Ausgabe 
8.12.1939
 
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Gießener Zamilienbläüer

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <959 Zreitag, den 8. Dezember Nummer 95

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster

Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

8. Fortsetzung.

Der Doktor und Margarete hatten mit den kleinen Spitzbuben Mit­leid. Durch das Gestrüpp sahen sie große, schwarze Augen leuchten, und auf dem dunklen Hintergründe der Vertiefung ein kleines, ganz blasses Gesicht sich abheben. Trotz ihrer Kühnheit zitterte das Mädchen an allen Gliedern. Das geringfte Geräusch konnte es verraten. Es wußte, fühlte, wenn der Bauer es bemerkt hätte, würde er es getötet oder mindestens zum Krüppel geschlagen haben. Der Bauer stand eine Minute lang da und sah sich um; nach vergeblichem Suchen lief er plötzlich zu seinem Felde zurück bis zu einer Stelle, wo er vier Wege, die die ungleichen Arme eines Kreuzweges bildeten, übersehen konnte. Als er sich eine Feit- lang nach allen vier Richtungen umgeschaut hatte, sprang er schwerfällig von der Höhe des Abhanges bis zur Mitte urti> glitt von dort auf dem Hinterteil hinunter bis auf Len Hohlweg. Hier faßte er Fuß, guckte nach rechts und links, sah in die Luft, fluchend und schwörend, und durch­wühlte mit den Fingern sogar die Maulwurfshügel. Hätte ihn der Zorn nicht verblendet, so würde er an das Versteck gedacht haben, in dem Las kleine Mädchen vor Furcht zitterte. Er sah es nicht.

Welches Glück", bemerkte Margarete.

Der Bauer kam wieder zurück und noch einmal an dem Geldstück vorbei. Unaufhörlich fluchend ging er bis zum Ende des Weges zum Dorf. Dort befand sich ein Wirtshaus,Zum Horn", früherZum Jagd­horn", in dem einst dieBrüder vom lustigen Suff" zusammenkamen. Er ging hinein. Das kleine Mädchen, das wohl seine Gewohnheiten kannte, nahm an, er sei trinken gegangen, wartete zwei Minuten und steckte dann den Kopf aus dem Gestrüpp; es verbarg die Kartoffeln in dem Loch, in dem es gesessen hatte, glitt dann den Abhang hinab, zeich­nete mit dem Nagel ein Kreuz auf das grüne Moos eines Kalksteins unterhalb des Loches und ging gradeswegs auf das Geldstück zu.

Die Füße des Kindes waren bloß; trat es auf das Geldstück, so mußte bie Berührung des kalten Metalls es zwingen, zu Boden zu blicken. Die Wolke verschwand, das Goldstück glänzte. In diesem Augenblick brauchte das Mädchen sich nur zu bücken, um es oufzunehmen; aber es drehte sich um, wohl um zu sehen, ob der Bauer nicht aus dem Wirtshaus käme. Es kratzte sich am Bein und lief dann davon.

Ein schöner, nachdenklicher junger Mann mit schwarzem Haar, ein wahrer Romanheld, erschien gesenkten Hauptes am Wegende. Von Zeit zu Zeit erhob er die Stirn, als befände er sich in der Oeffentlichkeit, strich sich mit feierlicher Miene durch die Haare und senkte dann, nach­dem er so den Bäumen seine Würde gezeigt hatte, von neuem das Haupt.

Wenn er sich oft das Haar streicht , sagte der Doktor,ist das Gold­stück gerettet, aber schlimm ist es, wenn er wieder nach unten blickt."

Der junge Mann blieb stehen, nahm einen Taschenspiegel heraus, betrachtete sich darin und senkte von neuem das Haupt. Er ging weiter, trat beinahe auf das Goldstück, sah es nicht und ging vorüber.

,Kal" rief Margarete,das ist stark!"

Gar nicht", antwortete der Doktor.Es war Narziß, der sich selbst betrachtete." , .

Nach diesem einsamen Spaziergänger erschien ein recht schönes Paar, ein junger Mann und eine junge Frau. Sie trug ein weites, reiches, chwarzes Seidenkleid, eine Jacke aus weißem Baumwollstoff, einen raunen Hut mit einer Schnalle aus Stahlperlen und einer Fasanen- eder geschmückt. Der etwas in die Stirn gerückte Hut gab der jungen frou ein flottes und kokettes Aussehen, das ihr prachtvoll stand. Der junge Mann war groß, hatte braunes Haar, breite Schultern, em junges, etwas müdes und blasses Gesicht und geschmeidige. Bewegungen. Er war out gekleidet, allerdings etwas zu warm für das Wetter. Beide blieben ftefjen, um zu sprechen.

Sie:Wollen wir uns hier nicht ausruhen?

Er:Ja hier, warum nicht? Das Gras ist trocken, der Schatten erfrischend, die Blumen duften und die Vögel fingen."

Cs ist merkwürdig: wenn du sonst mit mir auf die Felder gingst, sagtest du über Hunger und Surft Heute sind wir fast zwei Meilen gegangen, ohne etwas zu uns genommen zu haben." o- .

