Ausgabe 
9.6.1939
 
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Nummer HZ

Hreitag, den 9. Juni

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Engelland

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DER HEILIGE

Novelle von Conra- Ferdinand iUeyer

11. Fortsetzung.

und flüchtete es heim. .......

Der witzige Herr Wilhelm war nicht zu kennen. Ernst und unglücklich schauten seine Augen unter den schwarzen Brauen hervor aus der Blässe seines Angesichtes. Es wurde mir deutlich, dah sich die viere unterwegs geeinigt hatten und die auf ihre Seele brennenden Schmachworte des Königs nicht mit einer zornigen Mordtat, sondern mit Gericht und Blut­urteil zu löschen gedachten.

Auch ich ratschlagte mit dem Alderman, machte den echten und letzten Willen meines Herrn und Königs geltend und gebot ihm, sobald die viere gewichen, seine Bürger zu ermutigen, zu bewaffnen und mit ihnen meines Zeichens zu harren

Dann schlüpfte ich durch Seitengaßchen und erreichte das feste erz­bischöfliche Haus, wo sie mich als Königsknecht und eine in Engelland wohlbekannte Person ohne Schwierigkeit, ja bereitwillig wie einen Not­helfer, einlisßen. ' .. , .

Sie führten mich in eine prächtige, lieblich erwärmte Halle, wo der Primas unter vielen. Klerikern und dienenden Brüdern Tafel hielt,

sind sie verritten?' fragte er, obwohl ich es ihm eben gesagt hatte. .Warum mahnst du nicht zu guter Zeit, krächzender Rabe?'

,Noch ist es nicht zu spät! versetzte ich unerschrocken. .Betrachtet die von Mitternacht heranziehenden SchneewolkenI Sicherlich tobt die See, und sie haben Gegenwind.'

,So sattle meinen Berber', befahl er, ,er überholt den Sturm. Er­reiche die viere und bring' sie mir zurück. Du ereilst sie mir ich will es!'

.Herr', sagte ich, ,sie werden mich nicht hören: denn Ihr habt ihre Ehre aufs Blut gereizt. Besser, ich reite einen andern Weg, erreiche die Küste, wo der Meeresarm am dünnsten ist, presse dort das schnellste Schiss, wem es gehöre, gelange nach Canterbury vor den vier von Euerm Zorn Gejagten und schaffe Herrn Thomas in Eurem Namen Sicherheit.'

.Das ist deine Sache!' drohte er. .Wisse eines: ich will nicht, daß dem Primas ein Leides geschehe. Wird ein Haar dieses ehrwürdigen Hauptes gekrümmt, so büßest du dafür und baumelst mir am nächsten Galgen!'

Es hätte dieser unsinnigen Drohung für mich nicht bedurft. Nie wurde schneller gesattelt, nie rastloser geritten! Unterwegs erfuhr ich, die viere hätten sich dem nächsten Seehafen, welchen sie den Port der Gnade nennen, zugewendet, und eilte quer durch französisches Land nach Calais, von wo mich ein Schnellsegler in wenig Stunden nach Engelland hin- überbrachte, während ich inmitten der stürzenden Wellen Gottes liebe Mutter, die mich auch erhörte, inbrünstig anrief, mich den vier Zorn­mütigen nur wenigstens um zwanzig Ave Maria vorkommen zu lassen.

Aus englischem Boden wurde ich häufig von streisenden geharnischten Normannen angerusen: denn das Land war in Unruhe und die Sage überall verbreitet, der Primas umgebe sich in Canterbury mit sächsischen Waffen.

Bon diesem in der Luft herrschenden Geiste der Bangigkeit getagt, trieb ich, auf die fliegende Mähne des Berbers mich beugend, das edle Tier zu rasendem Laufe, und dennoch schien es mir, als wollten sich di« aus dem Häuserhaufen von Canterbury aufsteigenden Türme der Kathedrale, auf di« ich meinen Blick unverwandt geheftet hielt, nicht vergrößern. v

Als ich mich endlich In Schweiß gebadet den Mauern der Stadt näherte, fand ich die Straße vor dem Tor mit frisch abgehauenen - Tannenzweigen und dürftigen Wintermaien, den Zeugen eines fried­fertigen Einzuges, bestreut.

Ich glitt von» Pferde und führte das schnaufende Tier durch eine Hintergasse in die Brauerei, wo ich abzusteigen pflegte: denn ich hatte nicht selten meinen König nach Canterbury begleitet, dessen eben voll­endetes Münster als ein Wunder der neuen Baukunst galt. Der Haus­wirt, ein Sachse, der zugleich der Alderman von Canterbury war, schloß gerade behutsam die Läden der gegen die lange Hauptgasse gewendeten Fensterreihe. Als ich ihn fragte, wozu er am hellen Tage Finsternis mache, deutete er mit der Linken zu schweigen und schob mich mit der Rechten vor die breite Spalte eines Fensterbalkens. Ich lugte durch und sah die viere von der Königstafel in voller Rüstung die Gasse auf und nieder reiten, mit ausgestreckten Schwertern auf die Fenster und die Haustore weisend. t

.Jeder halte sich im Hause! Keiner setze den Fuß auf bte Gasse!' gebot Herr Wilhelm Tracy, der seinen Rappen vor der Wohnung des Alder­mans herumriß, während das Tier aus schnaubenden Nüstern eine Dampfwolke in die kalte Winterluft ausstieß.

Nachdem der Herr sein Rotz gewendet, wiederholte er den Befehl, nicht in der verächtlichen Weise, wie der normännische Hochmut die Sachsen anzufahren pflegt, sondern mit feierlichem Heroldsrufe.

