hinter denen Ich mich barg, ungern mich geduldend, bis -er Augenblick es erlaubt, mich Herrn Thomas zu nahen ,ri , . , ,
Er selbst berührte keinen Bissen, sondern hielt das geisterhafte Haupt mit geschlossenen Augen in den bischöflichen Stuhl zurückgelehnt, einen armen, frommen Mann aus Canterbury anhörend, der mit bebender Stimme den Eintritt der viere berichtete.
Nachdem er ihn von der Nahe der Gefahr überzeugt hatte, beschwor der Sachse den Primas, sein Leben durch die Flucht zu retten. Em ängstliches Gemurmel lief um die Tafel. ,
Herr Thomas aber regte sich nicht. ,Es ist genug, sagte er ruhig, segnete und entließ den Weinenden. Dann sprach er: .Gib nur den Kelch!' und der junge Kleriker, an den er sich wandte, ein blondlockiger Knabe in weißem faltigen-Gewand, reichte ihm eine mit Wasser gefüllte kristallene Schale, die er langsam ausschlürft«.
Jetzt trat ich vor und wars mich dem Primas zu Füßen. .Ehrwürdiger Vater, ich komme von meinem König! — Ihm ist bange um Euch!' rief ich. .Er sendet mich aus eiligen Schiffen und dampfenden Rossen, daß ich Euch mit meinem Leibe decke und die königliche Macht über Euer Haupt breite! ... Auf, fromme Brüder', und ich wendet« mich an feine Kleriker, .auf! Stehet mir bei! Führet Euern Bischof in fein innerstes, festestes Gemach! Und ihr andern, helfet mir die Tore versperren und die Türen verrammeln! Ist nur das erste Feuer der vier Herren verlodert und ihr erster Anlauf abgeschlagen, so geleite ich mit Hilf« der Leute von Canterbury den Primas in die nächste königliche Burg. — Herr Thomas, im Namen der benedeiten Mutter, widerstrebet nicht! Gebt Euch in des Königs Schmutz, unb Euch wird kein Haar gekrümmt werden!'
Ohne sich von der Stelle zu rühren, richteten die Kleriker insgesamt ihre Blicke auf den Primas; doch dieser machte mit wenigen gelassenen Worten meinen Anschlag zunichte. .Besser als dir ist der Wille deines Herrn mir bekannt. Ich lese deutlich in seinem Herzen! Gottes ewiger Ratschluß und der Vorsatz meines Königs erfülle sich an mir!'
.Bei den fünf heiligen Wunden!' schrie ich, außer mir geratend, .der König will nicht, daß Ihr hier erwürgt werdet! Trägt er die Sch.uld, wenn Ihr die trotzige Absicht habt, Euern Leib und des Königs Seele wissentlich und freventlich zu verderben?'
Da wandte sich plötzlich Herr Thomas gegen mich und schlug mich mit biblischen Worten: .Hebe dich von hinnen, du Schalk und böser Knecht, denn du bist mir ärgerlich!'
Erschrocken sprang ich auf die Füße und wich zurück unter die Kleriker. Ich war betrübt und mehr noch ergrimmt, daß Herr Thomas, der bis heute säuberlich mit mir gefahren war, im Augenblicke, da sein Innerstes offenbar wurde, mir so bös« und ehrrührige Namen gab, als wäre ich ein Erzschelm von lange her. — War das nicht eine Ungerechtigkeit? Ich überlasse Euch das Urteil, jetzt, da Ihr meinen Wandel von jung auf kennt und ich Euch nichts von meiner Blöße verhehlt habe.
Bevor ich den Schmerz dieses unverdienten Schlages verwunden hatte, wurde die Türe geöffnet, und die vier normännifchen Herren traten in die Halle, ohne Rüstung und ohne Waffen, in gewöhnlicher Hoftracht. Sie begrüßten den Primas mit tadelloser Courtoisie und feindseligen Mienen. '
Der Bischof hatte sich bei ihrem Eintreten in seinem Stuhl emporgerichtet, und ich wunderte mich über die Erhabenheit seiner Gestalt, aus welcher jede Schwäche gewichen schien. Er erwiderte den Gruß seiner finstern Gäste ebenso adelig und lud sie, die Hand leise bewegend, an seine Tafel. Sie setzten sich.
.Wie steht es um meinen Herrn und König?' fragte er sie nach einer Weite und erhielt kein« Antwort.
.Jst's Friede?' fragte er wieder.
Die vier aber betrachteten den Bischof, die einen mit gesenkter Stirn unter drohenden Brauen hervor, die andern mit scheuen Seitenblicken, nur ein unverständliches Gemurmel kam über ihre Lippen.