Flora, der Magen ist wie die Muskeln launisch. Es gibt Tage, an d-nen ich gern zehn Meilen hintereinander zurücklegen wurde, uno rudere, wo ich für alles Gold der Welt nicht aus meinem Lehnstuhl ^fstehen möchte."

Du hast Hunger, du bist ganz blaß, sogar grün."

Wenn ich grün bin, so liegt das am Widerschein der Blätter, und sollten « °Ne ""belangt, nun, wenn alle Mallen Hunger haben

Du gähnst, aus Langerweile?" Nein."

Hast du irgendeinen Kummer?"

Nein."

Ich habe dich fröhlicher, glücklicher gesehen..,"

Ich bin weder traurig noch unglücklich."

Du bist also beunruhigt?"

Vielleicht."

Wie findest du mein Seidenkleid, das hat mir Ernst geschenkt."

Sehr schön."

rA'm.e^.e 3atfe 'st hübsch, nicht wahr? Die hat mir meine Tante geschenkt.

»Dann werde ich dir wohl auch irgend etwas schenken müssen?"

Du? Beeile dich nicht damit, ich liebe dich nicht aus Gewinnsucht, bas weißt du wohl. Aber es ist wirklich merkwürdig, daß du bei dieser Hitze keinen Durst hast." 1

Das Kamel verbringt ganze Wochen, ohne zu essen und zu trinken."

Warum betrachtest du immer deine Nägel? Das tust du immer nur, wenn du in trüber Stimmung bist."

Du hast wohl Durst, nicht wahr?"

Sie, nach einem Augenblicke des Zögerns: .Kein, ich habe dort an der Quelle getrunken."

Hast du nicht Hunger?"

Ich werde essen, wenn ich nach Hause komme."

Vock hier bis zu dir nach Hause ist es eine Meile. Du hast Hunger, sage ich dir!"

Nein!"

Doch!"

Du bist sehr merkwürdig heute."

Er zeigte mit dem Finger auf eine Wiesenanemone:Willst du die Blume haben?"

Ja."

Als er den Abhang erklommen hatte, um die Blume zu pflücken, befand er sich ganz nahe bei Margarete und dem Doktor; diese be­trachteten ihn, ohne gesehen zu werden. Er wühlte in den Taschen, drehte das Futter um und hauchte mit traurigem Lächeln:Nichts."

Flora ruft ihm von unten zu:Was suchst du in deinen Taschen?"

Er antwortet:Ein silbernes Messer, ein Messer, das vom heiligen Vater geweiht wurde. Gott schenke ihm noch viele Jahre, dem alten Manne."

Brauchst du ein Messer, um eine Blume zu pflücken?"

Brauchen? Ob ich dieses Messer brauche? Flora, du bist beschränkt! Es war geweiht, sage ich dir, geweiht und Wunder wirkend. Die mit einer Silberklinge geschnittene Blume kann, ohne zu verwelken, den ganzen Sommer überdauern. Das Messer war für mich ein Schlüssel, mit dem ich überall Eingang fand. Ich trug es an dem Tage in der Tasche, als ich dich kennenlernte. Ich habe dir damit das Herz durch­bohrt, Flora, und von diesem Tage an wurdest du sanft. Du fühltest die Wunde nicht, denn es läßt nur den Stolz bluten."

Was dichtest du da?"

,Das Lied des Mannes, der sein Messer verloren hat. Das gute Messer! Jeder, der es nur sah, brachte mir eine unbegrenzte Freund­schaft entgegen. Bei meinem Krämer, meinem Bäcker, meinem Schneider stand ich im siebenten Himmel der Achtung. Sie verachten mich, Flora, seit ich mein Mester verloren habe. Ich werde mich bemühen, ohne sie auszukommen, aber das ist schwierig."

Wie dumm du bist!"

Flora, die Dummheit ist das Ausruhen des Geistes. Wäre ich noch im Besitze des Mesters, würde ich laut und selbstbewußt sprechen; ich würde mit dem Lernen aufhören. Ich würde mich dem gründlichen Studium der Trüffeln, der Gänseleber, der Fettammern und der sechzig bis achtzig Arten guten Weines, der auf den Hügeln der fünf Wellteile wächst, hingeben. Ich würde sagen: Fort mit der Arbeit! Fort mit dem Denken! Ich würde einen Bauch bekommen, einen runden, fetten Bauch und Flora würde aufhören zu finden, ich fei dumm."

Sie: ,Lch will mich hinsetzen."

Er:Wenn die Füße müde sind, den Körper zu tragen, so gibt cs reizende, von der Natur erschaffene Kissen, auf denen sich nicht auszu­ruhen ein Unrecht Floras wäre."

Flora verstand nicht viel von dieser Sprache. Ganz verwundert setzte ie sich mit den Worten:Wenn alle die Dummheiten, die du sagst, dir nicht Durst verursachen, ich kann dir jedenfalls sagen, daß sie mich durstig machen."