge der Mannschaft entgegen. Und trotzdem hat es sich nie er­eignet, daß er auch nur einen einzigen dieser Dutzende von Aufträgen vergesfen hätte. Sem Gedächtnis nicht erschlafft durch das Hilfsmittel des Aufschreibens behielt eine schier unvorstellbare Zahl von Namen, Gegenständen und Zahlen, ohne auch nur einmal sich zu irren.

Aber nicht nur das. Der gute Kopeinig trug auch all das Eingekaufte abends in die Stellung hinauf. Briefpapier und Tinte, Knöpfe, Taschen- messer und Spielkarten waren die kleinen, leichten Gegenstände. Aber er trug auch Flaschen mit Wein, Schnaps und Likör, Schachbretter, Lampen und Geschirr, was eben seine ewig gelüftigen Besteller verlangten. Er trug Lasten von 25 und 30 Kilogramm und noch mehr. Er trug sie bei Sturm, Schneefall und Vereisung.

Und niemand bedachte das. Sch selbst hatte im Anfang mit meinen Wünschen zurückgehalten; aber als ich sah, daß die anderen munter be» stellten, vergaß ich auch die damit verbundene Mühe oder tröstete mich damit, es sei dem armen Mann vielleicht um das Trinkgeld zu tun. Und so bestellte denn auch ich, was mir eben einfiel Und Kopeinig brachte es mir mit dem ewig gleichmäßigen Gesichtsausdruck ernster Dienftfertigteit, immer ruhig und gemessen, nie mißlaunig, nie ver­drossen oder gar erregt.

Man sollte es nicht glauben, aber auch dieser Mann hatte Feinde, die ihm das harte Werk neideten. Er habe sich zu diesem Geschäft ent­schlossen, weil es ihm von den Kampfhandlungen befreie, sagten diese Kerle. Er sei einTaschenierer", ein Feigling, der sich nicht in den Schützengraben traue.

Ich war empört, als ich zum erstenmal eine derartige Aeußerung vernahm, und wies den unverschämten Lästerer zurecht.

Sch weiß nicht, ob der arme Kopeinig von diesen üblen Bemerkungen erfuhr. Sein Gesichtsausdruck blieb gleich, ernst, unbeweglich.

Dann tarnen die heißen Kampftage des August 1916. Der Feind belegte unsere Stellungen mit einem wohlgezielten schweren Feuer. Es verging fast kaum eine Viertelminute, ohne daß einer der schweren Auf­schläge den Berg erdröhnen lieh.

Wir machten uns nicht allzuviel daraus. Denn wir hatten uns Höhlen in das Gestein gesprengt, duckten uns hinter die Steinmauern und waren so verhältnismäßig sicher.

Aber der Feind beschoß auch die Zugangswege. Ein Teil dieser Wege lag sichtfrei. Auf diese Stellen schoß er sich bei guter Sicht tagsüber ein und schoß auch in der Nacht in raschen Feueruberfallen auf diese Gebiete.

Geben Sie acht, Kopeinig", warnte ich den Braven,warten Sie lieber die vollkommene Dunkelheit ab, bevor Sie gehen."

Jawohl, Herr Leutnant", sagte er. Aber er befolgte den Rat nicht. Er kam pünktlich wie eine Uhr wie bisher zur selben Stunde. Wir sahen ihn feinen Weg ziehen, als gäbe es keine feindliche Einwirkung. Oft schlug unfern von ihm ein Geschoß ein. Er hielt wohl für einige Augenblicke im Weg inne und sah nach der Rauch- und Erdsaule, die dann emporstieg. Ader dann schritt er weiter, gleichmäßig mit dem ruhigen Schritt, den nur der kennt, der tagtäglich in den Bergen zu wandern hat.

Sch machte dem Befehlshaber der Snfanteri« Vorstellungen. Er zuckte die Achseln.Er ist eigensinnig und behauptet, ihm geschähe nichts. Was soll ich da machen?" _

Ihm es verbieten."

Und unsere Post? Andere Leute stehen stundenlang im Trommel- feuer im Schützengraben."

Das war richtig. Gegen solche Tatsachen ließ sich nutzte Jagen. An einem Septemberabend hörte ich vor meiner Baracke einen Schrei. Sch stürzte hinaus. Einer meiner Leute zeigte aufgeregt in den Abgrund. Der Kopeinig" stammelte er. Sch setzte meinen Feldstecher an die Äugen. Aus dem Weg klaffte ein Trichter, neben dem Trichter lag ein Mann, um ihn her eine Anzahl von Paketen.

Kein Zweifel. Es konnte nur Kopeinig fein.

Wir liefen, so rasch es der Felssteig erlaubte, hinab. Santtatsmann» schäft, die das Unglück beobachtet hatte, schloß sich uns an.

Als wir bei ihm anlangten, lag er in einer großen Blutlache. Die Sanitäter machten sich sofort an die Arbeit.

Aber er schien kein Vertrauen auf Erhaltung feines Lebens zu haben. Er ftammelte nur immer wiederHerr Leutnant, bitte, Herr 2CUt9ßas wollen Sie, Kopeinig, was kann ich Shnen helfen?"

"Bitte chorsamst, Herr Leutnant! Die Schachtel hier für Herrn Haupt» mnnn Glabef die Flasche für den Herrn Oberleutnant ...

Sch werde es mir aufschreiben, Kopeinig." Sch riß mein Merkbuch hervor und er diktierte, während ihn die Leute verbanden und auf eine Tragbahre hoben. Alles geschah in großer Eile, denn der Feind konnte Cl1 Seine9SHmmeI,rourbe^mmer schwächer und schwächer. »Die «pul- karten gehören dem Feldwebel Richter, sie kosten 2 Kronen 60, das Taschenmesser gehört ..."

Kopeinig, schonen Sie sich!