Zuerst ermannte sich Herr Richard, den sie seiner unbezwinglichen Faust halben Frappedjir, das heißt in unserer Zunge Schlagehart, nannten, ,3m Namen des Königs kommen wir!' sagte er.
.Ich glaube euch' versetzte der Primas. .Ihr, die ihr um ihn seid, verstehet seine Winke und erfüllet seinen Willen.'
.Hebe den Bann von dem Bischof zu York, Primas, oder hebe dich selbst aus Engelland!' fuhr Herr Frappedür fort, und der Einsilbig« stimmte bei: .Hebe den Bann oder dich selbst.'
.Nicht ich allein, jetzt hat ihn auch ein anderer als ich, der Heilige Vater in Rom, mit dem Banne belegt', erwiderte Herr Thomas ruhig. ,An diesen wende sich mein Bruder in York. Meine Sache kann das nicht länger fein. Ich suche nur den Frieden.'
,So entrinnst du uns nicht, du Doppelzüngiger!' drang Herr Wilhelm Tracy, der unter den vieren der gewandteste Redner war, auf den Primas ein. .Befrei« den Bischof von dem Banne, den du auf ihn geschleudert hast! Er brennt ihm stärker auf der Haut als der römische. Genug der Unterscheidungen und Spitzfindigkeiten! Gehorche deinem Könige und Lehensherrn in geraden Treuen, wie wir alle tun! Bist du nicht lediglich ein Geschöpf seiner Gnade? Wer hat dich aus dem Nichts gezogen und aus einem Sachsen zu einem Menschen gemacht? Woher kommt dir die erhaben« Macht dieses Stuhles? Du Undankbarer, Feindseliger, sprich und bekenne: aus wessen Händen hast du sie empfangen?'-
Da rief Herr Thomas mit durchdringender Stimme, daß es,durch die Halle zitterte: .Aus den Händen meines Königs zu seinem Gericht!' lieber dieser harten Rede gerieten die viere in Aufruhr. Rinald der Schön«, drehte an den Fingern seiner Handschuhe, die er bis jetzt spielend in der Linken gehalten. Herr Richard Frappedür stieß mit Rücken und Fuß feinen Stuhl zurück, daß das Eichenholz kracht«, und der Einsilbig« sagte: .Endet!'
Herr Thomas aber sprach mit heiliger Hoheit: .Ich glaube, Ihr drohet tapfre Herren? Was will mein König von mir? Was fein ist, will ich ihm geben. Meinen Leib? Hier ist er. Nehmet ihn. Mein Gewissen aber gehöt weder ihm noch mir.'
.Vergessen wir her ritterlichen Sitte nicht!' sprach Herr Wichel,.
.Herren, überlasset mir di« Fragestellung!'
Er erhob sich und trat in Totenblässe vor den Primas.
.Thomas Becket, nimmst du den Bann von dem Bischof« zu Yorts Red«!'
Herr Thomas aber schwieg und verurteilt« sich damit zum Tode.
.Thomas Becket, du hast den englischen Boden gegen den Willa deines Königs und den Spruch seines Parlamentes wieder betretet. Weiche aus Engelland! Zugesagt ist dir freies Geleit bis ans Me,:. Wann ziehst du von hinnen? Red«!'
Herr Thomas aber schwieg.
Eine Weile harrte Herr Wilhelm auf Antwort, dann schloß «r finften , .Das ist Felonie. Dein Blut über dich!'
Die fixer verließen den Saal mit gemessenen Schritten. Ich wutz:>, sie gingen sich zu ro offnen.
Es entstand nun eine so große Stille, daß ich mein Herz rote eiw Hammer gegen die Rippen schlagen hörte. Da erklang aus dem Schm» gen stark und markig eine Stimme, die ich anfangs nicht erfann Sie gehörte Herrn Thomas, der einen ihm gegenüber an der Web hängenden Kruzifixus mit Inbrunst ansprach: .Fürst der Schmerzet,! nimm Wohnung in diesem Leibe!'
Wieder hörte ich lange Zeit nichts als die Schläge meines Herzen;. Dann sprach Herr Thomas zum andern Male und streckte seine schmale Hände aus: .Durchstich sie und gewähre mir deine Passion!'
Da erbebte ich in Ehrfurcht und getraute mich nicht länger, ks Angesicht des Herrn Thomas zu besehen, weil ich fürchtet«, der T)k- faltige hab« in feinem Leib Einzug gehalten und blickt« majestätisch ans seinen Augen.
Aber ich raffte mich zusammen, als ich auf dem Gange Waffe» lärm vernahm, stürmte nach der Pfort« und stieß all« Riegel vor. 2uii| mein Zufuhren wie aus dem Banne eines Traumes gelöst, umringte der ganze Haufe der Kleriker den Primas, etliche fielen ihm zu Füfpz andere, di« ihn fortziehen wollten, faßten feine Arm«, noch andere iro schlangen feine Hüften, um sich seiner zu bemächtigen und ihn nii liebender Gewalt Wegzutragen.