Die erschrockenen Bürger gehorchten. Hier schloß sich eine Kaufbude, dort trug ein Häkerweib jammernd seine Körbe weg, weiter unten hob eine geängstete Mutter ihr auf der Gasse spielendes Kind auf den Arm

Während der Herr mit rollenden Augen auf und nieder schritt und t|<) keiner mit der Rede an ihn wagte, hatte sich die Mehrzahl der dir igsgäfte erhoben und umringte den Bischof, diesen mit Fragen und üri»ürfen bestürmend.

Hinter dem Stuhle des Königs stehengeblieben, sah ich am untern feie der plötzlich gelichteten Tafel viere zusammenfitzen, die sich Blicke Migen Einverständnisses zuwarfen und im Flüstertöne, als hielterr sie fh' imen Rat, aufgeregte Worte tauschten. Ihre Namen, Herr, sind Euch

rint, denn die Legende hat sie in alle vier Winde gerufen, fte find Je Unseligsten aller Lebenden, und jedes Christenkind in Engelland "Ireuzt sich vor ihnen.

L 0 a ist zum ersten Herr Wilhelm Tracy, der-Spötter, dann Herr i SiiVarb aus der Bretagne, Herr Rinald, der Schöne, ein Liebling der «« der, und letztens Herr Hug, der Einsilbige.

3dj stand zu ferne, um ihre Worte zu verstehen, aber ihre Gebärden F -djen deutlich genug. , , _

Ä Noch seh' ich, wie Herr Hug sich feine Lippen benagte, wie Herr rnß feine weichen Langhaare um die Finger schlang und zerriß, | * d Herrn Richard der Zorn dunkelrot in die Stirne stieg, und der

Mae Mund des Herrn Wilhelm Tracy, der sonst voller Gelachter do sich zum bittersten Hohne verzog. Dann schienen sie eins geworden * verschwanden zusammen durch eine Hintertüre. .

3d; wandte mich nach dem Fenster und sah die viere trat L>chloßhof Mssouldig auf ihre Rosse harren und sie dann hastig besteigen.

!lls ich am Abend dieses schlimmen Christtages in der Kammer Jenes Herrn erschien, um seinen Jagdbefehl für morgen zu holen, fand «l ihn, wie den Zornmütigen zu geschehen pflegt, stumm und nieder­rilllagen, so daß ich es wagen durfte, meinem geängstigten Herzen Luft ssi machen.

Zu Mittag nach Eurer scharfschneidigen Tischrede', begann ich, .sind >e Eurer Gäste', und ich nannte sie, .spornstreichs verritten, ich meine M der Küste. Hätten sie aus Euern entrüsteten Worten einen ,Md) oder einen Befehl herausgehört... o Herr! Was dann? Wenn ! .mre Rede in Eure Tat verwandelten es wäre nicht Euer Wille. II starrte mich an, mühsam seine Gedanken zusammenknupfend, und »ortete nickst.

Bei der glückseligen Krippe', warnte ich flehentlich, ,das ist kein MAngesI Alle Heiligen und Engel wollen Euch behüten, daß Ihr Euch

-v«n Märtyrer auf die Seele ladet!'

E 3chl begriff er mich plötzlich und packte mich an der Schulter. .Wann

. Der Bischof aber rannte diese Vernunft mit gewaltsamen Worten zu Wen. .Thomas am Erlöschen?' schrie er. .Bel meiner Bischofsmütze, i uns: brti Lebensgeister hat ber Zähe, um deiner Majestät zu schaden! Thomas \ uns ein Friedebringer? Den Krieg bringt er dir nach Engelland! Ueberali oui seinen Wegen tumultuierten die Sachsen und griffen zu ihren rigeM Bttm! Ich habe es von Augenzeugen!'

geh«. Das schien mit schon damals unmöglich, wie ich die geschwächten ihm« Sihsen kannte. Aber ich Hörle kaum auf die kollernden Worte des n niW l|t)»fs, denn alle meine Sinne waren auf meinen König geheftet, oben 3 H n Innerstes zu sieden begann.

fr hatte die Berichtigung des verständigen Klerikers m der Be­

in!-ung feines Zornes nicht vernommen.

-. Jetzt kam die lodernde Flamme zum Ausbruch. Herr Heinrich, von bit Aufruhr oder der Demut -des Primas gleicherweise empört, sprang in -tonlosem Zorne vom Sitz empor und stieß seinen Becher so hart -v'ii sich, daß er weit über die Tafel rollte, -den Wein in roten Strömen iCiij bas Linnen vergießend, wie Blut in den Schnee.

. i Ich habe ihm verboten, meinen Boden zu betreten!' schrie der König M J nit bebender Stimme. ,Jch weih, er verbirgt in seinem Busen und Ge- «, W- Mvbe auch einen päpstlichen Bannbrief gegen mich, feinen König. Er niM M W mir ihn selbst gezeigt, der Bösel' Jetzt schlug et verzweifelnd die r täÄi ^fie gegeneinander und wehklagte: ,Jch habe ihn gekleidet und ge- Ich- ückt wie eine Geliebte. Er hat wie ein schmeichelndes Händlern das Üjii aus meiner Hand gegessen, und dieser Teufel von Undankbarkeit tiii mich mit Füßen, zerreißt mein Haus und zerstört mein Reich ' . fr blickte irr über die verstummte Tafelrunde und schleuderte seinen Siii'rn die beschimpfenden Worte zu: ,Jch mäste Knechte! Sie zehren am Mark meiner Länder und strecken die Füße aus unter meinem vollen Slff); ober keiner dieser Fresser und Schwelger ist Mannes genug, Wit einen Verräter vom Halse zu schaffen!'

iessenerZamilieiwIäner

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger