Oer Tambour.
Von Eduard Mörike.
Wenn meine Mutter hexen könnt, da müßt sie mit dem Regiment nach Frankreich, überall mit hin, und wär' die Marketenderin. Im Lager wohl um Mitternacht, wenn niemand auf ist als die Wacht und olles schnarchet, Roß und Mann, vor meiner Trommel säß ich dann: Die Trommel müht' eine Schüssel sein, ein warmes Sauerkraut darein. Die Schlegel Messer und Gabel, eine lange Wurst mein Sabel, mein Tschako wär' ein Humpen gut, den füllt ich mit Burgunderblut. Und weil es mir am Lichte fehlt, da scheint der Mond in mein Gezeit; scheint er auch aus sranzösch herein, mir fällt doch meine Liebste ein: Ach weh! Jetzt hat der Spatz ein End'I — Wenn nur meine Mutter hexen könnt'!
3m Armenhaus.
Von Hans Kloepfer.
itcf; hinten gestreckt, um die Gichtknochenhand den Rosenkranz. Der verlegt ein ewiges Murmeln und Lispeln der schwabbernden Lippen und litt doch dabei hundert alltägliche Hantierungen zu. Vor der Stubentür »ndet sie sich noch einmal um. Mit schiefem Haupt sieht sie an mir ft por. Die Augen, wie's der Beruf verlangt, demütig ausschlagend, jschelt sie mir zu:.
„Die Moosmillerin gfallt mir aber heut schon gar net mehr! Kann liri Atem kriegen, schon den ganzen Nachmittag, vor lauter Lungeldampf »d den Herzschlag dazu! Han ihr schon den geistlichen Herrn angraten. !' ll ihn net. Hätt' noch Zeit, meint sie. Vielleicht bringen Sie's noch aus !l ich wegen dem Versehenlassen." Und klinkt die Tür auf. Dumpfe Luft tiigt entgegen. Alte Betten, alter Hausrat, alte Inwohner, zusammen- fl ührt aus besseren Tagen. Ein letztes Elücklein einstiger Habe hat die •iu oder die andere ins Armenhaus geborgen, Strandgut des Lebens, >i'en Schubladekasten mit würfelndem Krimskrams, ein blindes Hochzeits- fa, ein filigran umsponnenes Reliquienbild. Und llberm erinnerungs- ® rmen Kleinkram hängt stumm und steif an kalkiger Wand der Heiland •J1 Kreuz mit den vertrockneten Palmzweigen. Im rubinroten Glas zu » hen flackert ein Dochtlicht gegen den scheidenden Tag.
Aufrecht im Bett kämpft die Moosmillerin um Luft und Leben, ums üwe Leben, das sie feit bald achtzig Jahren getragen hat. Als Würmlein *•" acht Tagen vor eine Wegkapelle gelegt, drüben im frohen Kärnten, sie nach leidlicher Kindheit als Bauerndirn und Schwaigerin ihre "•nfte durch Höfe und Jahre getragen, glücklich und überreich bedacht von '-'iger Liebe, handfam und emsig, gelassen und schweigsam in den Jahren Ahmender Kräfte, zuletzt als Kräuterweiblein mit ihrem letzten Weg- Fahrten, dem Wurzengraberloidl, wegkundig und berufen auf allen ’nen zwischen Steiermark und Kärnten, bis der böse Lungendampf die vlterfefte und kreuzsteife Alraune ins Armenhaus vertragen hatte.
Di« Moosmillerin mag mich gut leiden. Nicht nur als Arzt, auch als fen Bekannten, mit dem sie unterm Kreuz auf freier Höh manch Rast- •KMftünbdien verplaudert.
-Wie geht's, Mutter?" _ .
»Besser, besser", keucht sie und drückt leicht meine Hand.
,. Mur zuviel Lust hon i alleweil—", und meint damit das Gegenteil 's quälende Atemnot. Ihr zu Hilfe gehen die zahnlosen Kiefer auf und "^er, knappend, taktmäßig feit Jahren schon, mehr aus Gewohnheit, .fter der Herr Doktor hilft mir schon wieder, wie selm auf der Frauen- |J’.' wo ich vom Wandl gfallen bin und da die drei Rlpven brachen han
es mi heut no haltet da aus der Seiten. Ja, wenn l so furt könnt, wie k'st kann, auf der Maralm müßt i schon a Kräutl für n Lungldampf, a f1' von Gamswurz, Hirschzungen, Lunglmoos, und Petergstamm, d
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wie man auf der Rappoltalm sind't — roer bie fpioö kennt.