Inzwischen schmetterten Beilschläge von draußen gegen die Tü:.
Der Primas aber wollt« von dem Sitze, wo er gerichtet roortei nicht weichen. Da trat ein schlanker, klug blickender Diakon vor ihn legte den Finger auf den Mund und machte ihn auf das feine ®eläuti eines Glöckleins aufmerksam, das in dem Tumulte kaum zu vernehm« war. .Es läutet zur Vesper, und man erwartet Euch in der Sinti. Vater', mahnte er.
Thomas Becket erhob sich ohne Weigerung, ein Zug ordnete sich und der Primas durchschritt hinter dem vorgetragenen Kreuze langen Gang, der durch das Inner« des bischöflichen Hauses in M Chor der Kathedrale führte. Auch ich wandelte in Reih' und Glied mii den psallierenden Pfaffen."
Hier hielt der Armbruster inne. Sein Mick richtet« sich auf et» neben ihm auf dem Kaminsimse stehend« Wanduhr, in welcher eben •’ letzten Körner aus dem oberen in das untere Glas rollten. Hans breB'i die Uhr und sagte: „Heute jährt es sich, und es war zu dieser 6W des Nachmittags, daß Herr Thomas seinen letzten Gang antrat."
In den Chor des Münsters gelangt, warf er sich vor dem Froualüit auf die Knie, von seinen Klerikern umlagert, deren mehr als einer, 11 den Bogentoren des Lettners lauschend, furchtsame Blicke durch 8« Länge des Schiffes nach dem Hauptportale irren ließ, durch welches 8« Normannen jeden Augenblick eiudringen konnten; denn der Diakon halt diese Zufluchtsstätte nicht der Festigkeit, sondern der unanfaftbani Heiligkeit des Ortes wegen gewählt.
Auch ich hiell das Portal unverwandt im Auge, entschlossen, !lf letzten Augenblick«, nicht gegen die Herren das Schwert zu ziehen - solches war mir als einem Knechte verwehrt —, aber Herrn Thome mit meinem Leibe zu decken, ob ich di« Schuld vergossenen Martys Mutes von meinem Herrn und Könige abwende.
Alle Zeit und Frist nimmt ein Ende. Es klirrt« und blitzte untifi dem Portal, die viere traten geharnischt vom Wirbel bis zur Sohle, « die Pforte und stürmten mit nackten Schwertern durch das Schiff s‘: Kirche. .Mir nach. Getreue des Königs!' fchrie Herr Wilhelm Treq
Schleunig wollte ich noch di« offen stehenden festen Gitterpfom> schließen, die den Chor von der Kirche trennen; aber der Primas, ® sich erhoben und gegen seine Mörder gewendet hatte, wehrte es mir n® unwiderstehlicher Gebärd«. Seine Kleriker aber alle umbrängten wj Die jüngeren und mutigeren füllten die Stufen. Voran auf die unten stellte sich festen Fußes Trustan Grimm, der das Kreuz trug. anderen standen und knieten um den Bischof und drückten sich dur? einander wie ein« erschreckte und verwirrte Herd«, deren Hirte !?'
schlagen wird. , J
,Wo ist der Verräter?' rief Herr Wilhelm Tracy. Da hiell der tapr” Mönch Trustan das Kreuz mit beiden Händen gegen ihn empor *•* einen Schutz und eine Drohung. Ein Schwerthieb, ein Blutstrahl, «jj der vom Leibe getrennte Arm sank mit dem Kreuz auf die Erde. W griffen die vier« mit flach fallenden Hieben die geängfHgte !Pfafft)eit und trieben die auseinanderstürzenden Geschorenen in feig« Flucht -w aber trat neben Herrn Thomas, der mitten vor dem Hochaltar stand, » Arme öffnend, wie der Gekreuzigte über chm, als hätte sich dieser
doppelt. M
.Der König will, daß du fterbeft!' sprach Tracy und erhob c ■ Schwert. ,Es geschehe!' antwortete Herr Thomas. . M
Ich umschlang ihn mit diesen beiden Armen, fühlte den Schlag blitzen und wurde in demselben Augenblicke unter dem Rufe: Knecht!' von einer eisernen Faust, die nur dem Frappedür geyo . konnte, gepackt und geschleudert, daß ich sausend mit dem Schädel M ein« Säule fuhr. . (
Während mir die Sinne schwanden, sah ich ein Blutmeer vor m«" Augen und darin ein sterbendes, lächelndes Haupt. (Schluß tol9