•er da —", und ein geringschätziger Blick streift die Kathl unb f f K°>eise: „Die laßt ja kein Fenster net aufmachen, wegen ihm heben Mraucf; unb Betbüchlbunst Unb i so viel bie gute Liftt gwohnt! Und hielt bie ganze Nacht ihm Rosenkranz, baß ma net schlafen kann, mns eint ja einmal vergunnt wär." Unb Dernirft M)..roie6.er : ’-n uralten Volksaberglauben voll Zauberspuk und Krautersegen, wie
„Die Moosmillerin will sterben!" Die üble Kunde ruft den Arzt ins k Nienhaus. In Gelb und Blau blitzt der Abendhimmel nach vergrollenden tettern. Silberne Regenschauer schüttelt der Wind aus den Obstbäumen, ir braunen Wogen rauscht der Bach. „Am Gries" heißt es da. Jahrtausende l):6en Geschiebe aus der Engfchlucht gebracht, weit her von den Almen (fiten, und den Ort ummauert.
Regenverwaschen steht das Armenhaus am Ortseingang, sturm- jroorfen noch Kraut und Unkraut im Garten. Gelb liegt im Giebel- lufter der sinkende Tag. Aber die Altweiberstube, letzte Herberg der i misten, hält sich abseits und spinnt sich schon in Dämmerung.
Schon in der Haustür hat mich die jüngste der drei Bewohnerinnen «»ortet. Die „Freithofkathl", wie sie als Leichenansagerin im Orte heißt, sckürft mit ihrem Siebziger am Buckel, vornübergebeugt wie eine verirrte Sonnenblume im SBauerngartl, vor mir durch den Flur, die Arme
er heute noch über unsere freien Almen weht und da und dort In Köhlevi hüllen und Wetterwinkeln, bei Erzgrabern und Rutengängern mit Berg- spiegel und Wünschelrute seine verhohlene Pflege hat.
Ein ©egenftanb fällt hart zu Boden. Da gewahre ich erst die eigentliche Herrin der Stube, die alte Barbara Pfundnerin. Siebenundneunzig ist sie alt. Und sitzt in der Fensternische, hoch und hager, stets und ungebeugt Wie eine hölzerne gotische Martergestalt zeichnet sich ihr dunkler Umriß gegen bas grüne Abenblicht draußen. Fast bunte! ift’s geworben. Die Wärterin bringt bie Lampe. Altraunenbe Zeit huscht in bie Winkel; ärmliche Alltäglichkeit springt vor.
Die Uralte hat sich an ihr Bett gesetzt unb läßt es gleichmütig geschehen, baß ihr die fromme Kathl unter lifpelnden Sprüchen die Kiffen für die Nacht zurechtlegt. Im Hellen Lichte erst werden nun bie Falten unb Fältchen sichtbar, bie hunbertfach die harten, knöchernen Züge überlaufen. Runen des Gebens, in grauen Stein gegraben. Die starren Augen erloschen, nicht dem Lichte, aber der Teilnahme an seinen Bildern, leere Fenster, bie kein Jnnengelaß traulich erhellen. Dazu geht, bas weiß ich, bas Herz so ruhig und gleichmäßig wie der Perpendikel einer alten Holzuhr, die in einer leeren Bauernstube schlägt.
Schon lange hatte ich mich um dies rätselvolle Leben bemüht. lieber die hundert Jahre wollte ich es geleiten. Das schien nicht unmöglich bei diesem Kraftstück der Natur, wenn man sorgsam beobachtend Störungen des ruhigen Ablaufs rechtzeitig und mit ehrfürchtiger Hand begegnete. Dabei wollte ich den Geheimnissen allerletzten Greisentums nachgehen und erfahren, was der Alten noch am Wege aufnehmenswert erschien, den sie aus dem warmen Leben in die Einöde ihrer Jahre gegangen. Und wieder gab's mir keine Ruhe, wie sie fo verloren [arm.
„Was ift’s mit der Frau Pfundner?" klopfte ich an; hoffte etwas zu erschauen von der trauten, farbigen Behaglichkeit eines alten Hammerherrenhauses im Rahmen der guten alten Zeit, wenn auch sparsam und mehr verhalten, bis alte Leute in der Erinnerung aufleben.
Als habe bie Frage aus weiter Ferne an ihr Ohr geklungen, wandte sie langsam den Kopf und nickte mir unmerklich zu. Und wieder wie aus weiter Ferne holte sie ein Bild herauf, ein einziges:
„Heut vor fünfzig Jahren ist mein Mann gestorben!"
„Das ist freilich ein trübseliger Gedenktag." Teilnehmend war's von mit gemeint.
Hart und verweisend wandte sie aus steisem Genick die Augen nach mir: „Herr, bas war ein grober Teufel!" mahlte sie aus harten Kiefern. „Ein Sensenschmied, wie nicht leicht ein besserer ist zu finden gewesen in der ganzen Steiermark. Aber heimkommen, nach dem Essen die Schüssel wegschieben, die Glasaugen auf unb das Neuigkeitsweltblatt lesen, stundenlang, das war eins. Net ein Schaffet Wasser hat er mir herausgetragen all bie Jahr her, keinen lucketen Kreuzer hält' er mit geben fürn Markt ober zur Kirchweih. — Aber grob wohl, grob, allezeit, und widerborstig wie eine Wildsau. Und dazu hammertearifch wie ein Ofen. Ein grober Teufel! Aber der beste Sensenschmied in Steiermark." Unb war schon wieder in steinernes Schweigen versunken. Nur für einen Augenblick hatte sich ein Spalt aufgetan aus der leeren Erntescheuer ihres Lebens in längftoergangene Zeiten. Und hatte sie wieder den Sensenschmied Mathias Pfundner sehen lassen, am Tisch lesend und schweigsam qualmend. Aber der kurze Blick hatte halbhundert- jährigen Groll unerbittlich geweckt. Bon allem anderen wollte sie nichts wissen.
Aber mit einem Male stand mir aus meiner eigenen frühesten Kindheit wieder ein Bild vor Augen. Aus ihrem Blütengarten hatte damals ein Gerücht wie ein züngelndes Schlänglein gezüngelt und fein Gift geträufelt ins friebfame Marktleben. Richtig: „Die böse Pfundnerin!" hatte man sie immer geheißen, wenn sie, schon bejahrt, im sinkenden Abend einsam unter dem weiten Nußbaum chres grauen Häusels gesessen, daß wir uns scheu vorüberdrückten. Denn von ihrem Mann, dem Sensenschmied Psundner, hatte es immer geheißen, er sei wohl sackgrob, aber im Grunde kein unebener Mensch gewesen. Sie aber habe ihn hart gequält, wo sie's nur konnte. Und da habe er, des ewigen Haders müde, im Streit einmal mit dem schnüren Hammer nach ihr geworsen. Und ist bann fort, finnverwirrt unb reuverschreckt, fort übers Gebirg und brüben in bie Drau gegangen. Sie aber ist gemieben geblieben von Stund an. — Aber daran dachte sie schon längst nicht mehr.
Ich traf meine Anordnungen und ging. Ging hinaus in die tiefblaue Sommernacht, dem rauschenden Bach entlang, von hallenden Stimmen der Nacht begleitet, gehoben und heimlich beglückt vom Leben um mich her und seiner sternübersäten Unendlichkeit, vom freien weiten Leben der Nacht, das mich so harmonisch unb boch rätselvoll umfing mit verlorenem Klang und Erbgeruch und Dunkel. Wie tot und erstorben, rote Altwasser am Strome der Zeit harrten bie brei Greisinnen in der engen Hast ihrer vier Wänbe. Denn für sie hat bie Nacht kein Leben. Sie gehen burch sie wie burch bas Tor bes Tobes unb nehmen'? gleichgültig, wenn sie morgen brüben roieber der Alltag erwartet.
Freilich, bi« Freithofkathl, kirchenfromm und gebetbefliffen, spinnt als Leichenansagerin noch letzte Fäden aus der verlassenen Armenstube ins Leben, trägt Blumenstöcke an bie Bahre unb an hohen Feiertagen in bie Kirche zum Schmuck bes Altars unb erntet aus Markt unb Gassen manch lieben Klatsch unb Neuigkeitskram, bem daheim nur Schweigen bankt Unb nestelt eben wieder an ihrem Rosenkranz Gebete „auf eine gute Meinung" gegen winzigen Lohn. Hat wenigstens bie geheime Borfreude auf eine „schöne Leich" bei Glockengeläut und rühmender Nachrede. Und bie Moosmillerin, scheint's, bie müht sich wohl kurzatmig Ihre letzte Strecke Wegs entlang wie an einem starren Almzaun, empor durch Stein und Gras, bis ans Tor, bas enblich ins Freie führt — auf eine selige, lichte Alm.
Aber die Pfundnerin ragt noch in bie Zeit, ein Granitpfeiler, an bem bie Stürme bes Lebens vergeblich genagt. Mit allem hat sie abgerechnet als mit belanglosem Schutt und sinnt, wenn einmal ein Fünklein aus der Asche glimmt, nur mißtrauisch lauernd, ob ihr der Sensenschmied am End« nicht noch aus dem ewigen Leben entwischt, in bem sie jo manches Hühnchen mit ihm zu pflücken gedenkt.


